Funky-Jobkompass | „Ich bin kein Therapieroboter“

Situation in einer Psychotheroapie.
Es ist wichtig, ein Interesse für andere Menschen und andere Lebenskonzepte mitzubringen.
Chayenne Wolfframm, funky-Jugendreporterin

Alle wollen sie, nicht jeder genießt sie: Die berühmte erste Arbeitserfahrung. In der Rubrik „Jobkompass“ berichtet die junge Generation von interessanten, skurrilen und unschönen Ausbildungs- und Nebenjoberfahrungen und interviewt Menschen mit inspirierenden Berufen.

© Eva Stenger

Den Traum Psychotherapeut:in zu werden haben viele junge Menschen in Deutschland. Doch der Weg dorthin ist kein Zuckerschlecken: finanziell aufwändig, fordernd und emotional belastend. Diese Erfahrung hat auch Eva Stenger gemacht. Sie befindet sich mittlerweile im dritten Jahr der Ausbildung zur Psychotherapeutin an der Berliner Akademie für Psychotherapie (BAP). Um überhaupt an diesen Punkt zu gelangen, hat Eva bereits erfolgreich den Bachelor und Master of Science in Psychologie absolviert. Um sich schließlich „Psychologische Psychotherapeutin“ nennen zu dürfen, liegen noch etwa zwei Ausbildungsjahre vor ihr, die mit der Approbationsprüfung abgeschlossen werden.

Durch Praxiserfahrung bekommt man ein Gefühl dafür, ob man mit seelischen Belastungen umgehen kann.

Für Eva stand schon früh fest, dass sie Psychotherapeutin werden möchte. „Ich habe in der Schulzeit ein Praktikum bei einer Psychologin in der Familien- und Erziehungsberatungsstelle gemacht. Dadurch wurde ich angeregt, Psychologie zu studieren. Ich habe gemerkt, dass es mir total viel Spaß macht“, erinnert sie sich. Bereits während des Studiums hat Eva verschiedene Praktika im klinischen Bereich absolviert. Dabei erhielt sie Einblicke in eine Psychotherapiestation, Spezialsprechstunden für affektive Störungen und in den Bereich der Traumatologie. „Ich finde Praktika im klinischen Bereich wichtig, wenn man mit dem Gedanken spielt, die Ausbildung zu machen. Durch Praxiserfahrung bekommt man ein Gefühl dafür, ob man mit seelischen Belastungen umgehen kann.“

Nach dem Master bewarb sich Eva für die Ausbildung zur Psychotherapeutin. Sie entschied sich für den tiefenpsychologischen Schwerpunkt. In der tiefenpsychologischen Behandlung geht es vor allem um frühkindliche Erfahrungen und innere Konflikte, die in der Therapie gemeinsam bewusst gemacht und verstanden werden. „Wir arbeiten immer im Hier und Jetzt, aber unter Bezugnahme der Erfahrungen, die eine Person schon in Kindheit und Jugendzeit gemacht hat. Es geht also um Fragen wie: Wie erleben sich Patient:in und Therapeut:in miteinander, was hat dies mit früheren Beziehungserfahrungen der Patient:in zu tun und wie lässt sich das miteinander verstehen und bearbeiten“, erklärt Eva.

Neben der tiefenpsychologischen Behandlung gibt es noch drei weitere kassenärztlich anerkannte Schwerpunkte für die Behandlung von Erwachsenen: die analytische Psychotherapie, die Verhaltenstherapie und die systemische Therapie. Bei der Psychoanalyse wird noch intensiver in die Vergangenheit geschaut als bei der Tiefenpsychologie. Die Sitzungen finden im Liegen meist dreimal pro Woche statt. „Das Setting erinnert an Bilder, wie man sie aus Zeitungen kennt – mit Freud hinter der Couch“, findet Eva.

Bei der Verhaltenstherapie steht im Gegensatz zu den zuvor genannten Therapieformen weniger die Vergangenheit, sondern das gegenwärtige Verhalten und die Gedanken der Patient:innen im Mittelpunkt. Bei dieser Therapieform wird häufig mit Hausaufgaben und Übungen gearbeitet. Die systemische Therapie ist die jüngste anerkannte Therapieform. Hier wird die Person in ihrem System begriffen, also ihrem Umfeld. Im Fokus stehen die aktuellen Beziehungen und die einzelnen Systeme dahinter, wie Familie, Arbeit oder die WG. Beleuchtet wird, wie sich die Beziehungen untereinander beeinflussen und entwickeln, wenn sich beispielsweise eine Person ändert. Es wird also betrachtet, welche Funktion ein Symptom innerhalb des Systems hat.

Eine (zeit)intensive Ausbildung

Man beginnt mit einem Jahr in einer klinisch-psychiatrischen Einrichtung. „Das ist auf jeden Fall der härteste Teil der Ausbildung“, erinnert sich Eva zurück. „Man steht ganz am Anfang der Ausbildung und hat in den Kliniken sehr viel Verantwortung und häufig leider wenig Supervision. Das ist eine enorme Arbeitsbelastung.“ Dennoch ist es wichtig, diese Erfahrungen zu machen. „Wir lernen dort ganz unterschiedliche Erkrankungsbilder kennen, die uns später in der Ambulanzphase wiederbegegnen.“

Ein weiterer praktischer Teil ist die Tätigkeit in einer Einrichtung, die psychosomatisch oder psychotherapeutisch arbeitet. „Das kann zum Beispiel eine Psychotherapiepraxis sein, eine Einrichtung für Suchterkrankungen oder Beratungsstellen“, erklärt Eva. Nach diesen großen Praxiseinsätzen steht eine Zwischenprüfung an, mit der die Behandlungserlaubnis erlangt wird. Das leitet den zweiten Abschnitt der Ausbildung ein, in dem man schließlich ambulant die eigenen Patient:innen behandelt. In diesem Teil der Ausbildung befindet sich Eva momentan. Sie muss insgesamt 600 bis 800 Behandlungsstunden und eine gewisse Anzahl an Langzeittherapien leisten. Nach jeder vierten Sitzung spricht Eva mit einer externen Supervisorin über die laufende Behandlung. Danach steht die Approbationsprüfung an, mit deren erfolgreichem Abschluss privat Versicherte und Selbstzahlerinnen und Selbstzahler behandelt werden dürfen.

Ich finde es sehr wichtig, auch die Sicht und Erfahrung von der Patient:innenseite zu kennen.

Parallel zu den Einsätzen und den Prüfungen laufen fast während der gesamten Ausbildung Theorieseminare – meistens am Wochenende. Insgesamt kommen dabei 650 Stunden zusammen. Alle Auszubildenden im tiefenpsychologischen Schwerpunkt müssen die sogenannte Selbsterfahrung in Form von Einzel- und Gruppentherapien machen. „Ich habe einmal die Woche eigene Therapie, in der ich zu einer erfahrenen, approbierten Psychotherapeutin gehe. Nur so kann man die eigenen Probleme umfassend verstehen, um nicht unangemessen und persönlich zu reagieren, wenn Patient:innen mit ähnlichen Anliegen vorstellig werden. Es ist aber nicht das Ziel als Psychotherapeutin, gar keine Themen zu haben, sondern diese zu kennen und verstanden zu haben und somit auch die nötige Distanz wahren zu können. Außerdem finde ich es sehr wichtig, auch die Sicht und Erfahrung von der Patient:innenseite zu kennen“.

Auf die Frage, ob Eva die Schicksalsschläge aus ihren Behandlungsstunden mit nach Hause nimmt, antwortet sie ehrlich, aber professionell: „Auf jeden Fall. Ich wurde schon mit schweren Schicksalsschlägen konfrontiert. Das gehört in dieser Tätigkeit zum Alltag dazu. In der Therapie geht es auch darum, sich berühren zu lassen und ich bin kein Therapieroboter. Es kann immer passieren, dass man über eine Sitzung hinaus mit dem Patienten oder der Patientin beschäftigt ist. Auch deswegen, weil wir verpflichtet sind, die Sitzungen zu dokumentieren.“ Trotzdem konnte sich Eva während der Ausbildungszeit diesbezüglich schon weiterentwickeln: „Wenn ich es mit dem Anfang der Ausbildung vergleiche, ist es für mich inzwischen viel einfacher geworden. Man entwickelt Strategien, sich abzugrenzen.“

Eine finanzielle Herausforderung

Doch nicht nur die Schicksalsschläge der Patient:innen können belastend sein. Auch die finanzielle Situation kann für die angehenden Psychotherapeut:innen eine Herausforderung darstellen. „Wenn ich meinen Ausbildungsjahrgang anschaue, dann haben viele – und ich auch – zusätzlich einen Nebenjob. Das heißt, ich habe 32 Stunden in der Klinik gearbeitet. Hinzu kommen dann die Theorieseminare und der Nebenjob. Das ist eine große Arbeitsbelastung“. Für einige unerlässlich, denn die Ausbildung kostet einen Batzen Geld: Gerechnet werden muss mit 20.000 € bis 40.000 Euro. Folglich kann sich nicht jede und jeder diese Ausbildung leisten. „Es werden Menschen systematisch ausgeschlossen, die diesen Berufswunsch haben und das finde ich schwierig“, betont Eva.

Doch das ändert sich nun zum Glück aufgrund einer neuen Reform der Psychotherapeutenausbildung. Auch wenn Eva bereits mitten in der Ausbildung steckt, gibt es auch Änderungen für sie: „Es gibt eine zwölfjährige Übergansregelung: Ich muss bis 2032 mit der Ausbildung fertig sein. Dank der Reform wurde ich während der Klinikzeit etwas besser bezahlt, immerhin mit 1000 Euro brutto“, freut sich Eva. Grundsätzlich wurde die Ausbildung zu einer Weiterbildung umgestellt. Der Bachelor in Psychologie ist nach wie vor Voraussetzung, doch bereits im Master muss eine definitive Entscheidung für oder gegen die Ausbildung getroffen werden.

Der Nachteil liegt auf der Hand: „Man ist viel jünger, wenn man diese Entscheidung treffen muss, was ich problematisch finde. Wenn ich an mein Studium zurückdenke, wurden wir am Anfang gefragt, wer Psychotherapeut:in werden möchte. Fast alle haben sich gemeldet, weil es das ist, was die Menschen mit dem Studium verbinden. Dabei gibt es viele Berufsfelder, die man erst kennenlernt“, betont Eva. Der „neue“ Master endet mit der Approbationsprüfung, die Eva hingegen erst nach ihrer Ausbildung erhält.

Es gibt eine massive Unterversorgung, weswegen es schwierig ist, Psychotherapieplätze zu finden.

Evas großes Ziel ist es, gesetzlich Versicherte behandeln zu können. Dafür braucht sie jedoch einen eigenen Kassensitz. „Der ist schwer zu kriegen und wahnsinnig teuer. Es ist staatlich geregelt, wie viele Kassensitze es in welchem Bereich gibt und da gibt es eine massive Unterversorgung. Deswegen ist es auch schwierig, Psychotherapieplätze zu finden.“ Kein Wunder, dass es aktuell in Deutschland so schwer ist, zeitnah einen Therapietermin zu bekommen. Laut statistischem Bundesamt gibt es in Deutschland 48.000 approbierte Psychotherapeut:innen. Nur 32.500 von ihnen haben einen Kassensitz, der ihnen erlaubt, gesetzlich Versicherte zu behandeln.

Lernintensiv, emotional und anstrengend

Allen, die sich nicht sicher sind, ob Psychologie das richtige für sie ist, rät Eva: „Es ist wichtig, ein Interesse für andere Menschen, andere Lebenskonzepte und ein Verstehenwollen des psychischen Erlebens mitzubringen.“ Eva erlebt den Job als sehr inspirierend. „Es ist schön und heilsam zu sehen, wie sich Dinge bei Patient:innen verändern und es ihnen besser geht. Ich glaube, das ist ein Beruf, bei dem man nie aufhört, sich weiterzuentwickeln und Neues dazuzulernen.“

Beschönigen will Eva dabei nichts: „Das Studium ist sehr lernintensiv und emotional anstrengend. Man sollte sich dafür bereit fühlen.“ Empfehlenswert ist es, früh mit Praktika anzufangen und vor allem in verschiedene Bereiche hineinzuschnuppern. „Man kann unterschiedliche Dinge mit einem Psychologiestudium machen: mit Arbeits- und Organisationspsychologie in Unternehmen gehen, als Schulpsychologin oder im Gefängnis arbeiten“, zählt Eva auf.

Ich analysiere keine Person, die mir auf der Straße über den Weg läuft.

Ein Klischee, das man Psychotherapeut:innen gegenüber oft hat, möchte Eva aus dem Weg räumen: „Ich analysiere keine Person, die mir auf der Straße über den Weg läuft.“ Ihr Blick auf die Menschen hat sich durch die Ausbildung trotzdem verändert. „Es ist unangemessen, in nicht-therapeutischen Situationen in einen Therapiemodus zu verfallen.“ Dies gilt für Eva auch in Situationen, in denen sie von Freundinnen um Rat gefragt wird.

Eine gute Psychotherapeut:in ist für Eva jemand, der einem empathisch und verständnisvoll begegnet, jedoch gleichzeitig konfrontieren kann, sodass ein ausgewogenes Nähe- und Distanzverhältnis entsteht. Es geht um die Bereitschaft eine Erfahrung zu machen, sich berühren zu lassen und sich auseinanderzusetzen – mit der Beziehung aber auch mit sich selbst. Eine kritische Selbstreflexion ist dabei unerlässlich. Außerdem sollte man für die unterschiedlichsten Lebenskonzepte- und Situationen offen sein und respektvoll mit diesen umgehen. „Was ich an dem Job so mag, ist, dass das Leben in all seinen Facetten zu uns in die Praxis getragen wird. Das ist total spannend.“  

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