Beschlagene Scheiben, feuchte Küsse und laute Höhepunkte: Sex in Filmen und Serien ist oft wild und leidenschaftlich. Je spontaner, desto besser also, oder? Für Julia Effertz ein Irrglaube: denn was leidenschaftlich wirkt, ist im Handwerk präzise und geplant. Die Schauspielerin und Drehbuchautorin ist Deutschlands erste Intimitätskoordinatorin und hat bereits sensible Szenen bei Produktionen wie „Die Kaiserin“ für Netflix und „Nine Perfect Strangers“ für hulu begleitet. Im Interview erzählt die 44-Jährige, was eine Intimitätskoordinatorin überhaupt macht, warum der Beruf so wichtig ist und was eine gute Sexszene ausmacht.
Julia Effertz (c) Katja Kuhl
Frau Effertz, Sie sind die erste deutsche Intimitätskoordinatorin. Wie sind Sie zu dem Beruf gekommen? Julia Effertz: Ich habe 2019 als erste ausgebildete Intimitätskoordinatorin die Arbeitspraxis in Deutschland etabliert. Zu dem Beruf bin ich durch Zufall beim Filmfestival in Cannes 2018 durch die britische Kollegin Ita O’Brien gekommen. Die Darstellung von Intimität ist in der gesamten Filmgeschichte eine Leerstelle gewesen, sowohl vom schauspielerischen Handwerk her als auch strukturell. Den Beruf gab es in Deutschland damals noch gar nicht. Ich habe mich dann bei Ita O’Brien in London und Amanda Blumenthal in Los Angeles ausbilden lassen. Seit 2021 bin ich zertifizierte Intimitätskoordinatorin.
Was macht eine Intimitätskoordinatorin oder ein Intimitätskoordinator überhaupt? Eine Intimitätskoordinatorin oder ein Intimitätskoordinator ist eine technisch-künstlerische Fachkraft, die intime Inhalte bei Film, Fernsehen und Bühnen plant, koordiniert, choreographiert und absichert. Ich vergleiche es gerne mit der Stuntkoordination – bei uns kommen Kunstpraxis, Arbeitsschutz und psycho-soziale Begleitung zusammen.
Wie läuft Ihre Arbeit mit den Schauspielerinnen, Schauspielern und Crew-Mitgliedern ab? Der Hauptteil meiner Arbeit ist die Vorbereitung. Ich schaue mir das Skript an, schätze Szenen ein und mache eine Gefährdungsbeurteilung der psychosomatischen Risiken. Eine solche Beurteilung ist in Deutschland Teil des gesetzlichen Arbeitsschutzes. Dann geht es an die Ausarbeitung. Dafür spreche ich mit der Regie, um herauszufinden, was ihre künstlerische Vision ist, und was mit der Szene erzählt werden soll. Der Consent, die informierte Zustimmung der Schauspielenden, spielt eine zentrale Rolle. Sie müssen wissen, was die Szene alles beinhaltet, bevor sie, informiert und im Rahmen ihrer persönlichen Grenzen, zustimmen oder ablehnen können. Den Consent abzusichern ist ein fortlaufender Prozess, eine Zustimmung kann auch widerrufen werden. Consent und Grenzen müssen vor allem körperlich abgeklärt werden – deswegen muss körperliche Intimität geprobt werden. Erstmal technisch, dann integrieren wir Psyche und Gefühle der Figur. Wenn wir die intime Szene drehen bin ich am Set dabei um fortlaufend abzusichern. Ich arbeite meist eng mit der Regie am Monitor, achte auf Qualität und Authentizität. Der letzte Arbeitsschritt ist die Nachsorge für die Schauspielenden und der abschließende Produktionsbericht.
Wenn ein Schauspieler oder eine Schauspielerin Erfahrungen mit sexueller Gewalt machen musste, kann eine intime Szene retraumatisierend sein. Dann kann es passieren, dass das Gehirn die gespielte Handlung nicht von den echten Erfahrungen unterscheiden kann.
Julia Effertz
Gelungene Sexszenen werden oft als sehr echt und leidenschaftlich beschrieben. Darf Leidenschaft bei intimen Szenen am Set überhaupt eine Rolle spielen? Schauspiel ist ein Handwerk, bei dem wir, neurologisch betrachtet, an der Grenze zwischen Selbst und Selbst-Verlust agieren. Das hat positive wie negative Seiten, je nachdem was wir spielen – kognitiv und psychosomatisch ist Schauspiel wirklich Hochleistungssport. Für alle Szenen die wir spielen, etwa für eine Szene in der meine Figur aggressiv agiert gilt: Auf der einen Ebene muss mein Handeln technisch sein – in der Realität geankert, wie ich es immer nenne. Bei Dialogszenen muss ich meinen Text kennen und wissen, wo ich stehe. Bei Gewalt müssen meine Bewegungen exakt sitzen. Sonst verletze ich mich und andere. Bei der Intimität ist es sehr ähnlich, denn gerade die Intimität tangiert uns in einem extrem verletzlichen Bereich unserer Psyche – es ist ein traumarelevanter Arbeitsbereich. Hierfür brauche ich die Technik und klare Absprachen. Aber ich muss, abgesichert, auch in die Figur eintauchen, sie verkörpern. Das heißt, Schauspielende müssen sich auch damit auseinandersetzen, was die Figur fühlt: ist es Liebe, Lust, Begehren? Sobald man in die Figur geht, darf und muss man ihr ein Innenleben geben, welches das Publikum lesen kann. Aber egal wie tief ich eintauche: Es muss immer zwischen dem privaten Ich und der Figur klar getrennt werden – das gehört zu den schauspielerischen Grundkompetenzen.
Sie haben in ihrem Buch „Mut zur Verletzlichkeit“ geschrieben, dass es beim Dreh von Intimszenen auch zu psychischen Verletzungen kommen kann. Was ist damit gemeint? Es geht grundlegend um die Grenzüberschreitung am intimen Körper. Das sind zum Beispiel Berührungen an Körperstellen, an denen eine Darstellerin oder ein Darsteller nicht berührt werden möchte. Das passiert vor allem dann, wenn es vorher keine Absprachen gab und nicht geprobt wurde. Der Bereich der Intimität ist psychosomatisch hoch aufgeladen. Wenn ein Schauspieler oder eine Schauspielerin Erfahrungen mit sexueller Gewalt machen musste, kann eine intime Szene retraumatisierend sein. Dann kann es passieren, dass das Gehirn die gespielte Handlung nicht von den echten Erfahrungen unterscheiden kann. Intime Szenen sind körperlich und emotional sehr intensiv.
Gab es auch schon Situationen, bei denen Sie einschreiten mussten? Das kommt bei guter Vorbereitung sehr selten vor. Wenn die Psyche auf einmal doch anders reagiert, setze ich ein Time Out. Dann kann ich psychologisch begleiten und dahingehend unterstützen, dass eine Weiterarbeit möglich ist – oder ggfs. den Dreh pausieren bzw. abbrechen. Die Schauspielenden dürfen auch selbst jederzeit einen Take abbrechen oder eine Pause einfordern.
Welche Entwicklungen hat der Beruf im Vergleich zu 2019 in Deutschland durchgemacht? Insgesamt blicken wir auf rund 20 Jahre Berufspraxis zurück. Die ersten Kollegen und Kolleginnen in Amerika haben bereits ab 2004 angefangen, ein Grundlagenwerk wurde 2006 vorgelegt. Bei uns in Deutschland tut sich inzwischen auch etwas, aber es ist noch viel zu tun. Die Position ist nicht verpflichtend, wird oft als Coaching oder Wohlfühl-Arbeit bezeichnet. Das ist sie nicht. Wir sind nicht nur zum Schutz da, sondern eine eigenständige Kunstpraxis mit Gestaltungsraum und Verantwortung, ein Gewerk, so wie das Kostümbild oder die Bildgestaltung. Dass sich alle wohlfühlen ist nicht unsere Aufgabe. Es geht darum, intime Szenen professionell zu arbeiten und sie als erzählenden Moment ernst zu nehmen.
Generell sollte das Geschlecht im Beruf keinen Unterschied machen. Es ist aber Fakt, dass die Teams am Set immer noch mehrheitlich männlich sind. Hier ist es sinnvoll, eine zusätzliche weibliche Präsenz am Set zu haben.
Julia Effertz
Wie wurden intime Szenen gedreht, bevor es Intimitätskoordination gab? Es gab die Falschannahme, dass Sexszenen, quasi aus einem privaten Ausagieren der Schauspielenden beim Dreh, spontan und leidenschaftlich sein müssen, damit sie auf der Leinwand auch so rüberkommen. Das ist natürlich Unsinn – und wird bei keiner anderen Szene so betrachtet. Ich kenne auch noch den Mythos, dass man als Schauspielerin keine Grenzen haben soll – je krasser, desto künstlerischer. Das stimmt aber nicht. Gute Kunst braucht Grenzen. Intimität muss dramaturgisch und psychologisch hergeleitet und professionell verkörpert werden – mit Respekt. Kunst, die zustande kommt, indem Menschen geschädigt werden, ist keine Kunst, sondern Missbrauch.
Was macht eine gute intime Szene für Sie aus? Gute intime Szenen zeigen mir, was die Figuren mit ihren Berührungen emotional und zwischenmenschlich verhandeln. Perfekt ausgeleuchtete Montagen mit Sixpacks und straffen Körpern interessieren mich nicht. Geschmäcker sind natürlich verschieden, aber für mich muss die Bedeutungstiefe bei einer guten Sexszene erkennbar sein – die Menschlichkeit.
Hat sich Ihre Arbeit als Schauspielerin durch ihre Ausbildung als Intimitätskoordinatorin geändert? Ich verwende meinen Körper heute viel bewusster als erzählendes Instrument, gehe intime Szenen mit der gleichen Sorgfalt an wie jede andere Szene . Mein steter Blick auf den Monitor hat mich viel über Bildgestaltung und Bewegung im Raum gelehrt. Ich hatte lange keinen intimen Szenen mehr gespielt. Als ich dann vor einiger Zeit wieder eine Knutschszene hatte, war es ganz toll. Wir hatten keine Intimitätskoordination dabei aber meine Kollegin und ich waren beide sehr erfahren und haben die gängigen Werkzeuge angewandt. Es machte mir Freude, mein Spiel am Monitor zu überprüfen und es anzupassen. Vor allem machen mir intime Szenen keine Angst, denn wenn sie professionell gearbeitet werden dann sind sie für mich eine wunderbare Gelegenheit, etwas sehr tiefes und menschliches zu erzählen.
Es gibt vor allem weibliche Intimitätskoordinatorinnen – zumindest im deutschsprachigen Raum. Was denken Sie: Ist das Zufall oder Notwendigkeit? Generell sollte das Geschlecht im Beruf keinen Unterschied machen. Es ist aber Fakt, dass die Teams am Set immer noch mehrheitlich männlich sind. Hier ist es sinnvoll, eine zusätzliche weibliche Präsenz am Set zu haben. Aus psychologischen Studien wissen wir zudem, dass ein geschlechterkodierter Blick Menschen beeinflusst. Es macht also einen Unterschied, ob eine Schauspielerin vor einem rein männlichen Team steht – umgekehrt übrigens genauso. Dann wiederum habe ich schon erlebt, dass ich tatsächlich die einzige Frau im Team war und meine weibliche Präsenz als ausgleichend empfunden wurde. Ich glaube also schon, dass es Sinn macht, dass die Intimitätskoordination häufig von Frauen übernommen wird. Grundsätzlich dürfen wir uns als Branche langfristig ausgeglichene Teams wünschen.
Beschlagene Scheiben, feuchte Küsse und laute Höhepunkte: Sex in Filmen und Serien ist oft wild und leidenschaftlich. Je spontaner, desto besser also, oder? Für Julia Effertz ein Irrglaube: denn was leidenschaftlich wirkt, ist im Handwerk präzise und geplant. Die Schauspielerin und Drehbuchautorin ist Deutschlands erste Intimitätskoordinatorin und hat bereits sensible Szenen bei Produktionen wie „Die Kaiserin“ für Netflix und „Nine Perfect Strangers“ für hulu begleitet. Im Interview erzählt die 44-Jährige, was eine Intimitätskoordinatorin überhaupt macht, warum der Beruf so wichtig ist und was eine gute Sexszene ausmacht.
(c) Katja Kuhl
Frau Effertz, Sie sind die erste deutsche Intimitätskoordinatorin. Wie sind Sie zu dem Beruf gekommen?
Julia Effertz: Ich habe 2019 als erste ausgebildete Intimitätskoordinatorin die Arbeitspraxis in Deutschland etabliert. Zu dem Beruf bin ich durch Zufall beim Filmfestival in Cannes 2018 durch die britische Kollegin Ita O’Brien gekommen. Die Darstellung von Intimität ist in der gesamten Filmgeschichte eine Leerstelle gewesen, sowohl vom schauspielerischen Handwerk her als auch strukturell. Den Beruf gab es in Deutschland damals noch gar nicht. Ich habe mich dann bei Ita O’Brien in London und Amanda Blumenthal in Los Angeles ausbilden lassen. Seit 2021 bin ich zertifizierte Intimitätskoordinatorin.
Was macht eine Intimitätskoordinatorin oder ein Intimitätskoordinator überhaupt?
Eine Intimitätskoordinatorin oder ein Intimitätskoordinator ist eine technisch-künstlerische Fachkraft, die intime Inhalte bei Film, Fernsehen und Bühnen plant, koordiniert, choreographiert und absichert. Ich vergleiche es gerne mit der Stuntkoordination – bei uns kommen Kunstpraxis, Arbeitsschutz und psycho-soziale Begleitung zusammen.
Wie läuft Ihre Arbeit mit den Schauspielerinnen, Schauspielern und Crew-Mitgliedern ab?
Der Hauptteil meiner Arbeit ist die Vorbereitung. Ich schaue mir das Skript an, schätze Szenen ein und mache eine Gefährdungsbeurteilung der psychosomatischen Risiken. Eine solche Beurteilung ist in Deutschland Teil des gesetzlichen Arbeitsschutzes. Dann geht es an die Ausarbeitung. Dafür spreche ich mit der Regie, um herauszufinden, was ihre künstlerische Vision ist, und was mit der Szene erzählt werden soll. Der Consent, die informierte Zustimmung der Schauspielenden, spielt eine zentrale Rolle. Sie müssen wissen, was die Szene alles beinhaltet, bevor sie, informiert und im Rahmen ihrer persönlichen Grenzen, zustimmen oder ablehnen können. Den Consent abzusichern ist ein fortlaufender Prozess, eine Zustimmung kann auch widerrufen werden. Consent und Grenzen müssen vor allem körperlich abgeklärt werden – deswegen muss körperliche Intimität geprobt werden. Erstmal technisch, dann integrieren wir Psyche und Gefühle der Figur. Wenn wir die intime Szene drehen bin ich am Set dabei um fortlaufend abzusichern. Ich arbeite meist eng mit der Regie am Monitor, achte auf Qualität und Authentizität. Der letzte Arbeitsschritt ist die Nachsorge für die Schauspielenden und der abschließende Produktionsbericht.
Gelungene Sexszenen werden oft als sehr echt und leidenschaftlich beschrieben. Darf Leidenschaft bei intimen Szenen am Set überhaupt eine Rolle spielen?
Schauspiel ist ein Handwerk, bei dem wir, neurologisch betrachtet, an der Grenze zwischen Selbst und Selbst-Verlust agieren. Das hat positive wie negative Seiten, je nachdem was wir spielen – kognitiv und psychosomatisch ist Schauspiel wirklich Hochleistungssport. Für alle Szenen die wir spielen, etwa für eine Szene in der meine Figur aggressiv agiert gilt: Auf der einen Ebene muss mein Handeln technisch sein – in der Realität geankert, wie ich es immer nenne. Bei Dialogszenen muss ich meinen Text kennen und wissen, wo ich stehe. Bei Gewalt müssen meine Bewegungen exakt sitzen. Sonst verletze ich mich und andere. Bei der Intimität ist es sehr ähnlich, denn gerade die Intimität tangiert uns in einem extrem verletzlichen Bereich unserer Psyche – es ist ein traumarelevanter Arbeitsbereich. Hierfür brauche ich die Technik und klare Absprachen. Aber ich muss, abgesichert, auch in die Figur eintauchen, sie verkörpern. Das heißt, Schauspielende müssen sich auch damit auseinandersetzen, was die Figur fühlt: ist es Liebe, Lust, Begehren? Sobald man in die Figur geht, darf und muss man ihr ein Innenleben geben, welches das Publikum lesen kann. Aber egal wie tief ich eintauche: Es muss immer zwischen dem privaten Ich und der Figur klar getrennt werden – das gehört zu den schauspielerischen Grundkompetenzen.
Sie haben in ihrem Buch „Mut zur Verletzlichkeit“ geschrieben, dass es beim Dreh von Intimszenen auch zu psychischen Verletzungen kommen kann. Was ist damit gemeint?
Es geht grundlegend um die Grenzüberschreitung am intimen Körper. Das sind zum Beispiel Berührungen an Körperstellen, an denen eine Darstellerin oder ein Darsteller nicht berührt werden möchte. Das passiert vor allem dann, wenn es vorher keine Absprachen gab und nicht geprobt wurde. Der Bereich der Intimität ist psychosomatisch hoch aufgeladen. Wenn ein Schauspieler oder eine Schauspielerin Erfahrungen mit sexueller Gewalt machen musste, kann eine intime Szene retraumatisierend sein. Dann kann es passieren, dass das Gehirn die gespielte Handlung nicht von den echten Erfahrungen unterscheiden kann. Intime Szenen sind körperlich und emotional sehr intensiv.
Gab es auch schon Situationen, bei denen Sie einschreiten mussten?
Das kommt bei guter Vorbereitung sehr selten vor. Wenn die Psyche auf einmal doch anders reagiert, setze ich ein Time Out. Dann kann ich psychologisch begleiten und dahingehend unterstützen, dass eine Weiterarbeit möglich ist – oder ggfs. den Dreh pausieren bzw. abbrechen. Die Schauspielenden dürfen auch selbst jederzeit einen Take abbrechen oder eine Pause einfordern.
Welche Entwicklungen hat der Beruf im Vergleich zu 2019 in Deutschland durchgemacht?
Insgesamt blicken wir auf rund 20 Jahre Berufspraxis zurück. Die ersten Kollegen und Kolleginnen in Amerika haben bereits ab 2004 angefangen, ein Grundlagenwerk wurde 2006 vorgelegt. Bei uns in Deutschland tut sich inzwischen auch etwas, aber es ist noch viel zu tun. Die Position ist nicht verpflichtend, wird oft als Coaching oder Wohlfühl-Arbeit bezeichnet. Das ist sie nicht. Wir sind nicht nur zum Schutz da, sondern eine eigenständige Kunstpraxis mit Gestaltungsraum und Verantwortung, ein Gewerk, so wie das Kostümbild oder die Bildgestaltung. Dass sich alle wohlfühlen ist nicht unsere Aufgabe. Es geht darum, intime Szenen professionell zu arbeiten und sie als erzählenden Moment ernst zu nehmen.
Wie wurden intime Szenen gedreht, bevor es Intimitätskoordination gab?
Es gab die Falschannahme, dass Sexszenen, quasi aus einem privaten Ausagieren der Schauspielenden beim Dreh, spontan und leidenschaftlich sein müssen, damit sie auf der Leinwand auch so rüberkommen. Das ist natürlich Unsinn – und wird bei keiner anderen Szene so betrachtet. Ich kenne auch noch den Mythos, dass man als Schauspielerin keine Grenzen haben soll – je krasser, desto künstlerischer. Das stimmt aber nicht. Gute Kunst braucht Grenzen. Intimität muss dramaturgisch und psychologisch hergeleitet und professionell verkörpert werden – mit Respekt. Kunst, die zustande kommt, indem Menschen geschädigt werden, ist keine Kunst, sondern Missbrauch.
Was macht eine gute intime Szene für Sie aus?
Gute intime Szenen zeigen mir, was die Figuren mit ihren Berührungen emotional und zwischenmenschlich verhandeln. Perfekt ausgeleuchtete Montagen mit Sixpacks und straffen Körpern interessieren mich nicht. Geschmäcker sind natürlich verschieden, aber für mich muss die Bedeutungstiefe bei einer guten Sexszene erkennbar sein – die Menschlichkeit.
Hat sich Ihre Arbeit als Schauspielerin durch ihre Ausbildung als Intimitätskoordinatorin geändert?
Ich verwende meinen Körper heute viel bewusster als erzählendes Instrument, gehe intime Szenen mit der gleichen Sorgfalt an wie jede andere Szene . Mein steter Blick auf den Monitor hat mich viel über Bildgestaltung und Bewegung im Raum gelehrt. Ich hatte lange keinen intimen Szenen mehr gespielt. Als ich dann vor einiger Zeit wieder eine Knutschszene hatte, war es ganz toll. Wir hatten keine Intimitätskoordination dabei aber meine Kollegin und ich waren beide sehr erfahren und haben die gängigen Werkzeuge angewandt. Es machte mir Freude, mein Spiel am Monitor zu überprüfen und es anzupassen. Vor allem machen mir intime Szenen keine Angst, denn wenn sie professionell gearbeitet werden dann sind sie für mich eine wunderbare Gelegenheit, etwas sehr tiefes und menschliches zu erzählen.
Es gibt vor allem weibliche Intimitätskoordinatorinnen – zumindest im deutschsprachigen Raum. Was denken Sie: Ist das Zufall oder Notwendigkeit?
Generell sollte das Geschlecht im Beruf keinen Unterschied machen. Es ist aber Fakt, dass die Teams am Set immer noch mehrheitlich männlich sind. Hier ist es sinnvoll, eine zusätzliche weibliche Präsenz am Set zu haben. Aus psychologischen Studien wissen wir zudem, dass ein geschlechterkodierter Blick Menschen beeinflusst. Es macht also einen Unterschied, ob eine Schauspielerin vor einem rein männlichen Team steht – umgekehrt übrigens genauso. Dann wiederum habe ich schon erlebt, dass ich tatsächlich die einzige Frau im Team war und meine weibliche Präsenz als ausgleichend empfunden wurde. Ich glaube also schon, dass es Sinn macht, dass die Intimitätskoordination häufig von Frauen übernommen wird. Grundsätzlich dürfen wir uns als Branche langfristig ausgeglichene Teams wünschen.
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