Flavia Nowak, funky-Jugendreporterin
Caro Schaeffler verpackt ihre Gefühle in Musik, als wolle sie sie in einem Marmeladenglas konservieren – aufdrehen, hören und fühlen, wieder zuschrauben. Die gebürtige Bonnerin und gelernte Kommunikationsdesignerin wurde als Influencerin und Model bekannt, die ihre Alltagsmomente auf Instagram kunstvoll mit alten Gemälden von Sandro Botticelli, Vincent Van Gogh oder Johannes Vermeer kombiniert. In der Musik macht sie etwas Ähnliches: Sie nutzt Romantisierung als stilistisches Mittel, um schwere Themen erträglich zu machen. Mit ihrer „eine kleine nacht ep“ öffnet sie ihre innere Welt und zieht Hörende mit hinein. Im Interview spricht Caro über Romantisierung und Selbstbestimmung.
Liebe Caro, welchen deiner Songs würdest du zeigen, um deine Welt zu erklären?
Caro Schaeffler: Die Hook von „wasserfarben“: „Mal mit bunten Farben/Über Risse in Fassaden/Verdeck meine Narben/Mit Acryl und Wasserfarben“. Der Song fasst meine Welt gut zusammen: schöne wie unschöne Alltagsmomente romantisieren und in Musik und Bilder übersetzen. Diese Verkünstelung macht die Wirklichkeit ein Stück erträglicher.
Du standest vor Kurzem das erste Mal auf der Bühne und hast gespielt. Was war deine größte Angst – und was war unerwartet?
Meine größte Angst war, mich zu blamieren – vor allem durch eine verzerrte Selbsteinschätzung. Ich hatte Angst, dass es schief klingt, zu stolpern und dass man mir die Nervosität ansieht. Deshalb habe ich mir aktiv vorgenommen, im Moment Spaß zu haben, und habe versucht, mich daran zu erinnern, wenn der Puls hochging. Die größte Überraschung war, dass ich wirklich Spaß hatte. Die ungefilterten Publikumsreaktionen waren ein ehrlicher Spiegel und haben sich so gut angefühlt. Und ich habe gemerkt, dass das Live-Singen mich in die ursprünglichen Gefühle zurückholt, mit denen die Songs geschrieben wurden.
Welches Feedback hat dich
bisher am meisten überrascht oder berührt?
Ich habe noch nie so ausführliche und persönliche Rückmeldungen bekommen wie auf meine Musik. Menschen schreiben mir lange Nachrichten, schildern den Moment des ersten Hörens und beschreiben, dass die Songs ihnen das Gefühl geben, nicht allein zu sein. Was mich besonders berührt hat: Eine Frau, die kein Deutsch spricht, singt die Lieder morgens mit ihrer Mutter in der Küche, um Deutsch zu lernen. Diese Vorstellung fühlt sich absurd und wunderschön zugleich an.
Wenn jemand nachts um 2 Uhr zum ersten Mal deine Musik hört: Was hoffst du, fühlt diese Person?
Idealerweise nimmt sie sich Zeit für die ganze EP und lässt sich in meine Welt einlullen. Entweder sieht oder fühlt sie, was ich beim Schreiben vor Augen hatte, oder sie überträgt es auf ihre eigenen Themen. Ich hoffe, die Musik klingt „schön“ und kann Schweres etwas leichter machen. Meine Musik soll sich wie eine Zuflucht in eine kleine eigene Welt anfühlen, ohne die Realität ausblenden zu müssen. Und vielleicht hilft sie sogar dabei, diese Realität ein Stück erträglicher zu machen.
Woran merkst du, wann ein Song fertig ist?
Mein Ziel ist es, ein Gefühl einzufangen. Erst wenn der Text rund ist und ich das Thema in Worten wirklich festgehalten habe, ist die erste Hürde genommen. Dann müssen Sound und Arrangement den Inhalt tragen. Fertig ist der Song, wenn beim Hören dieser „Aaah“-Moment passiert: Es klingt genau so, wie sich das Gefühl anfühlt, im Idealfall vor allem in der Hook. Wenn diese Momente da sind und das Ganze rund wirkt, bin ich zufrieden.
Dein Song „was ich dir noch sagen wollte“ wirkt wie ein Befreiungsmoment aus einer toxischen Beziehung. Man hört die Spannung zwischen Wut und Aufatmen. Hat sich die Bedeutung und Wahrnehmung des Songs für dich seit der Aufnahme verändert?
Ja. Die Befreiung von dieser Person hat schon vor dem Song stattgefunden, aber durch das Schreiben konnte ich meine Gefühle einfangen. So hole ich mir ein Stück Kontrolle über das Gefühl zurück. Mich zu trauen, den Song zu veröffentlichen, war ein weiterer Befreiungsschritt. Vielleicht hört die Person es – und das war mir plötzlich egal. Genau das hat mir gezeigt, dass ich mich weiterbewegt habe und näher bei mir bin. Das war richtig gut.
Was willst du jungen Menschen mitgeben, die vielleicht in einer ähnlichen Situation sind?
Entscheide dich kompromisslos für dich. Nimm deine Freund:innen als wohlwollenden Spiegel ernst und hör auf, die andere Person zu schützen, wenn sie dir schadet. Setz dir klare Grenzen: Wenn du deine eigene Realität infrage stellst – geh. Wenn du Angst vor jemandem hast – geh. Wenn dir gegenüber jemand respektlos ist – geh. Punkt.
In deinem Song „spieglein“ geht es um eine verzerrte Selbstwahrnehmung. Wie transportierst du hier den Moment, in dem aus Selbstkritik Selbstakzeptanz wird?
Beim Schreiben dachte ich nicht an „Heilung“. Die Themen Selbstwahrnehmung und Körperbild waren für mich lange schambehaftet. Der Kipppunkt kam beim Videodreh. Die Worte „Da ist nichts an mir was ich mag/Ich Schau Dich an du bist schön so schön/Ich frag mich ob du das überhaupt wahrnimmst/Dass alles an dir wie Gemalt ist“ in den Spiegel zu performen, mir in die Augen zu schauen und diese Worte zu sagen, hat mir erst die Härte meiner inneren Stimme gezeigt. Das hat mich zu Tränen gerührt und war heilsam zugleich. Im Song selbst spiegelt sich der Wandel klanglich: Das Aufgewühlte und Hektische kippt in etwas Schwebendes und Leichtes, sobald es um andere geht. Dort fühlt es sich stimmig und schön an. Wenn es wieder um mich geht, kommt die Schwere zurück. Ideal wäre, wenn beides gleich leicht klingen dürfte. Mit der Veröffentlichung ist viel Scham abgefallen. Ich stehe künstlerisch voll dazu, der Song spricht für sich.
Gab es beim Aufnehmen der EP einen völlig unromantischen Moment?
Ja, die Phase, in der ich due Songs fertig mache. Wenn alles steht und es technisch wird. Unromantisch ist auch der Release: Ab da wird der Song zum Produkt, messbar in Streams statt in Gefühlen. Trotzdem bin ich froh, es durchgezogen zu haben. Jetzt habe ich wieder Lust auf etwas Neues.
Hast du einen Lieblingssong auf deiner EP? Welcher ist es und was verbindest du mit ihm?
Die frischesten Songs ziehen mich am meisten an, weil sie aus einer aktuellen Emotion entstehen. Die höre ich dann sogar als unfertige Demos rauf und runter. „moonriver“ liebe ich, weil er dieses Treibenlassen erlaubt. „rosa“ mag ich auch sehr – beim Produzieren hatte ich da sehr stark dieses Gefühl eines perfekten Matches zwischen Gesagtem und dem, was die Musik auslöst. Insgesamt bin ich selten so stolz gewesen. Ich mag wirklich alle Songs.
Willst du noch was loswerden?
Bitte belächelt nicht pauschal Menschen mit Reichweite, die sich künstlerisch neu ausprobieren. Bewertet Inhalte für sich. Hört hin, schaut hin. Man muss es nicht feiern, aber wenigstens fair prüfen. Hinter der Musik stecken viel Mut und unsichtbare Arbeit. Ich habe zwar ein Management, finanziere aber alles selbst. Mir helfen tolle Leute und Freund:innen, aber niemand zieht im Hintergrund die Strippen.
Wer mehr von Caro hören und sehen möchte, findet sie auf Instagram unter: @caroschaeffler
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Caro Schaeffler verpackt ihre Gefühle in Musik, als wolle sie sie in einem Marmeladenglas konservieren – aufdrehen, hören und fühlen, wieder zuschrauben. Die gebürtige Bonnerin und gelernte Kommunikationsdesignerin wurde als Influencerin und Model bekannt, die ihre Alltagsmomente auf Instagram kunstvoll mit alten Gemälden von Sandro Botticelli, Vincent Van Gogh oder Johannes Vermeer kombiniert. In der Musik macht sie etwas Ähnliches: Sie nutzt Romantisierung als stilistisches Mittel, um schwere Themen erträglich zu machen. Mit ihrer „eine kleine nacht ep“ öffnet sie ihre innere Welt und zieht Hörende mit hinein. Im Interview spricht Caro über Romantisierung und Selbstbestimmung.
Liebe Caro, welchen deiner Songs würdest du zeigen, um deine Welt zu erklären?
Caro Schaeffler: Die Hook von „wasserfarben“: „Mal mit bunten Farben/Über Risse in Fassaden/Verdeck meine Narben/Mit Acryl und Wasserfarben“. Der Song fasst meine Welt gut zusammen: schöne wie unschöne Alltagsmomente romantisieren und in Musik und Bilder übersetzen. Diese Verkünstelung macht die Wirklichkeit ein Stück erträglicher.
Du standest vor Kurzem das erste Mal auf der Bühne und hast gespielt. Was war deine größte Angst – und was war unerwartet?
Meine größte Angst war, mich zu blamieren – vor allem durch eine verzerrte Selbsteinschätzung. Ich hatte Angst, dass es schief klingt, zu stolpern und dass man mir die Nervosität ansieht. Deshalb habe ich mir aktiv vorgenommen, im Moment Spaß zu haben, und habe versucht, mich daran zu erinnern, wenn der Puls hochging. Die größte Überraschung war, dass ich wirklich Spaß hatte. Die ungefilterten Publikumsreaktionen waren ein ehrlicher Spiegel und haben sich so gut angefühlt. Und ich habe gemerkt, dass das Live-Singen mich in die ursprünglichen Gefühle zurückholt, mit denen die Songs geschrieben wurden.
Welches Feedback hat dich bisher am meisten überrascht oder berührt?
Ich habe noch nie so ausführliche und persönliche Rückmeldungen bekommen wie auf meine Musik. Menschen schreiben mir lange Nachrichten, schildern den Moment des ersten Hörens und beschreiben, dass die Songs ihnen das Gefühl geben, nicht allein zu sein. Was mich besonders berührt hat: Eine Frau, die kein Deutsch spricht, singt die Lieder morgens mit ihrer Mutter in der Küche, um Deutsch zu lernen. Diese Vorstellung fühlt sich absurd und wunderschön zugleich an.
Wenn jemand nachts um 2 Uhr zum ersten Mal deine Musik hört: Was hoffst du, fühlt diese Person?
Idealerweise nimmt sie sich Zeit für die ganze EP und lässt sich in meine Welt einlullen. Entweder sieht oder fühlt sie, was ich beim Schreiben vor Augen hatte, oder sie überträgt es auf ihre eigenen Themen. Ich hoffe, die Musik klingt „schön“ und kann Schweres etwas leichter machen. Meine Musik soll sich wie eine Zuflucht in eine kleine eigene Welt anfühlen, ohne die Realität ausblenden zu müssen. Und vielleicht hilft sie sogar dabei, diese Realität ein Stück erträglicher zu machen.
Woran merkst du, wann ein Song fertig ist?
Mein Ziel ist es, ein Gefühl einzufangen. Erst wenn der Text rund ist und ich das Thema in Worten wirklich festgehalten habe, ist die erste Hürde genommen. Dann müssen Sound und Arrangement den Inhalt tragen. Fertig ist der Song, wenn beim Hören dieser „Aaah“-Moment passiert: Es klingt genau so, wie sich das Gefühl anfühlt, im Idealfall vor allem in der Hook. Wenn diese Momente da sind und das Ganze rund wirkt, bin ich zufrieden.
Dein Song „was ich dir noch sagen wollte“ wirkt wie ein Befreiungsmoment aus einer toxischen Beziehung. Man hört die Spannung zwischen Wut und Aufatmen. Hat sich die Bedeutung und Wahrnehmung des Songs für dich seit der Aufnahme verändert?
Ja. Die Befreiung von dieser Person hat schon vor dem Song stattgefunden, aber durch das Schreiben konnte ich meine Gefühle einfangen. So hole ich mir ein Stück Kontrolle über das Gefühl zurück. Mich zu trauen, den Song zu veröffentlichen, war ein weiterer Befreiungsschritt. Vielleicht hört die Person es – und das war mir plötzlich egal. Genau das hat mir gezeigt, dass ich mich weiterbewegt habe und näher bei mir bin. Das war richtig gut.
Was willst du jungen Menschen mitgeben, die vielleicht in einer ähnlichen Situation sind?
Entscheide dich kompromisslos für dich. Nimm deine Freund:innen als wohlwollenden Spiegel ernst und hör auf, die andere Person zu schützen, wenn sie dir schadet. Setz dir klare Grenzen: Wenn du deine eigene Realität infrage stellst – geh. Wenn du Angst vor jemandem hast – geh. Wenn dir gegenüber jemand respektlos ist – geh. Punkt.
In deinem Song „spieglein“ geht es um eine verzerrte Selbstwahrnehmung. Wie transportierst du hier den Moment, in dem aus Selbstkritik Selbstakzeptanz wird?
Beim Schreiben dachte ich nicht an „Heilung“. Die Themen Selbstwahrnehmung und Körperbild waren für mich lange schambehaftet. Der Kipppunkt kam beim Videodreh. Die Worte „Da ist nichts an mir was ich mag/Ich Schau Dich an du bist schön so schön/Ich frag mich ob du das überhaupt wahrnimmst/Dass alles an dir wie Gemalt ist“ in den Spiegel zu performen, mir in die Augen zu schauen und diese Worte zu sagen, hat mir erst die Härte meiner inneren Stimme gezeigt. Das hat mich zu Tränen gerührt und war heilsam zugleich. Im Song selbst spiegelt sich der Wandel klanglich: Das Aufgewühlte und Hektische kippt in etwas Schwebendes und Leichtes, sobald es um andere geht. Dort fühlt es sich stimmig und schön an. Wenn es wieder um mich geht, kommt die Schwere zurück. Ideal wäre, wenn beides gleich leicht klingen dürfte. Mit der Veröffentlichung ist viel Scham abgefallen. Ich stehe künstlerisch voll dazu, der Song spricht für sich.
Gab es beim Aufnehmen der EP einen völlig unromantischen Moment?
Ja, die Phase, in der ich due Songs fertig mache. Wenn alles steht und es technisch wird. Unromantisch ist auch der Release: Ab da wird der Song zum Produkt, messbar in Streams statt in Gefühlen. Trotzdem bin ich froh, es durchgezogen zu haben. Jetzt habe ich wieder Lust auf etwas Neues.
Hast du einen Lieblingssong auf deiner EP? Welcher ist es und was verbindest du mit ihm?
Die frischesten Songs ziehen mich am meisten an, weil sie aus einer aktuellen Emotion entstehen. Die höre ich dann sogar als unfertige Demos rauf und runter. „moonriver“ liebe ich, weil er dieses Treibenlassen erlaubt. „rosa“ mag ich auch sehr – beim Produzieren hatte ich da sehr stark dieses Gefühl eines perfekten Matches zwischen Gesagtem und dem, was die Musik auslöst. Insgesamt bin ich selten so stolz gewesen. Ich mag wirklich alle Songs.
Willst du noch was loswerden?
Bitte belächelt nicht pauschal Menschen mit Reichweite, die sich künstlerisch neu ausprobieren. Bewertet Inhalte für sich. Hört hin, schaut hin. Man muss es nicht feiern, aber wenigstens fair prüfen. Hinter der Musik stecken viel Mut und unsichtbare Arbeit. Ich habe zwar ein Management, finanziere aber alles selbst. Mir helfen tolle Leute und Freund:innen, aber niemand zieht im Hintergrund die Strippen.
Wer mehr von Caro hören und sehen möchte, findet sie auf Instagram unter: @caroschaeffler
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