Interview

Schule von morgen: Gespräche mit Napoleon und Marie Curie

Eine Zeichnung, die einen Mann auf einem Laptop zeigt.
Künstliche Intelligenz könnte den Schulalltag interaktiver gestalten.
Janna Kühne, funky-Redakteurin

Rostock. Künstliche Intelligenz (KI) ins Klassenzimmer zu holen, mag zunächst nach einer ungewöhnlichen Idee klingen. Nicht so für Gert Mengel, den Schulleiter der Don-Bosco-Schule in Rostock. Anstatt KI zu verteufeln, strebt er danach, Wege zu finden, um diese sinnvoll in den Bildungsbereich zu integrieren und so eine bedürfnisorientierte Lernumgebung zu schaffen. Welche Vorteile durch die Einbindung der KI in den Schulalltag zu erwarten sind und wie der Einsatz entsprechender Technik aus Schülerperspektive wahrgenommen wird, erklären Gert Mengel und der 17-jährige Schülersprecher Steven Giese, ebenfalls von der Don-Bosco-Schule, in einem gemeinsamen Interview. 

Herr Mengel, darf Künstliche Intelligenz beim Lernen behilflich sein?
Gert Mengel: Die Frage ist nicht, ob wir Künstliche Intelligenz in der Schule einsetzen, sondern wie. Künstliche Intelligenz kann und soll das Leben erleichtern. Sie kann das Lernen so gestalten, wie wir es uns wünschen, und die Schule so verändern, dass alle Schülerinnen und Schüler individuell entsprechend ihrer Bedürfnisse gefördert werden können. 
Haben Sie schon entsprechende Tools erprobt?

Haben Sie schon entsprechende Tools erprobt?
Gert Mengel: Im Mathematikunterricht nutzen bereits seit 2021 einige Kollegen beispielsweise das Tool Modus Operandi. Es zeigt den Schülerinnen und Schülern nicht das richtige Ergebnis an, sondern führt sie im Rechenweg an die Stelle, wo sie einen Fehler gemacht haben. Das Tool ist Bestandteil von der Plattform fobizz, mit der wir an der Schule arbeiten. Das Land Mecklenburg-Vorpommern hat eine Landeslizenz der Lernplattform erworben. Diese bietet verschiedenste Tools an. Ich bin Geschichtslehrer, auch dafür gibt es ein tolles Tool: Interviews führen mit historischen Persönlichkeiten. Ich kann zum Beispiel Napoleon oder Angela Merkel interviewen. Die KI hat das Wissen zu den historischen Avataren hinterlegt. Die Schülerinnen und Schüler können der Person dann Fragen stellen und der Avatar gibt Antworten. Sie können Angela Merkel zu ihrem Handeln in der Finanzkrise befragen, Napoleon zu seinen Kriegen oder Marie Curie zur Atomphysik. 

Steven Giese und Gert Mengel setzen sich für mehr Digitalisierung im Klassenzimmer ein.

Welche Vorteile bringt das Verwenden von KI im Klassenzimmer mit sich?
Gert Mengel: Ich bringe mal ein Beispiel, an dem sich die gesellschaftliche Relevanz erkennen lässt. Wir haben eine Vielzahl ukrainischer Geflüchteter an unserer Schule aufgenommen. Aber ich kann leider kein Ukrainisch. Und dann habe ich Folgendes gemacht: In meinem Unterricht nutze ich gerne die Videos von Mirko Drotschmann, auch als Mr. Wissen to go bekannt. Mit den digitalen Tools kann ich mir diese Videos transkribieren lassen. Im nächsten Schritt kann ich auf dieser Plattform einen Lückentext als Arbeitsblatt erstellen lassen – und zwar binnendifferenziert. Und jetzt kommt der Clou: Dieses Arbeitsblatt kann ich mir auf Ukrainisch übersetzen lassen. Die Schülerinnen und Schüler haben das Video auf Deutsch geschaut und erhielten dann einen ukrainischen Text oder einen Lückentext, in dem sie deutsche Wörter eintragen mussten. Und alle saßen zur gleichen Zeit im gleichen Raum und haben dasselbe Video bearbeitet. Ich konnte dank der KI mit 25 Schülerinnen und Schülern binnendifferenziert arbeiten. Vielleicht ist nicht jedes Wort akkurat übersetzt – aber was ist die Alternative? Künstliche Intelligenz ist ein echter Gamechanger!

Wie sieht in Zukunft die perfekte KI-Einbindung in den Schulalltag aus?
Gert Mengel: Künstliche Intelligenz darf den Menschen nicht ersetzen. Wir brauchen die Schule als sozialen Lernraum. Wir müssen dahin kommen, dass wir mit KI-Tools und der digitalen Lernunterstützung ein binnendifferenziertes Tutorensystem schaffen können, das die Lehrerinnen und Lehrer unterstützt und die Schülerinnen und Schüler entlastet. Am Ende eines Ausbildungsweges stehen Prüfungen, die mittlere Reife, das Abitur. In der Schule habe ich aber keine Chance, diese Ergebnisse zu verbessern. Also müssen die Lernwege verbessert werden. Auch dabei kann die KI helfen. Sie könnte beispielsweise dabei unterstützen, schneller Feedback zu geben, und den Lernprozess und den Leistungsermittlungsprozess anders zu gestalten. Die Note gibt es erst nach mehreren Feedbackrunden. Kritiker mögen sagen: Dann haben ja nachher alle gute Ergebnisse! Dann würde ich die Gegenfrage stellen: Wo ist das Problem? 
Steven, was wünschst du dir für den digitalen, medienaffinen Unterricht von morgen?

Steven, was wünschst du dir für den digitalen, medienaffinen Unterricht von morgen?
Steven Giese: Viele würden sich wünschen, dass man den Laptop oder das Tablet in den Unterricht einbauen kann. Aber das ist es nicht, was ich möchte. Ich fände es schön, wenn die Lehrerinnen und Lehrer digitale Tools wie KI in den Unterricht einbinden. Wenn das gegeben ist, ist der Unterricht für mich schon digital genug. 

Die ältere Generation hat immer Angst gehabt, dass die jüngere Generation verdummt. Ich hingegen bin der Meinung, es wird eine Wissensexplosion geben.

Gert Mengel

Wo liegen die Grenzen und Gefahren, wenn KI im Schulalltag eingesetzt wird?
Gert Mengel: Die KI lügt teilweise. Viele Tools nutzen die Schnittstelle zu dem KI-Tool ChatGPT, das sich manchmal Dinge ausdenkt, da es Informationen lediglich mit der höchsten Wahrscheinlichkeit zusammenfügt. So können Falschinformation entstehen. Ein weiteres Problem sind Deep Fakes. Die Schülerinnen und Schüler sind diesen Manipulationen ausgesetzt. Schule hat deshalb auch einen Aufklärungscharakter: Wir Lehrerinnen und Lehrer stehen in der Pflicht, die Schülerinnen und Schüler zu schützen und auf diese Dinge vorzubereiten.
Steven Giese: Momentan ist es die KI-Diskussion, vor ein paar Jahren ging es um das iPad und das damit verbundene Risiko, weniger zu schreiben. Beides sind einfache Werkzeuge, mit denen ich arbeiten kann, ohne großen Aufwand zu betreiben. Das ist das größte Risiko: Dass nicht mehr ich arbeite, sondern nur noch die KI. Mit der KI arbeiten finde ich aber prinzipiell gut. Aber wenn die KI für mich arbeitet, bringt mir das nichts, wenn ich letzten Endes in der Prüfung sitze. 

Steven, wurden dir im Unterricht schon die wichtigsten Punkte zum Umgang mit KI vermittelt?
Steven Giese: Nicht in jedem Fach, hauptsächlich in Informatik. Dadurch, dass es noch keine richtigen Einheiten zu KI im Lehrplan gibt, bleibt auch nicht die Zeit, Unterrichtsstunden dazu zu gestalten. Ich persönlich fände das wichtig. 

Besteht die Gefahr, dass die Schülerinnen und Schüler weniger lernen, wenn sie KI-Tools benutzen?
Gert Mengel: Man spricht dabei von Deskilling, deshalb ist das Erlernen von Basiskompetenzen weiterhin so wichtig. Gutes fundiertes Wissen ist die Basis für gute Prompts, kurze Hinweise, die beispielsweise in Form von allgemeinen Fragen oder genauen Ausführungsanleitungen gegeben werden. Außerdem muss die mündliche Ausdrucksfähigkeit gestärkt werden und wir brauchen auch digitale Auszeiten. Die ältere Generation hat immer Angst gehabt, dass die jüngere Generation verdummt. Ich hingegen bin der Meinung, es wird eine Wissensexplosion geben. Viel wichtiger ist, dass wir die Kritikfähigkeit der Schülerinnen und Schüler kritisch stärken, damit sie nicht zu einer manipulierbaren Masse werden. Das ist vielleicht eine Angst, die durchaus berechtigt ist.

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