An einem heißen Julinachmittag stehe ich mit meinem Koffer und einer Tortilla im Rucksack an einer Bahnstation in Barcelona. Ich habe nämlich große Pläne. Nach meinem Au-pair-Aufenthalt möchte ich über den Landweg nach Hamburg reisen, einen Teil der Strecke per Nachtzugreise. Der Plan ist, dass er mich aus den Pyränen nach Paris bringt.
Das Interesse an dieser Art zu Reisen ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Nachdem die Züge längere Zeit eingestellt waren, entstehen nun Jahr für Jahr neue Strecken. Die Österreichische Bundesbahn (ÖBB) bietet unter anderem Verbindungen von Berlin nach Paris, von München nach Italien und von Norddeutschland nach Österreich an. Und auch in Richtung Nordeuropa geht es auf Schienen: Der schwedische Snälltaget bringt Zugreisende über Nacht von Berlin nach Stockholm. In der Theorie klingt das Konzept phänomenal. Ich möchte nun herausfinden, ob die Realität ebenso überzeugend ist.
Foto: Privat
Die erste Station meiner Nachtzugreise führt mich in das Bergdorf La Tour de Carol. Nach der kurzen Regionalfahrt durch die wunderschöne Berglandschaft im goldenen Abendlicht steige ich in den Nachtzug nach Paris. Menschen verschiedensten Alters suchen gespannt ihre Plätze. Nachtzüge bieten in der Regel drei Platzkategorien an: Die günstigste Möglichkeit ist der Sitzplatz, meist ein breiter Sessel, den man bei der ÖBB ab 55 Euro buchen kann. Darüber hinaus gibt es Wägen mit sechs ausklappbaren Liegen. Die teuerste und komfortabelste Option ist eine Liege mit Matratze im Schlafwagen, die in der Regel mindestens 120 Euro kostet. Zu meinem Interrailpass habe ich im Voraus über die Website einen Liegeplatz für dreißig Euro dazugebucht.
Gegen halb acht setzt sich der Zug in Bewegung. Es geht durch wolkenverhangene Täler und vorbei an rauschenden Flüssen, im Hintergrund der Sonnenuntergang. Während wir an einigen Orten Halt machen, entsteht im Sitzabteil zwischen einer Mitpassagierin und mir über Tortilla und Chips ein tiefgründiges Gespräch. Aber bald ist es Zeit, dass ich mich in mein Liegeabteil begebe. Dort liegen bereits eine Familie und ein junges Paar auf den sechs Liegen. Kurz überkommt mich ein beengtes Gefühl, da die Abstände zwischen den mehrstöckigen Liegen ungewohnt niedrig sind. Doch alle Mitfahrenden sind extrem freundlich, sodass ich mich als alleinreisende Frau schnell wohlfühle. Bei vielen Unternehmen gibt es übrigens auch reine Frauenabteile. Das Zugpersonal hat uns Schlafmasken und eine Wasserflasche pro Person bereitgestellt. Kurz suche ich noch das Zug-Bad auf, die Zähne kann ich in einem separaten Raum putzen. Im Vergleich zu den Toiletten der Deutschen Bahn sind die Sanitäranlagen hier definitiv akzeptabel. Vor dem Einschlafen denke ich noch über die Absurdität der Schlafsituation nach: Direkt über mir liegt ein fremder Junge, neben mir ein fremder Mann, unter mir eine fremde Frau. Trotzdem fühlt sich die Schlafsituation auch gemütlich an und ich drifte schon bald ins Land der Träume.
Foto: Privat
Mitten in der Nacht wache ich allerdings auf. Die Luft ist stickig und der Zug ist aus technischen Gründen stehen geblieben – das schlussfolgern wir sechs müden Gestalten in einer Mischung aus Französisch und Englisch. Um uns ein wenig Abkühlung zu verschaffen lasse ich mich mit der anderen jungen Frau auf dem Bahnsteig nieder. Die groben Steine sind noch warm von der südeuropäischen Sonne. Fröhlich erzählt sie von ihrer Heimat Andorra, ich wiederum berichte von meinen Reiseplänen und lerne von ihr die korrekte Aussprache des Wortes „Croissant“. Nach einiger Zeit können wir weiterfahren.
„Ich liege in einem fahrenden Zug in Frankreich!” ist mein erster Gedanke nach dem Aufwachen. Ich muss zugeben: Im Schlafwaggon hätte ich vermutlich tiefer geschlafen. Der morgendliche Zwischenstopp vor Paris konnte mich nicht aus dem Schlaf reißen, doch ich wache trotzdem früh auf. Auf einer schmalen Liege in einem fahrenden Zug zu nächtigen, fühlt sich doch ungewohnt und kontraintuitiv an. Die Fahrgeräusche waren eigentlich subtil, nur die irrationale Angst, beim Bremsen von der Liege zu fallen, hat sich durch die Halbschlafphasen gezogen. Aber aufregend ist die Fahrt definitiv! Ein Abenteuergefühl stellt sich ein und ich bin gespannt, wo sich der Zug gerade befindet. Schließlich haben wir im Schlaf fast ganz Frankreich durchquert. Meine müden Augen erspähen auf dem Weg zum kleinen Zug-Bad grüne Wiesen in der Morgensonne. Bald kommen die Pariser Vororte zum Vorschein und morgens um sieben Uhr erreichen wir schließlich Paris. Bei den ÖBB Nightjets ist auch ein kleines Frühstück enthalten ist. Bei den Nachtzug nach Paris nicht, also entscheide ich mich für ein Croissant und Café au Lait in einem Pariser Café.
Foto: Privat
Es ist ein außergewöhnliches Gefühl, lange Strecken im Zug zu reisen. Trotz des Schlafmangels habe ich die Begnungen mit den Menschen und die genialen Aussichten genossen. Würde ich deshalb auch in Zukunft eine Nachtzugreise wählen? Ich halte den Schlafwagen mit bequemen Betten für eine tolle Alternative zum Flugzeug. Im Liegewagen kommt man jedoch selten ausgeruht ans Ziel. Und auch die Sitzplätze scheinen eher eine kurze Nacht zu bescheren, wie mir eine Berlinerin aus dem Zug berichtete. Dass eine Nacht im fahrenden Waggon zwischen fremden Menschen energiezehrend ist, muss ich offen zugeben. Eine Lösungsmöglichkeit wären deshalb niedrigere Ticketpreise im Schlafwagen. Dadurch könnte nachhaltigeres Reisen mehr Menschen ermöglicht werden. Schließlich sollten die Preise für eine Nachtzugreise das Interesse am nachhaltigen Reisen nicht ausgebremsen, sondern fördern. Bei ausreichender Finanzierung vom Staat könnte eine Nachtzugreise so zu einer beliebten Flugalternative werden.
An einem heißen Julinachmittag stehe ich mit meinem Koffer und einer Tortilla im Rucksack an einer Bahnstation in Barcelona. Ich habe nämlich große Pläne. Nach meinem Au-pair-Aufenthalt möchte ich über den Landweg nach Hamburg reisen, einen Teil der Strecke per Nachtzugreise. Der Plan ist, dass er mich aus den Pyränen nach Paris bringt.
Das Interesse an dieser Art zu Reisen ist in den letzten Jahren stark gestiegen. Nachdem die Züge längere Zeit eingestellt waren, entstehen nun Jahr für Jahr neue Strecken. Die Österreichische Bundesbahn (ÖBB) bietet unter anderem Verbindungen von Berlin nach Paris, von München nach Italien und von Norddeutschland nach Österreich an. Und auch in Richtung Nordeuropa geht es auf Schienen: Der schwedische Snälltaget bringt Zugreisende über Nacht von Berlin nach Stockholm. In der Theorie klingt das Konzept phänomenal. Ich möchte nun herausfinden, ob die Realität ebenso überzeugend ist.
Die erste Station meiner Nachtzugreise führt mich in das Bergdorf La Tour de Carol. Nach der kurzen Regionalfahrt durch die wunderschöne Berglandschaft im goldenen Abendlicht steige ich in den Nachtzug nach Paris. Menschen verschiedensten Alters suchen gespannt ihre Plätze. Nachtzüge bieten in der Regel drei Platzkategorien an: Die günstigste Möglichkeit ist der Sitzplatz, meist ein breiter Sessel, den man bei der ÖBB ab 55 Euro buchen kann. Darüber hinaus gibt es Wägen mit sechs ausklappbaren Liegen. Die teuerste und komfortabelste Option ist eine Liege mit Matratze im Schlafwagen, die in der Regel mindestens 120 Euro kostet. Zu meinem Interrailpass habe ich im Voraus über die Website einen Liegeplatz für dreißig Euro dazugebucht.
Gegen halb acht setzt sich der Zug in Bewegung. Es geht durch wolkenverhangene Täler und vorbei an rauschenden Flüssen, im Hintergrund der Sonnenuntergang. Während wir an einigen Orten Halt machen, entsteht im Sitzabteil zwischen einer Mitpassagierin und mir über Tortilla und Chips ein tiefgründiges Gespräch. Aber bald ist es Zeit, dass ich mich in mein Liegeabteil begebe. Dort liegen bereits eine Familie und ein junges Paar auf den sechs Liegen. Kurz überkommt mich ein beengtes Gefühl, da die Abstände zwischen den mehrstöckigen Liegen ungewohnt niedrig sind. Doch alle Mitfahrenden sind extrem freundlich, sodass ich mich als alleinreisende Frau schnell wohlfühle. Bei vielen Unternehmen gibt es übrigens auch reine Frauenabteile. Das Zugpersonal hat uns Schlafmasken und eine Wasserflasche pro Person bereitgestellt. Kurz suche ich noch das Zug-Bad auf, die Zähne kann ich in einem separaten Raum putzen. Im Vergleich zu den Toiletten der Deutschen Bahn sind die Sanitäranlagen hier definitiv akzeptabel. Vor dem Einschlafen denke ich noch über die Absurdität der Schlafsituation nach: Direkt über mir liegt ein fremder Junge, neben mir ein fremder Mann, unter mir eine fremde Frau. Trotzdem fühlt sich die Schlafsituation auch gemütlich an und ich drifte schon bald ins Land der Träume.
Mitten in der Nacht wache ich allerdings auf. Die Luft ist stickig und der Zug ist aus technischen Gründen stehen geblieben – das schlussfolgern wir sechs müden Gestalten in einer Mischung aus Französisch und Englisch. Um uns ein wenig Abkühlung zu verschaffen lasse ich mich mit der anderen jungen Frau auf dem Bahnsteig nieder. Die groben Steine sind noch warm von der südeuropäischen Sonne. Fröhlich erzählt sie von ihrer Heimat Andorra, ich wiederum berichte von meinen Reiseplänen und lerne von ihr die korrekte Aussprache des Wortes „Croissant“. Nach einiger Zeit können wir weiterfahren.
„Ich liege in einem fahrenden Zug in Frankreich!” ist mein erster Gedanke nach dem Aufwachen. Ich muss zugeben: Im Schlafwaggon hätte ich vermutlich tiefer geschlafen. Der morgendliche Zwischenstopp vor Paris konnte mich nicht aus dem Schlaf reißen, doch ich wache trotzdem früh auf. Auf einer schmalen Liege in einem fahrenden Zug zu nächtigen, fühlt sich doch ungewohnt und kontraintuitiv an. Die Fahrgeräusche waren eigentlich subtil, nur die irrationale Angst, beim Bremsen von der Liege zu fallen, hat sich durch die Halbschlafphasen gezogen. Aber aufregend ist die Fahrt definitiv! Ein Abenteuergefühl stellt sich ein und ich bin gespannt, wo sich der Zug gerade befindet. Schließlich haben wir im Schlaf fast ganz Frankreich durchquert. Meine müden Augen erspähen auf dem Weg zum kleinen Zug-Bad grüne Wiesen in der Morgensonne. Bald kommen die Pariser Vororte zum Vorschein und morgens um sieben Uhr erreichen wir schließlich Paris. Bei den ÖBB Nightjets ist auch ein kleines Frühstück enthalten ist. Bei den Nachtzug nach Paris nicht, also entscheide ich mich für ein Croissant und Café au Lait in einem Pariser Café.
Es ist ein außergewöhnliches Gefühl, lange Strecken im Zug zu reisen. Trotz des Schlafmangels habe ich die Begnungen mit den Menschen und die genialen Aussichten genossen. Würde ich deshalb auch in Zukunft eine Nachtzugreise wählen? Ich halte den Schlafwagen mit bequemen Betten für eine tolle Alternative zum Flugzeug. Im Liegewagen kommt man jedoch selten ausgeruht ans Ziel. Und auch die Sitzplätze scheinen eher eine kurze Nacht zu bescheren, wie mir eine Berlinerin aus dem Zug berichtete. Dass eine Nacht im fahrenden Waggon zwischen fremden Menschen energiezehrend ist, muss ich offen zugeben. Eine Lösungsmöglichkeit wären deshalb niedrigere Ticketpreise im Schlafwagen. Dadurch könnte nachhaltigeres Reisen mehr Menschen ermöglicht werden. Schließlich sollten die Preise für eine Nachtzugreise das Interesse am nachhaltigen Reisen nicht ausgebremsen, sondern fördern. Bei ausreichender Finanzierung vom Staat könnte eine Nachtzugreise so zu einer beliebten Flugalternative werden.
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