Ein Mann hebt ein Schuld mit dem Slogan "We Are All Equal" hoch.

Der „Performative Male“ – wenn Feminismus plötzlich sexy ist 

Judith Abrahams, funky-Jugendreporterin

Wir reden im LK über Gleichberechtigung, und plötzlich hebt „Jonas“ die Hand. Ihr alle kennt einen Jonas. Diesen Typ mit den Kabelkopfhörern und dem „Hot boys cry“-Shirt, der Matcha Latte und Cold Brew Coffee trinkt, Lana del Rey hört, am liebsten die Romane von Sally Rooney liest und seine Schulbücher im Stoffbeutel herumträgt. Und dieser Stoffbeutel ist wahlweise von einem unabhängigen Buchladen oder einer lokalen Kaffeerösterei. 

Ein Jonas liebt es, zu reden. Und noch mehr liebt es noch mehr, sich selbst beim Reden  zuzuhören. Also redet Jonas. Und redet. Und redet. Und erklärt uns – den Schülerinnen im Raum – was Sexismus eigentlich ist und wie schrecklich er es findet, dass wir Frauen im Alltag ständig Mansplaining ausgesetzt sind. Und wir alle, die zuhören, haben die — leider Gottes nicht so einmalige — Chance, einen sogenannten „Performative Male“ live und in Aktion zu erleben. Einen selbsternannten Verbündeten, einen vermeintlich progressiven Feministen, der mich als Frau dann aber doch nur solange supportet, bis ich ihm zu wütend bin. Einer, der sagt: „Ich höre Frauen gerne zu“, aber irgendwie redet dann doch wieder nur er. Quasi das Äquivalent zu diesen Vintage-Shirts mit „The Future is Female“, die von einer Fast-Fashion-Firma in Bangladesch produziert werden. 

Schließlich unterbreche ich Jonas‘ Redefluss damit, dass ich den Begriff des Intersektionalen Feminismus in den Raum werfe und erkläre, dass ich als Schwarze Frau von Sexismus in einer ganz anderen Dimension betroffen bin. Nach dem Unterricht kommt Jonas dann zu mir. „Ich wollte nur sagen, ich find’s so toll, dass du dich als Schwarze Frau traust, so offen über deine Diskriminerungserfahrungen zu sprechen. Einfach Queen!“, sagt er. 

Ich kann darüber nur müde lächeln. Danke, weißer Mann. Ich wollte nur sagen, ich find’s so toll, dass du dich als weißer Mann traust, so laut über Feminismus zu reden. Versteht mich nicht falsch: Klar, wir brauchen feministische Männer. Aber manchmal fühlt sich das Engagement von diesen Performative Males wie diese eine Gruppenarbeit an, wo du alles machst und ein Jonas am Ende die beste Note bekommt, weil er am meisten geredet hat.  

Wenn du Feminist sein willst – cool. Aber fang doch damit an, nicht selbst über Feminismus zu reden, sondern Betroffenen zuzuhören. Und Jonas, falls du das liest: Danke, dass du mich „Queen“ nennst, aber bitte hör auf, mir im gleichen Atemzug das Mikro wegzunehmen. 

Du willst mehr? Du bekommst mehr!

Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.