Die Digitalisierung an Schulen soll auf die Lebensrealität von Schülerinnen und Schüler eingehen und sie dabei unterstützen, sich auf die Zukunft vorzubereiten.
Schule von morgen: Der Schulleiter Micha Pallesche spricht im Interview über die Digitalisierung an den Schulen und die veränderten kulturelle Praktiken, die daraus hervorgehen müssen.
Karslruhe. Micha Pallesche ist das, was man als einen Lehrer mit Passion bezeichnen kann. Für ihn steht fest: Er möchte den Schulalltag so gestalten, dass die Schülerinnen und Schüler gerne lernen. Erste Erfolge kann der 48-Jährige auch schon verbuchen: Seit 2015 ist er Schulleiter der Ernst-Reuter-Gemeinschaftsschule in Karlsruhe, die 2017 unter seiner Leitung als erste „Smart School“ Baden-Württembergs ausgezeichnet wurde und die sich darüber hinaus bemüht, das Konzept Schule neu zu denken. Gemeinsam mit dem Lehrpersonal und den 370 Schülerinnen und Schülern möchte er die Schule nicht nur als Lernort, sondern auch als Lebensort verstehen. Wie das gelingen kann und welche Rolle die Digitalisierung dabei spielt, erklärt Micha Pallesche im Interview.
Was ist das Besondere an Ihrer Schule, die 2017 auch zur ersten Smart School Baden-Württembergs gekürt wurde? Schon vor acht, neun Jahren haben wir digitale Geräte in unseren Schulalltag implementiert. In der Folge haben sich auch die Arbeitsweisen verändert. Wir haben ein Projektfach entwickelt, das sich „Leben“ nennt. Wie sieht die Lebenswelt aus, auf die wir die Schülerinnen und Schüler vorbereiten wollen? Wie mache ich eine Steuererklärung, wie sieht ein Mietvertrag aus? Es werden all die Dinge behandelt, die im Unterricht normalerweise nicht stattfinden. Auf der anderen Seite geht es auch um die digitale Lebenswelt und wie man in dieser arbeiten kann. Wenn viele andere Schulen von der Digitalisierung sprechen, spielen technische Geräte eine sehr zentrale Rolle. Das sieht man an gängigen Begriffen wie der „Tabletklasse“. Man hat zuvor auch nicht gesagt: Das ist eine Bücherklasse. Bei uns sind solche Begriffe komplett verschwunden. Stattdessen sind digitale Medien Bestandteil des Alltags, die wir organisch nutzen, um damit selbstverständlich die Lernprozesse zu gestalten.
Wir wollen die Schülerinnen und Schüler auf diese veränderte Welt vorbereiten, die durch die Digitalisierung immer komplexer wird.
Wieso liegt Ihnen das Thema Digitalisierung an den Schulen am Herzen? Unsere Gesellschaft wird immer digitaler. Aber es geht nicht darum, analoge Prozesse zu elektrifizieren, also diese einfach nur digital abzubilden. Es handelt sich um veränderte kulturelle Praktiken: Wir kommunizieren anders miteinander und haben Algorithmen, die uns Menschen in analogen, aber auch in digitalen Räumen beeinflussen. Das ist für mich ein ganz zentrales Element: Wir wollen die Schülerinnen und Schüler auf diese veränderte Welt vorbereiten, die durch die Digitalisierung immer komplexer wird. Und deshalb muss eine Schule auch versuchen, so viel wie möglich von dieser realen Welt abzubilden. Es darf nicht bei dem bloßen Ersetzen digitaler Geräte bleiben. Die Kreidetafel darf nicht nur durch die interaktive Tafel ersetzt werden und man macht im Endeffekt dasselbe wie zuvor. Es sieht zwar auf der Oberflächenstruktur digital aus, aber es ändert nichts an den Lernsettings und den Vorgehensweisen, die eigentlich daraus entstehen müssten. Der Unterricht, wenn er dann noch so heißt, muss neu gedacht werden.
Welche Auswirkungen hat das auf das Lehrpersonal und den Schulalltag? Natürlich betrifft es auch das Lehrpersonal, weil die Lehrerinnen und Lehrer die veränderten kulturellen Praktiken transportieren. Gleichzeitig sind auch die Schülerinnen und Schüler gefragt. Wir brauchen die vereinten Kräfte, den sogenannten „Whole School Approach“. Wir haben hier bei uns an der Schule das Format „Der rote Salon“ geschaffen, bei dem sich Eltern, Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler treffen und in einem Designthinking-Prozess gemeinsam unsere Schule weiterentwickeln und auch in der Praxis mitgestalten können. Es geht um folgende Fragen: Wie sieht die Schule der Zukunft aus? Was brauchen wir? Allerdings muss man auch sagen: Unser Schulsystem ist für diese Art des Arbeitens gar nicht ausgelegt. Wenn man beispielsweise in Abschlussprüfungen cokreativ arbeitet, fällt man durch. Es handelt sich um individuelle Einzelprüfungen, bei der absehbares Wissen abgeprüft wird. Das ist nicht mehr zeitgemäß.
Was haben Sie von Ihren Schülerinnen und Schülern gelernt? Ich habe die Selbstverständlichkeit übernommen, mit der Schülerinnen und Schüler mit den digitalen Medien arbeiten. Vorher war mir außerdem nicht klar, wie wichtig das ganze Thema des Teilens und Likens ist. Man könnte fast meinen, Likes wären die neue Währung. Es ist wichtig, zu verstehen, wie diese Netzkultur abläuft. Da kann ich auf jeden Fall noch viel von den Schülerinnen und Schülern lernen.
Lehrkräfte und Schulleitungen müssen mutig sein und Menschen in die Schule einladen, die ihre Expertise von außen mitbringen.
Wenn Sie sich den Unterricht in 20 Jahren vorstellen: Wie sieht die digitale Schule von morgen aus? Ich glaube, die Schule in 20 Jahren wird alle technischen Möglichkeiten haben, die wir auch in unserer Gesellschaft nutzen. Digitale Medien werden zukünftig ein fester Bestandteil des Unterrichts sein. In Zukunft werden sich die Lernorte erweitern. Zum Beispiel könnte die Schule ins Quartier eingebunden sein. Die nahe gelegene Bibliothek hat vielleicht einen Maker Space und ist Teil des Lernkonzepts. Oder man geht in den Gemeinderatssaal, der oft leer steht. Dort könnte man Politikunterricht machen. Und im Forstamt nebenan lernt man etwas über die Natur. Schule wird dezentraler werden. Sie wird offener und agiler sein und hoffentlich dadurch, dass man mehr in der Realität arbeitet, viel mehr an Relevanz gewinnen.
Und wie kann diese Transformation gelingen? Wenn die Schule bereit ist, sich zu öffnen. Wenn sie sagt: Wir gehen raus aus diesem Gebäude der „Schule“. Dann wird man feststellen: Es gibt außerhalb der Schule gar keine Fächer! Man könnte ganz normal in Zusammenhängen lernen, wie es in der Welt auch ist, Fächerstrukturen auflösen und sie so zusammenfügen, dass sie Sinn ergeben. Außerdem müssen Lehrkräfte und Schulleitungen mutig sein und Menschen in die Schule einladen, die ihre Expertise von außen mitbringen. Man geht raus in das Quartier, in die Realität.
Schule von morgen: Der Schulleiter Micha Pallesche spricht im Interview über die Digitalisierung an den Schulen und die veränderten kulturelle Praktiken, die daraus hervorgehen müssen.
Karslruhe. Micha Pallesche ist das, was man als einen Lehrer mit Passion bezeichnen kann. Für ihn steht fest: Er möchte den Schulalltag so gestalten, dass die Schülerinnen und Schüler gerne lernen. Erste Erfolge kann der 48-Jährige auch schon verbuchen: Seit 2015 ist er Schulleiter der Ernst-Reuter-Gemeinschaftsschule in Karlsruhe, die 2017 unter seiner Leitung als erste „Smart School“ Baden-Württembergs ausgezeichnet wurde und die sich darüber hinaus bemüht, das Konzept Schule neu zu denken. Gemeinsam mit dem Lehrpersonal und den 370 Schülerinnen und Schülern möchte er die Schule nicht nur als Lernort, sondern auch als Lebensort verstehen. Wie das gelingen kann und welche Rolle die Digitalisierung dabei spielt, erklärt Micha Pallesche im Interview.
Was ist das Besondere an Ihrer Schule, die 2017 auch zur ersten Smart School Baden-Württembergs gekürt wurde?
Schon vor acht, neun Jahren haben wir digitale Geräte in unseren Schulalltag implementiert. In der Folge haben sich auch die Arbeitsweisen verändert. Wir haben ein Projektfach entwickelt, das sich „Leben“ nennt. Wie sieht die Lebenswelt aus, auf die wir die Schülerinnen und Schüler vorbereiten wollen? Wie mache ich eine Steuererklärung, wie sieht ein Mietvertrag aus? Es werden all die Dinge behandelt, die im Unterricht normalerweise nicht stattfinden. Auf der anderen Seite geht es auch um die digitale Lebenswelt und wie man in dieser arbeiten kann. Wenn viele andere Schulen von der Digitalisierung sprechen, spielen technische Geräte eine sehr zentrale Rolle. Das sieht man an gängigen Begriffen wie der „Tabletklasse“. Man hat zuvor auch nicht gesagt: Das ist eine Bücherklasse. Bei uns sind solche Begriffe komplett verschwunden. Stattdessen sind digitale Medien Bestandteil des Alltags, die wir organisch nutzen, um damit selbstverständlich die Lernprozesse zu gestalten.
Wieso liegt Ihnen das Thema Digitalisierung an den Schulen am Herzen?
Unsere Gesellschaft wird immer digitaler. Aber es geht nicht darum, analoge Prozesse zu elektrifizieren, also diese einfach nur digital abzubilden. Es handelt sich um veränderte kulturelle Praktiken: Wir kommunizieren anders miteinander und haben Algorithmen, die uns Menschen in analogen, aber auch in digitalen Räumen beeinflussen. Das ist für mich ein ganz zentrales Element: Wir wollen die Schülerinnen und Schüler auf diese veränderte Welt vorbereiten, die durch die Digitalisierung immer komplexer wird. Und deshalb muss eine Schule auch versuchen, so viel wie möglich von dieser realen Welt abzubilden. Es darf nicht bei dem bloßen Ersetzen digitaler Geräte bleiben. Die Kreidetafel darf nicht nur durch die interaktive Tafel ersetzt werden und man macht im Endeffekt dasselbe wie zuvor. Es sieht zwar auf der Oberflächenstruktur digital aus, aber es ändert nichts an den Lernsettings und den Vorgehensweisen, die eigentlich daraus entstehen müssten. Der Unterricht, wenn er dann noch so heißt, muss neu gedacht werden.
Welche Auswirkungen hat das auf das Lehrpersonal und den Schulalltag?
Natürlich betrifft es auch das Lehrpersonal, weil die Lehrerinnen und Lehrer die veränderten kulturellen Praktiken transportieren. Gleichzeitig sind auch die Schülerinnen und Schüler gefragt. Wir brauchen die vereinten Kräfte, den sogenannten „Whole School Approach“. Wir haben hier bei uns an der Schule das Format „Der rote Salon“ geschaffen, bei dem sich Eltern, Lehrkräfte sowie Schülerinnen und Schüler treffen und in einem Designthinking-Prozess gemeinsam unsere Schule weiterentwickeln und auch in der Praxis mitgestalten können. Es geht um folgende Fragen: Wie sieht die Schule der Zukunft aus? Was brauchen wir? Allerdings muss man auch sagen: Unser Schulsystem ist für diese Art des Arbeitens gar nicht ausgelegt. Wenn man beispielsweise in Abschlussprüfungen cokreativ arbeitet, fällt man durch. Es handelt sich um individuelle Einzelprüfungen, bei der absehbares Wissen abgeprüft wird. Das ist nicht mehr zeitgemäß.
Was haben Sie von Ihren Schülerinnen und Schülern gelernt?
Ich habe die Selbstverständlichkeit übernommen, mit der Schülerinnen und Schüler mit den digitalen Medien arbeiten. Vorher war mir außerdem nicht klar, wie wichtig das ganze Thema des Teilens und Likens ist. Man könnte fast meinen, Likes wären die neue Währung. Es ist wichtig, zu verstehen, wie diese Netzkultur abläuft. Da kann ich auf jeden Fall noch viel von den Schülerinnen und Schülern lernen.
Wenn Sie sich den Unterricht in 20 Jahren vorstellen: Wie sieht die digitale Schule von morgen aus?
Ich glaube, die Schule in 20 Jahren wird alle technischen Möglichkeiten haben, die wir auch in unserer Gesellschaft nutzen. Digitale Medien werden zukünftig ein fester Bestandteil des Unterrichts sein. In Zukunft werden sich die Lernorte erweitern. Zum Beispiel könnte die Schule ins Quartier eingebunden sein. Die nahe gelegene Bibliothek hat vielleicht einen Maker Space und ist Teil des Lernkonzepts. Oder man geht in den Gemeinderatssaal, der oft leer steht. Dort könnte man Politikunterricht machen. Und im Forstamt nebenan lernt man etwas über die Natur. Schule wird dezentraler werden. Sie wird offener und agiler sein und hoffentlich dadurch, dass man mehr in der Realität arbeitet, viel mehr an Relevanz gewinnen.
Und wie kann diese Transformation gelingen?
Wenn die Schule bereit ist, sich zu öffnen. Wenn sie sagt: Wir gehen raus aus diesem Gebäude der „Schule“. Dann wird man feststellen: Es gibt außerhalb der Schule gar keine Fächer! Man könnte ganz normal in Zusammenhängen lernen, wie es in der Welt auch ist, Fächerstrukturen auflösen und sie so zusammenfügen, dass sie Sinn ergeben. Außerdem müssen Lehrkräfte und Schulleitungen mutig sein und Menschen in die Schule einladen, die ihre Expertise von außen mitbringen. Man geht raus in das Quartier, in die Realität.
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