Interview

„Neon/Grau ist ein farbgewordener Gegenentwurf zu den Debatten über den Osten“ – Interview mit Anna Lux und Jonas Brückner

Landschaft in der Sächsischen Schweiz
Ostdeutschland ist vielfältig – das zeigt auch das Buch Neon/Grau.
Judith Abrahams, funky-Jugendreporterin

Erzählungen und Debatten über den Osten Deutschlands sind häufig klischeehaft, festgefahren oder emotionalisiert – und das im Grunde seit Jahrzehnten. Mit ihrem Buch „Neon/Grau“ wollen Anna Lux und Jonas Brückner zeigen, wie vielfältig ostdeutsche Erfahrungen sind und laden ein, Stereotype hinter sich zu lassen. Dafür widmen sie sich der vielschichtigen Popkultur im Osten seit der Wende – zwischen grellem Aufbruch und grauer Realität.

Wenn Sie „Neon/Grau“ in drei Sätzen jemandem erklären müssten, der oder die noch nie davon gehört hat – was würden Sie sagen?
Anna Lux: Es geht um Entwicklungen im Osten seit 1989/90. Wir schauen durch die Brille ,,Popkultur“, und was wir sehen ist ein weites, vielfältiges, aufregendes Feld, für das wir das Bild Neon/Grau geprägt haben. Damit wollen wir auch Anlass schaffen, über diese sehr unterschiedlichen Erfahrungen ins Gespräch zu kommen.

(c) Verbrecher Verlag

Der Titel Ihres Buches lautet Neon/Grau – was steckt für Sie in diesem Widerspruch?
Anna Lux: Neon/Grau ist wie ein farbgewordener Gegenentwurf zu den Debatten über den Osten in den letzten Jahren. Neon, ein historischer Farbton, der für 80er-Jahre-Trash und 90er-Jahre-Techno-Kultur steht, ist  grell, laut und herausfordernd. Es steht für Party, Strobo, auch ein Zuviel. Grau, eher eine Zuschreibungsfarbe, symbolisiert Bilder vom grauen Osten, von tristen Landschaften, geprägt durch Deindustrialisierung und Abwanderung. Aber Grau beschreibt die Schattierungen und Nuancen zwischen Schwarz und Weiß. Und von diesem Sowohl-als-Auch zwischen Neon und Grau erzählen wir im Buch.

Warum gerade Popkultur? Was kann sie erzählen, was Geschichtsbücher oft nicht zeigen?
Anna Lux: In den öffentlichen Debatten der letzten Jahre ging es oft um Eindeutigkeiten. Der Osten und die Ostdeutschen seien demnach so und so. Dem gegenüber steht eine große Vielstimmigkeit in der Popkultur. Populärkultur ist seit 35 Jahren im Grunde der Ort, an dem es parallel zu all den Klischees und Selbstbeschreibungen sehr vielstimmig zugeht und Ambivalenzen sowie Widersprüche zugelassen werden. Sicher nicht in jedem Werk, aber wenn man die Werke parallel betrachtet, liest oder hört, dann begegnen einem die Geschichten der Vielen.
Jonas Brückner: Hinzu kommt: In Geschichten und Erzählungen werden sehr unterschiedliche Ost-Erfahrungen auf eine Art nacherlebbar, die in einem sachlichen Zeitungsartikel oder einer wissenschaftlichen Arbeit nicht möglich ist. Ein Roman oder ein Musikstück ist deshalb nicht „wahrer” oder „besser”, sondern bringt vielmehr eine andere, subjektive Qualität hinein.

Und für junge Menschen im Westen: Fahrt nach Chemnitz, Zittau, Brandenburg – schaut euch um. Manches wird euren Erwartungen entsprechen, vieles nicht.

Anna Lux

Wie haben Sie entschieden, welche Stimmen, Themen und Geschichten ins Buch kommen?
Anna Lux: Hinsichtlich Multiperspektivität ist uns die Frage wichtig: Was sehen wir, wenn wir beispielsweise auf Jugend und Umbruch schauen? Was ist anders, wenn wir ländliche Räume betrachten? Und was, wenn wir auf Menschen schauen, die als Vertragsarbeiter:innen in der DDR gearbeitet haben? Was bedeutete der Umbruch von 1989/90 und den Jahren danach jeweils aus dieser Perspektive?

Anna Lux (c) privat

Gab es eine Geschichte, die Sie selbst überrascht oder richtig berührt hat?
Anna Lux: Überrascht hat mich, wie viel ich noch einmal neu verstanden habe. Ein Beispiel ist das Kapitel über Verluste: Es sollte ursprünglich um den massenhaften Verlust von Arbeit in den 1990er Jahren und dessen Bedeutung für den Alltag gehen. Bei der Auseinandersetzung mit dem Material wurde mir jedoch bewusst, dass die Veränderungen allumfassend waren und Arbeit nur ein Teil davon war. Und dass Gewinn oft auch Verlust bedeutete. Es ist schon ein krasser Einschnitt, wenn sich in kurzer Zeit alles, was du für normal hältst – auch wenn du mit vielem nicht einverstanden bist – grundlegend verändert. Das habe ich 1989 als Jugendliche in Leipzig erlebt. Für mich war vieles neu und aufregend, und ich hatte Lust auf alles, was da kommen würde. Heute, mit Mitte 40, einer Arbeit, die mir gefällt, und Vorstellungen von der Welt, verstehe ich noch einmal anders, was der Umbruch für die Generation unserer Eltern bedeutet hat. Abstrakt wusste ich das. Aber durch Romane wie „Machandel” von Regina Scheer und Filme wie „Good Bye, Lenin!” konnte ich diese Erfahrungen noch einmal ganz anders nachvollziehen.
Jonas Brückner: Unser Ziel war es nicht, „alles“ abzubilden, was in den letzten 35 Jahren erschienen ist, sondern eine gute Auswahl zu treffen. Dabei betrachten wir Klassiker und bekannte Werke aus einer neuen Perspektive und ordnen sie ein. Andererseits wollen wir auch weniger bekannte Werke zeigen. Bei letzterem spielt Repräsentation eine Rolle, aber auch die Frage, wo Werke für unsere Einschätzung nach relevante Entwicklungen aufzeigen, die die Debatte um ostdeutsche Erfahrungen voranbringen. Das heißt, sich beispielsweise den Film „Good Bye, Lenin!” aus dem Jahr 2003 noch einmal anzuschauen und zu überlegen, was er uns heute sagen kann. Oder sich die Kurzdokus „Bleiben” und „Für immer” von Christian Tung Anh Nopper zu fragen, die 2023 erschienen sind und sich mit vietostdeutschen Perspektiven befassen. Oder sich die aktuelle Serie „Warten auf ’n Bus” anzuschauen, die man auch als eine behutsam männlichkeitskritische Perspektive aufs ostdeutsche Land verstehen kann.

Jonas Brückner (c) privat

Was waren prägende Sounds, Bilder oder Subkulturen für junge Leute im Osten nach ’89?
Anna Lux: Der Sound der 90er? Das war alles Mögliche zwischen Michael Jackson und Ace of Base, Techno und Grunge, HipHop und Hamburger Schule. Wir haben zu Hause auf unserem alten Radio immer DT64 gehört – wenn ich an den Sound der 90er denke, denke ich auch an die Moderator:innen.

Wie unterscheidet sich ostdeutsche Popkultur von westdeutscher, oder tut sie das überhaupt?
Jonas Brückner: Ja und nein. Grundsätzlich ist Kunst oder Populärkultur von Menschen mit DDR-Familienbiografie genauso individuell wie die von anderen und wird von deutschen und internationalen Einflüssen inspiriert. Was anders ist, sind die anderen Erfahrungen, die mal mehr, mal weniger thematisiert werden. Ein Beispiel ist die Band Kraftklub: Sie ist in erster Linie eine Indie-Pop-Band, die auch Erfahrungen daraus in ihre Werke einfließen lässt, wie es ist, in Chemnitz oder Wittenberg zu leben.

Wir sagen: Schaut hin! Nicht grau, nicht schwarz-weiß, sondern neon/grau schimmern die Geschichten.

Anna Lux

Welche Klischees nerven Sie am meisten, wenn über die „ostdeutsche Jugend“ gesprochen wird?
Anna Lux: Generell nerven mich Klischees und Stereotype, denn sie sagen in der Regel mehr über die Menschen aus, die sie formulieren. Interessanterweise wurde ich als Ostdeutsche bisher kaum mit Klischees konfrontiert, auch nicht in Freiburg, wo ich an der Universität arbeite. Zugleich begegnet mir dort viel Unwissen. Im Gespräch merke ich schnell, ob hinter einer Frage ein echtes Wissen-Wollen besteht oder der Wunsch, das eigene Bild zu bestätigen. Je nachdem habe ich dann Lust, mich auf ein Gespräch einzulassen oder nicht.

Was kann Popkultur leisten, das politische Bildung oft nicht schafft?
Anna Lux: Populärkultur will in der Regel nicht bilden, sondern unterhalten und emotional berühren. Sie kann uns deshalb anders zum Nachdenken anregen als historisch-politische Bildung. Zugleich können sich beide Bereiche ergänzen. Man kann einen Song wie „König der Hunde” von Romano als Rap-Song hören – mit dem spezifischen Sound, den die dichten, manchmal krassen Texte und die vielen popkulturellen Referenzen genießen. Ich kann den Song aber auch mit der historischen Brille hören. Dann erzählt er von Erfahrungen aus den frühen 1990er Jahren in Ost-Berlin. So können wir auch etwas über die Widersprüche dieser Zeit, die Rasanz, mit der sich die Dinge änderten, und das extrem dichte Nebeneinander von Aufbrüchen und Abbrüchen verstehen. Letzteres mündet im Song in der Zeile „Wir ziehen Freiheit auf Lunge/von Null auf Hundert, eine Sekunde”.

Viele junge Leute kennen die DDR nur aus Filmen. Wie bringt man Erinnerung zum Leben, ohne in Nostalgie oder Schwarz-Weiß-Denken abzurutschen?
Anna Lux: Bei vielen Filmen, die sich mit historischen Themen beschäftigen, wird viel Wert auf Authentizität gelegt. Sie werden an historischen Orten mit möglichst vielen originalen Requisiten gedreht. Sie wollen uns suggerieren, dass sie die Vergangenheit möglichst genau abbilden. Wir wissen, dass ein Spielfilm Fiktion ist, aber wenn er gut gemacht ist, glauben wir ihm seine Bilder von der Vergangenheit. Das ist per se gar kein Problem, sondern etwas, das Filme können und das toll ist. Im Nachgang sollten wir jedoch darüber nachdenken, was wir gesehen haben, warum der Film so gemacht wurde und welche Geschichte er erzählen wollte. Dann können wir auch verstehen, dass der Film uns ein Deutungsangebot macht und kein Abbild historischer Wirklichkeit ist.
Jonas Brückner: Ich würde noch ergänzen: Unterschiedliche Filme gucken! Und zwar neben den großen auch die vermeintlich kleinen. Zum Beispiel: „Neubau” von Johannes Maria Schmit und „Tucke Royale”.

Frau Lux, was ist die größte Herausforderung, wenn man 1989 für junge Menschen verständlich machen will?
Anna Lux: Ich habe eine 20-jährige Tochter. Als sie das Thema DDR in der Schule hatte, fand sie es langweilig. Dabei ist sie im Osten aufgewachsen und ihre Eltern und Großeltern haben in der DDR gelebt. Doch so, wie das Thema in der Schule behandelt wurde – als etwas Abgeschlossenes, Historisches – war es für sie so weit weg wie die Französische Revolution oder der Erste Weltkrieg. Meiner Meinung nach liegt das Problem in der Vermittlung des Themas in der Schule: Es geht viel um Politikgeschichte (statt um Alltagsgeschichte) und oft um sehr eindeutige Erzählungen, nämlich um die von der DDR als Diktatur. Dabei gibt es viele unterschiedliche Geschichten, auch lustige und tragische. Dass es Geschichten über das Leben in der DDR gibt und dass diese durchaus etwas mit unserer Gegenwart zu tun haben, ist für viele junge Menschen in Ost und West oft nicht sichtbar. Sie mit den Geschichten der Vielen zu erreichen, ist für uns ein Thema und eine Herausforderung. Doch gerade darum geht es uns auch im Buch. Wir sagen: Schaut hin! Nicht grau, nicht schwarz-weiß, sondern neon/grau schimmern die Geschichten. Greift einfach zu!

Herr Brückner, wie beeinflussen Sie Ihre eigenen Erfahrungen mit Erinnerungskultur in der Arbeit an solchen Projekten?
Jonas Brückner: Meine Erfahrungen sind durchaus sehr unterschiedlich. Wenn wir von staatstragender Erinnerungskultur sprechen, war das lange ein „Was hat das mit mir zu tun?“-Gefühl. Ich denke dabei an die Sonntagsreden zum Tag der Deutschen Einheit oder das „Lichtfest“ in Leipzig, bei dem eine der ersten großen Montagsdemonstrationen gewürdigt wird. Das führt zu der Frage: Was gibt es eigentlich noch? So ist dieses Buch entstanden.

Wie sollte heute über ostdeutsche Erfahrungen gesprochen werden, besonders mit Blick auf junge Generationen?
Jonas Brückner: Vielfältig. Es macht in der Regel einen großen Unterschied, ob man als Kind ehemaliger vietnamesischer Vertragsarbeiter in Chemnitz aufwächst, 1990 ein Studium in Berlin beginnt oder in den 90ern als Arbeiterin in der Lausitzer Kohleindustrie tätig ist.

Welche Musik, welcher Film oder welches Buch sagt für Sie mehr über den Osten als jede Schulstunde?
Anna Lux: „Als ich mit Hitler Schnapskirschen aß“ von Manja Präkels. Der Roman handelt von Kindheit und Aufwachsen in der brandenburgischen Provinz Ende der 1980er-/Anfang der 1990er-Jahre. Der Roman erzählt davon, was das Ende der DDR mit den Menschen machte, mit den Erwachsenen, die vor den Trümmern ihrer Existenz standen. Aber vor allem mit den jungen Leuten. Gerade noch waren sie Freunde oder saßen zusammen in einer Klasse. Jetzt stehen sie sich als linke „Zecken“ und Neonazis auf der Straße gegenüber. Der Roman erzählt von Angst, Unsicherheit und Gewalt, aber auch von Hoffnung, Freundschaft und der ersten Liebe. Er erzählt davon, was es bedeutet, wenn alles ins Wanken gerät, und wie man damit (über)lebt. Diese tiefen Verunsicherungen und ihre Auswüchse, beispielsweise in Form von Gewalt, sind, glaube ich, auch Themen, mit denen sich Jugendliche heute auseinandersetzen müssen.
Jonas Brückner: Der Roman „1000 Serpentinen Angst“ von Olivia Wenzel und der Track „90s Ost“ von Pöbel MC.

Was wollen Sie jungen Leser*innen mitgeben, wenn sie „Neon/Grau“ zuklappen?
Anna Lux: Songs, Bücher und Filme, die es lohnt zu lesen, zu schauen, zu hören. Und für junge Menschen im Westen: Fahrt nach Chemnitz, Zittau, Brandenburg – schaut euch um. Manches wird euren Erwartungen entsprechen vieles nicht. Und für junge Menschen im Osten: Fragt eure Eltern, Tanten, Großeltern: War bei euch auch alles neon/grau?
Jonas Brückner: Bildet Banden!

Du willst mehr? Du bekommst mehr!

Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.