Manuel Schmitt ist Referent für das Thema „Soziale Ungleichheit“ bei Oxfam und beschäftigt sich insbesondere mit Vermögensungleichheit sowie deren Auswirkungen auf die Gesellschaft und Demokratie. Im Interview spricht er darüber, warum die Kluft zwischen Arm und Reich weiterwächst, weshalb Deutschland im internationalen Vergleich eine besonders hohe Ungleichheit aufweist, welche strukturellen Hürden insbesondere junge Menschen beim sozialen Aufstieg ausbremsen und warum Frauen weltweit überproportional von Armut betroffen sind.
(c) Yannik Yeşilgöz
Lieber Herr Schmitt, das Vermögen von Milliardären ist 2025 auf einen neuen Rekordwert von 18,3 Billionen US-Dollar gestiegen, während Milliarden Menschen mit Armut und Hunger konfrontiert sind. Was ist aus Ihrer Sicht der wichtigste Mechanismus, der diese Entwicklung antreibt? Manuel Schmitt: Weltweit war im letzten Jahr ein wichtiger Grund die Entwicklung an den Aktienmärkten. Hier insbesondere die Dynamik rund um künstliche Intelligenz. Davon profitieren die mit diesen Unternehmen verbundenen Milliardäre besonders stark. Die Ursachen reichen allerdings tiefer: Der Fehler liegt im System. Die Profite einiger Weniger stehen über dem Allgemeinwohl. Das muss sich grundlegend ändern.
Deutschland hat weltweit die viertmeisten Milliardäre. Und auch hierzulande ist ihre Zahl und ihr Vermögen 2025 noch weiter gestiegen. Gleichzeitig lebt rund ein Fünftel der Bevölkerung in Armut. Wie erklären Sie sich diese wachsende Kluft in einem wohlhabenden Land wie Deutschland? In Deutschland haben über die genannten Punkte hinaus zusätzlich zwei Faktoren eine wesentliche Rolle gespielt. Das sind Erstens die Vielzahl an Erbschaften. So haben im letzten Jahr die Mitglieder von zwei deutschen Pharma-Familien ein milliardenschweres Erbe erhalten. Insgesamt wurden über 70 Prozent der deutschen Milliardenvermögen geerbt und nicht selbst erarbeitet. Zweitens ist es die viel zu geringe Besteuerung solch großer Erbschaften und großer Vermögen insgesamt. So kommt es insgesamt zu einem Schneeballeffekt: Milliardenvermögen werden fast ungebremst immer größer und lassen die anderen immer weiter hinter sich.
Wo sehen Sie die Folgen sozialer Ungleichheit im Alltag der Menschen in Deutschland am deutlichsten – etwa beim Wohnen, in der Bildung oder im Gesundheitssystem? Die Folgen zeigen sich in allen gesellschaftlichen Bereichen. Besonders betroffen sind Empfängerinnen und Empfänger von Transferleistungen, Menschen im Niedriglohnsektor sowie Frauen und Kinder. Viele können sich weder einen Urlaub noch Freizeitaktivitäten leisten. Sie sind verschuldet, leiden öfter unter schlechten Wohnbedingungen, müssen einen Großteil ihres verfügbaren Einkommens für das Wohnen ausgeben, haben öfter chronische Erkrankungen. Das hat auch konkrete Auswirkungen auf die Lebenserwartung: Männer aus der niedrigsten Einkommensgruppe leben im Schnitt rund achteinhalb Jahre kürzer als Männer aus der höchsten Einkommensgruppe.
Kinder aus Nicht-Akademikerfamilien haben deutlich geringere Chancen auf einen Hochschulabschluss als Kinder aus Akademikerfamilien.
Manuel Schmitt
Der Oxfam-Bericht zeigt, dass soziale Ungleichheit in Deutschland besonders verfestigt ist: Wer arm ist, bleibt oft arm, wer reich ist, bleibt reich. Woran scheitert sozialer Aufstieg konkret? Ursächlich sind vor allem strukturelle Barrieren: Die Abhängigkeit von der sozialen Herkunft und mangelnde Chancengleichheit. Im krassen Gegensatz zu den Milliardären besitzen die ärmsten vierzig bis fünfzig Prozent in Deutschland kein nennenswertes Vermögen. Sie können daher nichts vererben oder vererbt bekommen. Kinder aus Nicht-Akademikerfamilien haben deutlich geringere Chancen auf einen Hochschulabschluss als Kinder aus Akademikerfamilien. Finanzielle Ressourcen spielen auch hier eine entscheidende Rolle. Armut und ein niedriges Einkommen der Eltern begrenzen die Möglichkeiten für Nachhilfe, Lernmaterialien oder die Finanzierung des Studiums. Auch die Wahrscheinlichkeit, in prekären Beschäftigungsverhältnissen zu landen, ist viel höher. Diese fungieren als Sackgassen: Der Weg hinaus in gut bezahlte Positionen gelingt selten.
Kann man einen Unterschied zwischen West- und Ostdeutschland feststellen? Die Menschen in der DDR konnten kein Vermögen aufbauen, weshalb in Ostdeutschland bis heute weniger vererbt wird als in Westdeutschland. Das ist richtig. Was die Vermögensverteilung angeht, gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen West- und Ostdeutschland. Im Durchschnitt haben ostdeutsche Bürgerinnen und Bürger nochmal deutlich weniger Vermögen zur Verfügung als westdeutsche.
Ein Beispiel aus dem Bericht: Ein deutscher Milliardär verdient in weniger als anderthalb Stunden so viel wie das durchschnittliche Jahreseinkommen in Deutschland beträgt. Welche Folgen hat eine solch extreme Einkommensungleichheit für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie? Krasse Ungleichheiten wie diese verletzen das Gerechtigkeitsempfinden vieler Menschen. Sie lassen sich nicht durch Leistungsgerechtigkeit rechtfertigen. Das untergräbt den Glauben vieler Menschen daran, dass es gerecht zugeht und letztlich damit auch den Glauben an die Demokratie. Als Faustformel gilt: Je geringer das Einkommen ist, desto geringer ist auch das Vertrauen in demokratische Institutionen. Das ist der ideale Nährboden für rechtspopulistische Kräfte.
Die AfD schürt gezielt Verteilungskämpfe, die nicht mehr zwischen Arm und Reich, sondern zwischen Menschen mit und ohne Lohnarbeit oder Menschen mit und ohne Migrationshintergrund ausgetragen werden.
Manuel Schmitt
International beobachtet Oxfam, dass Superreiche ihren politischen Einfluss ausbauen, etwa über Lobbyarbeit, Medienbesitz oder politische Ämter. Sehen Sie ähnliche Tendenzen auch in Deutschland? Ja, auch in Deutschland münzen Superreiche ihre wirtschaftliche Macht ganz gezielt in politische Macht um. Dies geschieht im Unterschied zu den USA nicht offensichtlich, sondern eher über die Finanzierung von Parteien oder gezielte Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit. Studien zeigen, dass die Interessen von Reichen weit mehr politisches Gehör finden als die Anliegen mittlerer oder unterer Einkommensgruppen. Das sieht man gut in der Steuerpolitik: Superreiche Multimillionäre und Milliardäre zahlen mittlerweile in Deutschland prozentual oft geringere Steuerabgaben als Mittelschichtsfamilien.
Frauen sind weltweit überproportional stark von Armut betroffen. Woran liegt das? Frauen sind überproportional betroffen, weil sie häufiger in unsicheren, schlecht bezahlten Beschäftigungsverhältnissen arbeiten, einen Großteil der unbezahlten Care-Arbeit leisten und dadurch auch eine geringere soziale Absicherung haben. Außerdem haben sie weltweit einen schlechteren Zugang zu wirtschaftlichen Ressourcen, Land, Krediten und insgesamt weitaus weniger Vermögen als Männer.
Viele Menschen entwickeln das Gefühl, politisch nicht mehr gehört zu werden. Inwiefern trägt soziale Ungleichheit zu diesem Gefühl und zum Zulauf für rechtspopulistische Bewegungen bei? Der wachsende Zulauf für rechtspopulistische Bewegungen ist keineswegs ausschließlich auf Armut und soziale Ungleichheit zurückzuführen. Dennoch liegt ein Zusammenhang auf der Hand. Bei der letzten Bundestagswahl ist es vor allem der AfD gelungen, Menschen in Armut sowie Menschen in schlechter wirtschaftlicher Situation für sich zu gewinnen. Die Verunsicherung der von Krisen geprägten letzten Jahre hat das befördert. Die AfD schürt gezielt Verteilungskämpfe, die nicht mehr zwischen Arm und Reich, sondern zwischen Menschen mit und ohne Lohnarbeit oder Menschen mit und ohne Migrationshintergrund ausgetragen werden.
Welche Maßnahmen wären aus Ihrer Sicht besonders dringend notwendig, um die Ungleichheit in Deutschland spürbar zu verringern? Wir müssen uns immer wieder klar machen, dass die wachsende Ungleichheit kein Naturgesetz ist, sondern politisch veränderbar. Erstens wäre es elementar, dass wir hohe Vermögen wieder viel stärker besteuern. Wir fordern, dass superreiche Millionäre und Milliardäre mit einer Reichensteuer von mindestens zwei Prozent in die Pflicht genommen werden. So könnten allein in Deutschland bis zu 28 Milliarden Euro jährlich generiert werden. Zweitens müsste die Bundesregierung diese Einnahmen gezielt für Investitionen in soziale Gerechtigkeit nutzen. Damit meinen wir Bildung, Gesundheit, soziale Absicherung und sozial gerechter Klimaschutz. Hier in Deutschland und weltweit.
Unbezahlte oder schlecht vergütete Praktika, die als Türöffner gelten, können sich vor allem junge Menschen leisten, die finanziell abgesichert sind.
Manuel Schmitt
Viele junge Menschen haben Angst vor sozialem Abstieg. Ist diese Sorge berechtigt? Ja, ich finde diese Sorge sehr nachvollziehbar. Vor allem vor dem Hintergrund, dass in Deutschland fast jeder vierte Mensch unter 18 Jahren von Armut und Ausgrenzung betroffen ist. Dazu ist der Aufstieg durch Bildung für viele schwer möglich. Generell ist die Chance auf den sozialen Aufstieg in Deutschland in den letzten Jahren und Jahrzehnten geringer geworden. Laut einer Studie des ifo-Instituts ist die Einkommensmobilität in Deutschland seit den Siebzigern deutlich zurückgegangen und im internationalen Vergleich inzwischen ähnlich gering wie in den USA.
Wie wirkt sich Ungleichheit auf Berufseinstieg, Praktika oder Ausbildungsplätze aus? Junge Menschen aus einkommensstarken Familien verfügen viel häufiger über Kontakte, Netzwerke ihrer Eltern oder finanzielle Rücklagen, die ihnen den Zugang zu Praktika oder Einstiegsstellen erleichtern oder überhaupt ermöglichen. Unbezahlte oder schlecht vergütete Praktika, die als Türöffner gelten, können sich vor allem junge Menschen leisten, die finanziell abgesichert sind.
Zum Schluss ein Blick nach vorn: Wenn die Politik weiterhin nur zögerlich handelt – wie könnte die Situation in Deutschland in zehn oder zwanzig Jahren aussehen? Der Blick in die Glaskugel ist immer schwer, aber wir wissen durch Erfahrungen aus dem Ausland und viele internationale Studien, dass soziale Ungleichheit maßgeblich zur Destabilisierung von Demokratien beiträgt. Deutschland hat eine sehr hohe Vermögensungleichheit und eine abnehmende soziale Mobilität. Das ist ein absoluter Giftcocktail für unsere Demokratie. Deswegen ist es höchste Zeit für die Politik, umzusteuern: In Richtung mehr sozialer Gerechtigkeit. Das wäre der beste Kurs, um unsere Demokratie nachhaltig zu schützen.
Manuel Schmitt ist Referent für das Thema „Soziale Ungleichheit“ bei Oxfam und beschäftigt sich insbesondere mit Vermögensungleichheit sowie deren Auswirkungen auf die Gesellschaft und Demokratie. Im Interview spricht er darüber, warum die Kluft zwischen Arm und Reich weiterwächst, weshalb Deutschland im internationalen Vergleich eine besonders hohe Ungleichheit aufweist, welche strukturellen Hürden insbesondere junge Menschen beim sozialen Aufstieg ausbremsen und warum Frauen weltweit überproportional von Armut betroffen sind.
Lieber Herr Schmitt, das Vermögen von Milliardären ist 2025 auf einen neuen Rekordwert von 18,3 Billionen US-Dollar gestiegen, während Milliarden Menschen mit Armut und Hunger konfrontiert sind. Was ist aus Ihrer Sicht der wichtigste Mechanismus, der diese Entwicklung antreibt?
Manuel Schmitt: Weltweit war im letzten Jahr ein wichtiger Grund die Entwicklung an den Aktienmärkten. Hier insbesondere die Dynamik rund um künstliche Intelligenz. Davon profitieren die mit diesen Unternehmen verbundenen Milliardäre besonders stark. Die Ursachen reichen allerdings tiefer: Der Fehler liegt im System. Die Profite einiger Weniger stehen über dem Allgemeinwohl. Das muss sich grundlegend ändern.
Deutschland hat weltweit die viertmeisten Milliardäre. Und auch hierzulande ist ihre Zahl und ihr Vermögen 2025 noch weiter gestiegen. Gleichzeitig lebt rund ein Fünftel der Bevölkerung in Armut. Wie erklären Sie sich diese wachsende Kluft in einem wohlhabenden Land wie Deutschland?
In Deutschland haben über die genannten Punkte hinaus zusätzlich zwei Faktoren eine wesentliche Rolle gespielt. Das sind Erstens die Vielzahl an Erbschaften. So haben im letzten Jahr die Mitglieder von zwei deutschen Pharma-Familien ein milliardenschweres Erbe erhalten. Insgesamt wurden über 70 Prozent der deutschen Milliardenvermögen geerbt und nicht selbst erarbeitet. Zweitens ist es die viel zu geringe Besteuerung solch großer Erbschaften und großer Vermögen insgesamt. So kommt es insgesamt zu einem Schneeballeffekt: Milliardenvermögen werden fast ungebremst immer größer und lassen die anderen immer weiter hinter sich.
Wo sehen Sie die Folgen sozialer Ungleichheit im Alltag der Menschen in Deutschland am deutlichsten – etwa beim Wohnen, in der Bildung oder im Gesundheitssystem?
Die Folgen zeigen sich in allen gesellschaftlichen Bereichen. Besonders betroffen sind Empfängerinnen und Empfänger von Transferleistungen, Menschen im Niedriglohnsektor sowie Frauen und Kinder. Viele können sich weder einen Urlaub noch Freizeitaktivitäten leisten. Sie sind verschuldet, leiden öfter unter schlechten Wohnbedingungen, müssen einen Großteil ihres verfügbaren Einkommens für das Wohnen ausgeben, haben öfter chronische Erkrankungen. Das hat auch konkrete Auswirkungen auf die Lebenserwartung: Männer aus der niedrigsten Einkommensgruppe leben im Schnitt rund achteinhalb Jahre kürzer als Männer aus der höchsten Einkommensgruppe.
Der Oxfam-Bericht zeigt, dass soziale Ungleichheit in Deutschland besonders verfestigt ist: Wer arm ist, bleibt oft arm, wer reich ist, bleibt reich. Woran scheitert sozialer Aufstieg konkret?
Ursächlich sind vor allem strukturelle Barrieren: Die Abhängigkeit von der sozialen Herkunft und mangelnde Chancengleichheit. Im krassen Gegensatz zu den Milliardären besitzen die ärmsten vierzig bis fünfzig Prozent in Deutschland kein nennenswertes Vermögen. Sie können daher nichts vererben oder vererbt bekommen. Kinder aus Nicht-Akademikerfamilien haben deutlich geringere Chancen auf einen Hochschulabschluss als Kinder aus Akademikerfamilien. Finanzielle Ressourcen spielen auch hier eine entscheidende Rolle. Armut und ein niedriges Einkommen der Eltern begrenzen die Möglichkeiten für Nachhilfe, Lernmaterialien oder die Finanzierung des Studiums. Auch die Wahrscheinlichkeit, in prekären Beschäftigungsverhältnissen zu landen, ist viel höher. Diese fungieren als Sackgassen: Der Weg hinaus in gut bezahlte Positionen gelingt selten.
Kann man einen Unterschied zwischen West- und Ostdeutschland feststellen? Die Menschen in der DDR konnten kein Vermögen aufbauen, weshalb in Ostdeutschland bis heute weniger vererbt wird als in Westdeutschland.
Das ist richtig. Was die Vermögensverteilung angeht, gibt es einen deutlichen Unterschied zwischen West- und Ostdeutschland. Im Durchschnitt haben ostdeutsche Bürgerinnen und Bürger nochmal deutlich weniger Vermögen zur Verfügung als westdeutsche.
Ein Beispiel aus dem Bericht: Ein deutscher Milliardär verdient in weniger als anderthalb Stunden so viel wie das durchschnittliche Jahreseinkommen in Deutschland beträgt. Welche Folgen hat eine solch extreme Einkommensungleichheit für den gesellschaftlichen Zusammenhalt und die Demokratie?
Krasse Ungleichheiten wie diese verletzen das Gerechtigkeitsempfinden vieler Menschen. Sie lassen sich nicht durch Leistungsgerechtigkeit rechtfertigen. Das untergräbt den Glauben vieler Menschen daran, dass es gerecht zugeht und letztlich damit auch den Glauben an die Demokratie. Als Faustformel gilt: Je geringer das Einkommen ist, desto geringer ist auch das Vertrauen in demokratische Institutionen. Das ist der ideale Nährboden für rechtspopulistische Kräfte.
International beobachtet Oxfam, dass Superreiche ihren politischen Einfluss ausbauen, etwa über Lobbyarbeit, Medienbesitz oder politische Ämter. Sehen Sie ähnliche Tendenzen auch in Deutschland?
Ja, auch in Deutschland münzen Superreiche ihre wirtschaftliche Macht ganz gezielt in politische Macht um. Dies geschieht im Unterschied zu den USA nicht offensichtlich, sondern eher über die Finanzierung von Parteien oder gezielte Lobby- und Öffentlichkeitsarbeit. Studien zeigen, dass die Interessen von Reichen weit mehr politisches Gehör finden als die Anliegen mittlerer oder unterer Einkommensgruppen. Das sieht man gut in der Steuerpolitik: Superreiche Multimillionäre und Milliardäre zahlen mittlerweile in Deutschland prozentual oft geringere Steuerabgaben als Mittelschichtsfamilien.
Frauen sind weltweit überproportional stark von Armut betroffen. Woran liegt das?
Frauen sind überproportional betroffen, weil sie häufiger in unsicheren, schlecht bezahlten Beschäftigungsverhältnissen arbeiten, einen Großteil der unbezahlten Care-Arbeit leisten und dadurch auch eine geringere soziale Absicherung haben. Außerdem haben sie weltweit einen schlechteren Zugang zu wirtschaftlichen Ressourcen, Land, Krediten und insgesamt weitaus weniger Vermögen als Männer.
Viele Menschen entwickeln das Gefühl, politisch nicht mehr gehört zu werden. Inwiefern trägt soziale Ungleichheit zu diesem Gefühl und zum Zulauf für rechtspopulistische Bewegungen bei?
Der wachsende Zulauf für rechtspopulistische Bewegungen ist keineswegs ausschließlich auf Armut und soziale Ungleichheit zurückzuführen. Dennoch liegt ein Zusammenhang auf der Hand. Bei der letzten Bundestagswahl ist es vor allem der AfD gelungen, Menschen in Armut sowie Menschen in schlechter wirtschaftlicher Situation für sich zu gewinnen. Die Verunsicherung der von Krisen geprägten letzten Jahre hat das befördert. Die AfD schürt gezielt Verteilungskämpfe, die nicht mehr zwischen Arm und Reich, sondern zwischen Menschen mit und ohne Lohnarbeit oder Menschen mit und ohne Migrationshintergrund ausgetragen werden.
Welche Maßnahmen wären aus Ihrer Sicht besonders dringend notwendig, um die Ungleichheit in Deutschland spürbar zu verringern?
Wir müssen uns immer wieder klar machen, dass die wachsende Ungleichheit kein Naturgesetz ist, sondern politisch veränderbar. Erstens wäre es elementar, dass wir hohe Vermögen wieder viel stärker besteuern. Wir fordern, dass superreiche Millionäre und Milliardäre mit einer Reichensteuer von mindestens zwei Prozent in die Pflicht genommen werden. So könnten allein in Deutschland bis zu 28 Milliarden Euro jährlich generiert werden. Zweitens müsste die Bundesregierung diese Einnahmen gezielt für Investitionen in soziale Gerechtigkeit nutzen. Damit meinen wir Bildung, Gesundheit, soziale Absicherung und sozial gerechter Klimaschutz. Hier in Deutschland und weltweit.
Viele junge Menschen haben Angst vor sozialem Abstieg. Ist diese Sorge berechtigt?
Ja, ich finde diese Sorge sehr nachvollziehbar. Vor allem vor dem Hintergrund, dass in Deutschland fast jeder vierte Mensch unter 18 Jahren von Armut und Ausgrenzung betroffen ist. Dazu ist der Aufstieg durch Bildung für viele schwer möglich. Generell ist die Chance auf den sozialen Aufstieg in Deutschland in den letzten Jahren und Jahrzehnten geringer geworden. Laut einer Studie des ifo-Instituts ist die Einkommensmobilität in Deutschland seit den Siebzigern deutlich zurückgegangen und im internationalen Vergleich inzwischen ähnlich gering wie in den USA.
Wie wirkt sich Ungleichheit auf Berufseinstieg, Praktika oder Ausbildungsplätze aus?
Junge Menschen aus einkommensstarken Familien verfügen viel häufiger über Kontakte, Netzwerke ihrer Eltern oder finanzielle Rücklagen, die ihnen den Zugang zu Praktika oder Einstiegsstellen erleichtern oder überhaupt ermöglichen. Unbezahlte oder schlecht vergütete Praktika, die als Türöffner gelten, können sich vor allem junge Menschen leisten, die finanziell abgesichert sind.
Zum Schluss ein Blick nach vorn: Wenn die Politik weiterhin nur zögerlich handelt – wie könnte die Situation in Deutschland in zehn oder zwanzig Jahren aussehen?
Der Blick in die Glaskugel ist immer schwer, aber wir wissen durch Erfahrungen aus dem Ausland und viele internationale Studien, dass soziale Ungleichheit maßgeblich zur Destabilisierung von Demokratien beiträgt. Deutschland hat eine sehr hohe Vermögensungleichheit und eine abnehmende soziale Mobilität. Das ist ein absoluter Giftcocktail für unsere Demokratie. Deswegen ist es höchste Zeit für die Politik, umzusteuern: In Richtung mehr sozialer Gerechtigkeit. Das wäre der beste Kurs, um unsere Demokratie nachhaltig zu schützen.
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