Interview

„Die demokratische Kraft sozialer Medien retten“ – Björn Staschen von Save Social im Interview

Ein Porträt von Björn Staschen, Geschäftsführer der gemeinnützigen Initiative "Save Social".
„Tech-Monopole dürfen nicht länger bestimmen, wie wir als Gesellschaft miteinander in Kontakt sind“, sagt Björn Staschen von Save Social.
Jan-Malte Wortmann, funky-Jugendreporter

Die Zeit, in der soziale Netzwerke als Demokratisierung öffentlicher Kommunikation oder als Hoffnungsträger sozialer Bewegungen galten, scheint lange vorbei. Stattdessen dominieren kommerzialisierte und polarisierende Inhalte bis hin zu Hassrede und Desinformation weite Teile der Plattformen. Gelenkt werden sie von undurchsichtigen Algorithmen, die den Nutzer:innen längst nicht mehr das anzeigen, was sie durch einen Klick auf „Folgen“ bestellt haben, sondern das, wovon Instagram, TikTok und Co. glauben, dass es ihnen gefällt – alles mit dem Ziel, sie so lange wie möglich an die App zu fesseln. Das macht die Besitzer dieser Apps zu den reichsten und einflussreichsten Menschen (bzw. Männern) der Welt.

Doch nicht alle wollen den desolaten Zustand von Social Media und die Monopolstellung von Big-Tech einfach so hinnehmen. Björn Staschen ist Medienwissenschaftler und Journalist und seit kurzem Geschäftsführer der gemeinnützigen Initiative „Save Social – Networks for Democracy“, die sich für ein transparentes und demokratisches Internet einsetzt. Im Interview erzählt er, wie sich soziale Medien verändert haben, warum die Monopolplattformen dringend reguliert werden müssen und welche Alternativen es gibt.

Lieber Björn, was ist die Kernidee hinter Save Social?
Björn Staschen: Wir wollen die demokratische Kraft der sozialen Medien erhalten. Und zwar auf zweierlei Art. Ein Ziel ist, dass wir die massiven Privilegien hinterfragen, die Big-Tech-Unternehmen wie Meta, TikTok, Google und Co. heutzutage genießen, damit diese Monopole nicht weiter bestimmen, wie wir als Gesellschaft miteinander in Kontakt sind. Der andere Teil ist, dass wir offene, alternative Plattformen stärken. Diese gibt es bereits, sie funktionieren auch gut, aber bisher eher in gesellschaftlichen Nischen. Wir wollen, dass sich Inhalte dorthin verlagern und die Plattformen gemeinsam mit den Communities weiterentwickelt werden.

Gab es in der Vergangenheit einen bestimmten Moment, eine Art Kipppunkt, der euch zur Gründung von Save Social bewegt hat?
Es gab dieses Foto von der zweiten Amtseinführung von Donald Trump, auf dem Tech-Bosse wie Mark Zuckerberg, Elon Musk und Co. direkt hinter ihm standen und damit symbolisiert haben: Wir halten dir den Rücken frei. Das war der Moment, in dem wir unsere Petition mit den eben beschriebenen Zielen gestartet haben. Innerhalb sehr kurzer Zeit haben wir dann mehr als eine Viertelmillion Unterstützende gefunden und hatten das Gefühl, mit diesem Rückenwind etwas machen zu müssen. Also haben wir die Initiative gegründet, um auch Spenden annehmen zu können. Mit den Spenden haben wir dann unter anderem den Digital Independence Day gestartet und sind seitdem dabei, nicht nur zu fordern, sondern auch mitzuhelfen, unsere Ziele umzusetzen.

Wenn du den Zustand sozialer Medien von heute mit dem von vor zehn oder sogar 15 Jahren vergleichst: Was hat sich verändert?
Als Fernsehreporter habe ich zum Beispiel gern Twitter genutzt, weil es mir oft geholfen hat, ein ausgewogeneres Bild zu erhalten, beispielsweise von einer Demonstration. Ich konnte mit Menschen in Kontakt treten, nachfragen, recherchieren. Vor zehn, 15 Jahren waren soziale Medien noch das, was ihr Titel verspricht, nämlich sozial. Sie haben Menschen zusammengebracht und denjenigen eine Stimme gegeben, die vielleicht keine hatten. Sie haben eine asymmetrische Kommunikationsgesellschaft umgebaut zu einer, in der jeder und jede kommunizieren kann. Das gab viel Hoffnung – ist aber schneller, als man gucken konnte, gekippt, in einem Prozess, den viele als „Enshittification“ (zu deutsch etwa „Verscheißigung“ oder „Verschlimmscheißerung“, Anm. d. Red.) bezeichnen. Der Autor und Blogger Cory Doctorow war der Erste, der das so genannt hat. Vereinfacht gesagt, meint „Enshittification“, dass die Plattformen ab dem Moment, in dem sie alle Daten der Nutzendenden und auch alle Werbekunden ausgenutzt haben, nur noch der eigenen Gewinnmaximierung dienen. Das hat dazu geführt, dass die Mechanismen, die die Abhängigkeit erhöhen, deutlich verstärkt wurden. Dass falsche Körperbilder oder alles, was polarisiert, massiv ausgespielt wird, weil es gut klickt. Am Ende führt das dazu, dass Menschen krank werden, sich die Gesellschaft zunehmend spaltet und die politische Mitte ihre Stimme verliert, weil ein Algorithmus vor allem extreme Positionen stärkt. Und jetzt sind wir in der Situation, dass wenige weiße Männer – Milliardäre – bestimmen, wer wann wo was sieht auf der Welt. Bestenfalls verdienen sie damit noch ein paar Milliarden, schlimmstenfalls setzen sie auf diese Weise ihre teils extremen politischen Ideologien durch.

Würdest du sagen, dass die sozialen Medien diese demokratische, empowernde Macht, die ihr fordert, überhaupt noch besitzen?
Ich glaube, dass die Plattformen, die es heute gibt und die ich gar nicht mehr als „soziale“ Medien bezeichnen würde, diesem Zweck kaum noch genügen, weil es nicht ihr Daseinsgrund ist. Ihr Daseinsgrund liegt in der Gewinnmaximierung oder in der gezielten Veränderung von Weltbildern. Aber die Strukturen, die diese Netzwerke haben, könnten diese Kraft an sich noch haben. Dem stehen allerdings die Algorithmen im Weg. Wenn man solche Mechanismen, die das Soziale gefährden, abschalten und fairen Austausch sicherstellen würde, könnten diese Plattformen wieder demokratische Zwecke erfüllen.

Ihr schreibt auf eurer Website auch, dass die Monopolplattformen die Meinungs- und Pressefreiheit gefährden. Kannst du das einmal erläutern?
Eine Demokratie braucht ein faires Gespräch und die Möglichkeit für Bürger:innen, sich ausgewogen zu informieren. Wenn aber Algorithmen dazu führen, dass ich gar nicht mehr frei wählen kann, was ich wann sehe, und mir ein falscher Eindruck von einer Gesellschaft vermittelt wird, in der scheinbar nur noch die politischen Ränder stark sind, steht das diesem Ziel entgegen. Und wenn dann auch noch Eigentümer wie Elon Musk Partei für die AfD ergreifen oder auf X nachweisbar die Posts von Linkspartei und AfD deutlich häufiger ausgespielt werden als die von anderen Parteien, ist dies ein gefährlicher Eingriff in den Wahlkampf, der am Ende wahlentscheidend sein kann. Das darf nicht sein, denn wir müssen die Regeln für unsere Wahlkämpfe und für unsere Demokratie selbst festlegen. Das ist das Wesen der Demokratie.

Björn Staschen (2.v.l.) bei der Petitionsübergabe in Berlin, hier an Till Steffen (Mitte) von Bündnis 90/Die Grüne. (c) Campact

Wir haben viel über die Problemanalyse gesprochen. Doch was sind konkrete Schritte, Strategien und Lösungen, die jetzt notwendig sind?
Die Politik muss auf unterschiedlichen Ebenen ran an die Privilegien der Tech-Monopole: Fairer Austausch muss möglich sein, Outlinks dürfen nicht mehr diskriminiert werden, Algorithmen dürfen die Ränder der Gesellschaft nicht mehr hervorheben. Die großen Plattformen müssen sich einer unabhängigen Aufsicht stellen. Vielleicht muss man sogar so weit gehen, die Monopole zu entflechten, denn wir sollten auf dem Meinungsmarkt eigentlich keine Monopole dulden. Auf der anderen Seite sollten wir dafür sorgen, dass diejenigen, die gute Inhalte produzieren, diese mindestens zusätzlich auf offenen Plattformen zur Verfügung stellen. Und warum bauen nicht etwa Schülerinnen und Schüler im Unterricht ihre eigenen sozialen Netzwerke? Sie könnten sich in der Moderation dieser Netzwerke engagieren und später mit weiteren Schulen aus der Umgebung verbinden. So wären sie nicht nur Konsument:innen, sondern würden auch die Regeln dahinter verstehen und lernen, dass man es besser machen kann. Das wäre eine Form moderner Schülerzeitung. Technisch total unaufwändig, doch mit Blick auf die Ressourcen, die Schulen und Lehrkräfte heute haben, leider kaum machbar. Und wir fordern, dass massiv Geld in die Entwicklung und Stärkung alternativer Plattformen fließen muss, damit diese überhaupt eine Chance haben.

Stichwort alternative Plattformen: Was sind die entscheidenden Vorteile an Netzwerken wie Mastodon?
Dass wir die Regeln selbst bestimmen können. Dass wir die Server selbst betreiben und Algorithmen frei aus- oder abwählen können. Dass ich eine chronologische Timeline habe und nicht alles darauf ausgelegt ist, dass ich abhängig werde. So entsteht ein transparenter digitaler Ort für Gespräche und demokratischen Austausch, der aufgrund seiner dezentralen Struktur auch resilient gegen die Vereinnahmung durch Einzelne ist.

Welche Alternativen würdest du da nennen?
Mastodon ist ja Teil eines größeren Netzwerkes, des sogenannten Fediverse. Das ist ein Kommunikationsraum auf Basis offener Standards. Das funktioniert ähnlich wie bei E-Mail: Obwohl ich einen Google-Mail-Account habe, kann ich trotzdem jemandem bei GMX oder anderswo schreiben. Das funktioniert aufgrund dieser offenen Standards. Und genau so ist es auch im Fediverse. Da gibt es einen Dienst, der Twitter ähnelt und Mastodon heißt, übrigens der größte Dienst im Fediverse. Es gibt aber auch einen Dienst, der ist ein bisschen wie Instagram, der heißt Pixelfed. Es gibt sogar einen Dienst, der an TikTok erinnert, der heißt Loops. Und sie alle sind miteinander verbunden. Wenn ich also einen Mastodon-Account habe, kann ich trotzdem jemandem folgen, der schöne Fotos oder gute Hochkant-Videos macht. Das ist der Zauber dieses Systems. Es wäre so, als könnte ich von X aus einem Instagram-Account folgen. Es ist nur alles noch etwas rudimentärer, nicht ganz so benutzerfreundlich, nicht ganz so sexy, weil Menschen es vor allem in ihrer Freizeit entwickelt haben und keine Milliarden an Entwicklungskosten hineingeflossen sind, die wir heute auf den Oberflächen von TikTok und Co. sehen.

Viele Menschen zögern sicherlich, auf alternative Plattformen zu wechseln, weil sie befürchten, dass dort weniger los ist oder weniger Freund:innen und Bekannte dort vertreten sind. Was würdest du dieser Aussage entgegnen?
Ich würde sagen: Stimmt. Und dann würde ich sagen: Welche Alternative haben wir denn, wenn wir nicht anfangen, diese Plattformen zu nutzen und zu bevölkern? Ein erster Schritt könnte sein, dass man die Plattformen zusätzlich nutzt. Dass man also neben Instagram auch mal bei Mastodon reinschaut – oder vielleicht ein Schulprojekt daraus macht. Dass man nicht gleich alle seine Instagram-Kontakte zurücklassen möchte, verstehe ich. Doch jeder Nutzer und jede Nutzerin, die herüberkommt und zumindest mal vorbeischauen will, trägt dazu bei, dass die alternativen Plattformen weiterentwickelt und besser werden. Wir nennen das „Plus-Eins-Strategie“.

Die Monopolstellung und die Intransparenz von Meta und Co. sind das eine Problem, hinzu kommt aber auch das Suchtpotenzial der Plattformen. Zahlreiche Studien beobachten bei Jugendlichen einen riskanten Medienkonsum. Anders gefragt: Wäre gar kein Social Media nicht die beste Alternative?
Sowohl als auch. Ab und zu gar kein Social Media zu nutzen, tut total gut. Aber im Urlaub mal drei Stunden nur zu surfen, da spricht auch nichts dagegen. Ich würde nicht auf die Möglichkeit verzichten wollen, etwas aus Ecken der Gesellschaft zu hören, aus denen ich sonst nichts hören würde. Es geht darum, einen bewussten Umgang zu finden. Und das ist eben umso leichter, je weniger ich mich gegen abhängig machende Mechanismen wehren muss. Deshalb müssen wir die Netzwerke dringend verändern.

Was sind konkrete Schritte, die insbesondere junge Menschen unternehmen können, wenn sie die Idee eines freien und demokratischen Internets unterstützen wollen? Was ist etwa die Idee hinter dem Digital Independence Day?
Wenn es um soziale Netzwerke geht, rate ich: Probiert Alternativen aus. Sprecht eure Lehrkräfte an, startet Projekte. Lasst uns diese Technik nutzen und testen, was gut funktioniert, und was nicht. Parallel dazu ist es für jeden und jede eine riesengroße Herausforderung, den eigenen Konsum dieser krankmachenden Big-Tech-Plattformen in den Griff zu bekommen. Dafür kann man sich auch Hilfe holen, etwa mit entsprechenden Apps. Aber die Abhängigkeit von den Tech-Monopolen geht über die sozialen Netzwerke hinaus. Warum soll ich etwa Google meine persönlichsten Daten zur Verwahrung überlassen? Oder warum sollte ich den Monolithen Amazon weiter stärken, wenn es auch den Buchhändler um die Ecke oder andere sehr gute Online-Plattformen gibt? Warum weiter in Microsoft Office arbeiten, wenn LibreOffice kostenlos und nahezu genauso gut ist? Es gibt viele Möglichkeiten, die eigene Abhängigkeit zu verringern. Deshalb haben wir zusammen mit anderen Organisationen den Digital Independence Day gestartet. Die Idee ist, an jedem ersten Sonntag im Monat eine Stunde lang einen alternativen Dienst auszuprobieren, beispielsweise von WhatsApp zu Signal zu wechseln und die Freund:innen mitzunehmen. Und vier Wochen später wird dann der nächste Dienst vorgestellt. Zusätzlich bieten wir zusammen mit regionalen Initiativen wie dem Chaos Computer Club Hilfestellung oder auch Vor-Ort-Veranstaltungen an. Die Hoffnung ist, dass am Ende eine Bewegung daraus wird – nach „Fridays For Future“ vielleicht „Sundays for Social“ oder so ähnlich. Generell bin ich für jede Idee dankbar, wie wir mit mehr Menschen oder auch konkret mit jüngeren Zielgruppen ins Gespräch kommen.

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Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.