Interview

„Heilung braucht Sicherheit, Zeit und Raum“: Einblicke in das Hamburger Trauma-Therapiezentrum „Ankerland“

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„Ankerland“ hilft traumatisierten Kindern und Jugendlichen.
Judith Abrahams, funky-Jugendreporterin
Dr. Andreas Krüger
(c) Ankerland

Das Trauma-Therapiezentrum „Ankerland“ ist in Deutschland einzigartig: Hier dürfen sich traumatisierte Kinder und Jugendliche die Zeit für ihre Heilung nehmen, die sie brauchen, ohne sich Sorgen um auslaufende Förderungen zu machen.  Im Interview spricht Andreas Krüger, Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychotherapie sowie Gründer und Initiator von Ankerland e.V., über die Grenzen des herkömmlichen Kliniksystems, die Kraft der Kunsttherapie und darüber, warum es beim Kinderschutz kein „Vielleicht“ geben darf.

Herr Krüger, Sie haben Ankerland gegründet, weil reguläre Kliniken oft an ihre Grenzen stoßen. Was ist Ihr Ansatz?
Andreas Krüger: Zeitliche Begrenzungen, wie sie in psychiatrischen Kliniken vorgegeben sind, sind bei komplexen Traumata kontraproduktiv. Auch ambulante Angebote sind bei Patientinnen und Patienten, die eigentlich eine multiprofessionelle und bedarfsorientierte Behandlung benötigen, begrenzt. Heilung braucht Sicherheit, Zeit und Raum. Ich sehe Ankerland als Kontrastwelt zum traumatischen Alltag, in dem es eben diesen Raum für Heilung gibt. Unsere Arbeit ist spendenfinanziert, weil die Krankenkassen dieses Behandlungsangebot nicht finanzieren.

Ankerland richtet sich an schwer traumatisierte Kinder und Jugendliche. Der Begriff „Trauma“ wird heute jedoch fast inflationär verwendet. Wie finden wir als Außenstehende zu einer fachlich korrekten Einordnung zurück?
Indem wir persönliche Erfahrungen ernst nehmen, ohne den medizinischen Begriff zu verwässern. Es steht Außenstehenden nicht zu, darüber zu urteilen, was für einen anderen Menschen traumatisch ist und was nicht. Ein Ereignis lässt sich nie isoliert bewerten, vielmehr ist der Kontext entscheidend. Wir müssen individuell betrachten: Wie stabil ist das Umfeld? Welche Prägungen bringt ein Mensch mit? Selbst der psychische Zustand oder die Tageszeit beeinflussen, wie tief sich ein Ereignis einschreibt. Ein Trauma ist immer das Ergebnis eines belastenden Ereignisses und der persönlichen Verletzlichkeit in diesem Moment.

Sicherheit ist das absolute Fundament von Heilung. Eine erfolgreiche Therapie ist ohne den Abbruch eines Täterkontakts nicht denkbar.

Andreas Krüger

Um ein konkretes Bild zu schaffen: Wo liegt der Unterschied zwischen einem belastenden Erlebnis und einem klinischen Trauma?
Ich erkläre das gerne am Beispiel einer Puppe. Wenn ein Kind seine Puppe verliert, wirkt das zunächst traurig, aber nicht traumatisch. Anders ist es bei einem Kind auf der Flucht, das seine Familie verloren hat und dessen Schwester ihm kurz vor ihrem Tod die Puppe als einziges Erinnerungsstück übergibt. Wird diesem Kind die Puppe in einer existenziellen Notsituation gewaltsam weggenommen, reißt damit die letzte Verbindung zu Sicherheit und Halt ab. Hier kann die Grenze zur Traumatisierung erreicht sein.

Bei Traumafolgestörungen verlieren Betroffene oft die Sprache. Wie erreichen Sie diese Kinder, wenn das Reden nicht mehr funktioniert?
Das Bedürfnis, sich mitzuteilen, ist menschlich. Besteht eine posttraumatische Belastungsstörung, sind Betroffene durch Flashbacks oft blockiert. Hier eröffnet zum Beispiel die Kunsttherapie mit Malen und Gestalten einen Zugang, der Kommunikation ermöglicht, die über das Verbale hinausgeht. Ergänzend dazu arbeiten wir körpertherapeutisch, da ein Trauma den Körper und seine Funktionen massiv beeinträchtigen kann, beispielsweise in Form von Blockaden, Verspannungen oder psychosomatischen Beschwerden. Wir unterstützen die Kinder dabei, ihren Körper wieder liebevoll als Teil ihres Seins zu begreifen.

Wie schützt man sich in einem so belastenden Berufsfeld vor emotionalem Verschleiß?
Das ist eine zentrale Herausforderung. Unser Team setzt auf einen sehr starken internen Zusammenhalt. Der Austausch untereinander ist das A und O. Privat betreiben die meisten von uns gute klassische Selbstfürsorge: eine ausgewogene Ernährung, viel Sport und Bewegung sowie die bewusste Pflege privater Beziehungen. Ich persönlich finde meinen Ausgleich vor allem in der Musik. Sie hilft mir, Abstand zu gewinnen und die emotionale Schwere der Fälle zu verarbeiten. Diese Balance ist die Voraussetzung, um langfristig in diesem Bereich wirksam und selbst gesund bleiben zu können.

Bei einem starken Verdachtsmoment möchte man am liebsten sofort die Polizei rufen. Besser ist es jedoch, den Fall erst einmal anonym vorzutragen.

Andreas Krüger

Wie gehen Sie vor, wenn das Leid direkt aus dem familiären Umfeld kommt?
Sicherheit ist das absolute Fundament von Heilung. Eine erfolgreiche Therapie ist ohne den Abbruch eines Täterkontakts nicht denkbar. Ich vertrete die klare Ansicht: Schwere Misshandlung sollte konsequent zum Entzug des Sorgerechts führen. Wenn ein Kind noch im Täterumfeld ist, arbeiten wir therapievorbereitend ausschließlich unter strikter Einbindung des Hilfesystems, zum Beispiel des Jugendamts, der Jugendhilfe und des Gerichts, und engagieren uns zunächst für den Kinderschutz.

Was raten Sie Jugendlichen, die Gewalt im Umfeld von anderen Kindern oder Jugendlichen vermuten?
Schafft einen geschützten Raum für einen Dialog. „Safe spaces“ in der Schule, am Ausbildungsplatz und in der Uni sind hilfreich. Bleibt dran. Einfach unterstützend da zu sein oder Hilfe-Hotlines herauszusuchen,  sind wichtige erste Schritte. Bei einem starken Verdachtsmoment möchte man am liebsten sofort die Polizei rufen. Besser ist es jedoch, den Fall erst einmal anonym vorzutragen. So verhindert man, dass eine strafrechtliche Verfolgung in Gang gesetzt wird, bevor man abgewogen hat, ob dies zum jetzigen Zeitpunkt wirklich der richtige Schritt ist. Eine zu frühe Intervention kann den Täterkreis warnen und die Gefahr durch Eskalation im Umfeld sogar erhöhen.

Weitere Infos: ankerland.de

INFOKASTEN:
Ankerland ist ein deutschlandweit einzigartiges, vollständig spendenfinanziertes Therapiekonzept. Das Angebot richtet sich gezielt an Kinder mit komplexen Traumatisierungen.

Die Behandlung ist für die Familien komplett kostenlos. Therapieplätze werden unabhängig von Genehmigungen der Krankenkassen oder dem Aufenthaltsstatus vergeben.

Während Regelsysteme oft nur Kurzzeittherapien zahlen, begleitet Ankerland die jungen Patienten so lange, wie es für eine dauerhafte Heilung notwendig ist.

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