Meinung

Die Ehe abschaffen?

Ein Mann steckt seiner Ehefrau den Ehering auf den Finger
Gehört die Ehe abgeschafft?
Arsa Bushi, funky-Jugendreporterin

Die Berliner Jusos, die Arbeitsgemeinschaft der Jungsozialistinnen und Jungsozialisten in der SPD, wollen die Ehe abschaffen und durch eingetragene Partnerschaften ersetzen. So sollen Machtstrukturen überwunden und steuerliche Privilegien wie das Ehegattensplitting beendet werden.

Die Ehe wird oft kritisiert. Sie gilt als altmodisch, konservativ und als Relikt einer Zeit, in der Frauen rechtlich und gesellschaftlich von Männern abhängig waren. Doch bedeutet das automatisch, dass sie abgeschafft werden sollte?

Ich finde: Nein. Die Ehe hat eine problematische Geschichte. Lange Zeit hatte sie wenig mit Liebe zu tun. Sie diente dazu, Vermögen zu sichern, Familien zu verbinden und gesellschaftliche Erwartungen zu erfüllen. Frauen waren innerhalb der Ehe oft nicht gleichberechtigt. Dass viele junge Menschen diese Tradition kritisch sehen, kann ich deshalb nachvollziehen.

Trotzdem frage ich mich, ob wir manchmal den Fehler machen, Dinge nur nach ihrer Vergangenheit zu beurteilen. Vieles, was wir heute als selbstverständlich ansehen, stammt aus Zeiten, deren Werte wir nicht mehr teilen. Entscheidend ist nicht, woher etwas kommt, sondern welche Bedeutung es heute hat.

Für die meisten Menschen in Deutschland ist die Ehe längst keine Pflicht mehr. Und genau das macht sie interessant. Früher wurde geheiratet, weil man es musste. Heute heiraten viele, obwohl sie es nicht müssen. Die Entscheidung bekommt dadurch eine andere Bedeutung – sie wird freiwillig.

Gleichzeitig fällt mir auf, dass die Debatte oft sehr theoretisch geführt wird. Es wird darüber gesprochen, was die Ehe symbolisiert. Weniger wird thematisiert, warum Menschen überhaupt das Bedürfnis haben, ihre Beziehung öffentlich zeremoniell zu bestätigen. Vielleicht geht es dabei gar nicht um Traditionen oder Religion. Vielleicht geht es um etwas Grundlegenderes: das Bedürfnis nach Verbindlichkeit in einer Welt, die immer unverbindlicher wird.

Wir leben in einer Zeit, in der vieles flexibel geworden ist. Freundschaften entstehen online, Kontakte brechen schneller ab, Menschen ziehen häufiger um und Lebenswege verändern sich ständig. Gerade deshalb wünschen sich viele Menschen einen festen Rahmen für ihre Beziehung. Nicht, weil der Trauschein Liebe garantiert, sondern weil er eine bewusste Entscheidung sichtbar macht.

Natürlich sollte niemand heiraten müssen. Und natürlich sollte niemand schlechter gestellt werden, nur weil er oder sie sich gegen die Ehe entscheidet. Aber genau deshalb verstehe ich die Forderung nach ihrer Abschaffung nicht. Freiheit bedeutet für mich, zwischen verschiedenen Lebensentwürfen wählen zu können, und nicht, dass bestimmte Möglichkeiten verschwinden. Wie steuerliche Vorteile verteilt werden, steht natürlich auf einem anderen Blatt.

Außerdem frage ich mich, warum die Diskussion oft so wirkt, als müsse man sich zwischen Fortschritt und Ehe entscheiden. Ist eine moderne Gesellschaft wirklich daran zu erkennen, dass sie alte Institutionen abschafft? Oder daran, dass sie Menschen die Freiheit gibt, selbst zu entscheiden, welche davon sie auf ihre Art noch nutzen möchten?

Deshalb halte ich die Frage „Hat die Ehe ausgedient?“ für die falsche Frage. Die spannendere Frage lautet: Warum fällt es uns so schwer, zu akzeptieren, dass Menschen auf unterschiedliche Weise glücklich werden? Denn am Ende sollte nicht der Staat entscheiden, welche Form von Beziehung die richtige ist – sondern die Menschen selbst.

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Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.