Interview: „Viele psychische Erkrankungen entstehen im Jugendalter“

Lucia Iglhaut
Lucia Iglhaut wünscht sich mehr Verständnis für Betroffene von psychischen Erkrankungen.
Celina Thümen, funky-Jugendreporterin

Psychische Erkrankungen bei jungen Menschen nehmen seit Jahren deutlich zu. Daten des Robert Koch-Instituts zeigen, dass fast 40 Prozent der 18- bis 29-Jährigen ihr psychisches Wohlbefinden als niedrig einschätzen. Laut einer Studie der DAK berichten rund zwei Drittel der Jugendlichen, sich häufig erschöpft oder überfordert zu fühlen. Lucia Iglhaut ist wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie des Klinikums der LMU München und Teil des Projekts „ich bin alles“ – einem digitalen Informationsportal rund um Depressionen und psychische Gesundheit bei jungen Menschen. Das Projekt informiert online wissenschaftlich fundiert über Ursachen, Symptome, Diagnostik und Behandlung der Erkrankungen – in einer Sprache, die junge Menschen wirklich erreicht. Im Interview erklärt sie, was junge Menschen psychisch so stark belastet, wie sie Hilfe finden können und was sich dringend ändern müsste. 

Liebe Lucia, woran liegt es, dass junge Menschen offenbar psychisch so stark belastet sind?
Lucia Iglhaut: Junge Menschen beschäftigen sich heutzutage mehr mit ihrer psychischen Gesundheit als ältere Generationen. Sie sind dem Thema gegenüber aufgeschlossener und sensibler. Hinzu kommen die Entwicklungen der letzten Jahre: Die Coronapandemie war ein Ausnahmezustand mit großen Einschränkungen – speziell für junge Menschen. Zusätzlich beschäftigen sich junge Menschen vermehrt mit Krisen wie Kriegen, Inflation, Klima- und Zukunftssorgen. Durch das Smartphone haben sie die neuesten Nachrichten direkt in der Hosentasche dabei. Hinzu kommt: Jungen Menschen stehen vermeintlich alle Türen offen – unzählige Möglichkeiten verursachen aber auch Orientierungslosigkeit. Wer bin ich? Was will ich? Das sind große und herausfordernde Fragen, die zu Sorgen werden können.

Welche psychischen Erkrankungen treten bei Jugendlichen und jungen Erwachsenen häufig auf?
Viele psychische Erkrankungen entstehen im Jugendalter. Eine große Studie zeigt, dass vor dem 25. Lebensjahr fast zwei Drittel der psychischen Erkrankungen entstehen.  Zu den häufigsten psychischen Erkrankungen bei jungen Menschen zählen unter anderem Angststörungen, Depressionen, Essstörungen und ADHS.

Jungen Menschen stehen vermeintlich alle Türen offen – unzählige Möglichkeiten verursachen aber auch Orientierungslosigkeit.

Lucia Iglhaut

Gibt es Risikofaktoren, die du gerade bei jungen Menschen siehst?
Es gibt in der Regel nicht die eine Ursache für die Entstehung einer psychischen Erkrankung. Anhand des Vulnerabilitäts-Stress-Modells gehen wir davon aus, dass jeder Mensch eine unterschiedliche Verletzlichkeit gegenüber der Entstehung einer psychischen Erkrankung hat. Stellen wir uns vor, all das, also unsere Verletzlichkeit und auch der Stress, den wir erleben, befindet sich in einem Fass, das sich immer weiter füllt. Wenn das Fass überläuft, entsteht eine psychische Erkrankung. Zur Verletzlichkeit gehören verschiedene Faktoren, etwa die Gene oder biologische Faktoren. Dazu kommen Dinge wie Gewalt- und Missbrauchserfahrungen oder beispielsweise auch familiäre Faktoren, wie ein konfliktreiches Familienklima oder ein niedriger sozioökonomischer Status. Das bedeutet aber nicht, dass man erkranken muss. 

Sind umgekehrt auch Faktoren bekannt, die die psychische Widerstandskraft stärken?
Ja, wir können selbst etwas für unsere psychische Gesundheit tun. Dazu gehört eine gesunde Lebensweise mit Sport, gesunder Ernährung und genug Schlaf, ohne Alkohol und andere Drogen; ein gesunder Umgang mit Medien, positive Aktivitäten im Alltag, ein guter Umgang mit Stress inklusive  realistischer Ziele und Entspannungstechniken.

Oft wissen junge Menschen nicht, wo sie Hilfe finden können. Wie sollte man am besten vorgehen?
Erst einmal ist es wichtig, zu unterscheiden: Brauche ich gerade jemanden zum Reden, der mir zuhört? Dann gibt es professionelle Anlaufstellen, wie die Telefonseelsorge. Wenn ich denke, ich brauche regelmäßige und längerfristige Unterstützung, dann sind Hausärztinnen und Hausärzte eine erste Anlaufstelle. Wenn man noch zur Schule geht und es dort Sozialarbeitende oder Schulpsychologinnen und -psychogen gibt, können diese anfangs Beratungsgespräche für eine erste Entlastung anbieten und bei der Vermittlung helfen. Oder man wendet sich an den deutschlandweiten Patientenservice der 116 117 und lässt sich einen Termin zur psychotherapeutischen Sprechstunde vermitteln. Dort erhält man eine Ersteinschätzung. Man kann auch zu den Telefonzeiten bei Psychotherapeutinnen und -therapeuten anrufen. Ein Tipp hier: In größeren Städten gibt es auch Psychotherapie-Ausbildungsinstitute, die zeitnahe Stunden anbieten. 

Im Schnitt müssen Menschen in Deutschland ein halbes Jahr auf einen Therapieplatz warten. Was bedeutet diese lange Wartezeit für Betroffene?
Das ist ein großer Missstand. Eine lange Wartezeit erhöht die Gefahr der Verschlechterung der Symptome oder erneut auftretender Episoden. Was sich ändern müsste, sind mehr Aufklärung und strukturelle Aspekte. Denn es liegt nicht daran, dass es zu wenig Fachpersonen gäbe, sondern daran, dass es zu wenig Kassensitze gibt. Einen zu bekommen, ist für Psychotherapeutinnen und -therapeuten nicht einfach, sie sind rar und teuer. Denn die Bedarfsplanung der Kassensitze ist mittlerweile stark veraltet und sollte dringend angepasst werden. 

Wenn ich mich mit Grippe krankmelde, hinterfragt das niemand. Wenn ich mich aufgrund einer Depression krankmelde, sieht das oft noch anders aus.

Lucia Iglhaut

Wenn man merkt, dass es jemandem im eigenen Umfeld psychisch schlecht geht – wie kann man am besten helfen?
Wenn man merkt, dass es einem Freund oder einer Freundin schlecht geht, würde ich das ansprechen. Nicht vorwurfsvoll, sondern mitfühlend, beispielsweise: „Ich habe bemerkt, dass du dich mehr zurückziehst und Treffen absagst, und mache mir Sorgen, wie es dir geht.“ Man kann sagen, dass man da ist, zuhört und gemeinsam nach Wegen suchen kann. Wichtig dabei ist, Abblocken und Absagen nicht persönlich zu nehmen. Und: Man sollte hier auf die eigenen Grenzen achten. Beispielsweise kann man vorschlagen, eine professionelle Fachperson einzubeziehen. 

Was ist nötig, damit psychische Erkrankungen in unserer Gesellschaft offener thematisiert werden?
Aus meiner Sicht braucht es weiterhin mehr Aufklärung. Zu verstehen, was psychische Erkrankungen sind, wie sie sich äußern, was sie für betroffene Menschen bedeuten. Vor allem, weil man sie meist nicht von außen sehen kann. Und die Erkenntnis: Psychisch erkrankte Menschen sind nicht schwach. Zudem braucht es aus meiner Sicht auch strukturell mehr Anerkennung und weniger Wertung. Ein Beispiel: Wenn ich mich mit Grippe krankmelde, hinterfragt das niemand. Wenn ich mich aufgrund einer Depression krankmelde, sieht das oft noch anders aus.

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Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.