Elisa Mae Klinger, funky-Jugendreporterin
Ich war fünfzehn, als es geschah. Etwas, das ich auch heute, einige Jahre später, nur langsam in seinem vollen Umfang erfassen kann. Meine damalige Deutschlehrerin zog mich in eine emotionale Abhängigkeit. Sie las meine Texte mit besonderem Interesse, nahm mich ernst und schenkte mir Extraprivilegien. So durfte ich etwa als Einzige aus dem Kurs mit ihr während des Unterrichts auf den Flur hinausgehen oder nach jeder Stunde als Einzige bei geschlossener Tür länger bleiben, um mich mit ihr über private Dinge zu unterhalten. Zugleich machte sie mir aber klar, dass mein Gefühl, „gut genug“ zu sein, an ihre Zuwendung gekoppelt war. Für eine Schülerin aus einem missbräuchlichen Elternhaus, die davon träumte, Journalistin zu werden, war das wie ein Fangnetz: Genau an meiner verletzlichsten Stelle spielte sie ihre Macht aus.
Solche Verstrickungen lassen sich schwer benennen, solange man mittendrin steckt. Zu schmeichelnd sind die Gesten, zu verlockend die Aussicht auf Nähe und Bestätigung. Aber mein Fall war kein Einzelfall. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr Szenen aus meiner Schulzeit fielen mir ein, die in diese Grauzone gehören: Der Lehrer, der seine kleine Tochter mit in den Unterricht brachte und dabei private Details aus seinem Leben preisgab, als wäre die Klasse sein Freundeskreis. Die Lehrerin, die regelmäßig von ihrem privaten Geld Pizza für den Kurs bestellte, um sich bei den Jungs beliebt zu machen. Die ältere Mitschülerin, die davon erzählte, dass ihre LK-Lehrerin den Kurs zum Spieleabend zu sich nach Hause einlud und für alle kochte.
Auf den ersten Blick sind das harmlose Situationen. Aber sie haben etwas gemeinsam: Die professionellen Grenzen verwischen. Die Schule wird dann zur Bühne für Nähe und Abhängigkeiten, die daraus entstehen. Und das kann schnell kippen. Wer ohnehin nach Orientierung, Anerkennung oder Zugehörigkeit sucht, der ist besonders anfällig. Es ist kein Zufall, dass viele Betroffene ihre Erfahrungen erst Jahre später als Machtmissbrauch erkennen. Denn im Moment selbst fühlt sich die besondere Bestätigung durch die Lehrkraft wie eine Auszeichnung an: Man ist „besonders“. Doch genau das ist die Falle: Die Rolle der Lehrkraft als Autoritätsperson macht echte Freiwilligkeit unmöglich.
Machtgefälle werden im Schulsystem selten reflektiert, sie gelten als „normal“. Schüler:innen haben kaum sichere Orte, um solche Erfahrungen zu benennen, ohne sofort als „schwierig“ abgestempelt zu werden. Heute kann ich sagen: Ich habe gelernt, Distanz einzufordern. Ich weiß, dass Schule nie meine „zweite Familie“ war, dass Lehrkräfte nie meine Freund:innen waren, dass mein Wert als junge Frau nicht von der Validierung älterer Frauen und Männer abhängt. Aber nicht jede:r Jugendliche kann diese Grenze so klar ziehen.
Und genau deshalb tragen die Erwachsenen die Verantwortung, professionell zu bleiben. Was damals eine einzelne Lehrerin bei mir ausgelöst hat, war einschneidend und schmerzhaft. Es hat dazu geführt, dass ich für die Oberstufe die Schule wechselte und dass mein Interesse am Journalismus, das damals so stark war, zunehmend Platz machte für Psychologie. Aber meine Geschichte ist keine individuelle Geschichte. Es ist ein Symptom eines Systems. Und es ist höchste Zeit, genau darüber zu reden.
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Ich war fünfzehn, als es geschah. Etwas, das ich auch heute, einige Jahre später, nur langsam in seinem vollen Umfang erfassen kann. Meine damalige Deutschlehrerin zog mich in eine emotionale Abhängigkeit. Sie las meine Texte mit besonderem Interesse, nahm mich ernst und schenkte mir Extraprivilegien. So durfte ich etwa als Einzige aus dem Kurs mit ihr während des Unterrichts auf den Flur hinausgehen oder nach jeder Stunde als Einzige bei geschlossener Tür länger bleiben, um mich mit ihr über private Dinge zu unterhalten. Zugleich machte sie mir aber klar, dass mein Gefühl, „gut genug“ zu sein, an ihre Zuwendung gekoppelt war. Für eine Schülerin aus einem missbräuchlichen Elternhaus, die davon träumte, Journalistin zu werden, war das wie ein Fangnetz: Genau an meiner verletzlichsten Stelle spielte sie ihre Macht aus.
Solche Verstrickungen lassen sich schwer benennen, solange man mittendrin steckt. Zu schmeichelnd sind die Gesten, zu verlockend die Aussicht auf Nähe und Bestätigung. Aber mein Fall war kein Einzelfall. Je länger ich darüber nachdachte, desto mehr Szenen aus meiner Schulzeit fielen mir ein, die in diese Grauzone gehören: Der Lehrer, der seine kleine Tochter mit in den Unterricht brachte und dabei private Details aus seinem Leben preisgab, als wäre die Klasse sein Freundeskreis. Die Lehrerin, die regelmäßig von ihrem privaten Geld Pizza für den Kurs bestellte, um sich bei den Jungs beliebt zu machen. Die ältere Mitschülerin, die davon erzählte, dass ihre LK-Lehrerin den Kurs zum Spieleabend zu sich nach Hause einlud und für alle kochte.
Auf den ersten Blick sind das harmlose Situationen. Aber sie haben etwas gemeinsam: Die professionellen Grenzen verwischen. Die Schule wird dann zur Bühne für Nähe und Abhängigkeiten, die daraus entstehen. Und das kann schnell kippen. Wer ohnehin nach Orientierung, Anerkennung oder Zugehörigkeit sucht, der ist besonders anfällig. Es ist kein Zufall, dass viele Betroffene ihre Erfahrungen erst Jahre später als Machtmissbrauch erkennen. Denn im Moment selbst fühlt sich die besondere Bestätigung durch die Lehrkraft wie eine Auszeichnung an: Man ist „besonders“. Doch genau das ist die Falle: Die Rolle der Lehrkraft als Autoritätsperson macht echte Freiwilligkeit unmöglich.
Machtgefälle werden im Schulsystem selten reflektiert, sie gelten als „normal“. Schüler:innen haben kaum sichere Orte, um solche Erfahrungen zu benennen, ohne sofort als „schwierig“ abgestempelt zu werden. Heute kann ich sagen: Ich habe gelernt, Distanz einzufordern. Ich weiß, dass Schule nie meine „zweite Familie“ war, dass Lehrkräfte nie meine Freund:innen waren, dass mein Wert als junge Frau nicht von der Validierung älterer Frauen und Männer abhängt. Aber nicht jede:r Jugendliche kann diese Grenze so klar ziehen.
Und genau deshalb tragen die Erwachsenen die Verantwortung, professionell zu bleiben. Was damals eine einzelne Lehrerin bei mir ausgelöst hat, war einschneidend und schmerzhaft. Es hat dazu geführt, dass ich für die Oberstufe die Schule wechselte und dass mein Interesse am Journalismus, das damals so stark war, zunehmend Platz machte für Psychologie. Aber meine Geschichte ist keine individuelle Geschichte. Es ist ein Symptom eines Systems. Und es ist höchste Zeit, genau darüber zu reden.
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