Interview

Essstörungen: „Viele Betroffene reagieren erstmal mit Ablehnung“ 

Eine Frau sitzt mit einem Teller Suppe am Tisch und legt ihren Kopf auf den Tisch.
Betroffene von Essstörungen zeigen oft erst spät eine Krankheitseinsicht.
Ayla Emma Askin, funky-Jugendreporterin


Essstörungen wie Magersucht, Bulimie und Binge-Eating betreffen vor allem junge Menschen. Katharina Siehr ist Diplom-Sozialpädagogin und systemische Therapeutin. Seit über 15 Jahren begleitet sie Menschen mit Essstörungen und arbeitet aktuell bei Waage e.V., einem Fachzentrum für Essstörungen in Hamburg, das Betroffene, Angehörige und Fachkräfte berät und umfassende Unterstützung rund um das Thema anbietet. Im Interview spricht sie über die frühen Warnzeichen einer Essstörung und erklärt, wie Betroffene selbst einen Weg aus der Erkrankung herausfinden können.

Frau Siehr, wie läuft die Beratung bei Ihnen ab und an wen richtet sie sich?
Katharina Siehr: Wir haben ein Fachzentrum bei uns in Hamburg, das zum größten Teil von der Hamburger Sozialbehörde finanziert wird. Deshalb ist die Zielgruppe auf das Bundesland Hamburg begrenzt. Wir bieten eine Beratung für von Essstörungen Betroffene ab 18 Jahren sowie deren Angehörige an. Die Beratung ist kostenfrei und vertraulich. Insgesamt können wir bis zu zehn Termine anbieten – persönlich oder telefonisch. Außerdem haben wir eine Onlineberatung per Mail oder Chat, die für Menschen aus dem gesamten Bundesgebiet geöffnet ist.

Bemerken Sie in der Beratungsstelle einen Anstieg von Essstörungen?
Wir konnten in den letzten Jahren mehr Nachfrage verzeichnen. Es ist deutlich zu merken, dass viel mehr jüngere Menschen erkranken. Auch Eltern wenden sich vermehrt an uns. Während der Corona-Pandemie war der Anstieg besonders stark, da viele in psychische Not gerieten.

Wie entstehen Essstörungen?
Die Gründe sind vielfältig. Es gibt verschiedene Puzzleteile, die dazu beitragen, dass eine Essstörung entstehen kann. Zum einen sind das genetische Faktoren. Oft sind die Betroffenen sensibel veranlagt, nehmen Gefühle und Stimmungen sehr intensiv wahr. Es spielt aber auch eine Rolle, in welcher Gesellschaft die Menschen aufwachsen. Wir haben eine Gesellschaftsform, die sehr leistungs- und körperorientiert ist. Es gibt die Annahme, dünne Körper seien das Ideal. Auch die Lebensumstände sind relevant: Wie bin ich aufgewachsen? Wie sind meine Eltern mit dem Thema „Essen“ umgegangen? Wurde ich schon früh mit Diäten konfrontiert? Welche Schicksalsschläge musste ich ertragen? Gab es Traumatisierungen? Wurde ich gemobbt? Wir sehen die Essstörung dann als Lösungsversuch. Häufig beschreiben Betroffene, dass sie ein großes Gefühl von Kontrolle und Sicherheit erlangen. Sie merken: „Ach, das ist ein Bereich, auf den ich einen Einfluss habe, den ich irgendwie kontrollieren kann.“ Gefühle, die überfordernd sind, werden weniger wahrgenommen, wenn man sich ständig mit dem Essen beschäftigt.

Was sind Warnzeichen einer Essstörung?
Eine übermäßige Beschäftigung mit dem eigenen Körper und der Ernährung. Eine Fixierung auf Fragen wie: Was esse ich als Nächstes? Wie gestalte ich meine Mahlzeit? Wie viele Kohlenhydrate darf ich essen? Wie viel Fette? Auch Äußerungen wie „Ich bin zu dick“ oder „Ich muss dringend abnehmen“ können erste Warnhinweise sein. Außerdem ein sozialer Rückzug, eine starke Gewichtszunahme oder -abnahme, ein übertriebener Bewegungsdrang. Auf einmal geht jemand sechs Tage die Woche ins Fitnessstudio und sagt alle anderen Unternehmungen ab.

Und wie sollten Angehörige oder Bekannte reagieren, wenn sie solche Warnzeichen bei anderen Personen bemerken?
Wir ermutigen dazu, das Verhalten anzusprechen, es aber nicht zu bewerten oder Diagnosen zu stellen. Stattdessen sollte man eher eigene Gefühle, Sorgen und Beobachtungen teilen. Viele Betroffene reagieren erstmal mit Ablehnung und Angst. Die Krankheitseinsicht kommt gerade bei Essstörungen häufig erst sehr spät. Deswegen ist es gut, immer wieder in Kontakt zu treten und darum zu bitten, in einer Fachstelle abzuklären, ob Handlungsbedarf besteht. Eine medizinische Untersuchung wäre auch ein wichtiger Punkt, um abzuklären, ob der Körper schon Mangelerscheinungen zeigt. Man sollte darauf achten, ein vertrauliches Gespräch zu suchen und das Thema nicht in einer großen Gruppe ansprechen.

Was raten Sie jungen Menschen, die den Verdacht haben, unter einer Essstörung zu leiden oder eine Essstörung zu entwickeln?
Sich in der Onlineberatung zu melden und mit uns in Kontakt zu treten, damit wir schauen können, was eigentlich los ist. Je früher man interveniert, desto besser sind die Chancen, dass die Erkrankung nicht chronisch wird. Es ist wichtig, zu erkennen: „Okay, das ist ein Hinweis, dass es meiner Seele nicht gut geht“ und sich zu fragen: Was brauche ich eigentlich, anstatt mich in der Symptomatik zu verlieren? Brauche ich einen Ort, wo ich meine Ängste, Sorgen, Nöte loswerden kann?

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Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.