Interview

Antisemitismus: „Informieren, bilden, widersprechen“

Die Neue Synagoge in Berlin
Antisemitische Vorfälle haben in Deutschland stark zugenommen.
Feliks Thiele, funky-Jugendreporter

Der Politikwissenschaftler Samuel Salzborn ist seit August 2020 der Antisemitismusbeauftragte des Landes Berlin. In seinem Amt koordiniert er Maßnahmen zur Antisemitismusprävention und -bekämpfung und entwickelt das Berliner Landeskonzept gegen Antisemitismus kontinuierlich weiter. Im Interview erklärt er, wieso Differenzierungen in der Antisemitismus-Debatte wichtig sind und wo Präventionsarbeit beginnen muss.

Samuel Salzborn
(c) DPA

Herr Salzborn, wie würden Sie jungen Menschen in einfachen Worten erklären: Was ist Antisemitismus?
Samuel Salzborn: Antisemitismus ist Hass auf Juden. Da Antisemitismus aber nicht einfach ein Vorurteil, sondern ein Weltbild ist, ist er noch mehr: Als kognitives und emotionales Weltbild ist er ein allumfassendes System von Ressentiments und (Verschwörungs-)Mythen.

Die Zahl der antisemitischen Straftaten ist in den vergangenen Jahren deutlich angestiegen. Wie bewerten Sie diese Entwicklung für Berlin und was sind aus Ihrer Sicht die Ursachen dafür?
In der Politikwissenschaft nennen wir das „Gelegenheitsstrukturen“: Antisemitische Einstellungen sind in der Gesellschaft vorhanden, aber ob sie in der Öffentlichkeit geäußert werden, hat etwas mit den sozialen Rahmenbedingungen zu tun, die den Raum dafür schaffen. Seit dem 7. Oktober 2023, dem Terrorangriff der Hamas auf Israel, fühlen sich Antisemitinnen und Antisemiten im Aufwind – und das führt zu einem Prozess immer weiter zunehmender antisemitischer Radikalisierung, bis hin zu Gewalt.

Während Menschen mit antisemitischen Einstellungen in einem kleinen Dorf hoffentlich in der Minderheit sind, finden sie online hunderte Gleichgesinnte, die sie in ihrem Wahnweltbild bestärken.

Samuel Salzborn

In der öffentlichen Debatte wird häufig zwischen rechtsextremem, islamistischem und israelbezogenem Antisemitismus unterschieden. Was unterscheidet diese Formen, wie relevant sind diese Differenzierungen für die Präventionsarbeit und wo sehen Sie derzeit besondere Herausforderungen?
Grundsätzlich sind sie relevant, weil sich Antisemitismus in unterschiedlichen politischen Milieus unterschiedlich äußert – und weil Antisemitismus in jedem Milieu auch eine eigene Geschichte hat. Wir erleben aber seit dem 7. Oktober 2023 eine fundamentale Veränderung, die sich etwa in Form von antisemitischen Versammlungen und antisemitischen Schmierereien zeigt: Die politischen Milieus verschmelzen, und mit ihnen auch die verschiedenen Formen des Antisemitismus. Über eine propalästinensische Projektionsfläche verbindet sich Israelhass mit Islamismus, mit Schuld- und Erinnerungsabwehr und Täter-Opfer-Umkehr, aber auch mit antiimperialistisch-postkolonialem Antisemitismus.

Viele junge Menschen informieren sich primär über soziale Medien. Welche Rolle spielen Plattformen wie TikTok oder Instagram bei der Verbreitung antisemitischer Narrative?
Social Media ist nicht nur ein virtueller Brandbeschleuniger, sondern fungiert leider auch als antisemitische Vernetzungsplattform: Während Menschen mit antisemitischen Einstellungen in einem kleinen Dorf hoffentlich in der Minderheit sind, finden sie online gleich hunderte Gleichgesinnte, die sie in ihrem Wahnweltbild bestärken und dazu beitragen, dass die Verbindung zur Realität immer brüchiger wird, bevor sie irgendwann reißt. Die antisemitische Seite interessiert sich nicht für Argumente. Widerlegt man einen Verschwörungsmythos argumentativ, sind schon wieder fünf neue vorhanden.

Wichtig ist, dass Lehrkräfte damit professionell umgehen und klar machen: Es gibt keine Toleranz für Antisemitismus. Denn auch ein scheinbar salopper Witz mit antisemitischem Motiv ist eben nicht witzig, sondern antisemitisch.

Samuel Salzborn

Schulen berichten vermehrt von antisemitischen Vorfällen im Unterricht oder auf dem Schulhof. Was hören Sie aus Berliner Bildungseinrichtungen – und wo sehen Sie strukturellen Handlungsbedarf?
Seit dem 7. Oktober 2023 ist es in allen Berliner Bezirken und in allen Schultypen zu antisemitischen Vorfällen gekommen. Wichtig ist, dass Lehrkräfte damit professionell umgehen und klar machen: Es gibt keine Toleranz für Antisemitismus. Denn auch ein scheinbar salopper Witz mit antisemitischem Motiv ist eben nicht witzig, sondern antisemitisch. An solchen vermeintlichen Kleinigkeiten lässt sich dann das ganze Thema und seine Geschichte auffächern: Denn der Witz grenzt aus, diskriminiert, beleidigt – was man im Unterricht einordnen und kontextualisieren kann. Berlin ist das erste Bundesland, das zum kommenden Schuljahr das Thema Antisemitismus in mehreren Bereichen in den Rahmenlehrplänen verankert hat. Jetzt werden die Schülerinnen und Schüler auch etwas über die Vorgeschichte sowie die Nachgeschichte des Nationalsozialismus oder etwa über Antisemitismus im Kontext des Nahost-Konflikts lernen.

Welche Möglichkeiten gibt es außerhalb der Schule, junge Menschen über das Thema aufzuklären? Haben Sie Empfehlungen?
Für einen schnellen Einstieg eignen sich die Angebote der Bundeszentrale für politische Bildung, dort finden sich online viele Beiträge über unterschiedliche Aspekte des Antisemitismus – und Hinweise auf weiterführende Literatur.

Nach dem 7. Oktober 2023 haben sich viele jüdische Berlinerinnen und Berliner unsicherer gefühlt. Hat sich das Sicherheitsgefühl aus Ihrer Sicht langfristig verändert?
Nein, die zunehmende Verbreitung von Antisemitismus hält leider an. Man stelle sich doch nur einmal vor, man müsste den Vornamen in einer Essensbestell-App ändern oder darauf achten, dass die Halskette, an der ein kleiner Davidstern hängt, bloß nicht unter dem T-Shirt hervorrutscht. Diese Alltagsverletzlichkeiten sitzen tief, sie werden aber auch immer wieder bestärkt, etwa wenn es bei der Berlinale zu antisemitischen Vorfällen kommt, wenn an Hochschulen die antisemitische Agitation laut und aggressiv vorgetragen wird – und dann noch allerorten Verständnis für die israelfeindliche Agitation geäußert wird, aber kaum noch jemand Antisemitismus öffentlich kritisiert.

Was würden Sie jungen Menschen raten, die antisemitische Aussagen im Freundeskreis oder online erleben und unsicher sind, wie sie reagieren sollen?
Informieren, bilden, widersprechen. Und wenn es um Straftaten geht: Diese sollten immer bei der Polizei angezeigt werden.

Zum Verständnis

Antiimperialistisch-postkolonialer Antisemitismus beschreibt eine Form des Antisemitismus, bei der Israel oder Jüdinnen und Juden pauschal als Symbol für Kolonialismus, Unterdrückung oder „westliche Macht“ dargestellt werden.

Propalästinensische Projektionsfläche bedeutet, dass auf das Thema Palästina in Debatten oft politische, emotionale oder ideologische Positionen übertragen werden, die nicht immer direkt mit der tatsächlichen Situation vor Ort zu tun haben.
 
Schuld- und Erinnerungsabwehr meint, dass historische Verantwortung – etwa für die Verbrechen des Nationalsozialismus – verdrängt, relativiert oder aktiv abgewehrt wird, um sich nicht mit dieser Vergangenheit auseinandersetzen zu müssen.

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Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.