Amelie Bahlert, funky-Jugendreporterin
Manchmal ist es wichtig, sich zu streiten. Blöd nur, wenn das persönliche Umfeld darauf keine große Lust hat oder gar die zwischenmenschlichen Beziehungen darunter leiden. Die Lösung: Streiten mit Fremden! Genau das ist im Debattierverein „Streitkultur e.V.“ in Berlin möglich. Jeden Mittwoch treffen sich hier Menschen aus allen Altersgruppen und mit den verschiedensten Hintergründen, um sich über wöchentlich wechselnden Themen stilistisch anspruchsvoll und humorvoll verbal an die Gurgel zu gehen.
Im Streitkultur e. V. wird in der offenen parlamentarischen Debatte debattiert. Demnach gibt es die „Regierung“, die etwas verändern möchte, und die „Opposition“, die diesen Veränderungsantrag ablehnt. Beide Teams bestehen aus je drei Personen, die am Redepult abwechselnd Reden halten. Nach den ersten beiden Runden folgen drei freie Reden, die von den sogenannten freien Rednerinnen und Redner gehalten werden. Sie gehören zwar zu keiner Partei, dürfen jedoch auch nicht neutral bleiben und müssen sich in ihrer Rede klar auf die Seite der Opposition oder der Regierung schlagen. Im Anschluss daran darf zuerst die Opposition und dann die Regierung die letzte Rednerin oder den letzten Redner in den Ring schicken.
„Ich lasse mir nicht mein Schnitzel wegnehmen!“
Angelehnt an den Beschluss des Europäischen Parlaments vom Oktober 2025, lautete die Debattenfrage des Abends: Sollten Begriffe wie vegane Wurst oder veganes Schnitzel abgeschafft werden? Nachdem die Teams zusammengestellt wurden und sie die kurze Vorbereitungszeit dazu nutzen konnten, Argumente zu sammeln, fiel der erste Hammerschlag des Vorsitzes und die Debatte war eröffnet.
Kaum begab sich der erste Redner der Opposition an den Redepult, kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Was eben noch eine friedliche Kneipenrunde war, wurde urplötzlich zu einem wuseligen Debattierraum.
Ehrlich gesagt hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits einen sehr langen Tag hinter mir und befürchtete, dass sich das Thema zu einer klassischen Vegetarismus-Debatte entwickeln würde, die ich so schon dutzende Male geführt hatte und die mich inzwischen eher langweilt. Doch kaum begannen die Reden, erwiesen sich meine Sorgen als unbegründet. Die Dynamik der Debatte zog mich sofort in ihren Bann.
Niemand hielt hier eine langweilige Rede, in der trockene Argumentlisten heruntergerattert wurden. Stattdessen wurden die Positionen in lustige Geschichten mit übertriebenen Szenarien verpackt, wodurch alle Anwesenden immer wieder zum Lachen gebracht wurden. Eine Zwischenrede war beispielsweise in eine Art Kriminalgeschichte verpackt: Mit mysteriös gedämpfter Stimme und ausgeschmückt mit langen Pausen veranschaulichte die Rednerin: „Frau geht in den Supermarkt … Frau kauft Milch … Frau trinkt Milch … Frau ist tot … Es war Scheuermilch“. Dafür erntete sie viel Kichern und Zustimmung.
Sobald in einer Rede der Hammer ein zweites Mal fiel, wurde es sofort hitziger: Es signalisierte das Ende der sogenannten geschützten Redezeit. Jetzt durften sich das gegnerische Team und das Publikum aktiv einmischen. Die Schwierigkeit liegt also nicht nur darin, dass man die eigenen Argumente spontan an das anpassen muss, was die Gegenseite zuvor in der Rede gesagt hat. Man versucht zeitgleich, Zwischenrufe und Fragen einzubauen oder – im Falle der Gegenseite – zu entkräften. Personen sprangen aus ihren Sitzen, empörten sich und forderten die Rednerinnen und Redner heraus. Kurzum: Es war schnell, laut und witzig.
Wichtig zu wissen: Es ist nicht Ziel der Debatte, einen Kompromiss zu finden. Stattdessen versuchen die Teams, in ihrer Argumentation überzeugend zu sein – und das ist herausfordernder, als man denkt. Denn zum Debattieren gehört viel mehr als stumpfes Argumentevortragen. Geglänzt werden kann natürlich mit den klassischen Redetechniken, inklusive überzeugender Mimik, Gestik, Intonation und Dynamik. Fast noch wichtiger sind allerdings Kreativität und Spontanität. Eine Zwischenrednerin begann ihre Rede beispielsweise urplötzlich mit einem lauten Schlag auf das Redepult. Nach einer bedeutungsschwangeren Pause folgte der empörte Ausruf: „Ich lasse mir nicht mein Schnitzel wegnehmen!“ Noch ehe sie fertig war, breitete sich Begeisterung im Raum aus. Der Ausruf war ein Zitat aus Alice Weidels Rede aus dem Jahr 2023, in der sie behauptet hatte, man wolle Fleisch aus der Gesellschaft verbannen. Die Rednerin empörte sich nun darüber, man wolle ihr das Veggie-Schnitzel wegnehmen. Diese satirische Zuspitzung wurde mit großem Applaus belohnt, denn Provokationen sind hier nicht nur erlaubt, sondern gewollt.
Streiten, um sich zu vertragen
Das Schöne ist: Alle haben hier die Möglichkeit, mal so richtig aus sich herauszukommen. Was in einer privaten Diskussion vielleicht etwas zu viel wäre, ist hier ausdrücklich erwpünscht. Deshalb ist der Verein unbedingt einen Besuch wert. Er lädt dazu ein, sich rhetorisch auszuprobieren, Debatten mitzuerleben oder sogar mitzugestalten.
Und noch etwas wurde deutlich, wenn ich mich zwischen den Redebeiträgen mit den Umsitzenden unterhielt: So divers die Zusammensetzung der Streitlustigen ist, so divers sind auch die Gründe, weshalb sie an diesem Debattenabend teilnahmen. Eine Schülerin, die normalerweise am Esstisch mit ihrem Vater diskutierte und dies nun in einem professionelleren Umfeld fortführen wollte, saß neben einer Juristin, die das überzeugende Vortragen von Argumenten für den Gerichtssaal üben möchte, die wiederum mit einem Mann sprach, der zuvor Mitglied eines studentischen Debattiervereins war und sein Hobby nach dem Studium weiterführen wollte.
Der Streitkultur e.V. bietet nicht nur ein sinnvolles Training für Schule, Studium und Berufsleben, sondern ist eine inklusive und lustige Gemeinschaft, die eine Leidenschaft teilt und auch nach jeder hitzigen Debatte am Ende des Abends wieder zusammenfindet und gemeinsam anstößt.
Diese Form des respektvollen Streitens ist eine Tugend, die ich angesichts des inzwischen so angespannten Diskussionsklimas manchmal schmerzlich vermisse. Umso wichtiger sind Räume wie dieser, die die Meinungsbildung anregen, die Kritikfähigkeit fördern und die eigenen Annahmen infrage stellen – Fähigkeiten, an denen man sein ganzes Leben lang arbeiten sollte. Letztlich wollen wir doch alle Teil der Diskussion, Teil der Gesellschaft und Teil einer Demokratie sein, in der niemand das Gefühl hat, ihm oder ihr wird das Schnitzel streitig gemacht.
Danke für den schönen Abend!
Der Verein trifft sich jeden Mittwoch um halb acht im En Passant in der Schönhauser Allee 58. Interessierte sind willkommen.
Du willst mehr? Du bekommst mehr!
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Blumen mitbringen und handgeschriebene Liebesbriefe: Wird das Dating der jungen Generation wieder konservativer?
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Blutuntersuchungen gelten als selbstverständliches Diagnoseinstrument der modernen Medizin. Mit einer auffälligen Ausnahme: Menstruationsblut.
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KI-Agenten sollen nicht nur erinnern oder Vorschläge liefern, sondern aktiv Aktionen vornehmen – buchen, bestellen,…
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Viele Menschen fragen sich, was von der neuen AfD-Jugend zu erwarten ist. Politikwissenschaftler Andreas Haidvogl…
Manchmal ist es wichtig, sich zu streiten. Blöd nur, wenn das persönliche Umfeld darauf keine große Lust hat oder gar die zwischenmenschlichen Beziehungen darunter leiden. Die Lösung: Streiten mit Fremden! Genau das ist im Debattierverein „Streitkultur e.V.“ in Berlin möglich. Jeden Mittwoch treffen sich hier Menschen aus allen Altersgruppen und mit den verschiedensten Hintergründen, um sich über wöchentlich wechselnden Themen stilistisch anspruchsvoll und humorvoll verbal an die Gurgel zu gehen.
Im Streitkultur e. V. wird in der offenen parlamentarischen Debatte debattiert. Demnach gibt es die „Regierung“, die etwas verändern möchte, und die „Opposition“, die diesen Veränderungsantrag ablehnt. Beide Teams bestehen aus je drei Personen, die am Redepult abwechselnd Reden halten. Nach den ersten beiden Runden folgen drei freie Reden, die von den sogenannten freien Rednerinnen und Redner gehalten werden. Sie gehören zwar zu keiner Partei, dürfen jedoch auch nicht neutral bleiben und müssen sich in ihrer Rede klar auf die Seite der Opposition oder der Regierung schlagen. Im Anschluss daran darf zuerst die Opposition und dann die Regierung die letzte Rednerin oder den letzten Redner in den Ring schicken.
„Ich lasse mir nicht mein Schnitzel wegnehmen!“
Angelehnt an den Beschluss des Europäischen Parlaments vom Oktober 2025, lautete die Debattenfrage des Abends: Sollten Begriffe wie vegane Wurst oder veganes Schnitzel abgeschafft werden? Nachdem die Teams zusammengestellt wurden und sie die kurze Vorbereitungszeit dazu nutzen konnten, Argumente zu sammeln, fiel der erste Hammerschlag des Vorsitzes und die Debatte war eröffnet.
Kaum begab sich der erste Redner der Opposition an den Redepult, kam ich aus dem Staunen nicht mehr heraus. Was eben noch eine friedliche Kneipenrunde war, wurde urplötzlich zu einem wuseligen Debattierraum.
Ehrlich gesagt hatte ich zu diesem Zeitpunkt bereits einen sehr langen Tag hinter mir und befürchtete, dass sich das Thema zu einer klassischen Vegetarismus-Debatte entwickeln würde, die ich so schon dutzende Male geführt hatte und die mich inzwischen eher langweilt. Doch kaum begannen die Reden, erwiesen sich meine Sorgen als unbegründet. Die Dynamik der Debatte zog mich sofort in ihren Bann.
Niemand hielt hier eine langweilige Rede, in der trockene Argumentlisten heruntergerattert wurden. Stattdessen wurden die Positionen in lustige Geschichten mit übertriebenen Szenarien verpackt, wodurch alle Anwesenden immer wieder zum Lachen gebracht wurden. Eine Zwischenrede war beispielsweise in eine Art Kriminalgeschichte verpackt: Mit mysteriös gedämpfter Stimme und ausgeschmückt mit langen Pausen veranschaulichte die Rednerin: „Frau geht in den Supermarkt … Frau kauft Milch … Frau trinkt Milch … Frau ist tot … Es war Scheuermilch“. Dafür erntete sie viel Kichern und Zustimmung.
Sobald in einer Rede der Hammer ein zweites Mal fiel, wurde es sofort hitziger: Es signalisierte das Ende der sogenannten geschützten Redezeit. Jetzt durften sich das gegnerische Team und das Publikum aktiv einmischen. Die Schwierigkeit liegt also nicht nur darin, dass man die eigenen Argumente spontan an das anpassen muss, was die Gegenseite zuvor in der Rede gesagt hat. Man versucht zeitgleich, Zwischenrufe und Fragen einzubauen oder – im Falle der Gegenseite – zu entkräften. Personen sprangen aus ihren Sitzen, empörten sich und forderten die Rednerinnen und Redner heraus. Kurzum: Es war schnell, laut und witzig.
Wichtig zu wissen: Es ist nicht Ziel der Debatte, einen Kompromiss zu finden. Stattdessen versuchen die Teams, in ihrer Argumentation überzeugend zu sein – und das ist herausfordernder, als man denkt. Denn zum Debattieren gehört viel mehr als stumpfes Argumentevortragen. Geglänzt werden kann natürlich mit den klassischen Redetechniken, inklusive überzeugender Mimik, Gestik, Intonation und Dynamik. Fast noch wichtiger sind allerdings Kreativität und Spontanität. Eine Zwischenrednerin begann ihre Rede beispielsweise urplötzlich mit einem lauten Schlag auf das Redepult. Nach einer bedeutungsschwangeren Pause folgte der empörte Ausruf: „Ich lasse mir nicht mein Schnitzel wegnehmen!“ Noch ehe sie fertig war, breitete sich Begeisterung im Raum aus. Der Ausruf war ein Zitat aus Alice Weidels Rede aus dem Jahr 2023, in der sie behauptet hatte, man wolle Fleisch aus der Gesellschaft verbannen. Die Rednerin empörte sich nun darüber, man wolle ihr das Veggie-Schnitzel wegnehmen. Diese satirische Zuspitzung wurde mit großem Applaus belohnt, denn Provokationen sind hier nicht nur erlaubt, sondern gewollt.
Streiten, um sich zu vertragen
Das Schöne ist: Alle haben hier die Möglichkeit, mal so richtig aus sich herauszukommen. Was in einer privaten Diskussion vielleicht etwas zu viel wäre, ist hier ausdrücklich erwpünscht. Deshalb ist der Verein unbedingt einen Besuch wert. Er lädt dazu ein, sich rhetorisch auszuprobieren, Debatten mitzuerleben oder sogar mitzugestalten.
Und noch etwas wurde deutlich, wenn ich mich zwischen den Redebeiträgen mit den Umsitzenden unterhielt: So divers die Zusammensetzung der Streitlustigen ist, so divers sind auch die Gründe, weshalb sie an diesem Debattenabend teilnahmen. Eine Schülerin, die normalerweise am Esstisch mit ihrem Vater diskutierte und dies nun in einem professionelleren Umfeld fortführen wollte, saß neben einer Juristin, die das überzeugende Vortragen von Argumenten für den Gerichtssaal üben möchte, die wiederum mit einem Mann sprach, der zuvor Mitglied eines studentischen Debattiervereins war und sein Hobby nach dem Studium weiterführen wollte.
Der Streitkultur e.V. bietet nicht nur ein sinnvolles Training für Schule, Studium und Berufsleben, sondern ist eine inklusive und lustige Gemeinschaft, die eine Leidenschaft teilt und auch nach jeder hitzigen Debatte am Ende des Abends wieder zusammenfindet und gemeinsam anstößt.
Diese Form des respektvollen Streitens ist eine Tugend, die ich angesichts des inzwischen so angespannten Diskussionsklimas manchmal schmerzlich vermisse. Umso wichtiger sind Räume wie dieser, die die Meinungsbildung anregen, die Kritikfähigkeit fördern und die eigenen Annahmen infrage stellen – Fähigkeiten, an denen man sein ganzes Leben lang arbeiten sollte. Letztlich wollen wir doch alle Teil der Diskussion, Teil der Gesellschaft und Teil einer Demokratie sein, in der niemand das Gefühl hat, ihm oder ihr wird das Schnitzel streitig gemacht.
Danke für den schönen Abend!
Der Verein trifft sich jeden Mittwoch um halb acht im En Passant in der Schönhauser Allee 58. Interessierte sind willkommen.
Du willst mehr? Du bekommst mehr!
Blumen mitbringen und handgeschriebene Liebesbriefe: Wird das Dating der jungen Generation wieder konservativer?
Blutuntersuchungen gelten als selbstverständliches Diagnoseinstrument der modernen Medizin. Mit einer auffälligen Ausnahme: Menstruationsblut.
KI-Agenten sollen nicht nur erinnern oder Vorschläge liefern, sondern aktiv Aktionen vornehmen – buchen, bestellen,…
Viele Menschen fragen sich, was von der neuen AfD-Jugend zu erwarten ist. Politikwissenschaftler Andreas Haidvogl…