Zündstoff | Body Positivity oder doch lieber Body Neutrality?

In einem Punkt sind wir uns wohl alle einig: Es wird immer Leute geben, mit denen wir uneinig sind. Zu unterschiedlich sind unsere Überzeugungen und Ansichten, und das ist auch gut so! In dieser Rubrik diskutieren junge Menschen über Themen, die für ordentlich Zündstoff sorgen. Unser Thema: Body Positivity vs. Body Neutrality.
Von Knut Löbe und Nina Sabo, funky-Jugendreporter*

Bloß keine Cellulite haben, immer schön rasiert sein, nicht zu unsportlich aussehen und bitte keinen Bauchspeck ansetzen. Wo früher krampfhaft daran gearbeitet wurde, äußeren Schönheitsidealen zu entsprechen, übt man sich heute beharrlich in Selbstliebe: Liebe dich selbst und akzeptiere dich so, wie du bist. Für das neue Diktum unserer Zeit gibt es sogar einen eigenen Begriff – „Body Positivity“. Vor lauter guten Ratschlägen, Instagram-Beiträgen und empowernden Bewegungen entsteht anstelle einer gesunden Beziehung zwischen Körper und Geist allerdings eher Ratlosigkeit. Warum müssen wir überhaupt Haltung gegenüber unserem Körper beziehen? Sollte das nicht etwas Selbstverständliches sein? 

Seit einigen Jahren ist Selbstliebe zum Diktat einer Community geworden, die insbesondere auf Instagram sehr aktiv ist. Sie fußt auf der Body Positivity Bewegung, die in den USA ursprünglich als Fat Acceptance Movement entstanden ist. Die Message der Bewegung: Wir sollten uns von unrealistischen und diskriminierenden Schönheitsidealen befreien und alle Körper schön finden, wie sie sind.

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Selbstliebe, Akzeptanz und die Befreiung von Schönheitsidealen empfinden viele Menschen als sehr empowernd. Für andere kann die Disziplin der Selbstliebe zu einer belastenden Mammutaufgabe werden. Sie ziehen daher den Begriff der Body Neutrality vor. Die Sozialpsychologin und freie Autorin Anuschka Rees etwa kritisiert in einem Gespräch mit der Zeit Online: „Body Positivity geht nicht an die Wurzel des Problems. Sie kritisiert zwar die enge Definition, welche Körper als schön gelten. Die Überzeugung, dass man sich schön fühlen muss, um glücklich zu sein im Leben, wird aber nicht infrage gestellt.“

Kurz gesagt: Verfechter*innen der Body Neutrality-Bewegung gehen nicht davon aus, dass man sich schön finden muss, um glücklich zu sein. Vielmehr soll eine neutrale Position zum eigenen Körper eingenommen werden, sodass die äußere Erscheinung für unser Selbstwertgefühl nicht mehr im Vordergrund steht. Rees argumentiert: „Ein Psychotherapeut würde eine Person, die Probleme mit dem eigenen Körperbild hat, auch nicht versuchen davon zu überzeugen, dass sie total schön ist. Sondern er würde ihr helfen, die Einstellung zu entwickeln: Ich habe Wert, ganz egal, wie ich gerade aussehe.“


„Durch Body Positivity stellen wir infrage, warum wir etwas an uns oder anderen (un)schön finden. Am Ende kann das Voranschreiten der Bewegung nur zu mehr Akzeptanz führen.“

(Nina Sabo, funky-Jugendreporterin)

„Ich habe schon länger darüber nachgedacht, meine Achselhaare einfach weglasern zu lassen. Mich nervt das ständige Rasieren und außerdem kriege ich dann immer so kleine Pickelchen nach der Rasur. Auch in der Bikinizone“, erzählt mir eine Freundin im Sommerurlaub. Nachdem sie mir offenbart hatte, wie sehr ihre Körperhaare sie stören, fielen mir immer häufiger Werbungen für dauerhafte Haarentfernungen auf. Sichtlich glücklich umarmten sich auf großen Plakaten ein Mann und eine Frau, vermutlich ein Paar, deren helle Haut nicht nur makellos und glänzend, sondern vor allem frei von Körperhaaren war. Völlig normal und natürlich.

Der Sommerurlaub ist einige Jahre her, aber ich erinnere mich noch gut an die Diskussion, die ich mit meiner Freundin geführt habe. Es ging darum, warum wir überhaupt das Bedürfnis haben, uns rasieren zu müssen. Warum dieses Bedürfnis so stark ist, dass es in uns den Wunsch auslöst, unsere natürlichen Körperhaare für immer entfernen zu lassen. „Das willst du doch nur, weil es diesem Schönheitsideal entspricht, mit dem wir aufgewachsen sind“, entgegnete ich ihr selbstbewusst, obwohl ich auch nicht besser war. Denn ich erinnere mich noch an meinen ersten Impuls, als bei mir die Achselhaare sprossen: Schnell weg damit!

Unsere Sozialisierung prägt Körperbilder

Natürliche Körperbehaarung ist nur ein Beispiel, das in uns das Verlangen weckt, unser Äußeres irgendwie zu verändern, zu optimieren. Man braucht nicht groß nachzudenken, damit einem weitere Optimierungsbereiche in den Sinn kommen: Kleidungsstil, Ernährung, Fitness, Haarstyle, Hautbild, Körpergewicht, Körperbau. Der Wunsch, sich zu optimieren, kommt nicht von ungefähr. Unsere Sozialisierung prägt Körperbilder, die als schön oder unansehnlich gelten. Wir sehen Werbeplakate, auf denen dünne Bikinimodels in unnatürlichen Haltungen posieren, auf denen trainierte Männer ohne Körperhaare lüstern in die Kamera grinsen.

Der Wunsch, sich zu optimieren, kommt nicht von ungefähr. Unsere Sozialisierung prägt Körperbilder, die als schön oder unansehnlich gelten. So zeigt eine Kinder- und Jugendgesundheitsstudie vom HBSC-Studienverbund aus den Jahren 2017/18, dass 41,5 Prozent der Mädchen und 30,4 Prozent der Jungen sich ein wenig oder viel zu dick finden. In der Studie wird festgehalten: „Der Umgang mit dem sich in der Pubertät verändernden Körper steht in Zusammenhang mit geschlechtsspezifischen Körperidealen.“

Werbekampagnen, die Produktauswahl in Klamottengeschäften oder Drogerien, aber auch unsere Eltern prägen maßgeblich, wie wir uns sehen. Elterliche Kommentare, wie „Willst du wirklich so viel Zucker in deinen Kaffee geben?“ oder „Pass auf, was du isst, sonst werden deine Hüften zu breit“, verfolgen einige von uns noch Jahre später.

Die Akzeptanz von diversen Körperbildern hat in den Köpfen Platz gefunden

Trotz allem hat sich in den letzten Jahren vieles getan: Auf den Werbeplakaten sind nicht mehr nur schlanke und durchtrainierte Menschen zu sehen, die jeder Schönheitsnorm entsprechen. Die Akzeptanz von diversen Körperbildern hat in den Köpfen Platz gefunden (zumindest in einigen): Werbung, Produktauswahl und unser Mind-Set sind offener geworden. Zu verdanken haben wir diese 180 Grad-Wende der Body Positivity-Bewegung.

Die bunte Community sorgt dafür, dass an unseren Schönheitsidealen gerüttelt wird

Man mag von der Monetarisierung der Bewegung, zum Beispiel in Form von Werbekampagnen, halten was man möchte. Was wir nicht vergessen dürfen ist, dass Plus Size-Mode, oder schlichtweg die Akzeptanz aller Körper, lange überhaupt kein Thema waren. Die bunte Community sorgt dafür, dass ordentlich an unseren Schönheitsidealen gerüttelt wird, sodass wir infrage stellen, warum wir etwas an uns oder anderen (un)schön finden. Am Ende kann das Voranschreiten der Bewegung in meinen Augen nur zu mehr Akzeptanz führen, auch wenn der Weg in die Mitte der Gesellschaft nicht einfach ist.


„Wer nicht direkt von struktureller Gewichtsdiskriminierung betroffen ist, sollte überdenken, ob weiter unter dem Slogan Body Positivity über die eigenen Erfahrungen gesprochen wird.“

(Knut Löbe, funky-Jugendreporter)

Das Sprichwort „Schönheit liegt im Auge des Betrachters“ soll unserer Gesellschaft vermitteln, dass wir alle individuell darüber entscheiden können, wen und was wir schön finden. Mag erstmal nach einer überzeugenden Idee klingen, die sich für eine vielfältige, individuelle und sehr subjektive Wahrnehmung von Körpern und Ästhetik stark macht. Das Sprichwort scheitert aber an der Realität. Schließlich wird seit Jahrzehnten von der breiten Masse einem einfältigem, von Bildbearbeitung bestimmten Schönheitsideal nachgeeifert, dem niemand auf dieser Erde je entsprechen kann. Dieses „Ideal“ ist ungesund, unerreichbar und vor allem eins: diskriminierend. Mehrgewichtigen Menschen bleibt eine Teilhabe an der Gesellschaft allein auf Grund von Gewicht und Körperform verwehrt. Jede/r Achte vermeidet bewusst Kontakt zu Mehrgewichtigen. Umso wichtiger ist die Body Positivity Bewegung, die für Veränderung und mehr Selbstliebe sorgen möchte.

Trotzdem sehe ich auch die Schwächen im Umgang mit der Bewegung. Auch wenn es an der Idee erstmal rein gar nichts auszusetzen gibt, wird meiner Meinung nach zurecht Kritik an der heutigen Auslegung von Body Positivity geäußert: Es mag zwar eine eine Kursänderung von ausschließlich schlanken zu einer größeren Vielfalt an Körpern geben, die Gesellschaft bleibt aber in der gleichen Spur hängen, in der Körperformen immer und überall bewertet werden müssen. Klar, es handelt sich in erster Linie um Selbstliebe und Akzeptanz, die gut für die Seele sein kann, aber wäre es nicht sogar besser, wenn Körper einfach mal egal wären? Eine neue Form von sozialem Druck kann für all diejenigen entstehen, die nicht mit ihrem Körper zufrieden sind.

Den Ursprung der Bewegung im Blick behalten


Auf Instagram gibt es bereits mehr als 6 Millionen Beiträge unter dem Hashtag #BodyPositivity. Viele Bilder zeigen starke Frauen, die vermutlich erst durch die Bewegung den Mut gefunden haben, sich so zu zeigen, wie sie sind. Auffällig ist jedoch auch, dass ziemlich viele Körper der gesellschaftlichen Norm entsprechen. Ich denke wirklich niemanden sollte das Recht abgesprochen werden, auf den gesellschaftlichen Optimierungsdruck aufmerksam zu machen. Trotzdem sollten wir meiner Meinung nach überdenken, in welcher Bewegung viele „normschönen“ Menschen momentan einen großen Platz für sich einnehmen. Der Ursprung der Bewegung gerät in Vergessenheit: Sichtbarkeit für mehrgewichtige Menschen, die auf Grund ihrer Körperform diskriminiert werden und strukturelle Benachteiligung erleben. Von zu wenig Platz im Flugzeug oder der fehlenden Hosengröße im Shoppingcenter—ihr Alltag wird durch Diskriminierung vom eigenen Körpergewicht bestimmt. Eine Erfahrung, welche die Mehrheitsgesellschaft in ihrem Leben nicht machen muss. Ich finde deshalb, dass der Teil der Gesellschaft, der nicht von der strukturellen Gewichtsdiskriminierung direkt betroffen ist, überdenken sollte, ob weiter unter dem Slogan Body Positivity über die eigenen Erfahrungen gesprochen wird. Ein guter Anfang wäre es zum Beispiel, andere Hashtags als Body Positivity zu benutzten und damit auf Sozialen Medien mehrgewichtigen Menschen mehr Platz für die eigene Stimme einzuräumen und so zum Ursprungsgedanken der Bewegung zurückzukehren.


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