Mit der Migrationswelle in den Jahren 2015 und 2016 kamen viele Familien aus Kriegsgebieten nach Deutschland. Seitdem spielt die Integration an deutschen Schulen eine große Rolle. Ist der Wertekunde-Unterricht für Flüchtlingskinder die Lösung?

Von Kathrin Keller

Man stelle sich ein syrisches Mädchen in Deutschland vor, das seit Jahren auf eine deutsche Schule geht. Neben den üblichen Fächern wie Mathematik oder Deutsch soll sie nun, anders als ihre deutschen MitschülerInnen, zusätzlich einen „Wertekunde-Unterricht“ besuchen. Das fordern derzeit die Fraktionschefs der beiden Schwesterparteien CDU und CSU.

Demokratische Werte leben und teilen

In sogenannten „Rechtsstaatsklassen“ sollen Kinder aus Flüchtlingsfamilien in ganz Deutschland die Werte und Grundrechte unseres Rechtsstaates lernen. Zugegeben: Es ist natürlich wichtig, dass wir unsere demokratischen Werte nicht nur leben, sondern auch an die, die zu uns kommen, weitergeben. Dazu zählt unter anderem die Achtung der Menschenwürde, die Gewährleistung der Presse- und Meinungsfreiheit oder die Gleichberechtigung von Mann und Frau. Schließlich darf man nicht vergessen, dass Flüchtlingsfamilien meist aus Ländern kommen, in denen ein völlig anderes kulturelles Verständnis vom Zusammenleben vorherrscht. Um die Integration voranzutreiben, erscheint ein bundesweiter Wertekunde-Unterricht an Schulen also sinnvoll.

Was ist mit „Rechtstaatlichkeit“ tatsächlich gemeint?

Aber warum soll das Angebot nur für SchülerInnen aus Migrantenfamilien gelten? Ich bin mir sicher, es würde auch deutschen Jugendlichen nicht unbedingt schaden, wenn auch sie sich intensiver mit unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung auseinandersetzen. Oder weiß jeder aus dem Effeff, was mit „Rechtsstaatlichkeit“ gemeint ist? Und überhaupt gibt es an vielen Oberstufen in Deutschland bereits Politik, Sozial- oder Gemeinschaftskunde als Schulfach. Den neuen „Wertekunde-Unterricht“ könnte man doch einfach dort integrieren und für deutsche und SchülerInnen aus Migrantenfamilien gleichermaßen zugänglich machen. Damit würde man erstens niemanden ausgrenzen und zweitens einen interkulturellen Austausch viel besser fördern.

 

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