Interview

Was verbirgt sich hinter der neuen AfD-Jugend?  

Andreas Haidvogl
Politikwissenschaftler Andreas Haidvogl klärt auf, was von der neuen AfD-Jugendorganisation zu erwarten ist.
Marie Wilken, funky-Jugendreporterin

Ende November wurde die neue AfD-Jugend „Generation Deutschland“ gegründet. Diese Gründung wirft bei vielen Menschen jede Menge Fragen auf.  Andreas Haidvogl ist Professor für Politikwissenschaft und lehrt im Interdisziplinären Studienbereich an der Hochschule Darmstadt, unter anderem zu den Themen Demokratie und Rechtsextremismus. Im Gespräch erklärt er, wie die AfD mit der neuen Jugendorganisation arbeiten möchte, welche Gefahren dies für die Demokratie hat und wie man mit dem Rechtsdruck in Europa umgehen sollte.  

Herr Haidvogl, warum hat sich die AfD von der „Jungen Alternative“ getrennt? 
Andreas Haidvogl: Das war vor allem ein strategischer Schachzug. Die Junge Alternative ist durch ihre extremistischen Tendenzen für die AfD zunehmend zu einem Problem geworden. Für die Partei ist es wichtig, den Schein des Demokratischen nach außen zu wahren. Und dabei ist die Jungen Alternative zu oft aus der Reihe getanzt. Das haben wir unter anderem durch extremistische Social-Media-Posts beobachten können. Das war nur einer der Gründe, wieso die Junge Alternative auf den Radar des Verfassungsschutzes geriet und als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wurde. Da es sich bei der Jungen Alternative um einen Verein handelte, wäre es für die staatliche Institutionen relativ einfach gewesen, diesen zu verbieten. Das war einer der wesentlichen Gründe für die Neugründung der Jugendorganisation – jetzt unter dem Namen „Generation Deutschland“. Diese Organisation befindet sich jetzt unter dem Dach der Partei und kann durch sie besser kontrolliert werden. Insofern ist es eher eine Schadensbegrenzung als eine tatsächliche inhaltliche Neuorientierung. 

Wie ordnet sich die Jugendorganisation im Vergleich zur AfD ein? 
Die Jugend-Organisationen aller Parteien sind traditionell ideologisch zugespitzter, progressiver und frecher als ihre Mutterparteien. Das ist in allen demokratischen Parteien unproblematisch. Aber gerade bei der AfD muss das besonders kritisch betrachtet werden, da bereits die AfD von Bundesverfassungsschutz in großen Teilen als gesichert rechtsextremistisch eingestuft wird. Bei der AfD-Jugendorganisation sehen wir eine nochmals ausgeprägtere Betonung der typischen AfD-Narrative: Volk, Migration, Identität, Kulturkampf und so weiter. Der Ton, der teilweise in Gießen angeschlagen wurde, war zwar in Teilen gezielt moderat, aber dahinter verstecken sich natürlich die alten radikalen Positionen. 

Welche strategischen Ziele verfolgt die AfD mit der Gründung der Jugendpartei? 
Das zentrale Ziel besteht sicherlich in der Gewinnung von politischem Nachwuchs und der Kaderbildung. Die AfD rechnet sich ganz konkrete Regierungschancen aus – entweder alleine oder als Koalitionspartner. In Mecklenburg-Vorpommern und Sachsen-Anhalt werden im kommenden Jahr die Landtage neu gewählt. Die aktuellen Hochrechnungen sehen die AfD für beide Bundesländer bei etwa 40 Prozent. Hier ist eine Regierung durch die AfD durchaus realistisch und dafür wird Personal gebraucht. Ein weiteres strategisches Ziel besteht darin, bereits junge Mitglieder schon frühzeitig im Sinne der Partei zu sozialisieren und auf das ideologische Gleis der AfD zu setzten. 

Welche Gefahren sehen Sie für die Demokratie bei der Gründung der AfD-Jugend?
Ich sehe da die gleiche Gefahr, die auch von der AfD generell ausgeht. Autoritäre Denkweisen sollen normalisiert und die Grenzen des Sagbaren verschoben werden. Bei der „Generation Deutschland“ sehen wir eine starke Verzahnung mit dem sogenannten Vorfeld. Dazu zählen Akteure und Netzwerke, die formell nicht zur AfD gehören, aber stark mit ihr verbunden sind. Dazu zählen beispielweise die Identitäre Bewegung, rechtsextreme Denkfabriken und informelle Netzwerke. Wir hören ja bereits jetzt in den Aussagen von Weidel, Chrupalla und Co. die Gedanken der Impulsgeber des Vorfeldes. Langfristig befürchte ich, dass es zu einer Erosion der demokratischen Grundwerte und Normen kommen könnte. 

Die AfD gehörte bei den letzten Wahlen zu den stärksten Parteien der Erstwähler zwischen 18 und 24 Jahren. Was könnte ein Grund für das Interesse von jungen Menschen sein?
Das ist eine extrem spannende und komplexe Frage. Tatsächlich haben wir gesehen – und es hat uns alle ein wenig überrascht – dass die AfD besonders bei der jungen Wählerschaft gepunktet hat. Schließlich könnte man davon ausgehen, dass gerade junge Menschen eher ein liberales und progressives Weltbild haben. Ganz offensichtlich ist das – zumindest bei einigen – nicht der Fall. Aktuelle Untersuchungen zeigen, dass viele junge Menschen große Zukunftsängste haben. Und die AfD ist Partei, die auf die komplexen, schwierigen Fragen unserer Zeit sehr einfache und vermeintlich passgenaue Antworten liefert. Außerdem inszeniert sie sich als Anti-Establishment-Alternative, was vielleicht gerade bei jungen Menschen auf fruchtbaren Boden fallen könnte. Darüber hinaus setzt die AfD ganz stark auf soziale Medien, um dort gezielt junge Wählerinnen und Anhänger zu gewinnen.  

Welche Narrative setzt die AfD dabei ein? 
Die rechtspopulistischen Narrative folgen einem einheitlichen Muster: Zuerst wird eine Krise beschworen – der politische, wirtschaftliche und kulturelle Untergang Deutschlands. Dann wird ein klares „Wir gegen sie“ konstruiert, das vermeintlich homogene Volk gegen die Eliten „da oben“ und gegen jene, die angeblich nicht dazugehören. Dabei wird diese Erzählung stark emotionalisiert. Die Frage der Migration steht dabei im Zentrum: Migration ist bei quasi allen politischen Problemen – sei es in der Wirtschafts-, Wohnungsmarkt- oder Bildungspolitik – stets die Hauptursache. Als scheinbar einfache Lösung wird dann von „Remigration“ gesprochen – ein sprachlich geschönter Begriff, denn eigentlich geht es um Deportationen. Ergänzt werden die Narrative durch einen romantisierenden Blick in die Vergangenheit, der Betonung alter Werte und Normen, die Stabilität versprechen sollen und als Gegenentwurf zu einer komplexen und offenen Gesellschaft dienen sollen. 

Wie politisiert und radikalisiert die AfD gezielt junge Menschen? Und was ist so gefährlich daran?
Soziale Medien sind hier das zentrale Vehikel. Es ist ja auch das Medium, in dem Zuspitzungen, Polarisierungen – nicht zuletzt aufgrund der Logik der eingesetzten Algorithmen – besonders gut funktionieren. Seitens der Rechtsextremen werden gerade junge Menschen als die letzte Bastion, die letzten Verteidiger gegen einen angeblichen gesellschaftlichen Untergang inszeniert. Das Gefährliche an dieser Geschichte ist, dass die Radikalisierung der jungen Menschen hier oftmals schleichend passiert, beispielsweise über den gezielten Einsatz von Memes, Spielen und über sprachliche Grenzverschiebung. Das heißt, es gibt nicht diese eine, konkrete Radikalisierungsstrategie, sondern es ist tatsächlich ein komplexer, vielschichtiger Prozess und deswegen auch nicht immer einfach zu lokalisieren. 

Wir erleben gerade einen generellen Rechtsdruck in Europa. Wie sollten wir mit diesem umgehen? 
Das ist die Königsfrage der gesamten Debatte – für Wissenschaft, Politik und Gesellschaft. Eine inhaltliche Auseinandersetzung ist notwendig, aber ohne die Übernahme rechter Deutungsmuster. Der Rechtsdruck darf nicht dazu führen, dass demokratische Prinzipien aufgeweicht werden. Demokratie braucht klare Grenzen gegenüber Menschenfeindlichkeit und Autoritarismus. Entscheidend sind politische Bildung von früh an, ein starker zivilgesellschaftlicher, gewaltfreier Widerstand und die konsequente Bearbeitung sozialer und wirtschaftlicher Probleme. Nur so kann langfristig das Vertrauen in demokratische Institutionen wieder gestärkt werden. 

Was können vor allem auch die jungen Menschen, für die Demokratie tun? 
Das ist jetzt eine Floskel, die ich als Antwort anbiete, aber das macht sie nicht weniger wahr: Demokratie beginnt für uns alle im Alltag und nicht erst an der Wahlurne. Demokratisches Engagement findet in vielen sozialen Räumen statt: in der Familie, in Vereinen, in Freundeskreisen. An diesen Orten muss diskutiert werden. Und an diesen Orten muss es auch demokratischen Widerspruch geben gegen Hass, Hetze, Ausgrenzung und Desinformationen. Wir müssen – freilich ohne die Grundlagen unserer Demokratie zur Disposition zu stellen – in den Dialog treten. Denn wer schweigt, überlässt den Raum denjenigen, die am lautesten schreien. Demokratie braucht Haltung! 

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Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.