Interview

„Safe-Space-Apotheken sind niedrigschwellige Lotsen für weitere Hilfsangebote“ 

Schild einer Apotheke
Safe-Space-Apotheken wollen niedrigschwellig helfen.
Larissa Menne, funky-Jugendreporterin
Cathrin Pelzer

Immer mehr junge Menschen fühlen sich im Alltag durch Stress in der Schule oder Ausbildung, familiäre Konflikte, Ängste oder soziale Unsicherheiten belastet. Gleichzeitig wissen sie häufig nicht, an wen sie sich wenden können. Genau hier setzt ein noch relativ neues Konzept an: Safe-Space-Apotheken. Sie sind niedrigschwellige, vertrauliche Anlaufstellen, die Orientierung bieten und den Weg zu weiterführenden Angeboten ebnen.

Eine der ersten Safe-Space-Apotheken gibt es in Bodenheim bei Mainz.  Ansgar und Cathrin Pelzer haben das Konzept in ihren Apothekenalltag integriert und sind jederzeit bereit, junge Menschen zu empfangen.. Im Interview erklärt Cathrin Pelzer, wie Safe-Space-Apotheken funktionieren, welche Rolle sie im Gesundheitssystem einnehmen und warum gerade Apotheken ein wichtiger erster Anlaufpunkt sein können. 

Frau Pelzer, was sind Safe-Space-Apotheken und welche Aufgaben ergeben sich daraus in Ihrem Apothekenalltag?
Cathrin Pelzer: Für unseren Apothekenalltag bedeutet das Konzept, dass wir neben der Erfüllung des gesetzlich vorgeschriebenen Beratungs- und Versorgungsauftrags ein niedrigschwelliges, vertrauliches Angebot für junge Menschen schaffen. Jugendliche können ohne Termin und auf Wunsch anonym mit ihren Problemen zu uns kommen. Hierbei ist unsere Aufgabe nicht Therapie oder Diagnostik, sondern Zuhören, Stabilisieren, Fragen beantworten und gegebenenfalls in eine Therapie zu begleiten. Wir helfen dabei, den nächsten sinnvollen Schritt zu finden. Das kann beispielsweise der Kontakt zu einer Beratungsstelle, dem Jugendamt, der Schulsozialarbeit, einer Suchtberatung oder einem Krisendienst sein. Wichtig ist: Nichts geschieht ohne Zustimmung des jungen Menschen.

Wie ist das Konzept zu Safe-Space-Apotheken entstanden und wie wird es finanziert?
Entstanden ist das Konzept aus der Arbeit der Jugendbewegung 
„OurGenerationZ“. Viele Jugendliche wenden sich digital und anonym mit Sorgen oder Belastungen an diese Adresse. Daraus entstand die Frage: Wie kommt man vom digitalen Vertrauen zu echter Hilfe vor Ort? Die Antwort war: über Apotheken als vertraute, wohnortnahe und niedrigschwellige Orte. Finanziell wünschen wir uns noch stärkere regionale Unterstützung. Gemeinsam mit allen Standorten arbeiten wir daran, die Safe-Space-Apotheke perspektivisch in die Regelversorgung zu bringen. Es ist wichtig, junge Menschen nicht allein zu lassen, wenn sie überfordert sind und nicht wissen, welchen Weg sie gehen sollen. Genau an dieser Stelle kann die Apotheke eine wichtige Brücke sein.

Viele Jugendliche wissen nicht, wohin sie sich wenden können, oder trauen sich nicht, selbst irgendwo anzurufen. In der Apotheke können sie erst einmal ankommen.

Cathrin Pelzer

Wie kann man sich ein Gespräch in der Safe-Space-Apotheke vorstellen?
Ein junger Mensch kann in die Apotheke kommen und sagen, dass er oder sie Hilfe braucht. Dann bieten wir ein offenes Gespräch an. Wir hören zu, fragen nach und überlegen gemeinsam, was helfen könnte. Vielleicht reicht erst einmal Orientierung. Vielleicht suchen wir gemeinsam eine Beratungsstelle heraus. Vielleicht führen wir auf Wunsch auch gemeinsam ein erstes Telefonat. Der junge Mensch entscheidet mit, was passiert.

Mit welchen Anliegen kommen junge Menschen zu Ihnen?
Häufig geht es um Situationen, in denen junge Menschen nicht wissen, wohin mit ihrem Problem. Das können Stress, familiäre Konflikte, Krankheits- oder Todesfälle in der näheren Umgebung, Mobbing, Einsamkeit, Ängste, depressive Verstimmungen, Suchtfragen oder Überforderung in Schule und Ausbildung sowie Fragen zu Verhütung, Ernährung und natürlich Gesundheit sein. Oft kommen Jugendliche nicht mit einer klaren Diagnose, sondern eher mit Sätzen wie: „Ich weiß nicht, ob ich hier richtig bin“ oder „Ich traue mich nicht, da alleine anzurufen“.

Welche Rolle nehmen Safe-Space-Apotheken in der Gesundheitslandschaft ein?
Wir verstehen uns als niedrigschwelliger Lotse in das bestehende Hilfesystem. Wir ersetzen keine Ärztinnen, Therapeuten oder Beratungsstellen, sondern machen diese Angebote leichter erreichbar und oft auch überhaupt erst bekannt.

Seit wann ist Ihre Apotheke eine Safe-Space-Apotheke und warum haben Sie sich dazu entschieden?
Unsere Apotheke ist seit Februar 2025 Safe-Space-Apotheke. Spätestens seit der Corona-Zeit nehmen wir eine steigende Anzahl von Psychopharmaka-Verordnungen und den Wunsch nach Unterstützung bei Stress und Schlaf wahr. Gerade junge Menschen brauchen Orte, an denen sie unkompliziert Hilfe finden, ohne bewertet zu werden.

Wie viele Personen führen in Ihrer Apotheke die Safe-Space-Gespräche und sind spezielle Schulungen erforderlich?
In unserer Apotheke sind aktuell vor allem zwei Kolleginnen und Kollegen für Safe-Space-Gespräche zuständig. Gleichzeitig ist das ganze Team sensibilisiert, damit jeder erste Kontakt empathisch und sicher aufgefangen werden kann. Zur Vorbereitung gibt es Schulungen, Infomaterialien, Leitfäden und Unterstützung beim Aufbau regionaler Hilfestrukturen.

In der Safe-Space-Rolle endet unsere Unterstützung dort, wo Therapie, Diagnostik oder Krisenintervention notwendig wird.

Cathrin Pelzer

Welche Zielgruppen werden angesprochen?
Angesprochen werden vor allem Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene mit psychischen, sozialen oder familiären Belastungen. Das können Stress, Einsamkeit, Mobbing, Ängste, Konflikte zu Hause, Probleme in Schule oder Ausbildung, Suchtfragen oder andere Überforderungssituationen sein. Natürlich sind auch Eltern, Schulen und lokale Hilfesysteme als Teile des Netzwerks angesprochen.

Wie wird das Angebot bisher angenommen?
Das Angebot wächst über Vertrauen. Es ist nicht so, dass Jugendliche automatisch am ersten Tag in großer Zahl gekommen sind. Aber die sichtbare Kennzeichnung als Safe-Space-Apotheke setzt ein wichtiges Signal: Hier wird niemand verurteilt, hier darf man sich melden. Bei uns wird das Angebot langsam angenommen. Besonders wichtig ist, dass Jugendliche, Eltern, Schulen und regionale Partner wissen, dass es dieses Angebot gibt, damit es genutzt wird.

Wo endet Ihre Unterstützung und wann verweisen Sie an andere Stellen weiter?
In der Safe-Space-Rolle endet unsere Unterstützung dort, wo Therapie, Diagnostik oder Krisenintervention notwendig wird. Ist Beratung, Training oder auch Coaching im Rahmen der jeweiligen Spezialausbildungen der Apothekenmitarbeitenden gewünscht, stehen auch diese Dienstleistungen zur Verfügung.

Was möchten Sie Jugendlichen mitgeben, die sich vorstellen können, eine Safe-Space-Apotheke zu besuchen, sich aber aktuell noch nicht trauen?
Du musst nicht genau wissen, was du sagen sollst. Du musst auch nicht beweisen, dass dein Problem schlimm genug ist. Es reicht, wenn du sagst: „Ich brauche Hilfe“ oder „Ich habe den Safe-Space-Hinweis gesehen“. Du kannst anonym bleiben, und es passiert nichts über deinen Kopf hinweg. Wir hören zu und schauen gemeinsam, welcher nächste Schritt für dich passt.

Du musst nicht genau wissen, was du sagen sollst. Du musst auch nicht beweisen, dass dein Problem schlimm genug ist.

Cathrin Pelzer

Wo endet Ihre Unterstützung und wann verweisen Sie an andere Stellen weiter? 
In der Safe-Space-Rolle endet unsere Unterstützung dort, wo Therapie, Diagnostik oder Krisenintervention notwendig wird. Wir hören zu, geben Orientierung und helfen beim ersten Schritt, aber wir behandeln nicht. Ist Beratung, Training oder auch Coaching im Rahmen der jeweiligen Spezialausbildungen der Apothekenmitarbeitenden gewünscht, stehen auch diese Dienstleistungen zur Verfügung. 

 Sollten zukünftig noch mehr Apotheken Safe-Space-Apotheken werden? 
Ja, unbedingt, wenn sie gut vorbereitet und regional vernetzt sind. Apotheken sind niedrigschwellig, wohnortnah und vertraut. Gerade deshalb können sie jungen Menschen helfen, die erste Hürde zu überwinden. Je mehr Safe-Space-Apotheken es gibt, desto dichter wird das Netz früher Unterstützung. Das Ziel ist nicht, neue Parallelstrukturen zu schaffen, sondern vorhandene Hilfen besser erreichbar zu machen. 

Was möchten Sie Jugendlichen mitgeben, die sich vorstellen können, eine Safe-Space-Apotheke zu besuchen, sich aber aktuell noch nicht trauen? 
Du musst nicht genau wissen, was du sagen sollst. Du musst auch nicht beweisen, dass dein Problem schlimm genug ist. Es reicht, wenn du sagst: „Ich brauche Hilfe“ oder „Ich habe den Safe-Space-Hinweis gesehen“. Du kannst anonym bleiben, und es passiert nichts über deinen Kopf hinweg. Wir hören zu und schauen gemeinsam, welcher nächste Schritt für dich passt. Safe Space ist kein einzelnes Schild im Schaufenster, sondern Teil einer größeren Idee. Junge Menschen sollen nicht allein bleiben, wenn sie überfordert sind oder den Weg durch das Hilfesystem nicht finden. Die Apotheke ist dabei ein realer Ankerpunkt vor Ort:  niedrigschwellig, vertraulich und nah am Alltag der Jugendlichen. Genau darin liegt die Stärke des Konzepts. Junge Menschen können sich auch selbst bei der Jugendbewegung „OurGenerationZ“ engagieren und ihre Ideen einbringen. 

Du willst mehr? Du bekommst mehr!

Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.