Interview

Jung und überschuldet

Eine Person tippt auf einen Taschenrechner, der eine negative Zahl anzeigt. Auf dem Tisch liegen Rechnungen, Kreditkarten, ein Portemonnaie und ein Smartphone.
Finanzielle Probleme werden schnell zu einer echten Belastung.
Judith Abrahams, funky-Jugendreporterin

Die Zahl der überschuldeten Personen im Alter von 18 bis 30 Jahren hat einen neuen Höchststand erreicht: Der Studie „Jugend in Deutschland 2025“ zufolge haben 20 Prozent der 14- bis 29-Jährigen finanzielle Schulden. Lisa-Marie Schreiter von der Landesarbeitsgemeinschaft Schuldner- und Insolvenzberatung Berlin e.V. berät kostenlos von Ver- und Überschuldung betroffene Menschen. Mit ihrer Unterstützung schaffen es viele, sich aus der Verschuldung zu befreien und sich nachhaltig einen besseren Überblick über ihre Finanzen zu verschaffen. Im Interview erklärt sie, welche Warnzeichen ein Weckruf sein sollten und welche Tipps dabei helfen können, die eigenen Finanzen wieder in den Griff zu bekommen.

Frau Schreiter, wie sind Sie persönlich zu diesem Beruf gekommen – und was motiviert Sie daran bis heute? 

Lisa-Marie Schreiter: Ich selbst kannte das Berufsbild zuvor gar nicht und engagiere mich deshalb heute sehr stark in der Nachwuchskräftegewinnung. Ich habe im Zuge meines Studiums der Sozialen Arbeit ein kleines Praktikum bei der Justizvollzugsanstalt Tegel in der Entlassungsvorbereitung absolviert. Da ich gerne einen weiteren Arbeitsbereich in der Straffälligenhilfe kennenlernen wollte, riet mir meine damalige Praktikumsanleiterin, mein Praxissemester in der Schulden- und Insolvenzberatung im Strafvollzug zu absolvieren. So entstand mein erster Kontakt zu diesem Arbeitsfeld, das mich bis heute nicht mehr losgelassen hat. Was mich motiviert, ist, dass man den Erfolg der Arbeit sehr schön beobachten kann: Einerseits erlebt man, wie die Ratsuchenden eine große persönliche Entwicklung durchlaufen, andererseits ist der Arbeitsprozess von der Ver- und Überschuldung hin zur Entschuldung klar messbar.

Lisa-Marie Schreiter von der Schuldner- und Insolvenzberatung Berlin e.V.

Die Zahl überschuldeter junger Menschen ist gestiegen. Woran liegt das Ihrer Einschätzung nach? 

Ich sehe den „Buy now, pay later“-Trend als großes Problem, da Jugendliche Ratenkredite aufnehmen, die sie dann nicht mehr tilgen können. Die Tatsache, dass wir in einer Konsumgesellschaft leben, die immer schneller und dynamischer geworden ist, begünstigt dieses Verhalten. Hinzu kommen der Gruppenzwang unter Jugendlichen und jungen Erwachsenen sowie das Gefühl, mithalten zu müssen, was sich eben auch im Besitz von Konsumgütern äußert. Außerdem fehlt vielen der Überblick über die von ihnen abgeschlossenen Verträge. Beispielsweise bei den verschiedensten Streamingdiensten wie Netflix, Amazon, Disney Plus, bei Fitnessstudios wie Fit X und McFit, oder auch bei Musikdiensten wie Spotify oder Tidal. Vielen ist nicht bewusst, dass es sich bei jedem abgeschlossenen Vertrag um eine zusätzliche monatliche Zahlungsverpflichtung handelt. Negativ begünstigend wirkt außerdem die Tatsache, dass Banken Jugendlichen schon bei Kontoeröffnung automatisch hohe Dispokredite einräumen.  

Begegnen Ihnen bei jungen Menschen auch psychische Belastungen im Zusammenhang mit Geldproblemen? 

Auf jeden Fall, und nicht nur auf junge Menschen gemünzt: Suchtbelastungen spielen immer wieder eine große Rolle in der Beratung. Beispielhaft dafür sind Spielsucht, Kaufsucht oder stoffgebundene Süchte wie beispielsweise nach Cannabis. Diese Süchte sind mit Geld verbunden, mit finanziellen Ausgaben, die dann an anderer Stelle fehlen.  

Wie läuft eine Schuldnerberatung ab? 

Diese Frage ist nicht pauschal zu beantworten, sondern hängt von der individuellen Situation ab. Leider kommen die meisten Klientinnen und Klienten erst, wenn es bereits fünf nach zwölf ist, also eine weit fortgeschrittene Eskalationsstufe erreicht ist, beispielsweise bereits eine Stromsperre verhängt wurde, das Konto gepfändet ist oder eine Räumungsklage besteht. Aus diesem Grund ist der erste Termin häufig ein Gespräch, in dem die betroffene Person erst einmal die angestauten Ängste herauslassen muss. Für die Ratsuchenden wirkt ihre Situation ausweglos, oft weiß das eigene Umfeld nicht über die prekäre Situation Bescheid. Danach arbeitet man sich nach und nach vor, indem man zunächst schaut, ob die Existenz gesichert ist, beispielsweise in Bezug auf Wohnung, Miete und Strom. Dann wird geprüft, ob jemand Ansprüche geltend machen kann, beispielsweise auf Bürgergeld oder Wohngeld. Es werden allgemein Möglichkeiten erörtert, das Einkommen aufzustocken oder die Ausgaben zu reduzieren, um in die laufenden Zahlungsverpflichtungen hineinzukommen und keine neuen Schulden entstehen zu lassen. Wenn die Existenz gesichert und der Haushalt im Gleichgewicht ist, kümmern wir uns um die bereits vorhandenen Schulden. Nachdem ein Überblick über die Verschuldung besteht, kann geprüft werden, ob etwas vielleicht in Raten und damit außergerichtlich getilgt werden kann oder ob eine Insolvenz die bessere Wahl wäre.  

Was sind die häufigsten Themen oder Fehler, mit denen junge Menschen zu Ihnen kommen? 

Da muss man unterscheiden: Junge Menschen, die noch im Elternhaus leben, kommen häufig mit vergleichsweise kleineren Anliegen, wie beispielsweise einem nicht mehr genutzten und nicht bezahlten Fitnessstudio-Vertrag oder Handyverträgen. Bei jungen Erwachsenen, die schon in einer eigenen Wohnung leben, beobachten wir allerdings häufig, dass sie die Miete dazu nutzen, um weitere kleine Löcher bei ihren Ausgaben zu stopfen. Dann kommt es zu offenen Mieten und damit einhergehenden Kündigungsandrohungen. Aber die Anliegen sind sehr vielseitig, auch hier kann oft mit einem gut aufgestellten Haushaltsplan in der Beratung finanzielle Stabilität geschaffen werden.  

Wie gehen Sie mit Scham oder Angst der Ratsuchenden um? 

Bei Angst- oder Schamgefühlen ist es wichtig, diese aufzufangen und ernst zu nehmen. Gerade das Wort Schulden impliziert oft, dass man eine gewisse Schuld an der Situation trägt, in der man sich befindet. Dabei sind es oft sehr schlimme Schicksalsschläge, die zu dieser Situation führen. Wir möchten den Ratsuchenden verdeutlichen, dass es nicht darum geht, einen Schuldigen oder eine Schuldige zu finden, sondern darum, gemeinsam Ressourcen zu entwickeln und eine Lösung für die Zukunft zu erarbeiten, um künftig ein schuldenfreies Leben zu führen.  

Welche Warnsignale sollten junge Menschen ernst nehmen? 

Sie sollten darauf achten, den Überblick über Ihre Finanzen nicht zu verlieren.  Anzeichen sind beispielsweise, wenn das Geld nicht bis zum Monatsende ausreicht, man sich möglicherweise auch Geld von Personen aus dem Umfeld leihen muss, um den Monat zu überstehen, wenn man Mahnungsschreiben erhält oder den Dispo-Kredit dauerhaft ausreizt.  

Welche Tipps haben Sie, um gar nicht erst in die Schuldenfalle zu geraten? 

Wichtig ist, überhaupt zu der Erkenntnis zu kommen, dass man ein Problem hat. Ein gutes Mittel, um wieder einen Überblick über seine Finanzen zu erhalten, ist, ein Haushaltsbuch zu führen. Das kann man auch digital machen, beispielsweise in Form einer Excel-Tabelle oder entsprechenden Apps. So verschafft man sich einen Überblick darüber, wie viel man für einzelne Bereiche des alltäglichen Lebens ausgibt, wie Kleidung, Lebensmittel oder Freizeitaktivitäten. Auch einige Banken bieten die Funktion, eigene Ausgaben zu kategorisieren. Am Monatsende kann man sich dann in Form eines Diagramms anschauen, wie viel man für welchen Bereich ausgegeben hat. Eine weitere, wenn auch in der heutigen Zeit etwas altmodisch erscheinende Möglichkeit ist, beispielsweise einen Monat ausschließlich mit Bargeld zu bezahlen, weil das ein ganz anderer, viel bewussterer Prozess des Geldausgebens ist, als nur kurz die Karte oder das Handy zu zücken. Es ist eine Art Selbstexperiment, um das eigene Bewusstsein zu stärken und das Kaufverhalten besser zu reflektieren. Man sollte nur die Dinge kaufen, die man sich wirklich leisten kann. Wenn man sich etwas Teures kaufen möchte, sollte man darauf sparen, anstatt es sich direkt über „Buy now, pay later” zu finanzieren. Des Weiteren wäre es wünschenswert, die finanzielle Bildung Jugendlicher und junger Erwachsener im schulischen Kontext zu fördern. Hierzu zählen zum Beispiel Kenntnisse über Abschlüsse von Verträgen und welche Versicherungen im Leben sinnvoll und wichtig sind. Insbesondere, wenn solche Kompetenzen nicht im Elternhaus vermittelt werden können, muss dies im schulischen Rahmen erfolgen. Nicht selten erleben wir es, dass ganze Familien bei uns beraten werden.  

Was können Schulen, Eltern oder auch die Politik besser machen, damit junge Menschen fit im Umgang mit Geld sind? 

Nachhaltige Finanzbildung im schulischen Kontext, vor allem in Bezug auf erste Mietverträge, Kautionen für eine Wohnung oder die erste Steuererklärung könnten ein erster Schritt sein.  

Haben Sie eine Botschaft oder einen Mutmacher für junge Menschen, die gerade finanziell am Limit sind? 

Bitte holt euch Hilfe bei anerkannten Beratungsstellen – je früher, desto besser! Dann können wir gemeinsam an einer Strategie zur Schuldenregulierung arbeiten, die euch helfen wird. 

Du willst mehr? Du bekommst mehr!

Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.