Interview

„Auch vom BAföG-Höchstsatz kann man dieser Tage nicht mehr leben“

Eine junge Fraue legt frustriert ihren Kopf auf einen Stapel Papiere.
Komplizierte Anträge, lange Bearbeitungszeiten und allgemeine Unsicherheit: BAföG ist für viele Studierende ein leidiges Thema.
Larissa Menne, funky-Jugendreporterin

Im Herbst starten wieder zahlreiche junge Menschen in ihr erstes Semester. Dabei haben sie viele Fragen. Neben Stundenplangestaltung, dem Campusleben und vielen neuen Gesichtern ist auch die Studienfinanzierung ein großes Thema. Dabei spielen Nebenjobs, Stipendien, aber auch BAföG eine Rolle. Wer bekommt eigentlich BAföG? Wie viel Zeit hat man, das Geld zurückzuzahlen? Jana Judisch ist Pressesprecherin des studierendenWERKs Berlin, zu dem auch das Berliner BAföG-Amt gehört. Im Interview erklärt sie, was genau BAföG eigentlich ist und räumt auch mit einigen Vorurteilen auf.

Liebe Frau Judisch, was genau ist BAföG eigentlich und warum gibt es diese Unterstützungsmöglichkeit?
Jana Judisch: BAföG ist ein staatlicher Studienkredit, der zinsfrei ist und auch nur zur Hälfte zurückgezahlt werden muss. Er ist dafür gedacht, Studierende, die aus gering verdienenden Haushalten stammen, das Studium zu ermöglichen. Ob und in welcher Höhe man ihn kriegt, hängt von sehr vielen unterschiedlichen Faktoren ab. Vor allem relevant sind: das Einkommen der Eltern oder der Partnerin oder des Partners, das eigene Vermögen und die Tatsache, dass man an einer staatlich anerkannten Hochschule studieren muss, um die Förderung zu erhalten.

Jana Judisch vom studierendenWERK Berlin (c) Privat

Wie viele Studierende in Deutschland erhalten BAföG? Ist die Zahl in den letzten Jahren eher gestiegen oder gesunken?
2024 bezogen laut statistischem Bundesamt insgesamt 483.800 Studierende in Deutschland BAföG. Das sind deutlich weniger als im Vorjahr und auch deutlich weniger als vor 10 oder 20 Jahren. Auch wir im BAföG-Amt in Berlin sehen: Die Zahl der Erstanträge geht zurück. 

Da stellt sich die Frage, woran das liegt. Viele junge Menschen wollen nicht mit Schulden ins Berufsleben starten. Wie stehen Sie zu dieser Aussage?
Nachvollziehen kann ich solche Aussagen durchaus. Zudem erhalten nicht einmal die Hälfte der Geförderten den BAföG-Höchstsatz. Der liegt aktuell bei 992 Euro. Wer über die Eltern krankenversichert ist, bekommt monatlich höchstens 855 Euro. Und selbst wenn man die volle Förderung erhält: Auch vom BAföG-Höchstsatz allein kann man dieser Tage nicht mehr leben. Obwohl die Rückzahlungssumme beim BAföG auf maximal 10.010 Euro gedeckelt ist und auch erst fünf Jahre nach Studienabschluss – und zwar in äußerst fairen Raten – fällig wird: Etwas Schulden wären dann einfach da. Dennoch: BAföG hilft dabei, zu wirtschaften. Zudem gibt es Zuschläge für eigene Kinder oder einen Auslandsaufenthalt. Auch eine Befreiung vom Rundfunkbeitrag hilft BAföG-Empfänger:innen.

Im Jahr 2024 gab es eine BAföG-Reform. Was hat sich für die BAföG-Empfänger:innen konkret verändert?
Das waren viele kleine Dinge: Die Bedarfssätze wurden leicht angehoben, ebenso die Freibeiträge. Das Einkommen minderjähriger Geschwister wird jetzt nicht mehr auf den Elternfreibetrag angerechnet, die Möglichkeit, die Fachrichtung zu wechseln, ist jetzt auch noch ein Semester später als bisher möglich. Auch die Regelstudienzeit darf um ein Semester überschritten werden und der Wohnkostenzuschuss wurde um 20 Euro erhöht. Insgesamt also viele kleine Teilverbesserungen, die man auch würdigen muss. Kompliziert ist das System leider trotzdem geblieben – ein weiterer, wesentlicher Grund, warum Studierende den Antrag auf BAföG scheuen.

Zudem gibt es die neue Studienstarthilfe. Was genau ist das?
Studienanfänger:innen, die vor ihrem Studium staatliche Transferleistungen wie Bürgergeld erhielten, können eine einmalige Studienstarthilfe von 1000 Euro bekommen, die auch nicht zurückgezahlt werden muss. So können die ersten Anschaffungen zum Studienbeginn etwas leichter fallen.

Im aktuellen Koalitionsvertrag steht: Der Grundbedarf soll dauerhaft an das Grundsicherungsniveau angepasst werden. Was heißt das konkret für BAföG-Empfänger:innen?
Die BAföG-Bedarfssätze liegen derzeit unter denen des Bürgergelds und das ist falsch. Hier muss es endlich zur Angleichung kommen. Studierende sind ja nicht weniger Menschen als Nicht-Studierende.

Die für das BAföG zuständige Ministerin Dorothee Bär hat kürzlich über die Einführung eines BAföG-Chatbots gesprochen. Was halten Sie von dieser Idee?
Wir im studierendenWERK Berlin würden uns natürlich am liebsten damit brüsten, dass das unsere Idee war. Wir sind aber nicht die einzigen, die an der Idee herumgedacht und sogar schon erste Versuche mit KIs gestartet haben. Die Kolleginnen und Kollegen der Plattform „Studis Online“ haben sogar schon eine Testversion online und auch Forschende von Fraunhofer FIT haben diese Idee längst ins Spiel gebracht. Wir wissen: Die Angst vor Schulden ist nicht der einzige Grund, warum Studierende, die BAföG-Anspruch hätten, keinen Antrag stellen. Systemisch sind da einfach zu viele Hürden. Ehrlich gesagt fällt es sogar mir schwer, die Erklärtexte im Digitalportal zu verstehen. Wir können aber nicht alle Antragsteller:innen einzeln beim Beantragen betreuen, das schaffen die Ämter einfach nicht. Wenn hier eine KI automatisiert dabei hilft, diese ganzen Behörden-Texte so zu übersetzen, dass klar ist, was man machen muss, wäre das ein echter Fortschritt! Jetzt braucht es noch einen datenschutzsicheren Weg, diese Anwendungen allen Studierenden zugänglich zu machen. Der findet sich auf jeden Fall, und ich bin überzeugt: Die nötigen Investivmittel hat Frau Bärs Ministerium definitiv im Budget.

Wie könnte Ihrer Meinung nach denn ein „BAföG der Zukunft“ aussehen?
Ein wirklich zukunftsfähiges BAföG ist meiner Meinung nach so einfach geregelt, dass der Prozess der Antragsprüfung automatisiert werden kann. Erst dann geht das Ganze so schnell, dass es den Erwartungen der heutigen Generation tatsächlich gerecht wird. Realistischerweise glaube ich nicht, dass mit der nächsten Reform eine ganz neue Zukunfts-Version entwickelt ist und wirksam wird. Freuen würde ich mich daher schon, wenn die versprochene Anpassung an die Grundsicherung kommt, eine Anpassung der Wohnpauschale an die regionale Wohnsituation – die vor allem in Großstädten deutlich mehr verlangt als die bisherigen 380 Euro Zuschuss zur Miete –  und wenigstens ein paar Verwaltungsvorschriften vereinfacht würden.

Neben fehlenden digitalen Möglichkeiten werden auch häufig lange Bearbeitungszeiten bemängelt. Was steckt dahinter?
Grundlegend gibt es die Möglichkeit, BAföG digital zu beantragen. Die Bearbeitung ist jedoch vielerorts noch analog. Da müssen die digitalen Dokumente dann ausgedruckt und in physische Akten überführt werden. Es wäre aber falsch, die langen Bearbeitungszeiten nur aufs Ausdrucken zu schieben. Wenn ich als menschlicher Sachbearbeiter die vielen Unterlagen dann zwar nicht mehr auf Papier sortieren und sichten muss, sondern mir stattdessen ganze viele PDFs oder JPGs sortiere – wie viel schneller bin ich dann wirklich? Mit der Digitalisierung muss eine Automatisierung erfolgen, idealweise eine intelligente Auslesung der in den Dokumenten enthaltenen Informationen, eine technisch gestützte Vor-Interpretation der Daten sozusagen. Erst dann können Förderentscheide schneller getroffen werden. Damit das geht, müssen die Verfahren simpel genug sein. Wir haben sehr viele Studierende, die den Antrag digital gestellt haben und zwei Tage später anrufen, ob denn jetzt der Bescheid fertig sei. Aktuell benötigen wir für einen Antrag im Schnitt acht bis zehn Wochen. Solche Erwartungen lassen sich nur dann erfüllen, wenn Automatisierung den Sachbearbeitenden dabei hilft, Hunderte von sehr umfangreichen Anträgen zu sichten und zu prüfen.

Wie können die Studierendenwerke jungen Menschen bei der Antragsstellung helfen?
Wir versuchen, die Komplexität für die Studis zu reduzieren, ihnen die Angst vorm Antrag zu nehmen. Wir beraten, wir bieten Online-Sprechstunden, wir informieren auf unseren Social-Media-Kanälen, wir produzieren Schritt-für-Schritt-Anleitungen und „How-Tos“. Alle erreichen wir damit leider nicht, dafür sind es zu viele individuelle Einzelfragen. Ein Bot könnte uns dort wirklich eine Riesenhilfe sein.

Was geben Sie jemandem mit, der noch zweifelt, ob sich ein Antrag trotz des Aufwandes und der Rückzahlung für ihn lohnt?
Wer sich Sorgen macht, dass er gar nichts bekommt, sollte mal das Wort „BAföG-Rechner“ googeln. Das ist eine Anwendung, die anhand der eingegebenen Infos ausrechnet, was rauskommen könnte. Auch die funktioniert nicht hürdenfrei, die Angaben der Eltern muss man trotzdem kennen. Aber immerhin. Aus eigener Erfahrung kann ich sagen: Die Rückzahlung lässt sich wirklich gut managen. Und das sage ich als jemand, der damals den Höchstsatz erhalten hat. Ich empfand die Rückzahlung finanziell machbar, obwohl ich da noch Berufsanfängerin war.

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Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.