Meinung

Ein dreijähriger Erfolgskünstler? Ein fragwürdiges Phänomen

Ein Kleinkind ist von hinten zu sehen, während es mit einem Pinsel dicke rote Farbe auf eine Leinwand aufträgt.
Die meisten Kinder malen gern – und denken dabei wohl kaum an ein lukratives Geschäft auf dem Kunstmarkt.
Maximilian Wittkop, funky-Jugendreporter

Kinder malen ein Bild, schenken es den Eltern und später hängt die ganze Küche voll mit den Kritzeleien. Die ganze Kreativität des Kindes drückt sich dabei aus und meist kann aus einem solchen „Kunstwerk“ geschlossen werden, in was für einer Stimmung das Kind ist. Die Fantasie eines Kindes ist grenzenlos, was ausdrücklich nicht nur für das Malen gilt. In jeder Kunstform probieren sich Kinder aus – und das ist ausdrücklich zu begrüßen.

Der gerade einmal dreijährige Laurent Schwarz aus Bayern macht genau dasselbe wie die meisten anderen Kinder auch: Er malt. Der Unterschied ist, dass seine Ergebnisse nicht nur in der Küche der Familie Schwarz hängen, sondern auch das Internet im Sturm eroberten. Auf Instagram erreichen Laurents Bilder unter dem Benutzernamen @laurents.art Zehntausende Fans. Das weckt natürlich Interesse auf dem Kunstmarkt. Neben der Möglichkeit, die Bilder am 18. Geburtstag herauszuholen und gemeinsam darüber zu lachen kann Laurent von sich behaupten, dass seine Bilder bereits in seinem vierten Lebensjahr fünfstellige Summen wert waren.

Selbstverständlich kann kein Dreijähriger die Bilder nicht selbst veröffentlichen. Der Junge, der aktuell noch kleiner als seine eigene Leinwand ist, zeichnet lediglich und die Eltern Lisa und Philipp Schwarz sind diejenigen, die den Sohn und seine Werke vermarkten.

Psychischer Druck ist vorprogrammiert

Wenn dieses Konzept nun weiterverfolgt wird, baut sich früher oder später eine enorme Erwartungshaltung auf. Diese kann Laurent nur erfüllen, wenn er weiterhin Lust auf das Malen hat. Das muss nicht der Fall sein. Spätestens in der Pubertät ändern sich bei jungen Menschen häufig die Interessen. Plötzlich ist statt Zeichnen Zocken angesagt. Das wäre alles kein Problem, wenn aus den kindlichen Versuchen nicht so ein lukratives Geschäft geworden wäre.

In verschiedensten Kunstformen baut sich Druck auf. Bei einem Stand-Up-Comedian ist es die neue Show vor einem großen Publikum, bei einem Romanautor ist es der nächste Teil der Buchreihe und bei der Musikerin die erste große Solo-Tour. Vielleicht erlebt Laurent in sechs Monaten eine „stockende Produktion“ in seinem Schaffen. Medial wird Laurent schon als „Wunderkind“ und „Mini-Picasso“ überhöht. Der dadurch verursachte Druck und eine steigende Erwartungshaltung können vorhergesehen werden. Ein Hype, der schneller vorbei sein kann als ein Pinselstrich des Dreijährigen.

Laurent entscheidet nicht selbst

Außerdem hat Laurent aktuell nicht die Möglichkeit, selbst zu entscheiden, ob er auf Instagram gepostet werden möchte. Selbstbestimmung ist ein wichtiges Gut in den sozialen Netzwerken. Die Eltern verwalten den Account, entscheiden, wie oft, wann und was gepostet wird. Sein Talent zu fördern ist löblich. Ihm Leinwände und Farben zur Verfügung zu stellen ebenfalls. Weniger löblich ist es, ein Kindergartenkind zum Start-up zu machen und auf Instagram seine „Arbeit“ zu dokumentieren. Das geht entschieden zu weit. Es muss andere Wege geben, um Laurent gleichzeitig zu schützen und zu fördern. Vielmehr scheint es so, als hätten die Eltern nichts gegen eine zusätzliche Einnahmequelle.

Am 19. September fand in seinem Heimatort die erste Vernissage von Laurent statt. Diese wurde von den Eltern veranstaltet, und Kunstliebhaberinnen und Kunstliebhaber aus Deutschland und sogar aus dem Ausland kamen nach Neubeuern. Dabei wurden Gemälde verkauft und schon erworbene Gemälde abgeholt. Unter den Gästen waren auch Bekannte der Familie und Freunde von Laurent, mit denen der Dreijährige – Berichten zufolge – spielte, während seine Bilder begutachtet und verkauft wurden. In erster Linie ist der Schutz des Kindes wichtig. Dieser ist mit dem aktuellen Hype nicht gewährleistet. Wissenschaftlichen Studien zufolge kristallisieren sich echte Talente und Begabungen erst ab dem fünften Lebensjahr heraus. Demnach muss man abwarten, wie es mit Laurents Leidenschaft weitergeht. Was das Kind noch nicht verstehen kann, ist, was der Trubel um seine Person und seine Werke auslösen kann. Da sind die Eltern in der Pflicht, den Sohn vor der Öffentlichkeit zu behüten.

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