Nicolas Colsman ist eine wichtige Stimme in Deutschland, wenn es um die Digitalisierung und Modernisierung des Bildungssystems geht. Aus eigener Lernfrustration heraus begann er, die Schwachstellen und Chancen des Bildungssystems unter die Lupe zu nehmen und das System auf allen Ebenen zu analysieren – von Schulen über Verwaltung bis hin zur Politik. Seine Erkenntnisse hat er nun in seinem Buch „Digitale Bildung: Was Deutschland jetzt dringend angehen muss“ zusammengefasst. Im Interview erklärt der Bildungsexperte und Geschäftsführer der gemeinnützigen Organisation „Zukunft Digitale Bildung“ nicht nur, warum moderne Bildung so entscheidend für die Demokratie ist, sondern auch, welche Veränderungen leicht umsetzbar sind.
Nicolas Colsman möchte mit seinen Ideen Veränderungen anstoßen. ( c) Monbijoux/Erik Leven
Lieber Nicolas, warum hinkt Deutschland so hinterher in Sachen digitale Bildung? Nicolas Colsman: Weil wir Veränderungen nie priorisiert haben. Wenn man etwas verändern möchte, muss man definieren: Wie ist der Status quo, wie sieht unsere Zielvision aus und was ist der Unterschied, der überbrückt werden muss? Dieser Unterschied entspricht dem Weg, der gegangen werden muss. Wir haben in Deutschland nie eine Zielvision benannt, stattdessen mal hier, mal dort immer ein bisschen was verändert. Es fehlte die Priorisierung, aber auch das Geld – vor allem Geld an der richtigen Stelle. Und dann fehlten Menschen, die den Prozess des Wandels führen und begleiten.
Was möchtest du mit deinem Buch erreichen? Die Leserinnen und Leser sollen verstehen, warum Bildung das wichtigste Gut ist, das wir in Deutschland haben. Wenn wir eine chancengerechte Bildung für alle schaffen, können wir damit ganz viele Probleme angehen: Inklusions- und Integrationsthematiken, Arbeitsplatzthematiken, Arbeitsmarktprobleme, Themen wie Demokratie und Demokratieverdruss, Social Media und den Umgang damit. Wenn wir junge Menschen dahin bringen, in dieser neuen Welt zurechtzukommen, haben wir in der Folge eine robustere Demokratie, eine robustere Wirtschaft. Außerdem möchte ich mehr Verständnis dafür erreichen, dass Lehrkräfte nicht am aktuellen Zustand schuld sind. Dann möchte ich Lösungsansätze anbieten und zeigen, wie jeder und jede mitwirken kann. Aber wenn ich mir eine Sache wünschen könnte, die mein Buch erreicht: Dass Bildung in Deutschland mehr zum Fokusthema wird.
Welche Veränderungen sind nötig – und wie können sie gelingen? Ich habe einige Vorschläge, teilweise provokanter Art. Zum Beispiel: Der Bildungsminister oder die Bildungsministerin, egal ob auf Bundesebene oder auf Landesebene, sollte automatisch stellvertretender Regierungschef oder stellvertretende Regierungschefin sein. Das ist in Korea so. Man stelle sich vor, bei jeder Entscheidung sitzt das Ressort Bildung am Tisch. Jede politische Entscheidung würde einmal mit der Brille betrachtet werden: Was bewirkt das für die nächste Generation? Das wäre schnell umzusetzen und hätte große Symbolkraft. Im Buch beschreibe ich auch, wie der Einkauf für neue Tools geregelt werden muss, wie und was überhaupt in Schulen eingesetzt werden darf. Lehrkräfte benutzen viele digitale Tools, bei denen sie mit einem halben Bein im Knast stehen. Eines der zentralsten Themen wäre aber, dass alle Lehrkräfte digital über eine Lehrkräfte-ID unterstützt werden. Lehrkräfte werden künftig außerdem mehr zu Lernbegleiterinnen und -begleitern werden. Das Thema hochindividuelles Lernen wird immer wichtiger werden. KI-Tools werden es ermöglichen, jedes Kind mit lernstandsbezogenen Aufgaben zu versorgen. Wir können alle da abholen, wo sie stehen. Der Lernstoff muss künftig über sehr viel mehr Quellen vermittelt werden, seien es Bücher, Videos, Podcasts oder Interviewmöglichkeiten. Eltern werden sich noch intensiver damit auseinandersetzen müssen, was bei den Kindern in der Schule passiert, und sich technisch mitentwickeln. Auf dem Weg dieses Veränderungsprozesses werden wir einander viel verzeihen müssen, aber sehr viel näher zusammenrutschen und uns den Freiraum geben, uns auszuprobieren.
Wie sieht die Schule von morgen aus? Nicht mehr wie die Schule von heute! Es gibt keine Klassenräume mehr. Ich träume von der Ganztagsschule, weil das die Antwort auf ganz viele Probleme ist. Sie ist ein Ort, an dem sich nicht nur ausschließlich Lehrkräfte aufhalten, sondern auch andere Erwachsene, etwa Gärtner für Pflanzprojekte. Sie hat eine eigene Kantine, damit gemeinsam gegessen werden kann und sich niemand Sorgen machen muss, ob ein Kind gutes Essen in der Brotbox hat. Die Schule von morgen ist auf den ersten Blick sehr chaotisch, hat auf den zweiten Blick aber eine Struktur und Logik.
Nicolas Colsman ist eine wichtige Stimme in Deutschland, wenn es um die Digitalisierung und Modernisierung des Bildungssystems geht. Aus eigener Lernfrustration heraus begann er, die Schwachstellen und Chancen des Bildungssystems unter die Lupe zu nehmen und das System auf allen Ebenen zu analysieren – von Schulen über Verwaltung bis hin zur Politik. Seine Erkenntnisse hat er nun in seinem Buch „Digitale Bildung: Was Deutschland jetzt dringend angehen muss“ zusammengefasst. Im Interview erklärt der Bildungsexperte und Geschäftsführer der gemeinnützigen Organisation „Zukunft Digitale Bildung“ nicht nur, warum moderne Bildung so entscheidend für die Demokratie ist, sondern auch, welche Veränderungen leicht umsetzbar sind.
c) Monbijoux/Erik Leven
Lieber Nicolas, warum hinkt Deutschland so hinterher in Sachen digitale Bildung?
Nicolas Colsman: Weil wir Veränderungen nie priorisiert haben. Wenn man etwas verändern möchte, muss man definieren: Wie ist der Status quo, wie sieht unsere Zielvision aus und was ist der Unterschied, der überbrückt werden muss? Dieser Unterschied entspricht dem Weg, der gegangen werden muss. Wir haben in Deutschland nie eine Zielvision benannt, stattdessen mal hier, mal dort immer ein bisschen was verändert. Es fehlte die Priorisierung, aber auch das Geld – vor allem Geld an der richtigen Stelle. Und dann fehlten Menschen, die den Prozess des Wandels führen und begleiten.
Was möchtest du mit deinem Buch erreichen?
Die Leserinnen und Leser sollen verstehen, warum Bildung das wichtigste Gut ist, das wir in Deutschland haben. Wenn wir eine chancengerechte Bildung für alle schaffen, können wir damit ganz viele Probleme angehen: Inklusions- und Integrationsthematiken, Arbeitsplatzthematiken, Arbeitsmarktprobleme, Themen wie Demokratie und Demokratieverdruss, Social Media und den Umgang damit. Wenn wir junge Menschen dahin bringen, in dieser neuen Welt zurechtzukommen, haben wir in der Folge eine robustere Demokratie, eine robustere Wirtschaft. Außerdem möchte ich mehr Verständnis dafür erreichen, dass Lehrkräfte nicht am aktuellen Zustand schuld sind. Dann möchte ich Lösungsansätze anbieten und zeigen, wie jeder und jede mitwirken kann. Aber wenn ich mir eine Sache wünschen könnte, die mein Buch erreicht: Dass Bildung in Deutschland mehr zum Fokusthema wird.
Welche Veränderungen sind nötig – und wie können sie gelingen?
Ich habe einige Vorschläge, teilweise provokanter Art. Zum Beispiel: Der Bildungsminister oder die Bildungsministerin, egal ob auf Bundesebene oder auf Landesebene, sollte automatisch stellvertretender Regierungschef oder stellvertretende Regierungschefin sein. Das ist in Korea so. Man stelle sich vor, bei jeder Entscheidung sitzt das Ressort Bildung am Tisch. Jede politische Entscheidung würde einmal mit der Brille betrachtet werden: Was bewirkt das für die nächste Generation? Das wäre schnell umzusetzen und hätte große Symbolkraft. Im Buch beschreibe ich auch, wie der Einkauf für neue Tools geregelt werden muss, wie und was überhaupt in Schulen eingesetzt werden darf. Lehrkräfte benutzen viele digitale Tools, bei denen sie mit einem halben Bein im Knast stehen. Eines der zentralsten Themen wäre aber, dass alle Lehrkräfte digital über eine Lehrkräfte-ID unterstützt werden. Lehrkräfte werden künftig außerdem mehr zu Lernbegleiterinnen und -begleitern werden. Das Thema hochindividuelles Lernen wird immer wichtiger werden. KI-Tools werden es ermöglichen, jedes Kind mit lernstandsbezogenen Aufgaben zu versorgen. Wir können alle da abholen, wo sie stehen. Der Lernstoff muss künftig über sehr viel mehr Quellen vermittelt werden, seien es Bücher, Videos, Podcasts oder Interviewmöglichkeiten. Eltern werden sich noch intensiver damit auseinandersetzen müssen, was bei den Kindern in der Schule passiert, und sich technisch mitentwickeln. Auf dem Weg dieses Veränderungsprozesses werden wir einander viel verzeihen müssen, aber sehr viel näher zusammenrutschen und uns den Freiraum geben, uns auszuprobieren.
Wie sieht die Schule von morgen aus?
Nicht mehr wie die Schule von heute! Es gibt keine Klassenräume mehr. Ich träume von der Ganztagsschule, weil das die Antwort auf ganz viele Probleme ist. Sie ist ein Ort, an dem sich nicht nur ausschließlich Lehrkräfte aufhalten, sondern auch andere Erwachsene, etwa Gärtner für Pflanzprojekte. Sie hat eine eigene Kantine, damit gemeinsam gegessen werden kann und sich niemand Sorgen machen muss, ob ein Kind gutes Essen in der Brotbox hat. Die Schule von morgen ist auf den ersten Blick sehr chaotisch, hat auf den zweiten Blick aber eine Struktur und Logik.
Du willst mehr? Du bekommst mehr!
Schule von morgen: Die App Super Chill unterstützt Kinder dabei, mit Leistungsdruck umzugehen.
Die Einschulung, genau wie die allererste Fibel, zaubern den meisten Kindern ein Strahlen ins Gesicht.…