Interview

Wohnungslosigkeit bei jungen Menschen: Nadine Guhl von „Off Road Kids“ im Interview

Ein junger Mann läuft mit Rucksack draußen während des Sonnenuntergangs
Immer mehr junge Menschen sind von Wohnungslosigkeit betroffen. Die Beratungsstelle „Off Road Kids“ will helfen.
Jule Noike, funky-Jugendreporterin
(c) Nadine Guhl

Die Zahl wohnungsloser junger Menschen nimmt zu. Das macht die Arbeit von Beratungsstellen wie der „Off Road Kids Stiftung“ immer wichtiger. Die deutsche Hilfsorganisation unterstützt Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene, die von Obdachlosigkeit betroffen oder bedroht sind. Ihr Ziel ist es, jungen Menschen einen Weg zurück in ein sicheres Leben zu ermöglichen. Als Sozialarbeiterin und Suchtberaterin leitet Nadine Guhl die Niederlassung der „Off Road Kids“ in Dortmund. Im Interview erzählt sie, mit welchen Sorgen junge Menschen sich an sie wenden und wie die Beratungsstation weiterhilft.

Frau Guhl, laut der Bundesregierung hat sich die Zahl wohnungsloser Minderjähriger zwischen 2022 und 2025 fast verdreifacht. Auch in der Altersgruppe zwischen 18 und 25 Jahren wird Wohnungslosigkeit ein immer größeres Problem. Sehen Sie diese Entwicklung auch in der Beratungsstelle?
Nadine Guhl: Wir bemerken einen Anstieg der Hilfesuchenden. Das zeigt sich auch in den Arbeitskreisen, in denen wir uns mit anderen Hilfsorganisationen austauschen. Man darf auch die Dunkelziffer und verdeckte Obdachlosigkeit nicht vergessen, weil es nach wie vor viele Betroffene gibt, die gar nichts von vorhandenen Beratungsstellen wissen.

Was sind die größten Sorgen der jungen Menschen, die zu Ihnen in die Beratungsstation kommen?
Zum einen existenzielle Ängste. Die Fragen nach dem Schlafplatz für die Nacht oder wie man die nächste Mahlzeit bezahlen soll zählen zu den grundlegenden Sorgen vieler junger Menschen. Aber auch die psychische Gesundheit ist ein großes Thema bei uns in der Beratung. Häufig belasten Schamgefühle, Selbstzweifel oder Kindheitstraumata die Betroffenen. Zudem ruft die Bürokratie in vielen jungen Menschen ein Gefühl der Überforderung hervor.

Häufig spielen dysfunktionale Familienstrukturen eine große Rolle. Das können zum Beispiel Suchtprobleme, die Überforderung der Eltern oder häusliche Gewalt sein.

Nadine Guhl

Die Regierung begründet den Anstieg mit der zunehmenden Wohnungsnot und der großen Anzahl ukrainischer Kriegsflüchtlinge. Welche Gründe nennen die Jugendlichen, die in die Beratungsstelle kommen, für ihre Wohnungslosigkeit?
Häufig spielen dysfunktionale Familienstrukturen eine große Rolle. Das können zum Beispiel Suchtprobleme, die Überforderung der Eltern oder häusliche Gewalt sein. Neben diesen familiären Problemlagen sind auch strukturelle Probleme ein Auslöser für den Wohnungsverlust, beispielsweise die Beendung von Jugendhilfe.

Welche Rolle spielen psychische Erkrankungen bei den Jugendlichen, die zu Ihnen kommen?
Sehr viele der jungen Menschen haben mit starken Selbstzweifeln, Scham und Versagens- und Zukunftsängsten zu kämpfen und bekommen zudem nur wenige bestärkende Worte aus ihrem Umfeld. Auch die Flucht in Sucht ist ein Thema, da hinter einem solchen Verhalten psychische Probleme verborgen sein können.  

Welche Auswirkungen hat Wohnungslosigkeit auf Schule, Ausbildung oder soziale Kontakte?
Massive Auswirkungen! Die Wohnungslosigkeit bringt die jungen Menschen in eine ständige Drucksituation, die es kaum möglich macht, sich auf Schule zu konzentrieren. Oft fehlt auch einfach der ungestörte Raum zum Lernen, weswegen leider viele Betroffenen die Schule ohne Abschluss verlassen. Genauso leiden auch die sozialen Kontakte. Wir sehen nicht nur vermeintliche Freundschaften an dieser harten Situation zerbrechen, sondern beobachten eine zunehmende Isolation. Viele schotten sich aus Scham und Angst vor Beurteilung von ihrem Umfeld ab.

Welche Angebote gibt es in den Beratungsstellen konkret für die jungen Menschen?
Im Vordergrund steht immer die Unterstützung beim Beantragen staatlicher Hilfe zu beantragen und das Absichern der Grundbedürfnisse, also eine sichere Unterkunft, Verpflegung, Kleidung. Bei vielen Stellen von „Off Road Kids“ kann man eine postalische Erreichbarkeit einrichten lassen und bekommt Hilfe beim Kontakt mit den Behörden. Unsere Angebote sind niederschwellig und basieren auf Freiwilligkeit, weil es uns wichtig ist, die Autonomie der Heranwachsenden zu fördern. Wir begleiten zu Terminen bei den Behörden, zu Wohnungsbesichtigungen oder gesundheitlichen Einrichtungen und unterstützen auch bei Bewerbungen. Aber selbst, wenn wir gerade vielleicht nicht direkt Zeit haben, leisten wir immer Akuthilfe und vermitteln an andere Anlaufstellen aus unserem großen Netzwerk. Durch das PREJOB-Projekt gibt es außerdem die Möglichkeit, Schulabschlüsse ohne Druck und dem eigenen Tempo angepasst nachzuholen.

Wir wünschen uns, dass mehr sozialer Wohnungsraum geschaffen wird und zum Beispiel auch leerstehende Immobilien umgebaut und jungen Menschen zugänglich gemacht werden.

Nadine Guhl

Gibt es zusätzlich eine Möglichkeit, online oder anonym mit Ihnen in Kontakt zu treten?
Über unsere Webseite sofahopper.de kann man sich deutschlandweit bei uns melden. Dort kann man anonym mit uns chatten, eine Anfrage auf Rückruf stellen oder uns per Mail kontaktieren. Aber auch im Büro kann man ganz unverbindlich anonym beraten werden und sich dann überlegen, ob man weiter mit uns arbeiten möchte.

Welche Hürden gibt es für junge Menschen, Hilfe anzunehmen?
Durch schlechte Erfahrungen in der Vergangenheit wird das Misstrauen bei vielen jungen Menschen zu einem großen Hindernis. Zusätzlich wissen einige gar nicht, dass es Stationen gibt, die sie unterstützen könnten und fühlen sich überfordert mit den komplizierten Anträgen, die sie für Hilfsleistungen stellen müssen.

Die Off Road Kids Stiftung unterstützt junge Menschen dabei wieder einen festen Wohnsitz zu finden. Doch häufig sind die Probleme der Betroffenen viel komplexer und enden nicht mit einem Mietvertrag. Wie hilft Off Road Kids dabei, langfristig ein stabiles Umfeld aufzubauen?
Unsere Unterstützung geht über die Wohnungssuche hinaus und umfasst zum Beispiel die Suche nach einem Therapieplatz oder den Umgang mit Schulden nach dem Einzug. Ich bezeichne das gerne als „Ankerfunktion“, denn wir vermitteln den jungen Menschen, dass sie sich immer bei uns melden können. Auch, wenn sie bereits seit einigen Jahren eine Wohnung haben und plötzlich wieder Hilfe benötigen, oder auch, um uns von ihren Erfolgen zu erzählen. Durch ein Feedback System melden wir uns bei längerem inaktivem Kontakt und versichern uns, ob noch Hilfe gebraucht wird oder nicht.

Was braucht es von Seiten der Politik, um die Jugendlichen, aber auch die Beratungsstellen besser zu unterstützen?
Wir wünschen uns, dass mehr sozialer Wohnungsraum geschaffen wird und zum Beispiel auch leerstehende Immobilien umgebaut und jungen Menschen zugänglich gemacht werden. Das Schlüsselwort in sämtlichen Prozessen ist Partizipation. Nicht über junge Leute sprechen, sondern sie konkret fragen, was sie brauchen. Mein Appell lautet: Redet mit den betroffenen Menschen!

Was können Schulen oder nahstehende Personen tun, um gefährdete Jugendliche frühzeitig zu unterstützen?
Schulsozialarbeit sollte definitiv mehr Raum bekommen, da diese Personen nicht nur ein offenes Ohr bieten, sondern auch ein Netzwerk in der Stadt haben und die jungen Menschen an Beratungsstellen vermitteln können. Vertrauenslehrerkräfte sind ebenfalls eine tolle Möglichkeit. Allgemein gilt: nicht wegschauen, kleine Hinweise ernst nehmen und der betroffenen Person signalisieren, dass sie nicht alleine ist!  

Du willst mehr? Du bekommst mehr!

Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.