Besserwisserwissen: Gehört Menstruationsblut in den Müll?  

Eine Frau hält eine Binde mit Menstruationsblut in den Händen
Kann eine Binde mit Menstruationsblut für die medizinische Diagnostik genutzt werden?
Celina Thümen, funky-Jugendreporterin

Blutuntersuchungen gelten als selbstverständliches Diagnoseinstrument der modernen Medizin. Mit einer auffälligen Ausnahme: Menstruationsblut. Doch mit der Entsorgung von Periodenprodukten landet Monat für Monat biologisches Material im Abfall, das medizinisch hochrelevante Informationen enthält. 

Die Menstruationsblutung ist bis heute mit Scham und Ekel belegt. Werbespots zeigen das Blut als blaue Flüssigkeit, Gespräche über Periodenbeschwerden finden bestenfalls im Privaten statt und auch die Forschung zur Monatsblutung ist marginal. Erst seit wenigen Jahren ist ein langsames Umdenken erkennbar, denn Periodenblut enthält Bestandteile der Gebärmutterschleimhaut, Immunzellen sowie zahlreiche Stoffwechselprodukte. Forschende untersuchen es daher zunehmend als potenzielle Quelle für die medizinische Diagnostik, die ähnlich relevant ist wie venöses Blut. 

Dass Menstruationsblut so lange weitestgehend unerforscht blieb, ist wenig überraschend. Weibliche Körper galten in der Wissenschaft lange als „Sonderfall“: hormonell schwankend, zyklusabhängig, kompliziert. Klinische Studien schließen Frauen daher noch immer häufig systematisch aus. Die Folgen sind gravierend: Viele frauenspezifische Erkrankungen sind unzureichend verstanden, Diagnosen erfolgen spät, Symptome werden häufig fehlinterpretiert oder bagatellisiert. Diagnostische Grenzwerte und Medikamentendosierungen orientieren sich an männlichen Referenzwerten. Kürzlich bezeichnete die Bundesforschungsministerin Dorothee Bär Deutschland in Bezug auf die Frauengesundheit als „Entwicklungsland“ und kündigte gezielte Förderprogramme an.  

Ein konkretes Beispiel für das diagnostische Potential der Menstruationsblutung liefert eine US-amerikanische Studie, die untersuchte, ob sich Hochrisiko-HPV-Typen – ein zentraler Risikofaktor für Gebärmutterhalskrebs – im Periodenblut nachweisen lassen. Die Probandinnen nutzten dafür während ihrer Menstruation spezielle Binden, die anschließend analysiert wurden. Die Ergebnisse zeigten hohe Übereinstimmungen mit den Proben, die von Ärztinnen klassisch mittels eines Vaginalabstrichs entnommen wurden. Perspektivisch könnten vergleichbare Verfahren die Krebsvorsorge ergänzen, insbesondere für Frauen, die gynäkologische Untersuchungen aus Angst oder Scham meiden.  

Groß ist das Interesse am Menstruationsblut auch in der Endometriose-Forschung. Die chronische Erkrankung betrifft schätzungsweise zehn Prozent aller Frauen und kann mit starken Schmerzen, Zyklusstörungen und Unfruchtbarkeit einhergehen. Trotz der Verbreitung ist Endometriose bislang schlecht erforscht, Diagnosen dauern oft Jahre. Ein Grund dafür ist die aufwändige Diagnostik: Um die Erkrankung sicher festzustellen, sind häufig operative Eingriffe nötig. Neue Forschungsansätze zeigen, dass sich aus Zellen im Menstruationsblut dreidimensionale Gewebemodelle züchten lassen. Diese sogenannten „Organoide“ ähneln der Gebärmutterschleimhaut stark und ermöglichen es, Krankheitsmechanismen im Labor zu untersuchen. Langfristig könnten sie dazu beitragen, Endometriose besser zu verstehen und nichtinvasive Therapien zu entwickeln.  

Auch technologische Innovationen treiben die Menstruationsforschung voran. Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler um Inge Herrmann von der ETH Zürich haben eine Binde entwickelt, in die ein Sensor integriert ist. Dieser macht bestimmte Biomarker im Menstruationsblut sichtbar, darunter Entzündungswerte oder Tumormarker.  

Wenngleich die Forschung noch am Anfang steht, zeigen die Ansätze, dass Menstruationsblut mehr ist als ein Abfallprodukt. Dieses Umdenken könnte nicht nur neue diagnostischen Möglichkeiten eröffnen und die Frauengesundheit verbessern, sondern auch dazu führen, die Menstruation nicht länger als Tabuthema zu behandeln, sondern als komplexen, biologischen Prozess des weiblichen Körpers wahrzunehmen.  

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