Interview

Schule von morgen: „Starke Emotionen verstärken Fake News“

Im Internet stoßen Kinder und Jugendliche auch auf problematische Inhalte.
Im Internet stoßen Kinder und Jugendliche auch auf problematische Inhalte.


Je mehr sich das Leben ins Digitale verlagert, desto wichtiger wird es, Kinder und Jugendliche dabei zu unterstützen, mit den Möglichkeiten und Gefahren des Internets umzugehen. Deborah Woldemichael setzt sich seit vielen Jahren für die sichere und kompetente Nutzung digitaler Medien ein. Sie leitet die EU-Initiative klicksafe, deren Ziel es ist, Kinder, Jugendliche, Eltern und Lehrkräfte dabei zu unterstützen, sich kritisch und selbstbestimmt im Netz zu bewegen. Im Interview spricht sie über den verantwortungsvollen Umgang mit digitalen Medien und darüber, warum Online-Kompetenz längst zum festen Bestandteil der Bildung gehören sollte.

Deborah Woldemichael möchte die Kompetenz im Netz stärken. © Deborah Woldemichael

Liebe Frau Woldemichael, was ist das zentrale Anliegen von klicksafe?
Deborah Woldemichael: klicksafe hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Online-Kompetenz von Menschen zu fördern und sie beim kritischen Umgang mit dem Internet zu unterstützen. Wir bündeln Informationen und entwickeln hilfreiche Angebote rund um eine sichere und selbstbestimmte Internetnutzung. Vor allem richten wir uns dabei an Menschen, die Kinder und Jugendliche dabei unterstützen, ihre Internetkompetenzen auszubauen – zum Beispiel Eltern und Lehrkräfte. Aber auch an alle, die sich selbst fit machen wollen. Auf unserem Informationsportal findet man praktische Tipps und hilfreiche Materialien zu den gängigen digitalen Diensten und Online-Themen. Wir setzen außerdem Kampagnen zu dringenden Problemen und Gefahren im Netz um und entwickeln bundesweit Materialien für die Qualifikation von Lehr- und Fachkräften.

Warum ist es heute wichtiger denn je, dass Lehrkräfte gezielt Online-Kompetenzen vermitteln?
Rund dreieinhalb Stunden sind Jugendliche laut der aktuellen JIM-Studie täglich am Smartphone. Online stoßen sie auch auf jugendgefährdende Inhalte, etwa Anleitungen zu selbstverletzendem Verhalten, extremistischen Content, gefährliche Challenges oder die Verherrlichung von Alkohol- oder Drogenkonsum. Außerdem sind Kinder und Jugendliche in sozialen Netzwerken belastenden Dingen wie Cybermobbing und sexuellen Übergriffen wie Cybergrooming ausgesetzt. All das findet mit den Kindern und Jugendlichen auch seinen Weg in die Schule. Pädagogische Fachkräfte spielen also bei der Vermittlung von Medienkompetenz eine wichtige Rolle – zum einen bei der Prävention, aber auch als Unterstützung bei der Verarbeitung verstörender Online-Erfahrungen oder bei der Lösung eskalierender Konflikte in Klassenchats. Schule, Elternhaus, Gesetzgeber und Unternehmen müssen zum Wohle von Kindern und Jugendlichen Hand in Hand arbeiten.

Welche Kompetenzen benötigen Kinder und Jugendliche, um sich sicher und kritisch im digitalen Raum zu bewegen?
Vor allem ist aufmerksames und kritisches Denken gefragt. Kann es wirklich sein, dass so etwas passiert? Ist es realistisch, dass diese Person das tut? Könnten Bild, Video oder Ton auch gefälscht sein? Hier ist hilfreich, nach Fehlern zu suchen. Deepfakes in Bild, Video oder Ton sind meistens nicht fehlerfrei. Sieht etwas künstlich aus? Läuft ein Video ruckelig oder hat komische Lichtverhältnisse? Gibt es Auffälligkeiten bei der Mimik, am Körper oder im Ton? Es ist wichtig, nicht auf Panikmache hereinzufallen und sich vorschnell von Angst, Wut oder Trauer verleiten zu lassen. Starke Emotionen verstärken die Verbreitung von Fake News – genau das ist das Ziel von Desinformationskampagnen. Deshalb rate ich: Quellen checken! Wenn zwei bis drei seriöse Quellen dasselbe sagen, ist eine Info sicherer. Hilfreich ist es deshalb, grundinformiert zu sein. Gezielte Manipulation, bei der Inhalte aus dem Kontext genommen oder mit Gegenfragen auf andere Themen gelenkt wird, sind durchschaubar, wenn man aus anderen Quellen schon mehr weiß. Und zum Schluss: Falschmeldungen sollten nie geteilt werden. Sonst trägt man ungewollt zur weiteren Verbreitung bei, denn der Algorithmus belohnt hohe Reichweiten.

Mit welchen Angeboten unterstützt klicksafe Lehrkräfte bei der Vermittlung von Online-Kompetenzen?
Wir bieten umfangreiche Handreichungen an, Unterrichtseinheiten, Plakate für alle Klassenzimmer und -stufen, audiovisuelle und interaktive Lehrmaterialien in Form von Erklärvideos, Online-Quizzes, Apps und auch Webinare und Newsletter. Neu im Angebot sind unsere digitalen Schulstunden, die als Livestream direkt in die Klassenzimmer übertragen werden können.

Wie kann man auch die Eltern der Kinder in die digitale Bildung einbeziehen?
Es ist wichtig, Eltern in die Präventionsarbeit einzubeziehen, etwa über Info-Elternabende, Rundbriefe oder -emails. Gegebenenfalls können auch Sonder-Sprechstunden hilfreich sein, um die Maßnahmen daheim und in der Schule aufeinander abzustimmen.

Wie sieht für Sie die Schule von morgen idealerweise aus?
Der Umgang mit KI wird ein Schlüsselthema für Schulen und Bildungseinrichtungen sein. Generell wird die Medienkompetenz der Kinder und Jugendlichen immer wichtiger. Online-Räume existieren nicht losgelöst von der analogen Realität, sondern sind eng mit ihr verwoben. Daher ist es notwendig, Jugendliche analog und digital zu begleiten. Medienerziehung und Medienbildung sind auch Aufgabe der Bildung in Deutschland und sollten neben Mathematik, Biologie und Deutsch daher als ganz reguläres Fach im Schul-Curriculum auftauchen.

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