Fünf Jahre „In My Room“

Drei Männer mit Instrumenten auf der Theaterbühne.
In My Room ist noch immer hochaktuell.
Feliks Thiele, funky-Jugendreporter

Es ist fünf Jahre her, dass das Maxim Gorki Theater mit „In My Room“ ein Stück auf die Bühne brachte, das nicht nur berührte, sondern auch einen Nerv traf. Seit seiner Premiere am 15. Januar 2020 hat das autofiktionale Werk von Falk Richter weder an Dringlichkeit noch an Aktualität verloren. Es handelt von Vätern, toxischer Männlichkeit und dem Patriarchat – Themen, die relevanter sind denn je.  
Die Besonderheit des Stücks liegt in seiner Verbindung von persönlicher Offenheit und gesellschaftlicher Relevanz. In My Room ist kein klassisches Drama mit fester Handlung, sondern eine gemeinsame Suchbewegung des Ensembles nach den eigenen Geschichten, Verwundungen und Bildern von Männlichkeit. Falk Richter gelang so – gemeinsam mit dem Ensemble – eine außergewöhnlich intime Stückentwicklung, dessen Themen jede und jeden betreffen und das Publikum mitten in die emotionale und politische Auseinandersetzung unserer Zeit zieht. Es war ein Stück, das nicht nur erzählt, sondern befragt – und damit beispielhaft zeigt, wozu Theater heutzutage fähig ist. 
 
Das Leben unserer Väter  
Für Falk Richter, Autor und Regisseur des Stücks, war von Beginn an klar,  wovon das Stück handeln soll. In einem Gespräch berichten die Ensemblemitglieder Jonas Dassler und Taner Şahintürk von den Anfängen, den Herausforderungen und der besonderen Verbindung, die im Ensemble während dieser Zeit entstand. 

Taner Şahintürk erinnert sich an die Anfänge: Es gab eine dreiwöchige Workshop-Phase, in der das Ensemble intensiv improvisierte und persönliche Geschichten austauschte. „Wir haben viel erzählt. Geschichten aus unserem Väterleben. Oder unserer Väter Leben“, erinnert sich Taner.  
Aus diesen Workshops entstanden dann erste Texte. Das Stück ist somit eine autofiktionale Arbeit, was bedeutet, dass sich fiktionale und autobiografische Elemente mischen. Jeder Darsteller brachte seine eigenen Geschichten und Erfahrungen ein, was „In My Room“ zu einem sehr persönlichen Werk macht. Taner Şahintürk verrät beispielsweise, dass er seinen eigenen Monolog zu 90 Prozent selbst geschrieben hat. Auch eine echte Familienaufstellung wurde im Workshop durchgeführt und später in einer theatralisch überhöhten Szene im Stück verarbeitet. 

Distanz zu eigenen Geschichten 
Auf der Bühne zum Teil autobiografische Geschichten zu erzählen, ist eine besondere Herausforderung. Hier gilt es, eine Balance zwischen persönlicher Nähe und professioneller Distanz zu finden. Das Stück ist in einem Stil aufbereitet, der eine große Unmittelbarkeit erzeugen kann. Die Distanz zu wahren, ist schwieriger als bei einem klassischen Stück. Doch Taner Şahintürk sieht das positiv: „Ich weiß gar nicht, ob man eine Distanz dazu haben will. Manchmal ist es ja gewünscht, dass Dinge nahegehen.“  

Jonas Dassler betont, dass das Private auch politisch ist: „Wir gehen von dem Kleinen in uns aus, um über die Welt zu sprechen.“ Die autobiografischen Elemente sind also nicht einfach nur ein Selbstzweck, sondern dienen dazu, über größere gesellschaftliche Themen wie das Patriarchat und Rassismus zu sprechen. Das fiktionale Element, das Bühnenbild, die Kostüme und die Musik helfen dabei, eine schützende Distanz zu wahren und das Stück in einen künstlerischen Rahmen zu setzen. 

Von „In My Room“ zu „Ciao“ 
Die tiefe Verbindung, die während der gemeinsamen Arbeit an „In My Room“ entstand, führte zu einem neuen Projekt. Während des Lockdowns fantasierten die Darsteller das erste Mal darüber, wie es wäre, als Gruppe zusammenzuarbeiten. Die Idee für „Ciao“ war geboren. Das Stück entstand als kollektive Arbeit, diesmal ohne externe Regie, und hatte ebenfalls autofiktionale Elemente. Ein großer Unterschied war die zentrale Rolle der Musik. „Musik ist nicht nur, die stellen sich da hin und machen hier Musik, sondern das ist wie so ein gegenseitiges Unterstützen“, erklärt Taner Şahintürk. Die Band-ähnliche Struktur schuf eine neue Form der kollektiven und solidarischen Erfahrung, die über das rein Theatrale hinausging. 

Der Probenprozess gestaltete sich jedoch nicht immer einfach. Die hohen Ansprüche an flache Hierarchien und die kollektive Entscheidungsfindung waren eine Herausforderung, doch die Freundschaft blieb bestehen. Jonas Dassler betont vor allem, das es eine wertvolle Erfahrung war und die Gruppe viel gelernt habe. 

Blick in die Zukunft 
Auch wenn sich die Ära Langhoff des Gorki Theaters langsam dem Ende zuneigt – ihre Intendanz läuft im Sommer 2026 aus –, sind sich die Schauspielerinnen und Schauspieler sicher, dass ihre persönliche und künstlerische Verbindung bestehen bleibt. „Freunde werden wir sowieso bleiben“, versichert Jonas Dassler. Das Erbe von „In My Room“ lebt nicht nur in den Aufführungen weiter, sondern auch in der tiefen, gewachsenen Freundschaft, die das Stück hervorgebracht hat. Dassler meint zu möglichen zukünftigen Projekten: „Die Sehnsucht, dann trotzdem irgendwie zusammen zu kommen, etwas gemeinsam zu machen, wird da sein. Sie ist da.“ 

Lust bekommen, „In My Room“ zu besuchen?
Am 22. Dezember 2025 findet im Maxim Gorki Theater eine weitere Veranstaltung statt:
https://www.gorki.de/de/in-my-room

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Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.