Mit elf Jahren kam Sarah Hadj Ammar zur Kinder- und Jugendinitiative „Plant-for-the-Planet“. Dort engagierte sie sich früh für Klimagerechtigkeit, nahm an Veranstaltungen teil, wurde zur Botschafterin ernannt und war bei UN-Klimakonferenzen in Bonn und Mailand dabei. Heute, 14 Jahre später, gibt sie ihre Erfahrungen weiter. Für „Plant-for-the-Planet“ organisiert sie Kinderkonferenzen, entwickelt Workshops für Lehrkräfte und baut die Strukturen der Organisation weiter aus. Im Interview spricht sie über die Arbeit der Initiative und zeigt, wie Klimagerechtigkeit in Schulen vermittelt werden kann
Liebe Sarah, welche Idee steckt hinter „Plant-for-the-Planet“?
Sarah Hadj Ammar: 2007 wurde „Plant-for-the-Planet“ von Felix Finkbeiner gegründet, der damals neun Jahre alt war. Er hielt ein Schulreferat zur Klimakrise, das er mit dem Aufruf beendete: Lasst uns in jedem Land der Erde eine Million Bäume pflanzen! So begann unsere Arbeit. Sie fußt auf zwei Aspekten: Empowerment auf der einen Seite, also Kindern und Jugendlichen weltweit zu ermöglichen, sich gegen die Klimakrise einzusetzen, und Aufforstungsprojekten auf der anderen Seite. Wir glauben, dass es ganz wichtig ist, die nächste Generation bereit, mündig und laut zu machen und die Welt, die wir momentan haben, zu erhalten und wieder aufzuforsten. Inzwischen haben wir über 100.000 Botschafterinnen und Botschafter in 76 Ländern.
Welche Fragen bekommt Ihr von Kindern und Jugendlichen oft gestellt?
Es ist für sie oft schwer nachzuvollziehen, wieso man auf eine Krise zuläuft, obwohl es allen so klar ist und die Erwachsenen nichts tun und es nicht schaffen, sich zu einigen. Wir hören Fragen wie: Wieso hört man uns nicht zu, wenn wir etwas so klar benennen? Auch das Ungerechtigkeitsthema ist für viele schwer zu verstehen. Dabei gibt es nichts zu verstehen – es ist einfach nicht logisch, wie wir handeln. Das macht es aber gleichzeitig auch so extrem beängstigend und frustrierend. Deshalb geht es für uns darum, den Gerechtigkeitsaspekt erlebbarer zu machen. Heiße Sommer und warme Winter reichen nicht aus, um Klimagerechtigkeit erlebbar zu machen. Dafür braucht es Methoden, damit man mal ausdiskutieren kann: Warum geht es nicht weiter? Was machen die Erwachsenen da die ganze Zeit?
Wie erreicht Ihr die ganz Jungen?
Wir bieten Schulworkshops und sogenannte Akademien an, letztere sogar weltweit. Akademien sind Ein-Tages-Workshops, die für alle Teilnehmenden kostenlos sind. Man lernt dort alles über die Klimakrise und Klimagerechtigkeit. Außerdem erfährt man: Wie spreche ich vor Leuten und überzeuge sie? Meistens ist noch eine Pflanzaktion mit dabei, schließlich heißen wir „Plant-for-the-Planet“. Am Ende des Tages werden die Kinder zu Botschafterinnen und Botschaftern für Klimagerechtigkeit ernannt und können die Botschaft in die Welt tragen. In Deutschland gibt es seit kurzem auch Schulworkshops. Diese sind mir ein besonderes Anliegen, da Engagement ein Privileg ist. Es ist ein Privileg, dass ich die Zeit und die mentalen Kapazitäten hatte. Ich finde es wichtig, dass alle Kinder die Möglichkeit haben, sich zu engagieren und es nicht durch das Elternhaus definiert wird, ob man sich für etwas einsetzen kann. Und dafür sind Schulen genau der richtige Ort, um anzusetzen. Unsere Schulworkshops sind eine kleine, abgespeckte Version der Akademie. Im Idealfall wird ein Workshop von einer Lehrkraft geleitet, die sich die entsprechenden Materialien auf unserer Internetseite heruntergeladen hat. Im Vortrag geht es dann erstmal darum: Was ist die Klimakrise? Warum gibt es die Klimakrise, wie entsteht die Klimakrise, was können wir tun? In dem Workshop gibt es verschiedene Module, die man mixen kann. Es gibt ein Weltspiel, wo es darum geht, Klimagerechtigkeit begreifbar zu machen und auszudiskutieren. Wir schreiben Briefe an unser zukünftiges Ich, um einen emotionalen Bezug zum Thema zu schaffen. Es ist uns wichtig, dass Schulen zu einem Ort werden, an dem Klimagerechtigkeit in einem festen Rahmen langfristig gelernt und gelebt wird.
Wie kann das Thema Klimagerechtigkeit an Schulen ausreichend behandelt werden?
Die Qualität, in der das Thema behandelt wird, hängt noch sehr am Engagement von einzelnen Lehrkräften. Häufig fehlt strukturell der Raum dafür, ebenso wie passende Methoden oder die Verbindung zu den globalen Fragen. Es bräuchte Strukturen, die offiziell geschaffen werden: im Lehrplan, im Kollegium, im Schulalltag. Klimagerechtigkeit verbindet viele Schulfächer und wirft zentrale Fragen auf: Wer trägt Verantwortung? Was ist in einer globalen Welt gerecht? Und wer darf das eigentlich entscheiden? Im Politik- und Sozialkundeunterricht könnte es darum gehen: Was ist Macht und Mitbestimmung? In Geografie um globale Zusammenhänge und Naturphänomene, in Ethik um die moralischen Implikationen einer Krise. In den Sprachen und im Kunstunterricht um den Ausdruck von Meinungen. Aber natürlich ist mir auch klar, dass es nicht am fehlenden Willen der Lehrkräfte liegt, sondern an einem strukturellen Problem und fehlenden Methoden und Materialien. Es braucht also Angebote, die genau da ansetzen. Hier kommen wir mit unserem Schulworkshop, der modular aufgebaut ist, ins Spiel.
Wie sollte die Schule von morgen aussehen?
Bildung sollte eine Einladung zum Mitgestalten sein und ein Angebot, um Selbstwirksamkeit zu erfahren. Für mich wird ein junger Mensch nicht nur darauf vorbereitet, in Prüfungen und im Arbeitsleben gut zu sein, sondern auch darauf, Teil der Gesellschaft zu sein. Man darf sich in der Schule ausprobieren und Verantwortung übernehmen. Schulen müssen Strukturen anbieten, die eine Teilhabe ermöglichen und die Mitbestimmung erlauben. Klimagerechtigkeit darf kein Randthema sein, sondern Teil einer gelebten Haltung: global denken, lokal handeln.
Du willst mehr? Du bekommst mehr!
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Liebe Sarah, welche Idee steckt hinter „Plant-for-the-Planet“?
Sarah Hadj Ammar: 2007 wurde „Plant-for-the-Planet“ von Felix Finkbeiner gegründet, der damals neun Jahre alt war. Er hielt ein Schulreferat zur Klimakrise, das er mit dem Aufruf beendete: Lasst uns in jedem Land der Erde eine Million Bäume pflanzen! So begann unsere Arbeit. Sie fußt auf zwei Aspekten: Empowerment auf der einen Seite, also Kindern und Jugendlichen weltweit zu ermöglichen, sich gegen die Klimakrise einzusetzen, und Aufforstungsprojekten auf der anderen Seite. Wir glauben, dass es ganz wichtig ist, die nächste Generation bereit, mündig und laut zu machen und die Welt, die wir momentan haben, zu erhalten und wieder aufzuforsten. Inzwischen haben wir über 100.000 Botschafterinnen und Botschafter in 76 Ländern.
Welche Fragen bekommt Ihr von Kindern und Jugendlichen oft gestellt?
Es ist für sie oft schwer nachzuvollziehen, wieso man auf eine Krise zuläuft, obwohl es allen so klar ist und die Erwachsenen nichts tun und es nicht schaffen, sich zu einigen. Wir hören Fragen wie: Wieso hört man uns nicht zu, wenn wir etwas so klar benennen? Auch das Ungerechtigkeitsthema ist für viele schwer zu verstehen. Dabei gibt es nichts zu verstehen – es ist einfach nicht logisch, wie wir handeln. Das macht es aber gleichzeitig auch so extrem beängstigend und frustrierend. Deshalb geht es für uns darum, den Gerechtigkeitsaspekt erlebbarer zu machen. Heiße Sommer und warme Winter reichen nicht aus, um Klimagerechtigkeit erlebbar zu machen. Dafür braucht es Methoden, damit man mal ausdiskutieren kann: Warum geht es nicht weiter? Was machen die Erwachsenen da die ganze Zeit?
Wie erreicht Ihr die ganz Jungen?
Wir bieten Schulworkshops und sogenannte Akademien an, letztere sogar weltweit. Akademien sind Ein-Tages-Workshops, die für alle Teilnehmenden kostenlos sind. Man lernt dort alles über die Klimakrise und Klimagerechtigkeit. Außerdem erfährt man: Wie spreche ich vor Leuten und überzeuge sie? Meistens ist noch eine Pflanzaktion mit dabei, schließlich heißen wir „Plant-for-the-Planet“. Am Ende des Tages werden die Kinder zu Botschafterinnen und Botschaftern für Klimagerechtigkeit ernannt und können die Botschaft in die Welt tragen. In Deutschland gibt es seit kurzem auch Schulworkshops. Diese sind mir ein besonderes Anliegen, da Engagement ein Privileg ist. Es ist ein Privileg, dass ich die Zeit und die mentalen Kapazitäten hatte. Ich finde es wichtig, dass alle Kinder die Möglichkeit haben, sich zu engagieren und es nicht durch das Elternhaus definiert wird, ob man sich für etwas einsetzen kann. Und dafür sind Schulen genau der richtige Ort, um anzusetzen. Unsere Schulworkshops sind eine kleine, abgespeckte Version der Akademie. Im Idealfall wird ein Workshop von einer Lehrkraft geleitet, die sich die entsprechenden Materialien auf unserer Internetseite heruntergeladen hat. Im Vortrag geht es dann erstmal darum: Was ist die Klimakrise? Warum gibt es die Klimakrise, wie entsteht die Klimakrise, was können wir tun? In dem Workshop gibt es verschiedene Module, die man mixen kann. Es gibt ein Weltspiel, wo es darum geht, Klimagerechtigkeit begreifbar zu machen und auszudiskutieren. Wir schreiben Briefe an unser zukünftiges Ich, um einen emotionalen Bezug zum Thema zu schaffen. Es ist uns wichtig, dass Schulen zu einem Ort werden, an dem Klimagerechtigkeit in einem festen Rahmen langfristig gelernt und gelebt wird.
Wie kann das Thema Klimagerechtigkeit an Schulen ausreichend behandelt werden?
Die Qualität, in der das Thema behandelt wird, hängt noch sehr am Engagement von einzelnen Lehrkräften. Häufig fehlt strukturell der Raum dafür, ebenso wie passende Methoden oder die Verbindung zu den globalen Fragen. Es bräuchte Strukturen, die offiziell geschaffen werden: im Lehrplan, im Kollegium, im Schulalltag. Klimagerechtigkeit verbindet viele Schulfächer und wirft zentrale Fragen auf: Wer trägt Verantwortung? Was ist in einer globalen Welt gerecht? Und wer darf das eigentlich entscheiden? Im Politik- und Sozialkundeunterricht könnte es darum gehen: Was ist Macht und Mitbestimmung? In Geografie um globale Zusammenhänge und Naturphänomene, in Ethik um die moralischen Implikationen einer Krise. In den Sprachen und im Kunstunterricht um den Ausdruck von Meinungen. Aber natürlich ist mir auch klar, dass es nicht am fehlenden Willen der Lehrkräfte liegt, sondern an einem strukturellen Problem und fehlenden Methoden und Materialien. Es braucht also Angebote, die genau da ansetzen. Hier kommen wir mit unserem Schulworkshop, der modular aufgebaut ist, ins Spiel.
Wie sollte die Schule von morgen aussehen?
Bildung sollte eine Einladung zum Mitgestalten sein und ein Angebot, um Selbstwirksamkeit zu erfahren. Für mich wird ein junger Mensch nicht nur darauf vorbereitet, in Prüfungen und im Arbeitsleben gut zu sein, sondern auch darauf, Teil der Gesellschaft zu sein. Man darf sich in der Schule ausprobieren und Verantwortung übernehmen. Schulen müssen Strukturen anbieten, die eine Teilhabe ermöglichen und die Mitbestimmung erlauben. Klimagerechtigkeit darf kein Randthema sein, sondern Teil einer gelebten Haltung: global denken, lokal handeln.
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