Fernab von Glanz und Glamour. Die Slums von Delhi

Ein Blick über die indische Metropolregion Delhi: Dicht gedrängt stehende Häuser, im Hintergrund ein Fabrikschlot.
Die indische Metropolregion Delhi gehört zu den größten Städten der Welt.
Arne Kaiser, funky-Jugendreporter

Reisen mal anders: Für Arne sollte es nicht das klassische Gap-Year in Neuseeland oder Australien sein, sondern eine wilde Hitchhiking-Reise von Deutschland nach Indonesien. Welche Erlebnisse er dabei macht, darüber berichtet er in regelmäßigen Beiträgen.

Vor mehr als zehn Monaten habe ich mich von meiner Heimatgemeinde Wennigsen in der Region Hannover auf den Weg nach Indonesien gemacht – überwiegend per Anhalter. Das Ziel meiner Reise: Meine Komfortzone verlassen und ein größeres Verständnis für die unterschiedlichen Kulturen und Lebensrealitäten der Menschen auf unserer Erde entwickeln. Nach meinen Abenteuern in Europa, unter anderem im Erdbebengebiet Kahramanmaraş, freute ich mich besonders auf Indien. Angeblich ist Indien das Land mit den niedrigsten Lebenshaltungskosten der Welt. Wie passend für mich! Schließlich reise ich mit einem Budget von nur zwanzig Euro am Tag.

Mit über zwanzig Millionen Einwohnern ist Delhi, die Hauptstadt Indiens, nicht nur das Herz des Landes, sondern auch die zweitgrößte Stadt der Welt. Es ist schwer zu beschreiben, wie diese Metropole bei meiner Ankunft auf mich wirkte. Gehetzte Menschen, ein großes Chaos und viel zu viel Smog in der Luft waren vermutlich die ersten Eindrücke. Nachdem ich mich etwas gesammelt hatte, realisierte ich langsam: Ich bin wirklich in Delhi!

Die Stadt hat viel zu bieten. Mir ging es aber nicht um den Glanz und Glamour der berühmten Tempel der Stadt, sondern vielmehr darum, einen tieferen Einblick in die Lebensrealität und die indische Kultur zu erlangen. Die Erfahrungen, die ich in Delhi machen durfte, haben mich überrascht und prägten mich für die weitere Reise.

Schon am ersten Tag traf ich an einem Streetfood-Stand auf Rahi. Rahi ist Student in Delhi und lud mich kurzerhand ein, seine Mitbewohner bei einem gemeinsamen Essen kennenzulernen. Er gab mir seine Adresse und wir verabredeten uns für den nächsten Tag.

Als ich mich am nächsten Morgen auf den Weg zu Rahi machte, stellte ich fest, dass die Adresse nicht auf Google Maps eingetragen ist. Ich musste daher über einen unkonventionellen Weg herauszufinden, wie ich zu Rahi und seinen Mitbewohnern komme. Ein kleiner Tipp, den ich allen Reisenden mitgeben möchte: In solchen Situationen hat es sich bewährt, Taxifahrer zu fragen. Sie kennen die Stadt wie ihre Westentasche.

Plötzlich wurde mir doch ein wenig unwohl. Jeder Taxifahrer riet davon ab, diese Gegend aufzusuchen, da man durch ein Slum fahren müsse. In der Regel begebe sich kein Tourist freiwillig in diese Viertel, in denen angeblich etliche Gefahren für Leib und Leben lauern. Doch ich wollte meine Einladung nicht verstreichen lassen und gleichzeitig mehr über die Slums erfahren. Daher ignorierte ich alle Warnungen. Ich gebe zu: Ein bisschen reizten sie mich auch, die Slums von Delhi. Zu groß war die Lust auf die neuen Erfahrungen.

Slums sind die Armutsviertel einer Stadt. Hier leben die Ärmsten der armen Menschen. Ohne ausreichend Infrastruktur und meistens auf viel zu engem Raum. Alleine in Delhi gibt es über dreißig solcher Viertel. Eines davon hatte ich nun also durch Zufall gefunden. Es befindet sich mitten in Delhi und ich erreichte es fußläufig nach nur wenigen Minuten. Da ich noch etwas Zeit bis zu meinem Treffen mit Rahi hatte, beschloss ich, mir das Leben der Menschen dort genauer anzusehen.

Vor Ort bot sich mir ein ernüchternder Anblick. Mein Weg führte vorbei an stinkenden meterlangen Müllbergen, auf denen sich Rauchfahnen erhoben. Nach Nahrung suchende, heilige Kühe „grasten“ auf den Müllbergen, während Kinder im Vorschulalter weiteren Unrat dazu warfen. Die Worte, die sie mir lautstark entgegenriefen, verstand ich nicht.

Häuser fand ich keine. Lediglich selbst zusammengebastelte Baracken aus Holz, Plastikplanen, Metallplatten und allem, was die Menschen irgendwo auftreiben konnten. Zusammengepfercht leben die Slum-Bewohner in ihren winzigen Hütten, ohne sanitäre Einrichtungen, ohne fließendes Wasser oder Strom. Sie sahen vernachlässigt, zum Teil krank und vor allem kaputt aus.

Schnell weckte ich das Interesse der Slum-Bewohner, die mir in ihrer Sprache erklären wollten, wie ich schnell aus dem Viertel herausfinde. Zu verwunderlich schien es offenbar, dass ein Tourist freiwillig den Weg zu ihnen gefunden hatte. Fröhliche Kinder, die eben noch Unrat auf die Müllberge geschmissen hatten, luden mich gestikulierend zum Ballspiel ein, was ich gerne annahm. Schnell wurden mir meine Grenzen im Fußball aufgezeigt. Trotz des zunächst ernüchternden Anblicks stellte ich fest, dass in dem Slum ein „normaler“ Alltag herrscht. Nach meiner Niederlage verabschiedete ich mich von den Kindern und ging weiter. Vorbei an Frauen, die vor ihren Hütten Reis zubereiten oder mit Näharbeiten beschäftigt waren. Englisch spricht in den Slums niemand. Ihren Lebensunterhalt verdienen sich die Menschen – wenn sie Glück haben – indem sie Waren durch die Stadt tragen. Eine harte Arbeit, die kaum zum Überleben reicht.

Dennoch wollten die Bewohner ihr Essen mit mir teilen und luden mich zu ihnen ein. Es wirkte auf mich so, als schienen sie überhaupt nicht mit ihrem Schicksal zu hadern. Sie kennen es nicht anders und machen das Beste daraus.

Als ich das Armutsviertel wieder verließ, sah ich die Kinder zum Abschied winken. Ich befand mich nun wieder in einer anderen Lebensrealität, in der Metropole Delhi. Die Unnahbarkeit der Hochhäuser, die Geschwindigkeit der Autos und die Hektik der Menschen fingen mich wieder ein.

Schließlich traf ich bei Rahi und seinen Freunden ein. Natürlich erzählte ich ihnen von meinen Begegnungen: Es wunderte sie, warum ich mir den Slum unbedingt anschauen wollte. Selbst sie seien noch nie in diesen Gassen gewesen. Und das, obwohl sie nur wenige Kilometer entfernt leben.

Mit großer Demut und unsagbarer Dankbarkeit für diese überraschende Erfahrung, verließ ich Delhi in Richtung Osten. Ich wollte unbedingt in die heilige Stadt Varanasi, um Hindu-Pilger zu treffen. Doch dies ist wieder eine andere Geschichte…

Du willst mehr? Du bekommst mehr!

Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.