Meinung

Kommentar: Krebs durch Sonnencreme – Kulturkampf in seiner absurdesten Ausprägung

Eine Person sitzt am Strand und cremt sich die Beine mit Sonnencreme ein.
Sonnenschutz ist unerlässlich. Aber warum behaupten mancher Influencer:innen das Gegenteil?
Jan-Malte Wortmann, funky-Jugendreporter

Kürzlich machte in den sozialen Netzwerken eine Falschinformation die Runde, die in den vergangenen Jahren immer mal wieder aufgetaucht ist: Unter Hashtags wie #toxicsunscreen oder #antisunscreen mehren sich Behauptungen, dass Sonnencreme nicht nur unnötig sei, sondern auch der eigentliche Grund für Hautkrebs – ganz im Gegenteil zur UV-Strahlung, denn die sei demnach sogar gesund für die Haut. Häufig stammen solche Behauptungen von Influencer:innen, die sich mit Themen wie Naturheilkunde oder Homöopathie beschäftigen. Dieser offensichtliche Unsinn erscheint auf den ersten Blick weitestgehend unpolitisch, verrät aber einiges über vorherrschende Dynamiken zwischen Wissenschaft, Social Media und reaktionärem Kulturkampf.

Sonnencreme ist nicht krebserregend – UV-Strahlung schon

Zunächst gilt es klarzustellen: Ultraviolette Strahlung, kurz UV-Strahlung, dringt in die Hautzellen ein und schädigt dort das Erbgut, was das Risiko für Hautkrebs enorm erhöht – auch wenn der Krebs oft erst Jahrzehnte später auftritt. Anders, als von manchen Menschen fälschlicherweise behauptet, kann sich die Haut mit der Produktion von Melanin selbst nur geringfügig gegen die Strahlung schützen. Von daher ist Sonnencreme, genau wie schützende Kleidung und Aufenthalt im Schatten, unerlässlich. Die darin enthaltenen UV-Filter absorbieren die UV-Strahlung entweder und wandeln sie in Wärme um, oder sie reflektieren sie wie kleine Spiegel. Moderne Sonnencremes bieten meist eine Kombination aus beidem.

Eben jene UV-Filter sind dabei der Grund für die Behauptung, Sonnencreme sei krebserregend. Verschiedene Inhaltsstoffe, wie beispielsweise Oxybenzon oder Octocrylen, geraten immer wieder in die Kritik, weil sie nach dem Eincremen in geringen Mengen im Blut nachgewiesen werden können. Das heißt allerdings noch nicht, dass das schädlich ist. In einem Punkt wird allerdings tatsächlich zur Vorsicht geraten: Eine Studie fand heraus, dass sich Octocrylen mit der Zeit zu Benzophenon zersetzen kann. Benzophenon ist in der EU weitgehend verboten, da es als „möglicherweise krebserregend“ gilt. Dermatolog:innen empfehlen daher, keine Sonnencreme vom Vorjahr mehr zu benutzen, die Octocrylen enthält.

Das ist allerdings noch lange kein Grund, auf Sonnenschutzmittel zu verzichten. Grundsätzlich sind die Inhaltsstoffe von Kosmetika wie Sonnencremes in der EU streng reguliert und die meisten Produkte dermatologisch getestet. Für ein erhöhtes Krebsrisiko durch Sonnenschutzmittel gibt es keine wissenschaftlichen Belege – anders als für das Hautkrebsrisiko durch exzessives Sonnenbaden.

Zwischen Kulturkampf und finanziellen Interessen

Aber warum tauchen solche Falscherzählungen immer wieder auf – und warum funktionieren sie so gut in den sozialen Netzwerken? Hier drängen sich verschiedene Erklärungen auf. Vor allem ist dieser Fall symptomatisch für einen öffentlichen Diskurs, der längst nicht mehr von einer gemeinsamen, faktenbasierten Grundlage bestimmt ist, sondern von Emotionalisierung, Lagerbildung und nicht zuletzt finanziellen Eigeninteressen geleitet wird.

Behauptungen wie jene über Sonnencreme, die einer scheinbar hegemonialen „Mainstream“-Meinung widersprechen, verbreiten sich auf TikTok und Co. besonders gut, denn sie lösen Angst, Wut oder andere Emotionen aus. Gleichzeitig unterbreiten sie das Angebot einer angeblich gleichwertigen, ja sogar überlegenen Gegenöffentlichkeit: „Wir wissen es besser!“ Und ganz schnell wird dahergelaufenen Influencer:innen – zu denen man im schlimmsten Fall bereits eine parasoziale Beziehung aufgebaut hat – lieber geglaubt als wissenschaftlichen Fakten. Es ist im Grunde dieselbe Erzählung, die Menschen in die Arme von Verschwörungsideologien treibt oder sie anfällig für Homöopathie, Astrologie oder sonstige moderne Ersatzreligionen macht.

Darin steckt häufig auch ein reaktionärer Impuls, der bis zum Kulturkampf hochstilisiert wird. Alles, was neu und progressiv erscheint, wird erst einmal abgelehnt. Plötzlich soll man sich jeden Tag eincremen? Und braungebrannt soll nicht mehr gesund sein? Da wittert manch einer womöglich denselben Angriff auf seinen Lebensstil, wie wenn sich jemand erdreistet, zu gendern oder eine vegane Wurst auf den Grill zu legen. So absurd es klingt, bin ich sicher, dass die Rechte es schaffen wird, auch Sonnencreme als woke und als Anzeichen der Verweichlichung darzustellen.

Zugegeben, man muss in Falschbehauptungen über Sonnencreme nicht gleich rechten Kulturkampf wittern, auch wenn sich das Gedankenspiel lohnt. Die Gründe sind in diesem Fall womöglich viel banaler: Vielen der Influencer:innen, die felsenfest überzeugt irgendetwas von erhöhtem Krebsrisiko in die Kamera faseln, geht es schlicht ums Geldverdienen. Denn sie wissen, dass Panikmache gut fürs Geschäft ist. Sie brauchen nur die Angst zu streuen, der sie dann direkt mit einem Alternativangebot begegnen. Und so erzählen die selbsternannten Instagram-Naturmediziner:innen in einem Atemzug von den angeblich gefährlichen Produkten aus Drogerie und Apotheke, nur um im nächsten Satz ihre eigenen Vitaminpillen, Pflanzenöle oder Wunderseren anzubieten, die angeblich viel besser gegen UV-Strahlung schützen (tun sie nicht).

Ein Sinnbild medialer Phänomene

So unsinnig die Anti-Sonnencreme-Bewegung zunächst wirkt, ist sie keinesfalls unbedeutend oder ungefährlich. Denn auch wenn den meisten Menschen mittlerweile klar sein sollte, wie wichtig Sonnenschutz ist, lassen sich andere schnell verunsichern. Wo echte Fakten, beispielsweise dass ältere Sonnencreme Benzophenon enthalten kann und deshalb im Zweifel besser weggeworfen werden sollte, zu Behauptungen wie „Sonnencreme verursacht Krebs“ pauschalisiert werden, wächst die Kluft zwischen Wissenschaft und Meinungsmache – und letztere funktioniert auf Social Media bekanntlich deutlich besser. Besonders perfide wird es, wenn das Spiel mit der Angst der Rezipierenden für eigene finanzielle Interessen ausgenutzt wird oder als Pipeline in andere politische Erzählungen dient. Und leider funktionieren zeitgenössische mediale Dynamiken in vielen Fällen genauso.

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