Interview

Warum fallen immer mehr junge Menschen durch die Führerscheinprüfung? Ein Fahrlehrer im Interview

Ein Fahrschulauto mit dem Schild "Fahrschule" auf dem Dach
Warum fallen immer mehr junge Menschen durch die Führerscheinprüfung?
Annelie Ahäuser, funky-Jugendreporterin

Während die Kosten für den Führerschein steigen, nimmt die Erfolgsquote ab.  Im Jahr 2024 fielen 41,3 Prozent der Prüflinge durch die theoretische und 30 Prozent durch die praktische Prüfung. Doch wieso scheitern so viele junge Menschen an der Führerscheinprüfung?  

Bernd Schilling ist seit über 40 Jahren als Fahrlehrer tätig – davon 30 Jahre selbstständig mit der „Fahrschule Schilling” in Bad Harzburg im Landkreis Goslar. Unzählige Fahrschülerinnen und Fahrschüler begleitete er bereits erfolgreich durch die Führerscheinprüfung, doch auch er bemerkt Veränderungen in der Fahrausbildung und sieht neue Herausforderungen. Die Gründe für die erhöhten Durchfallquoten sind vielfältig. Im Interview erklärt er, wie sich die Bedingungen und Erwartungen in der Fahrschule sowie das Lernverhalten der Fahrschülerinnen und Fahrschüler über die Jahre verändert haben.  

(c) Fahrschule Bernd Schilling

Lieber Bernd, jahrelange Erfahrung zeichnet dich aus – welche Entwicklungen sind bei den Fahrschülerinnen und Fahrschülern zu beobachten? 
Bernd Schilling: Ich beobachte, dass sich die generelle Sichtweise auf den Führerscheins verändert. Früher galt der Führerschein als ein Symbol für Unabhängigkeit. Viele wollten schnellstmöglich selbstständig und mobil sein. Die jungen Menschen erschienen aus Eigenantrieb zum Theorieunterricht, waren mit voller Konzentration dabei und hatten den Führerschein als großes Ziel vor Augen, weshalb meist eine Dauer der Fahrausbildung zwischen zwei und drei Monaten zu verzeichnen war. Heute bemerke ich vermehrt eine Interessenverschiebung und auch eine zeitliche Überlastung bei vielen Schülerinnen und Schülern. Schule, Hobbys und sozialen Kontakten sowie Verpflichtungen beanspruchen viele zeitlich und vor allem mental. Inzwischen benötigen die meisten um die acht bis neun Monate für die Ausbildung. 

Wie beeinflusst diese zeitliche Belastung die praktische Ausbildung? 
Sie erschwert die Terminfindung für die Fahrstunden. Viele können erst nach 16 Uhr fahren, während die Prüfungen meist im Vormittagsbereich liegen. Dadurch fehlt ihnen Erfahrung im dichten Vormittagsverkehr mit Müllabfuhren, Bussen oder Berufsverkehr. Wer nur am Nachmittag fährt, der erlebt deutlich weniger unterschiedliche Situationen – und genau darum geht es letztlich in der Fahrausbildung. In der praktischen Prüfung hat dies zur Folge, dass die Schülerinnen und Schüler selbstständig entscheiden müssen, wie sie handeln, und da liegt dann die Schwierigkeit. 

Siehst du auch das Smartphone als möglichen Einflussfaktor?  
Ja, definitiv.  Das fängt schon auf dem Beifahrersitz im Auto der Eltern an. Statt aufmerksam das Verkehrsgeschehen zu beobachten, geht der erste Griff direkt zum Smartphone. Auch in der Überbrückungszeit zwischen zwei Fahrschülerinnen und Fahrschülern beobachte ich das vermehrt.  Früher, wenn man vom nachfolgenden Fahrschüler Nachhause gefahren wurde, wurde die Situation beobachtet und mit Sätzen wie „Ach, den Fehler habe ich vorhin auch gemacht, mach dir keine Sorgen“ oder „Hier sind wir auch entlanggefahren“ kommentiert. Mittlerweile wendet sich der erste Blick dem Smartphone zu, die neuesten WhatsApp Nachrichten oder Instagram-Posts sind meist interessanter – ein Verhalten, das den Lerneffekt des Mitfahrens stark einschränkt.  

Auch die Wahl anderer Fortbewegungsmittels sorgt für geringere Vorerfahrung in der Fahrpraxis. Wenn das Fahrrad weniger genutzt wird, sammeln die Fahrschülerinnen und -schüler kaum erlebte Situationen. Die Ortskenntnis in der eigenen Heimat sinkt drastisch, wodurch Unsicherheiten in der Wegführung und Orientierung bei der praktischen Prüfung entstehen. 

Haben technische Veränderungen wie Parkassistenzsysteme Auswirkungen auf die Prüfung? 
Ob es nun einen direkten Einfluss auf die Prüfung hat, das weiß ich nicht. Die heutige Komplexität der Fahrschulwagen erfordert jedoch weitere Kenntnisse über die Bedienung. In all den vorhandenen Funktionen muss ausgebildet werden, da sie in der Prüfung abgefragt werden könnten. Dies beansprucht mehr Zeit bei der Abfahrtkontrolle, wofür eigentliche Fahrzeit verloren geht. Außerdem kommt bei vielen Schülerinnen und Schülern Überforderung hinzu, sodass diese Systeme teilweise eher für Verwirrung sorgen. 

Trägt auch der finanzielle Aspekt dazu bei, dass Fahrschülerinnen und -schüler stärker unter Druck stehen? 
Ich denke schon, dass bei einigen, die finanziell schlechter aufgestellt sind, in der praktischen Prüfung der Hintergedanke mitschwingt: „Wenn ich durchfalle, kann ich mir die zusätzliche Fahrstunde nicht leisten.“. Daraus resultiert natürlich ein gewisser Druck, möglichst wenige Fahrstunden absolvieren zu wollen, aber am Ende bestmögliche Leistung bieten zu können. Insgesamt kann man aber nicht von mehr Fahrstunden in der Summe sprechen, sondern der Preis pro Fahrstunde ist einfach gestiegen.   

Wird die neue Fahrschulreform deiner Einschätzung nach die Kosten sowie auch die Durchfallquote senken? 
Zu der Frage lassen sich erst einmal nur Prognosen und Vermutungen anstellen. Ich sehe jedoch zahlreiche Probleme bei der Änderung der Fahrausbildung. Den Theorieunterrichts auf selbstständiges Lernen in der App zu reduzieren, ohne Verpflichtung zur Teilnahme am Präsenzunterricht, führt meiner Ansicht nach zu einer fehlenden Verknüpfung von Theorie und Praxis, welche der Präsenzunterricht bislang herstellen konnte. Ich sehe bereits jetzt, dass das Wissen nach der theoretischen Prüfung aus dem Gedächtnis gerät und in der Praxis mehr Zeit in dieses Wissen investiert werden muss. Das kostet weitere Stunden und trägt kaum zu einer Kostenreduzierung bei.  

Auch Simulatoren könnten die Länge der Ausbildung verzögern, da das echte Fahrgefühl fehlt. Die Länge der praktischen Prüfung, die auf 25 Minuten heruntergesetzt wurde, ruft bei mir ebenfalls große Bedenken hervor. Es bleibt abzuwarten, wie die Fahrausbildung in Zukunft aussehen wird. Doch meiner Meinung nach ersetzt die Modernisierung nicht die Erfahrung. Eine realistische Prüfungsvorbereitung wird auch in Zukunft für den Erfolg der Fahrschülerinnen und Fahrschüler entscheidend sein. 

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