Kinder und Jugendliche erleben in ihrem Alltag unterschiedliche Belastungen – sei es zu Hause, in der Schule oder in ihrem sozialen Umfeld. Besonders nach schwierigen Ereignissen, bei familiären Problemen oder in Krisensituationen brauchen sie verlässliche Ansprechpartner, die zuhören, unterstützen und Orientierung geben. Elvira Habibic ist Schulsozialpädagogin. Im Interview erzählt sie, wie die Arbeit mit belasteten Kindern und Jugendlichen aussieht, welche Herausforderungen dabei auftreten und wie sie die Jugendlichen begleitet, damit sie trotz schwieriger Umstände stabil bleiben.
(c) Elvira Habibic
Liebe Elvira, wie sieht ein normaler Arbeitstag bei Ihnen aus? Elvira Habibic: Gute Frage. Den gibt es eigentlich nicht. Sozialarbeit – und ganz besonders Schulsozialarbeit – bedeutet, dass man sich zwar einen Plan macht, wie der Tag ablaufen soll, aber meistens läuft es nicht so, wie man morgens in der Schule startet. Sachen, die fest in meinem Stundenplan stehen, sind zum Beispiel Klassenräte. Die führe ich normalerweise immer durch, außer es passiert ein sehr schwerer Notfall – aber das ist eher eine Ausnahme. Außerdem habe ich feste Termine und Sitzungen. Wenn ich morgens in die Schule komme, lese ich zuerst meine E-Mails. Da merke ich dann oft schon: Okay, da hat mir vielleicht eine Mutter geschrieben oder Lehrer melden, dass gestern noch irgendetwas passiert ist. Dann kümmere ich mich darum. Manchmal geht es um Streit in einer Klasse, manchmal kommt auch ein Schüler direkt zu mir, weil es ihm nicht gut geht. Ganz oft muss man sehr flexibel sein und spontan reagieren oder einspringen
Was ist die Hauptaufgabe von einer Sozialpädagogin? Die Hauptaufgabe einer Sozialpädagogin in der Schule ist es, für die Schüler da zu sein; besonders, wenn sie Probleme haben oder es ihnen nicht gut geht. Ich bin aber auch für die Eltern da. Sie können sich an mich wenden, wenn es zu Hause Probleme gibt, die das Kind betreffen. Mein Hauptjob ist aber – und so sehe ich mich auch selbst – die Stimme der Schüler zu sein. Die Lehrer haben den Bildungsauftrag: Sie bringen den Kindern etwas bei und geben Noten. Ich kümmere mich mehr um das soziale Verhalten und um die Lösung von Konflikten. Der Schwerpunkt meiner Arbeit ist Beratung bei Problemen. Wenn Kinder Sorgen haben, können sie zu mir kommen und darüber sprechen. Wenn zum Beispiel ein Schüler länger nicht zur Schule kommt, mache ich auch Hausbesuche. Dann schaue ich: Geht es dem Kind gut? Wie lebt es zu Hause? Warum kommt es nicht zur Schule? Danach versuchen wir gemeinsam, eine Lösung zu finden und daran zu arbeiten.
Sie betreuen ja Kinder, die sozial belastet sind – zu Hause oder in der Schule. Gibt es bestimmte Anzeichen, bei denen Sie sofort merken, dass es einem Kind nicht gut geht oder dass es gestresst ist? Ja, das kann man oft relativ schnell erkennen, weil viele Kinder ein auffälliges Verhalten zeigen. Einige Kinder sind zum Beispiel sehr laut, unruhig oder aggressiv. Sie können sich schlecht konzentrieren oder reagieren schnell gewalttätig. Das sind wichtige Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmt. Andere Kinder zeigen genau das Gegenteil: Sie sind sehr still, wirken blass und ziehen sich zurück. Manche verstecken sich unter Kapuzen oder Jacken und möchten am liebsten gar nicht gesehen werden. Es gibt auch äußere Anzeichen, die uns auffallen. Zum Beispiel, wenn ein Kind kein Essen von zu Hause mitbringt oder wenn man merkt, dass es nicht richtig versorgt ist. Manchmal sieht man auch, dass die Körperhygiene nicht gepflegt ist, also dass das Kind ungewaschen oder in sehr schmutziger Kleidung zur Schule kommt. Das sind zunächst erste Hinweise, bei denen wir aufmerksam werden und versuchen herauszufinden, wie es dem Kind wirklich geht.
Ein Schritt ist ja auch, mit den Kindern zu sprechen. Was machen Sie, wenn ein Kind sich nicht öffnen möchte? Das ist sehr schwierig. Es kommt immer darauf an, wie alt die Kinder sind. An unserer Schule gibt es für jede Jahrgangsstufe eine Sozialpädagogin. Meine Schülerinnen und Schüler sind älter, also Klasse 9 und 10, auch Oberstufe – Klassen 11 bis 13 – und die IVK-Klasse. Die Sozialpädagoginnen für die Klasse 5 arbeiten da noch ein bisschen anders als ich. Bei mir biete ich immer wieder an, dass die Kinder mit mir sprechen können. Wenn sie das nicht wollen, muss man das auch akzeptieren – man kann niemanden zwingen. In solchen Fällen versuche ich trotzdem, mit den Eltern oder der Betreuung zu sprechen, um zu zeigen, dass ich mir Sorgen mache. Bevor ich ein Kind direkt anspreche – zum Beispiel: „Hey, du siehst nicht gut aus“ – muss Vertrauen aufgebaut werden. Ich mache das zum Beispiel, indem ich regelmäßig am Unterricht teilnehme oder emotionale Themen bespreche. Jede Woche arbeite ich in meinen vier Klassen zum Beispiel mit Gefühlskarten: Jeder zieht eine Karte und sagt, wie er sich fühlt. Dadurch bekomme ich oft schon erste Hinweise: Manche Kinder sagen zwar „Mir geht es nicht gut“, wollen aber nicht direkt darüber sprechen. Dann biete ich immer an, dass wir in der Pause reden können. Es geht also darum, Vertrauen aufzubauen. Man darf nicht erwarten, dass ein Kind am zweiten Tag sofort über seine Probleme spricht. Bei älteren Schülern, also in der Oberstufe zwischen 16 und 18 Jahren, kommt das oft von selbst – die suchen dann selbst das Gespräch.
Haben Sie ein konkretes Beispiel, an dem Sie zuletzt gearbeitet haben? Ich nenne mal einen Fall aus der Oberstufe. Eigentlich habe ich dort schon sehr viele ähnliche Fälle erlebt, vor allem bei Depressionen und Angsterkrankungen. Meistens merkt man das im Winter – den Schülern geht es dann schlechter, sie sind verzweifelt und brauchen Unterstützung. Oft bin ich nicht die richtige Ansprechperson, weil ich keine Therapeutin bin. Meine Aufgabe ist es, durch Gespräche ein wenig Stabilität zu geben und den Schülern zuzuhören. Wenn die Probleme sehr stark sind, ist es meistens so, dass eine Überweisung zum Psychologen nötig ist. Ich unterstütze die Schüler dann auch, indem ich weitere Anlaufstellen oder Angebote suche, bei denen sie sich Hilfe holen können, um ihre Probleme effektiv zu bearbeiten.
Welche Schritte gehen Sie konkret vor, wenn Sie als Schulsozialpädagogin belastete Kinder oder Jugendliche betreuen? Ich habe keinen festen Ablauf, weil jeder Fall und jedes Kind anders ist. Jedes Problem ist unterschiedlich, und das hängt auch stark vom Alter der Kinder ab. Für mich als Schulsozialpädagogin ist der allererste Schritt immer, Vertrauen aufzubauen. Ich fange klein an, einfach die Schüler kennenlernen. Zum Beispiel: Ich versuche, bei Klassen-Ausflügen mit dabei zu sein, mache Witze, erzähle etwas von mir, oder bin regelmäßig im Unterricht anwesend. Die Kinder sollen mich erstmal als Mensch kennenlernen, keine Angst vor mir haben und verstehen, dass mein Job darin besteht, sie zu unterstützen. Bei der Oberstufe (ca. 16–18 Jahre) ist das etwas anders: Die Jugendlichen kommen oft von selbst auf mich zu, und das ist schon der erste Schritt. Manchmal sprechen Lehrer mich an, wenn sie sich Sorgen um einen Schüler machen, oder Eltern kommen zu mir, um über Probleme ihrer Kinder zu reden. Wenn wir dann im Gespräch sind, erzählen die Schüler mir von ihren Problemen, und ich höre aktiv zu. Ich stelle Fragen und versuche, das Problem genau zu verstehen und zu vertiefen. Ein Beispiel: Wenn ein Schüler sagt, dass er im Biounterricht „nicht gut Luft bekommt“, versuche ich herauszufinden, warum das so ist. Liegt es an Chemikalien oder Stoffen im Raum? Hat er Konflikte mit dem Biolehrer? Gibt es Streit mit einem Mitschüler neben ihm? Ich gehe systematisch den Ursachen nach, um dann passende Lösungen zu überlegen.
Sie arbeiten auch mit anderen zusammen? Suchen Sie sich auch Rat? Ja, natürlich arbeite ich mit Kollegen, Lehrern, der Schulleitung und manchmal auch mit den Eltern zusammen. Je nach Schwere des Problems hole ich mir Rat – zum Beispiel bei meinem Abteilungsleiter oder bei anderen Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen. Wir machen auch kollegiale Beratung, um zu überlegen: Was könnte ich noch tun? Bin ich auf dem richtigen Weg? Wichtig ist dabei: Wir haben alle Schweigepflicht. Ich hole mir immer das Erlaubnis der Schüler, bevor ich Informationen weitergebe. Es gibt aber auch Fälle, in denen Schüler Probleme mit Lehrkräften haben. Dann muss ich im Gespräch mit den Kolleginnen und Kollegen handeln, aber immer mit Einverständnis des Schülers. Ausnahmen gibt es nur, wenn das Leben oder die Sicherheit des Kindes gefährdet ist. Wenn ein Schüler mir zum Beispiel sagt, dass er sexuell misshandelt wird, muss ich gesetzlich sofort handeln. Jede Form von Lebensgefahr oder schwerer Bedrohung erfordert schnelles Eingreifen und da muss ich unverzüglich tätig werden. Ich muss das Kind schützen.
Welche Probleme der Schüler haben Sie am häufigsten erlebt? Aus welchen Gründen sind Schüler in der Schule oder zu Hause belastet? Ich habe sehr unterschiedliche Probleme bei Schülern erlebt. Ich arbeite auch mit den IVK-Klassen (internationale Vorbereitungsklassen). Dort ist die größte Belastung, dass viele Kinder und Jugendliche schlimme Erfahrungen auf der Flucht oder in ihrem Heimatland gemacht haben. Sie sind oft traumatisiert. Manchmal vertrauen mir die Schüler solche Dinge an, und ich bin oft die einzige Person, die davon weiß. Ein weiteres häufiges Problem ist Absentismus – dass Schüler nicht regelmäßig zur Schule kommen. Dann ist es meine Aufgabe, herauszufinden, warum sie fehlen und welche Belastungen dahinterstecken. Es geht darum, die Ursachen zu verstehen, sei es familiäre Probleme, psychische Belastungen oder Konflikte in der Schule, und dann passende Unterstützung anzubieten.
Gab es Momente, an denen Sie als Sozialpädagogin gedacht haben: „Da hat meine Unterstützung wirklich geholfen“? Natürlich gibt es solche Momente. Zum Beispiel bei Konflikten oder Streitereien, die wir gemeinsam gut lösen konnten – da denkt man schon: Ja, ich konnte helfen. Oder bei den IVK-Schülern: Viele kommen aus Kulturen, in denen es als unhöflich gilt, über persönliche Probleme zu sprechen. Wenn sie mir trotzdem vertrauen und sich mir anvertrauen, ist das für mich ein großes Geschenk. Es zeigt mir, dass ich für sie da sein kann und meine Unterstützung wirklich ankommt. Ich habe auch Fälle von Absentismus erlebt, die wirklich schwierig waren – und dass diese Schüler jetzt regelmäßig zur Schule kommen, zeigt mir, dass meine Arbeit Wirkung hat. Natürlich gibt es auch Jugendliche in der Pubertät, die manchmal gar nicht zuhören wollen. Aber ich hoffe immer, dass sie sich vielleicht in zehn Jahren an meine Worte erinnern und etwas daraus mitnehmen. Ich gehe fast jeden Tag nach Hause mit dem Gefühl, einen sinnvollen Job gemacht zu haben.
Was motiviert Sie, jeden Tag diesen Job zu machen? Auf jeden Fall meine Schüler. Sie sind richtig toll. Ich freue mich, sie zu sehen, und sie freuen sich auch, wenn sie mich sehen. Sie sind meistens sehr freundlich und offen, und das macht den Alltag schön. Die IVK-Schüler sehe ich zum Beispiel jeden Tag, und wir freuen uns morgens immer aufeinander. Wir versuchen, eine gute Bindung zueinander aufzubauen, damit sie wissen, dass sie Unterstützung bekommen. Natürlich habe ich auch ein tolles Team, mit dem ich zusammenarbeite. Das bringt mir Freude und macht den Job noch erfüllender.
Was ist das Schwierigste daran? Was könnte vielleicht auch die Wirkung oder den Einfluss bei der Betreuung der Kinder beeinträchtigen? Die Arbeit in der Schule ist sehr eng und laut. Es ist oft chaotisch, und das macht es schwer, die Ruhe zu finden, die man für Gespräche mit den Schülern braucht. Manchmal fehlt der ruhige Raum, in dem man sich mit den Schülern zurückziehen könnte, um in Ruhe über ihre Probleme zu sprechen. Diese Enge und Unruhe können die Effektivität der Betreuung natürlich beeinflussen.
Sie haben ja auch ein privates Leben. Wie schaffen Sie es, emotional nicht auszubrennen? Ich habe in vielen Bereichen der Sozialen Arbeit gearbeitet und man lernt mit der Zeit den Umgang bzw. auch die Balance zwischen Job und Privatleben zu finden. Am Wochenende mache ich schöne Dinge, treibe Sport, treffe Freunde, die mir Freude bringen. Außerdem rede ich mich regelmäßig mit anderen Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen und hole mir Rat.
Sieht man mehr Erfolg bei der Betreuung jüngerer oder älterer Kinder? Zunächst einmal: Was ist Erfolg und wie misst man ihn? Erfolg kann unterschiedlich aussehen. Manchmalist es ein kleiner Schritt, zum Beispiel ein Gespräch zu führen. Für jemand anderen kann Erfolg bedeuten, ein tolles Zeugnis nach Hause zu bringen. Erfolg in der Betreuung belasteter Kinder und Jugendlicher ist schwer messbar. Ich kann nicht pauschal sagen, dass die Arbeit mit Jüngeren oder Älteren „besser“ ist, weil das von Fall zu Fall und von Kind zu Kind unterschiedlich ist – nicht nur vom Alter. Meine persönliche Meinung ist aber: Mit älteren Schülern finde ich den Zugang oft einfacher. Bei kleinen Kindern gibt es bestimmte Herausforderungen: Sie verstehen vieles noch nicht perfekt, man muss viel öfter mit den Eltern arbeiten, oft spielerisch oder mit speziellen Methoden, die man bei einem 17-Jährigen nicht braucht. Ich habe früher auch mit kleinen Kindern gearbeitet und dort eine gute Bindung aufgebaut, aber ich würde sagen, dass ich persönlich besser mit den Herausforderungen der Älteren umgehen kann.
Würden Sie den Jugendlichen empfehlen, auch Soziale Arbeit zu studieren und diesen Job zu machen? Ich würde es empfehlen, wenn sie Lust haben, mit anderen Menschen zu arbeiten und anderen Menschen zu helfen. Man muss Leidenschaft und Engagement mitbringen. Das Gute daran ist aber, dass man selbst entscheiden kann, wo man arbeiten möchte – zum Beispiel in der Schule, im Jugendamt oder an anderen Orten – und ob man lieber mit kleinen oder älteren Kindern arbeitet.
Kinder und Jugendliche erleben in ihrem Alltag unterschiedliche Belastungen – sei es zu Hause, in der Schule oder in ihrem sozialen Umfeld. Besonders nach schwierigen Ereignissen, bei familiären Problemen oder in Krisensituationen brauchen sie verlässliche Ansprechpartner, die zuhören, unterstützen und Orientierung geben. Elvira Habibic ist Schulsozialpädagogin. Im Interview erzählt sie, wie die Arbeit mit belasteten Kindern und Jugendlichen aussieht, welche Herausforderungen dabei auftreten und wie sie die Jugendlichen begleitet, damit sie trotz schwieriger Umstände stabil bleiben.
Liebe Elvira, wie sieht ein normaler Arbeitstag bei Ihnen aus?
Elvira Habibic: Gute Frage. Den gibt es eigentlich nicht. Sozialarbeit – und ganz besonders Schulsozialarbeit – bedeutet, dass man sich zwar einen Plan macht, wie der Tag ablaufen soll, aber meistens läuft es nicht so, wie man morgens in der Schule startet. Sachen, die fest in meinem Stundenplan stehen, sind zum Beispiel Klassenräte. Die führe ich normalerweise immer durch, außer es passiert ein sehr schwerer Notfall – aber das ist eher eine Ausnahme. Außerdem habe ich feste Termine und Sitzungen. Wenn ich morgens in die Schule komme, lese ich zuerst meine E-Mails. Da merke ich dann oft schon: Okay, da hat mir vielleicht eine Mutter geschrieben oder Lehrer melden, dass gestern noch irgendetwas passiert ist. Dann kümmere ich mich darum. Manchmal geht es um Streit in einer Klasse, manchmal kommt auch ein Schüler direkt zu mir, weil es ihm nicht gut geht. Ganz oft muss man sehr flexibel sein und spontan reagieren oder einspringen
Was ist die Hauptaufgabe von einer Sozialpädagogin?
Die Hauptaufgabe einer Sozialpädagogin in der Schule ist es, für die Schüler da zu sein; besonders, wenn sie Probleme haben oder es ihnen nicht gut geht. Ich bin aber auch für die Eltern da. Sie können sich an mich wenden, wenn es zu Hause Probleme gibt, die das Kind betreffen. Mein Hauptjob ist aber – und so sehe ich mich auch selbst – die Stimme der Schüler zu sein. Die Lehrer haben den Bildungsauftrag: Sie bringen den Kindern etwas bei und geben Noten. Ich kümmere mich mehr um das soziale Verhalten und um die Lösung von Konflikten. Der Schwerpunkt meiner Arbeit ist Beratung bei Problemen. Wenn Kinder Sorgen haben, können sie zu mir kommen und darüber sprechen. Wenn zum Beispiel ein Schüler länger nicht zur Schule kommt, mache ich auch Hausbesuche. Dann schaue ich: Geht es dem Kind gut? Wie lebt es zu Hause? Warum kommt es nicht zur Schule? Danach versuchen wir gemeinsam, eine Lösung zu finden und daran zu arbeiten.
Sie betreuen ja Kinder, die sozial belastet sind – zu Hause oder in der Schule. Gibt es bestimmte Anzeichen, bei denen Sie sofort merken, dass es einem Kind nicht gut geht oder dass es gestresst ist?
Ja, das kann man oft relativ schnell erkennen, weil viele Kinder ein auffälliges Verhalten zeigen. Einige Kinder sind zum Beispiel sehr laut, unruhig oder aggressiv. Sie können sich schlecht konzentrieren oder reagieren schnell gewalttätig. Das sind wichtige Anzeichen dafür, dass etwas nicht stimmt. Andere Kinder zeigen genau das Gegenteil: Sie sind sehr still, wirken blass und ziehen sich zurück. Manche verstecken sich unter Kapuzen oder Jacken und möchten am liebsten gar nicht gesehen werden. Es gibt auch äußere Anzeichen, die uns auffallen. Zum Beispiel, wenn ein Kind kein Essen von zu Hause mitbringt oder wenn man merkt, dass es nicht richtig versorgt ist. Manchmal sieht man auch, dass die Körperhygiene nicht gepflegt ist, also dass das Kind ungewaschen oder in sehr schmutziger Kleidung zur Schule kommt. Das sind zunächst erste Hinweise, bei denen wir aufmerksam werden und versuchen herauszufinden, wie es dem Kind wirklich geht.
Ein Schritt ist ja auch, mit den Kindern zu sprechen. Was machen Sie, wenn ein Kind sich nicht öffnen möchte?
Das ist sehr schwierig. Es kommt immer darauf an, wie alt die Kinder sind. An unserer Schule gibt es für jede Jahrgangsstufe eine Sozialpädagogin. Meine Schülerinnen und Schüler sind älter, also Klasse 9 und 10, auch Oberstufe – Klassen 11 bis 13 – und die IVK-Klasse. Die Sozialpädagoginnen für die Klasse 5 arbeiten da noch ein bisschen anders als ich. Bei mir biete ich immer wieder an, dass die Kinder mit mir sprechen können. Wenn sie das nicht wollen, muss man das auch akzeptieren – man kann niemanden zwingen. In solchen Fällen versuche ich trotzdem, mit den Eltern oder der Betreuung zu sprechen, um zu zeigen, dass ich mir Sorgen mache. Bevor ich ein Kind direkt anspreche – zum Beispiel: „Hey, du siehst nicht gut aus“ – muss Vertrauen aufgebaut werden. Ich mache das zum Beispiel, indem ich regelmäßig am Unterricht teilnehme oder emotionale Themen bespreche. Jede Woche arbeite ich in meinen vier Klassen zum Beispiel mit Gefühlskarten: Jeder zieht eine Karte und sagt, wie er sich fühlt. Dadurch bekomme ich oft schon erste Hinweise: Manche Kinder sagen zwar „Mir geht es nicht gut“, wollen aber nicht direkt darüber sprechen. Dann biete ich immer an, dass wir in der Pause reden können. Es geht also darum, Vertrauen aufzubauen. Man darf nicht erwarten, dass ein Kind am zweiten Tag sofort über seine Probleme spricht. Bei älteren Schülern, also in der Oberstufe zwischen 16 und 18 Jahren, kommt das oft von selbst – die suchen dann selbst das Gespräch.
Haben Sie ein konkretes Beispiel, an dem Sie zuletzt gearbeitet haben?
Ich nenne mal einen Fall aus der Oberstufe. Eigentlich habe ich dort schon sehr viele ähnliche Fälle erlebt, vor allem bei Depressionen und Angsterkrankungen. Meistens merkt man das im Winter – den Schülern geht es dann schlechter, sie sind verzweifelt und brauchen Unterstützung. Oft bin ich nicht die richtige Ansprechperson, weil ich keine Therapeutin bin. Meine Aufgabe ist es, durch Gespräche ein wenig Stabilität zu geben und den Schülern zuzuhören. Wenn die Probleme sehr stark sind, ist es meistens so, dass eine Überweisung zum Psychologen nötig ist. Ich unterstütze die Schüler dann auch, indem ich weitere Anlaufstellen oder Angebote suche, bei denen sie sich Hilfe holen können, um ihre Probleme effektiv zu bearbeiten.
Welche Schritte gehen Sie konkret vor, wenn Sie als Schulsozialpädagogin belastete Kinder oder Jugendliche betreuen?
Ich habe keinen festen Ablauf, weil jeder Fall und jedes Kind anders ist. Jedes Problem ist unterschiedlich, und das hängt auch stark vom Alter der Kinder ab. Für mich als Schulsozialpädagogin ist der allererste Schritt immer, Vertrauen aufzubauen. Ich fange klein an, einfach die Schüler kennenlernen. Zum Beispiel: Ich versuche, bei Klassen-Ausflügen mit dabei zu sein, mache Witze, erzähle etwas von mir, oder bin regelmäßig im Unterricht anwesend. Die Kinder sollen mich erstmal als Mensch kennenlernen, keine Angst vor mir haben und verstehen, dass mein Job darin besteht, sie zu unterstützen. Bei der Oberstufe (ca. 16–18 Jahre) ist das etwas anders: Die Jugendlichen kommen oft von selbst auf mich zu, und das ist schon der erste Schritt. Manchmal sprechen Lehrer mich an, wenn sie sich Sorgen um einen Schüler machen, oder Eltern kommen zu mir, um über Probleme ihrer Kinder zu reden. Wenn wir dann im Gespräch sind, erzählen die Schüler mir von ihren Problemen, und ich höre aktiv zu. Ich stelle Fragen und versuche, das Problem genau zu verstehen und zu vertiefen. Ein Beispiel: Wenn ein Schüler sagt, dass er im Biounterricht „nicht gut Luft bekommt“, versuche ich herauszufinden, warum das so ist. Liegt es an Chemikalien oder Stoffen im Raum? Hat er Konflikte mit dem Biolehrer? Gibt es Streit mit einem Mitschüler neben ihm? Ich gehe systematisch den Ursachen nach, um dann passende Lösungen zu überlegen.
Sie arbeiten auch mit anderen zusammen? Suchen Sie sich auch Rat?
Ja, natürlich arbeite ich mit Kollegen, Lehrern, der Schulleitung und manchmal auch mit den Eltern zusammen. Je nach Schwere des Problems hole ich mir Rat – zum Beispiel bei meinem Abteilungsleiter oder bei anderen Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen. Wir machen auch kollegiale Beratung, um zu überlegen: Was könnte ich noch tun? Bin ich auf dem richtigen Weg? Wichtig ist dabei: Wir haben alle Schweigepflicht. Ich hole mir immer das Erlaubnis der Schüler, bevor ich Informationen weitergebe. Es gibt aber auch Fälle, in denen Schüler Probleme mit Lehrkräften haben. Dann muss ich im Gespräch mit den Kolleginnen und Kollegen handeln, aber immer mit Einverständnis des Schülers. Ausnahmen gibt es nur, wenn das Leben oder die Sicherheit des Kindes gefährdet ist. Wenn ein Schüler mir zum Beispiel sagt, dass er sexuell misshandelt wird, muss ich gesetzlich sofort handeln. Jede Form von Lebensgefahr oder schwerer Bedrohung erfordert schnelles Eingreifen und da muss ich unverzüglich tätig werden. Ich muss das Kind schützen.
Welche Probleme der Schüler haben Sie am häufigsten erlebt? Aus welchen Gründen sind Schüler in der Schule oder zu Hause belastet?
Ich habe sehr unterschiedliche Probleme bei Schülern erlebt. Ich arbeite auch mit den IVK-Klassen (internationale Vorbereitungsklassen). Dort ist die größte Belastung, dass viele Kinder und Jugendliche schlimme Erfahrungen auf der Flucht oder in ihrem Heimatland gemacht haben. Sie sind oft traumatisiert. Manchmal vertrauen mir die Schüler solche Dinge an, und ich bin oft die einzige Person, die davon weiß. Ein weiteres häufiges Problem ist Absentismus – dass Schüler nicht regelmäßig zur Schule kommen. Dann ist es meine Aufgabe, herauszufinden, warum sie fehlen und welche Belastungen dahinterstecken. Es geht darum, die Ursachen zu verstehen, sei es familiäre Probleme, psychische Belastungen oder Konflikte in der Schule, und dann passende Unterstützung anzubieten.
Gab es Momente, an denen Sie als Sozialpädagogin gedacht haben: „Da hat meine Unterstützung wirklich geholfen“?
Natürlich gibt es solche Momente. Zum Beispiel bei Konflikten oder Streitereien, die wir gemeinsam gut lösen konnten – da denkt man schon: Ja, ich konnte helfen. Oder bei den IVK-Schülern: Viele kommen aus Kulturen, in denen es als unhöflich gilt, über persönliche Probleme zu sprechen. Wenn sie mir trotzdem vertrauen und sich mir anvertrauen, ist das für mich ein großes Geschenk. Es zeigt mir, dass ich für sie da sein kann und meine Unterstützung wirklich ankommt. Ich habe auch Fälle von Absentismus erlebt, die wirklich schwierig waren – und dass diese Schüler jetzt regelmäßig zur Schule kommen, zeigt mir, dass meine Arbeit Wirkung hat. Natürlich gibt es auch Jugendliche in der Pubertät, die manchmal gar nicht zuhören wollen. Aber ich hoffe immer, dass sie sich vielleicht in zehn Jahren an meine Worte erinnern und etwas daraus mitnehmen. Ich gehe fast jeden Tag nach Hause mit dem Gefühl, einen sinnvollen Job gemacht zu haben.
Was motiviert Sie, jeden Tag diesen Job zu machen?
Auf jeden Fall meine Schüler. Sie sind richtig toll. Ich freue mich, sie zu sehen, und sie freuen sich auch, wenn sie mich sehen. Sie sind meistens sehr freundlich und offen, und das macht den Alltag schön. Die IVK-Schüler sehe ich zum Beispiel jeden Tag, und wir freuen uns morgens immer aufeinander. Wir versuchen, eine gute Bindung zueinander aufzubauen, damit sie wissen, dass sie Unterstützung bekommen. Natürlich habe ich auch ein tolles Team, mit dem ich zusammenarbeite. Das bringt mir Freude und macht den Job noch erfüllender.
Was ist das Schwierigste daran? Was könnte vielleicht auch die Wirkung oder den Einfluss bei der Betreuung der Kinder beeinträchtigen?
Die Arbeit in der Schule ist sehr eng und laut. Es ist oft chaotisch, und das macht es schwer, die Ruhe zu finden, die man für Gespräche mit den Schülern braucht. Manchmal fehlt der ruhige Raum, in dem man sich mit den Schülern zurückziehen könnte, um in Ruhe über ihre Probleme zu sprechen. Diese Enge und Unruhe können die Effektivität der Betreuung natürlich beeinflussen.
Sie haben ja auch ein privates Leben. Wie schaffen Sie es, emotional nicht auszubrennen?
Ich habe in vielen Bereichen der Sozialen Arbeit gearbeitet und man lernt mit der Zeit den Umgang bzw. auch die Balance zwischen Job und Privatleben zu finden. Am Wochenende mache ich schöne Dinge, treibe Sport, treffe Freunde, die mir Freude bringen. Außerdem rede ich mich regelmäßig mit anderen Sozialpädagoginnen und Sozialpädagogen und hole mir Rat.
Sieht man mehr Erfolg bei der Betreuung jüngerer oder älterer Kinder?
Zunächst einmal: Was ist Erfolg und wie misst man ihn? Erfolg kann unterschiedlich aussehen. Manchmalist es ein kleiner Schritt, zum Beispiel ein Gespräch zu führen. Für jemand anderen kann Erfolg bedeuten, ein tolles Zeugnis nach Hause zu bringen. Erfolg in der Betreuung belasteter Kinder und Jugendlicher ist schwer messbar. Ich kann nicht pauschal sagen, dass die Arbeit mit Jüngeren oder Älteren „besser“ ist, weil das von Fall zu Fall und von Kind zu Kind unterschiedlich ist – nicht nur vom Alter. Meine persönliche Meinung ist aber: Mit älteren Schülern finde ich den Zugang oft einfacher. Bei kleinen Kindern gibt es bestimmte Herausforderungen: Sie verstehen vieles noch nicht perfekt, man muss viel öfter mit den Eltern arbeiten, oft spielerisch oder mit speziellen Methoden, die man bei einem 17-Jährigen nicht braucht. Ich habe früher auch mit kleinen Kindern gearbeitet und dort eine gute Bindung aufgebaut, aber ich würde sagen, dass ich persönlich besser mit den Herausforderungen der Älteren umgehen kann.
Würden Sie den Jugendlichen empfehlen, auch Soziale Arbeit zu studieren und diesen Job zu machen?
Ich würde es empfehlen, wenn sie Lust haben, mit anderen Menschen zu arbeiten und anderen Menschen zu helfen. Man muss Leidenschaft und Engagement mitbringen. Das Gute daran ist aber, dass man selbst entscheiden kann, wo man arbeiten möchte – zum Beispiel in der Schule, im Jugendamt oder an anderen Orten – und ob man lieber mit kleinen oder älteren Kindern arbeitet.
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