Fünf Tabuthemen, die keine mehr sein sollten 

Eine Psychotherapeutin und ihre Klientin sitzen sich gegenüber.
Psychische Erkrankungen und die Inanspruchnahme einer Psychotherapie gehören noch immer zu den zahlreichen gesellschaftlichen Tabuthemen.
Celina Thümen, funky-Jugendreporterin

Es gibt viele Themen, über die in unserer Gesellschaft kaum gesprochen wird – obwohl sie Millionen Menschen betreffen. Psychische Erkrankungen, Fehlgeburten oder sexualisierte Gewalt gelten oft als Privatangelegenheiten, die man besser für sich behält. Diese Tabuisierung hat Konsequenzen: Die Betroffenen werden isoliert, strukturelle Ursachen ausgeblendet und Vorurteile verstärkt. Die folgenden fünf Beispiele zeigen, weshalb Schweigen keine Lösung ist.  

1. Psychische Erkrankungen 
Mehr als ein Viertel der erwachsenen Bevölkerung in Deutschland erfüllt innerhalb eines Jahres die Diagnosekriterien einer psychischen Erkrankung. Trotz der weiten Verbreitung sehen sich viele Betroffene noch immer häufig mit Vorurteilen und Diskriminierung konfrontiert. So gelten Menschen mit Psychosen in der öffentlichen Wahrnehmung schnell als gefährlich und unberechenbar, Personen mit Depressionen wird oft eine fehlende Willenskraft und Faulheit unterstellt. Diese „Stigmatisierung“ ist für Betroffene eine große zusätzliche Belastung und wird daher auch als „zweite Krankheit“ bezeichnet. Häufig suchen psychisch erkrankte Menschen aus Angst vor den möglichen sozialen Folgen erst spät professionelle Unterstützung. Eine repräsentative Studie der „Stiftung Gesundheitswissen“ ergab, dass etwa die Hälfte der Bevölkerung vermeidet, im Bekanntenkreis über seelische Probleme zu sprechen.  

2. Fehlgeburten 
Fehlgeburten sind alles andere als selten: Etwa jede dritte Frau ist in ihrem Leben betroffen. Dennoch wird kaum über das Thema gesprochen. Ein zentraler Grund für das Schweigen ist die Scham, die viele Frauen nach einer Fehlgeburt empfinden. Der Verlust des ungeborenen Kindes erscheint ihnen als Ausdruck eigener Unzulänglichkeit, da eine Schwangerschaft und Geburt gesellschaftlich oft als „natürliche Pflicht“ einer Frau gelten. Hinzu kommen quälende Fragen nach möglichen eigenen Fehlern, die die Fehlgeburt verursacht haben könnten. Die Tabuisierung des Themas führt dazu, dass betroffene Frauen oft nicht ausreichend begleitet werden – weder medizinisch noch psychologisch.  

3. Sexualisierte Gewalt  
Sexualisierte Gewalt ist ein großes gesellschaftliches Problem: Daten einer EU-weiten Studie der European Agency For Fundamental Rights (FRA) zeigen, dass jede dritte Frau seit ihrem 15. Lebensjahr körperliche und/oder sexualisierte Gewalt erfahren hat. In Deutschland beantworteten 60 Prozent der Befragten die Frage nach dem Erleben sexualisierter Belästigung mit „Ja“. Fünf Prozent der Frauen gaben an, seit ihrem 15. Lebensjahr vergewaltigt worden zu sein. Obwohl das Bewusstsein für sexualisierte Gewalt in der Gesellschaft gewachsen ist, bleibt der Umgang mit Betroffenen problematisch. Oft kommt es zu einer Täter-Opfer-Umkehr. Dabei wird die Verantwortung für die Tat direkt oder indirekt den Geschädigten zugeschoben. Dies geschieht etwa durch Fragen zur Kleidung, dem Verhalten oder zum Alkoholkonsum. Betroffene reagieren daher oft mit Scham, Schuldgefühlen und starken Selbstzweifeln. Darüber hinaus tragen die gesellschaftlichen Reaktionen dazu bei, dass Schätzungen zufolge 85 bis 90 Prozent der Taten nie angezeigt werden.  

4. Einsamkeit 
Lange galt Einsamkeit als typisches Phänomen des höheren Lebensalters. Eine Zeitverwendungserhebung aus dem Jahr 2022 konnte jedoch zeigen, dass tatsächlich junge Erwachsene besonders von Einsamkeit betroffen sind. In der Altersgruppe der 18- bis 29-Jährigen gab jede vierte Person an, sich oft einsam zu fühlen. In der Gesamtbevölkerung ab zehn Jahren betraf dies dagegen nur rund 16 Prozent. Viele Menschen schämen sich für ihre Einsamkeit. Ein aktives Sozialleben, Partnerschaften und ein großer Freundeskreis gelten oftmals als Zeichen von Erfolg. Einsamkeit wird von Betroffenen daher schnell als persönliches Defizit interpretiert und möglichst verschwiegen. Oft ist es für isolierte Menschen zudem schwierig, neue soziale Kontakte zu knüpfen. Die Ursachen können etwa psychische Belastungen, finanzielle Einschränkungen oder Sprachbarrieren sein.  

5. Schwangerschaftsabbrüche 
Im Jahr 2024 wurden in Deutschland offiziell 106.000 Schwangerschaftsabbrüche durchgeführt. Dennoch ist eine Abtreibung hierzulande noch immer rechtswidrig. Sie bleibt jedoch straffrei, solange bestimmte Bedingungen erfüllt sind. Dazu zählt beispielsweise eine verpflichtende Beratung vor dem Schwangerschaftsabbruch. Ein Gesetzesvorhaben zur Legalisierung von Abtreibungen in den ersten zwölf Wochen der Schwangerschaft scheiterte Anfang 2025 im Bundestag. Die rechtliche Einordnung hat weitreichende Folgen: Immer weniger Ärztinnen und Ärzte bieten Schwangerschaftsabbrüche an. Die Verankerung im Strafrecht signalisiert, dass es sich nicht um eine gewöhnliche medizinische Leistung handelt. Obwohl jede Frau das Recht haben sollte, selbst über eine Schwangerschaft zu entscheiden, erleben Betroffene oft eine gesellschaftliche Verurteilung und den Zwang, sich rechtfertigen zu müssen.  

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