Meinung

Journalismus: Bewerbung mit Kamera statt mit Können? 

Eine junge Frau winkt in eine Kamera und sitzt auf dem Boden.
Journalist:innen sind keine Influencer:innen.
Larissa Menne, funky-Jugendreporterin

„Hallo, ich bin … und ich möchte Journalistin werden. Ach ja: 200.000 Followerinnen und Follower auf Insta habe ich auch.“ So könnte ein persönliches Vorstellungsvideo für eine journalistische Stellenausschreibung aussehen. Seit einigen Jahren wird es immer normaler, dass zusätzlich zu den gängigen Arbeitsproben bei Bewerbungen auch persönliche Vorstellungsvideos gefordert werden, auf den YouTube-Kanälen von funk hosten zunehmend auch Content Creator neben ausgebildeten Journalistinnen und Journalisten Formate und das ZDF fragt in der Bewerbungsmaske für die aktuelle Volontariatsrunde explizit nach der eigenen Reichweite auf Social Media. Die Botschaft dahinter ist klar: Sichtbarkeit zählt. 

Natürlich lässt sich nicht leugnen, dass Menschen mit großer Reichweite auf Instagram oder TikTok Fähigkeiten mitbringen, die im Journalismus nützlich sein können. Wer regelmäßig vor der Kamera spricht, entwickelt ein Gefühl für Dramaturgie, Ansprache und Aufmerksamkeit. Wer viele Follower hat, versteht meist intuitiv, welche Inhalte in der eigenen Community funktionieren. Das ist wertvoll – aber nicht dasselbe wie Journalismus. 

In Redaktionen geht es um die Bedürfnisse des Publikums und Tagesaktualität. Nicht um Selbstdarstellung, sondern um Themen. Während Social Media oft davon lebt, Inhalte auf die Erwartungen der eigenen Community zuzuschneiden, besteht journalistische Arbeit gerade darin, diese Komfortzone zu verlassen. Zudem müssen journalistische Inhalte in sozialen Netzwerken klar von unterhaltendem Content abgegrenzt werden. Journalismus muss verschiedene Perspektiven beleuchten, Meinungen klar kennzeichnen und das Mehrquellen-Prinzip beachten. Die eigentliche Themenpräsentation ist zwar der Teil, den das Publikum sieht, im redaktionellen Alltag macht er aber nur einen Bruchteil der Arbeit aus. Hinzu kommen die Recherche, Verifizierung, das zielgruppenorientierte Formulieren und Priorisieren von Themen. Wer gut performt, ist nicht automatisch gut im Recherchieren. Wer viral geht, arbeitet nicht zwingend sorgfältig. 

Dass junge Menschen, die in den Journalismus gehen möchten, sich mit Social Media befassen, ist natürlich selbstverständlich. Wer junge Zielgruppen erreichen möchte, muss Plattformen verstehen, bespielen und einordnen können. Aber das ist nicht alles und muss nicht jedermanns Steckenpferd sein. Journalismus war schon immer Teamarbeit, Stärken liegen in unterschiedlichen Gebieten. So wie nicht jede Print-Journalistin einen perfekten Fernsehbeitrag moderieren muss, muss auch nicht jede Person im Newsroom ein Social-Media-Gesicht sein. Arbeitsteilung ist kein Mangel, sondern eine Stärke. Sie ermöglicht Spezialisierung, Qualität und Tiefe.  

Die Fixierung auf die Reichweite bei Bewerbungen birgt deshalb ein Risiko: Sie verschiebt den Fokus weg von journalistischer Qualität hin zu persönlicher Sichtbarkeit. Sie bevorzugt jene, die sich gut inszenieren können und benachteiligt möglicherweise genau die Stimmen, die der Journalismus dringend braucht: leise, analytische, gründliche. 

Wenn Medienhäuser anfangen, Reichweite als Währung zu behandeln, droht eine gefährliche Gleichsetzung: Wer viele Menschen erreicht, gilt als kompetent. Doch Reichweite ist kein Qualitätsmerkmal. Sie ist ein Werkzeug, nicht mehr und nicht weniger. Und wie jedes Werkzeug, muss sie richtig eingesetzt werden. 

Journalismus darf sich verändern. Er muss es sogar. Aber er sollte dabei nicht vergessen, was ihn ausmacht – nicht die Person im Mittelpunkt, sondern das Thema. Nicht die eigene Bühne, sondern die Öffentlichkeit. Und nicht an erster Stelle die Frage, wie viele Menschen zuhören, sondern ob das, was gesagt wird, stimmt. 

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Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.