Interview

„Es würde helfen, Sex zu dezentrieren“ – Maria Popov über Asexualität und sexuelle Aufklärung

Ein Porträt der Journalistin und Autorin Maria Popov.
„Das Kategorisieren von weiblicher Sexualität ist problematisch“, sagt die Autorin und Journalistin Maria Popov.
Nele Heimann, funky-Jugendreporterin

Im Sachbuch „Kein Bock Club“ der Journalistin Maria Popov dreht sich alles um Sex – und eben auch nicht. Denn das Thema der sexuellen (Un-)Lust hat viele Facetten. In ihrem ersten Buch setzt sich Popov kritisch mit dem Umgang mit Sexualität in der Gesellschaft auseinander und beschreibt ihre persönlichen Erfahrungen als queere asexuelle Frau und den Stigmata, die damit einhergehen. Im Interview erklärt die 32-Jährige, welche gesellschaftlichen Narrative veraltet sind und wie Intimität ohne Sex aussehen kann. 

Liebe Maria, du bezeichnest dich selbst als asexuell. Was bedeutet Asexualität für dich persönlich?
Maria Popov: Generell bedeutet es, kaum bis gar keine sexuelle Anziehung zu empfinden. Es handelt sich aber um ein Spektrum, von Asexuell bis allosexuell. Allosexuell beschreibt das Gegenteil von asexuell, also Menschen, die eine sexuelle Anziehung empfinden. Ich befinde mich da, wie jeder andere Mensch auch, auf einer Skala. Es hat mich sehr entlastet und berührt zu wissen, dass es dieses Spektrum gibt und dass ich mich darauf verorten darf. Es gibt asexuelle Menschen, die Sex sogar anekelt, andere wiederum haben ihn hin und wieder. 

In deinem Buch geht es vor allem um gesellschaftliche Konventionen, Zwänge und bestehende Annahmen über das Thema Sex. Dabei teilst du viele persönliche Einblicke. Hat dich das viel Mut gekostet? 
Es hat schon Mut gekostet, mit diesem Thema so in die Öffentlichkeit zu gehen. Ich teile viele persönliche Dinge, was mir wichtig ist. Ich habe schon vor zehn Jahren herausgefunden, dass ich asexuell bin. Das hat mir die Kraft gegeben, heute aus meiner Sicht als asexueller queerer Frau zu schreiben. 

Auch deine funk-Formate „Auf Klo“ und „Das letzte Gespräch“ beschäftigen sich unter anderem mit Sexualität und zwischenmenschlichen Beziehungen. Wie hat dich diese Arbeit auf das Buch ausgewirkt? 
Vor allen Dingen habe ich durch diese Arbeit das Glück, mich in einer feministischen Bubble zu bewegen, die einen sexpositiven Ansatz nutzt, um ganz tabulos die Dinge zu benennen, wie sie eben sind. Gerade in der sexuellen Aufklärung ist ein solcher Umgang für Teenager wichtig, etwa, wenn es darum geht, Genitalien zu benennen. Nur bei der Anatomie der Frau gibt es negativ konnotierte Wörter wie die „Scham“-Lippen. Es war mir wichtig, diese Nuancen, die ich selbst lange vermisst habe, in die sexpositive Aufklärungsarbeit einzubringen.

Der „Kein Bock Club“, wie du ihn nennst, schließt alle ein. Manchmal hat man Lust auf Sex und manchmal eben nicht. Was macht es denn so schwer, sich das einzugestehen”? 
Mir war es wichtig, zu erforschen, dass dabei strukturelle Gründe eine Rolle spielen und dass Menschen sich nicht aus einem individuellen „Fehler“ heraus dazu entscheiden, ein bisschen prüde zu sein. In der Geschichte der Medizin wurde die sexuelle Unlust bei Frauen pathologisiert und problematisiert, sie lief unter der Diagnose der Frigidität. Diese Auffassung wurde inzwischen zum Glück über Bord geworfen. Was aber nicht aufgehört hat, ist, dass sexuelle Unlust immer noch pathologisiert wird, beispielsweise von der Pharmaindustrie. Sie wirkt immer wie ein Problem, das es zu beheben gilt, statt sie als eine ganz normale menschliche Variation zu sehen. 

Du benennst in deinem Buch Phänomene wie das 4B-Movement oder die „Sex Wars“ aus den 1960er-Jahren. Gab es etwas, was dich besonders fasziniert hat? 
Es ist interessant, zu sehen, das alles zurückkommt – auch die Sex-Wars, die intensiven und kontroversen Debatten zwischen den sexpositiven und Radikalfeministinnen, und der Streit, ob Sex eher ein Werkzeug der Befreiung oder der Unterdrückung ist. Diese Kontroversen werden wieder aktuell, wenn darüber diskutiert wird, ob Ikkimel überhaupt eine Feministin sein kann oder das neue Album von Sabrina Carpenter misogyn sein könnte. Nur das Thema der Unlust fehlt für mein Empfinden komplett.

Das Thema Sex hat dennoch eine hohe Präsenz in der Gesellschaft. Wie zeigt sich das bei jüngeren Menschen?
Inzwischen ist belegt, dass Sex kulturell geprägt ist und eben nicht aus einem inneren biologischen Bedürfnis heraus entsteht, sondern durch sogenannte sexuelle Skripte, die mehr als nur den Sexualtrieb umfassen. Ein häufiger Grund, warum Menschen Sex haben, ist Leistungsdruck. Dieser sogenannte Verlegenheitssex beschreibt, dass Menschen, besonders Frauen, Sex haben und eigentlich gar nicht wissen, ob sie es gerade wollen oder nicht. Allerdings glaube ich, dass die Gen Z etwas Wichtiges verstanden hat: dass sie „Nein“ sagen darf. 

Ich habe mir im Zuge meiner Recherchen die Gründe angeschaut, warum die Gen Z später mit ihrer sexuellen Exploration beginnt. Das hat strukturelle Gründe, wie die Pandemie, dass junge Menschen länger zu Hause leben und weniger an enthemmenden Drogen wie Alkohol interessiert sind. Aber es gibt eben auch Studien, die belegen, dass junge Menschen den Fokus eher auf mentale Gesundheit und Freundschaften als auf Sex legen. Das sind für mich ein Zeichen, dass Sex nicht mehr das Thema ist, um das sich alles dreht.

Gab es etwas, das dich besonders geprägt hat, als du aufgewachsen bist?   
Dass es jede Menge Gerüchte gab, von „Maria hat viele männliche Freunde, die ist bestimmt eine Schlampe“ bis hin zu „Nein, wir wissen doch, dass sie noch nie einen Freund hatte, die ist auf jeden Fall noch eine Jungfrau.“ Es gab nur entweder das eine oder das andere – und beides war dramatisch. Dieses Kategorisieren von weiblicher Sexualitätist ist problematisch – auch heute noch. Noch immer wird der Bodycount einer Frau in vielen Bereichen gesellschaftlich verhandelt.  
 
Was sind Dinge, die für dich eine Verbindung mit anderen Menschen herstellen, die keinen Sex umfassen, aber eine Form von Intimität sind? 
Das können Gespräche bis Mitternacht sein. Oder ihre Hand bei einem langen Spaziergang das erste Mal zu halten. Einfach nur Wange an Wange zu liegen. Nackte Haut auf nackter Haut, ohne dass das unbedingt sexuell sein muss. Es würde Menschen wirklich helfen, Sex zu dezentrieren und stattdessen die Vielfalt von Intimität in das eigene Leben zu lassen.

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