Interview

Chiara Battaglia: „Sprache zeigt uns, wie eine Gesellschaft den Fokus setzt“


Chiara Battaglia hostet seit Ende 2020 den Podcast „MACHTWORTE“. Darin beschäftigt sich die Diversity Trainerin, Germanistin und Theologin mit der spannenden Frage, wie sich Sprache auf uns auswirkt und wie alltägliche Begriffe unsere Gesellschaft prägen. Wir haben mit Chiara darüber gesprochen, warum es wichtig ist, sich mit dem Thema auseinanderzusetzen.
Nina Sabo, funky-Jugendreporterin
Foto: Salih Gülhan

„Das wird man ja wohl noch sagen dürfen!“ Aussagen wie diese hört man in letzter Zeit immer häufiger. Wie wir sprechen ist aktuell Gegenstand unzähliger gesellschaftlicher Debatten. Jüngstes Beispiel hierfür ist die WDR Talkshow-Sendung „Die letzte Instanz“, in der vor kurzem über die Verwendung politisch korrekter Sprache diskutiert wurde. Einige der Aussagen, die in der Sendung fielen, sorgten für heftige Kritik. Schauspielerin Janine Kunze etwa war der Meinung, die Verwendung der Bezeichnung „Sinti und Roma“ – anstelle der diskriminierenden Zuschreibung „Zigeuner“ – sei schlicht und einfach „Quatsch“.

Das Beispiel zeigt: Beim Thema „Political Correctness“ hat die Gesellschaft noch einen weiten Weg vor sich. Zwar hat sich hier bereits auch vieles zum Positiven verändert, dennoch stehen wir gerade erst am Anfang, denn die Ablehnung von antirassistischer und antidiskriminierender Sprache ist immer noch weit verbreitet.

Chiara Battaglia beschäftigt sich in ihrem Podcast „MACHTWORTE“ mit der Frage, wie sich Sprache auf unsere Gesellschaft auswirkt. Mit uns hat sie darüber gesprochen, warum politisch korrekte Sprache jede*n etwas angeht. „MACHTWORTE“ könnt ihr euch auf allen gängigen Podcast Plattformen anhören, neue Folgen erscheinen jeden zweiten Dienstag im Monat.


Was hat dich dazu bewegt, den Podcast „MACHTWORTE“ ins Leben zu rufen?

Als Germanistin empfinde ich Sprache als fundamental für unser Zusammenleben. Einerseits transportiert sie, zum Beispiel durch Literatur oder Musik, Gefühle und spielt ästhetische Dimensionen an. Was Sprache aber auch kann, ist andere in Schubladen zu stecken. Die Idee war es, mit meinem Podcast über Fremd- und Selbstbezeichnungen aufzuklären. Wie wir andere bezeichnen, schafft auch Realitätsvorstellungen. Ich wollte mir anschauen, wer diese Wörter benutzt und diese Bilder produziert. Mittlerweile ist Political Correctness zu einem Unwort geworden, weil viele der Ansicht sind, es sei übertrieben, sich damit auseinanderzusetzen. Aber die Art wie wir sprechen sagt auch etwas darüber aus, wie wir zusammenleben. Viele Ausdrücke, die mir ständig Alltag begegnen, lassen mich fragen: Was sagt das über unsere Gesellschaft?

Foto: Johanna Hodler

Dein Podcast ist in einem bestimmten Rahmen entstanden. Wie lief das ab?

Spotify bietet queeren Podcaster*innen, die sich noch am Anfang ihrer Projekte befinden, jedes Jahr die Möglichkeit, sich beim Förderprogramm „Sound Up zu bewerben. Spotify erhöht mit dem Programm die Sichtbarkeit und den Support der LGBTQI-Szene. In diesem Rahmen habe ich mich mit meinen Ideen beworben, wurde zum Vorstellungsgespräch eingeladen und daraufhin ins Sound Up-Team mit insgesamt 20 Podcaster*innen aufgenommen.

Von Spotify wurde man dann sechs Wochen begleitet und hat alles rund ums Podcasten gelernt. Darüber hinaus werden wir weiterhin unterstützt und haben jeden Monat einen gemeinsamen Call. Bei Fragen helfen auch die Mitteilnehmenden, die mittlerweile zu Freund*innen geworden sind. Die starke Community hinter „Sound Up“ ist ein sehr wichtiger Aspekt für mich. Ohne das Programm hätte ich den Podcast nicht gestartet, ich wäre zu unsicher gewesen.

In der ersten Folge „P*SSY“ sprichst du mit der Sexualpädagogin Deborah Vogt über das Thema Sexualbildung. Warum hast du gerade diesen Diskurs gewählt?

Ich habe Deborah kennengelernt und erfahren, dass sie das queere Jugendmagazin „BÄNG“ herausbringt. Sie ist Sexualpädagogin und ich habe mich bewusst dafür entschieden, dass ich in der ersten Folge mit ihr sprechen möchte. Das Thema Sexualbildung zeigt sehr gut auf, was Beschreibungen von Genitalien mit unserem Denken machen oder über unsere Gesellschaft aussagen. Was wird bezeichnet und was nicht? Die Sexualbildung gibt gute Beispiel dafür, dass Sprache und Gesellschaft in einer Wechselwirkung stehen.

Foto: Johanna Hodler

Über welche Themen wirst du in deinen zukünftigen Folgen sprechen?

In naher Zukunft spreche ich mit der Aktivistin Dalia Grinfeld darüber, wie im Alltag und in den Medien über jüdisches Leben berichtet wird. Sehr oft passiert es, dass jüdische Menschen in Deutschland mit der Schoah oder dem Thema Antisemitismus in Verbindung gebracht und konfrontiert werden. Wir wollen gemeinsam schauen, was abseits von diesen Themen steht. Die Schoah und das Thema Antisemitismus sind natürlich wichtig, aber jüdische Menschen in Deutschland beschäftigen sich auch mit anderen Themen und wir wollen darüber sprechen, wie sich das im Alltag, in der Sprache und in der Berichterstattung zeigt.

Ist es wichtig, dass wir unserer Sexualität ein Wort geben oder schränken wir uns dadurch nur ein?

Mit Katie Aenderson widme ich mich in ihrem Podcast „Träuma weiter“ der Frage, welche Rolle Sprache im Umgang mit traumatischen Erfahrungen spielt. Wir werden analysieren, was sie als Person mit Trauma in Gesprächen stört und welche Wörter sie selbst verwendet. Katie sagt zum Beispiel nicht, dass sie „Opfer“ ist, sondern „survivor“. Das Wort „Opfer“ schreibt Betroffenen von sexualisierter Gewalt eine bestimmte Rolle zu, während „survivor“ etwas Empowerndes hat, weil die betroffene Person im Vordergrund steht.

Dann möchte ich über Labels sprechen. Es gibt mittlerweile viele Begriffe für die menschliche Sexualität und die Genderidentität, aber ich möchte mich auf Sexualität konzentrieren und fragen: Ist es wichtig, dass wir unserer Sexualität ein Wort geben oder schränken wir uns dadurch nur ein? Wo kommt das eigentlich her? Was macht das mit uns? Ich selbst habe mich immer als lesbisch bezeichnet, aber mir ist es auch schon passiert, dass ich einen Typen spannend fand. In solchen Momenten habe ich mich durch mein Label einerseits eingeschränkt gefühlt, andererseits hat es mir oft geholfen, mich zu erklären.

Ich möchte auch über Behinderung sprechen. Warum sagen wir eigentlich „dieser Mensch ist behindert“, wenn er eigentlich von der Gesellschaft behindert wird? Wenn man an sein Lieblingscafé denkt und sich fragt, ob es da eine Rampe gibt, lautet die Antwort oft: nope. Das verdeutlicht, dass die Gesellschaft Menschen behindert und diese nicht von vornherein behindert sind. Sprache zeigt uns, wie eine Gesellschaft den Fokus setzt und dass Ungleichheiten verschleiert werden können.

Warum ist es dir wichtig, dass sich andere Menschen deinen Podcast anhören?

Ich finde, dass wir achtsam mit unseren Mitmenschen umgehen und Perspektivwechsel vollziehen sollten. Das können wir gut mit Sprache lernen, weil wir merken, dass bestimmte Worte und Ausdrücke verletzend sein können. Da nehme ich mich nicht von aus, weil ich auch dazulerne und überhaupt nicht frei von Fehlern bin. Bei mir findet ein Lernprozess statt, wie ich achtsamer mit anderen, aber auch mit mir selbst umgehen kann. Vor allem können wir dabei merken: Es ist toll, sich mit seiner Gesellschaft zu beschäftigen. Man ist nie losgelöst von diesen Strukturen, man befindet sich mitten in diesem Netz.

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