Meinung

Reingelesen: Etaf Rum – „Evil Eye“

Amulette mit dem blauen Nazar-Auge hängen in einem Baum, im Hintergrund ist eine türkische Berglandschaft zu sehen.
In „Evil Eye“ setzt sich Etaf Rum mit Trauma und Selbstbestimmung auseinander – und mit ihren Wurzeln im Nahen Osten.
Jan-Malte Wortmann, funky-Jugendreporter

Das Gefühl von Selbstwirksamkeit ist eine der fundamentalsten Voraussetzungen für Zufriedenheit und eine gesunde Psyche. Doch allzu häufig scheint unser Weg strikt vorgegeben zu sein und so erfüllen wir familiäre, kulturelle oder gesellschaftliche Erwartungen und vergessen zu fragen: Was will ich eigentlich selbst?

Etaf Rum wurde in Brooklyn, New York, geboren und wuchs als Kind palästinensischer Einwander auf.
(c) Angela Blankenship

Für Yara ist diese Erfahrung lange Jahre nur eine unwirkliche Empfindung, ein dumpfes Gefühl von Schuld, Trauer und Leere. Schließlich wird ihr immer wieder gespiegelt, wie gut sie es hat: ein schönes Haus, ein guter Ehemann, zwei wundervolle Töchter und dazu noch ein Job an der Uni. Welches Recht hat sie also, sich zu beschweren? Geht es ihr nicht so viel besser als ihrer Mutter, die als palästinensische Migrantin ohne Geld und Perspektive, aber mit einem gewalttätigen Ehemann in die USA kam? Oder als ihrer Großmutter, die die Nakba miterlebte und den Rest ihres Lebens in einem Flüchtlingscamp verbrachte? Und doch spürt Yara, dass irgendetwas nicht stimmt, dass sie wie eine leere Hülle funktioniert: Arbeiten, die Kinder abholen, Putzen, Kochen, Schlafen. Und wieder von vorn. Bis sie eines Tages beginnt, ihr Leben umzukrempeln – zunächst noch zaghaft und unbemerkt, schließlich immer radikaler.

(c) pola Verlag

Und so ist „Evil Eye“, der zweite Roman von Etaf Rum, eine Geschichte über Verantwortung und Familie, über Selbst- und Fremdbestimmung. Er erzählt von tief verankerten patriarchalen Strukturen, vom Leben in der Diaspora und nicht zuletzt von Traumata, die von Generation zu Generation weitergegeben werden. Dass Yara dabei zahlreiche Parallelen zum Leben der jungen palästinensisch-amerikanischen Autorin aufweist, verleiht dem Buch einige Detailtiefe und Authentizität. Auf über 400 Seiten schlägt die Story dabei zwar die ein oder andere Schleife zu viel und hätte durchaus knackiger ausfallen können, doch Yaras tiefsitzende Wut und Trauer wirken so aufwühlend und echt, dass man ihr nach kürzester Zeit ein versöhnliches Ende herbeisehnt. Eine dramatische Charakterstudie, ein spannender kultureller Einblick, kurzum: Psychoanalyse zum Mitlesen.

Etaf Rum: Evil Eye, pola Verlag, 432 Seiten, 22 Euro

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