Meinung

Kommentar zur Affäre Jette Nietzard: Frech sein gehört zur Jobbeschreibung

Ein Foto von Jette Nietzard, Co-Vorsitzende der Grünen Jugend, bei einer Rede.
Jette Nietzard, Co-Vorsitzende der Grünen Jugend, fiel schon in der Vergangenheit mit Provokation und Polemik auf.
Jan-Malte Wortmann, funky-Jugendreporter

Die Empörung ist groß: bei Bundestagspräsidentin Julia Klöckner, zahlreichen Politiker:innen von Union bis Grünen, in konservativen Medien – und bei Axel Springer sowieso. Der Grund? Eine Instagram-Story, eine Cap und ein Pulli. Letzteren hatte Jette Nietzard, die 25-jährige Co-Vorsitzende der Grünen Jugend, in besagter Instagram-Story auf ihrem Profil getragen. „ACAB“ war darauf zu lesen, eine gemeinhin bekannte Abkürzung für „All Cops are Bastards“ (zu deutsch „Alle Polizist:innen sind Bastarde“). Ihre Cap zierte zusätzlich der antikapitalistische Spruch „Eat the rich“, also „Esst die Reichen“. Diese Story entwickelte sich seither zu einem echten Skandal. Rücktrittsforderungen kamen von allen Seiten, nicht zuletzt aus Nietzards eigener Partei, und die gesamte konservative Presse läuft Sturm. Die Junge Union forderte gar, dass die Grüne Jugend vom Verfassungsschutz beobachtet werden solle. Ok …? Jetzt beruhigen wir uns erstmal alle wieder.

So wie Nietzard selbst, die im Verlauf der ganzen Affäre ziemlich cool geblieben ist. Denn ihrer Popularität wird die Geschichte sicher nicht geschadet haben – und zur Zielscheibe rechter Hetze ist sie ohnehin längst geworden. In einem Interview mit dem „Stern“ stellte sie richtig, dass sie selbstverständlich nicht jeden und jede Polizist:in für ein „Schwein“ halte, dass der Spruch aber auf strukturellen Rassismus und Polizeigewalt hinweise, und das seien nun mal wirkliche Probleme. Sich für ihren Post zu entschuldigen oder gar zurückzutreten, halte sie hingegen für „übertrieben“.

Übertrieben sind wohl viel eher die schnappatmend vorgetragenen Reaktionen. Man kann den Post von Jette Nietzard humorlos finden. Oder auch geschmacklos. Doch die Debatte, die seit bald zwei Wochen darüber entbrannt ist, hat bisher nicht nur zu rein gar nichts geführt, sie offenbart auch politische Zustände: die Doppelstandards vieler Konservativer, die Orientierungslosigkeit der grünen Partei nach den Ampel-Jahren – und dass Grüne nach wie vor das liebste Feindbild aller Christdemokrat:innen sind.

Nietzard provoziert, weil es funktioniert

Es liegt in der Natur der Sache, dass Jungpolitiker:innen – egal ob Jusos, Grüne Jugend oder Junge Union – ein bisschen schärfer, radikaler und frecher sind als ihre älteren Parteikolleg:innen. Dass sie ihre Parteien mit ihren Forderungen zu mehr Kompromisslosigkeit zwingen wollen und womöglich auch mal übers Ziel hinausschießen. Das alles ist nichts Neues, genauso wenig wie öffentliche Provokation durch Jette Nietzard, die schon in der Vergangenheit mit, sagen wir mal, polemisch-pointierten Tweets für Aufmerksamkeit sorgte. Wie gut das funktioniert, wurde wieder einmal bewiesen.

Diejenigen, die aktuell besonders hart auf Nietzard eindreschen, lassen ihren Wunsch nach Political Correctness und innerparteilichen Konsequenzen an anderer Stelle schmerzlich missen. Wer fordert denn einen Rücktritt von Markus Söder, wenn der alle Geflüchteten aus Afghanistan als „Täter“ pauschalisiert? Und wer fragt denn mal ernsthaft, wie der Brief von Julia Klöckner an die Grünen schon wieder vorab in der „Bild“-Zeitung landen konnte, in dem sie drohte, Nietzard könne wegen des Pullovers ihr Zugangsausweis für den Bundestag entzogen werden?

Dass die gegenwärtige Kontroverse um die Co-Vorsitzende ihrer Jugendorganisation auch innerhalb der Grünen so umfänglich diskutiert wird, beweist immerhin, dass sich die Partei ernsthaft mit sich selbst auseinandersetzt und eine offene demokratische Debatte pflegt. In der Union hingegen scheint man sich einig zu sein, dass jedem Fehltritt mit noch mehr Geschlossenheit begegnet werden sollte. Von der AfD ganz zu schweigen.

Quo vadis, Grüne?

Die Affäre Nietzard offenbart aber auch, wie unsicher die Grünen nach den Ampeljahren ob ihrer Parteilinie sind. Sich weiter als Partei der Mitte zu etablieren, läuft bisher semi erfolgreich – woran das permanente Grünen-Bashing von rechts, das auch die aktuelle Debatte befeuert, nicht ganz unschuldig ist. Baden-Württembergs grüner Ministerpräsident Winfried Kretschmann erklärte, Nietzard sei mit ihren Ansichten in der Linkspartei wohl besser aufgehoben. Daran mag sogar etwas dran sein. Doch beweist nicht der Überraschungserfolg ebendieser Linkspartei bei der vergangenen Bundestagswahl, dass es in Deutschland – besonders unter jungen Menschen – einen Bedarf an linker Politik gibt?

Innerhalb einer Partei, die wegen ihres Mitte-Kurses der letzten Jahre viele Stimmen aus ihrem Stammklientel einbüßen musste, kann und will Jette Nietzard einen jungen, linken und kompromisslosen Pol verkörpern. Dafür muss sie sich nicht mit 77-jährigen Parteikollegen einig sein, im Gegenteil. Und dafür kann sie durchaus mit bewussten Provokationen spielen. Sie eckt an, das ist schon länger ihr Image – und das ist auch, was man von Jungpolitiker:innen erwartet. Sicher, über Stil lässt sich streiten. Doch wer mit einem Pullover Konservative zur Weißglut bringt, die sich ihrerseits nie für verbale Ausfälle zu schade sind, legt zumindest den Finger in die richtige Wunde.

Hinweis: Dieser Kommentar entstand, bevor Jette Nietzard erneut mit einem Video für Schlagzeilen sorgte, das ihr den Vorwurf einbrachte, den Terroranschlag der Hamas auf Israel vom 7. Oktober 2023 zu verharmlosen. Später entschuldigten sie und der Bundesverband der Grünen Jugend sich für das Video und erklärten ihre Solidarität mit allen Jüdinnen und Juden.

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