Literatur, so möchte man meinen, besitzt die Kraft, selbst Unsagbares auszudrücken. Aber wie schreibt man über Gewalt, ohne voyeuristisch zu erscheinen? Wie lässt sich ein sinnloses Verbrechen sezieren, ohne ihm nachträglich eine Bedeutung zuzugestehen? Im Jahr 2002 erschoss ein ehemaliger Schüler am Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen, bevor er sich selbst tötete. Kaleb Erdmann, der den Amoklauf als Elfjähriger miterlebte, widmet sich in seinem neuen Roman „Die Ausweichschule“ der Unmöglichkeit, ein so furchtbares Ereignis aufarbeiten zu wollen. Dabei entfaltet sich keine Chronik der Tat oder ihrer Folgen, sondern vielmehr eine Meta-Erzählung über den zum Scheitern verurteilten Versuch, einen solchen Roman überhaupt zu schreiben: Woher nimmt der Autor das Recht, das Trauma so vieler Menschen ungefragt hervorzuholen? Für wen schreibt er das Buch eigentlich? Während sich der Erzähler auf eine Spurensuche in die eigene Vergangenheit begibt und die Grenzen zwischen Romanfigur und Autor vage bleiben, stellt sich zudem zunehmend die Frage, wie verlässlich oder konstruiert die eigenen Erinnerungen sind.
(c) park x ullstein
Kaleb Erdmann erzählt von der Hilflosigkeit der Lehrkräfte und Eltern, vom Umgang der Medien mit dem Unbegreiflichen, von der befremdlich wirkenden Rückkehr zur Normalität in die titelgebende „Ausweichschule“. Vor allem aber erzählt er aus dem Alltag eines zeitgenössischen Autors, der von Zweifeln, Ängsten und Zwängen geplagt ist, solange er keinen Frieden mit der eigenen Vergangenheit schließen kann. Sein Zugang zur erdrückenden Schwere dieser Thematik bleibt überaus sensibel und dank seines trockenen und nahbaren Stils sogar überraschend lustig – ein bemerkenswerter Balanceakt. Und so ist „Die Ausweichschule“ nicht nur die persönliche Verarbeitung eines dunklen Kapitels jüngerer deutscher Geschichte, sondern ein gekonntes Spiel mit Perspektiven, Zeitebenen und Emotionen.
Literatur, so möchte man meinen, besitzt die Kraft, selbst Unsagbares auszudrücken. Aber wie schreibt man über Gewalt, ohne voyeuristisch zu erscheinen? Wie lässt sich ein sinnloses Verbrechen sezieren, ohne ihm nachträglich eine Bedeutung zuzugestehen? Im Jahr 2002 erschoss ein ehemaliger Schüler am Erfurter Gutenberg-Gymnasium 16 Menschen, bevor er sich selbst tötete. Kaleb Erdmann, der den Amoklauf als Elfjähriger miterlebte, widmet sich in seinem neuen Roman „Die Ausweichschule“ der Unmöglichkeit, ein so furchtbares Ereignis aufarbeiten zu wollen. Dabei entfaltet sich keine Chronik der Tat oder ihrer Folgen, sondern vielmehr eine Meta-Erzählung über den zum Scheitern verurteilten Versuch, einen solchen Roman überhaupt zu schreiben: Woher nimmt der Autor das Recht, das Trauma so vieler Menschen ungefragt hervorzuholen? Für wen schreibt er das Buch eigentlich? Während sich der Erzähler auf eine Spurensuche in die eigene Vergangenheit begibt und die Grenzen zwischen Romanfigur und Autor vage bleiben, stellt sich zudem zunehmend die Frage, wie verlässlich oder konstruiert die eigenen Erinnerungen sind.
Kaleb Erdmann erzählt von der Hilflosigkeit der Lehrkräfte und Eltern, vom Umgang der Medien mit dem Unbegreiflichen, von der befremdlich wirkenden Rückkehr zur Normalität in die titelgebende „Ausweichschule“. Vor allem aber erzählt er aus dem Alltag eines zeitgenössischen Autors, der von Zweifeln, Ängsten und Zwängen geplagt ist, solange er keinen Frieden mit der eigenen Vergangenheit schließen kann. Sein Zugang zur erdrückenden Schwere dieser Thematik bleibt überaus sensibel und dank seines trockenen und nahbaren Stils sogar überraschend lustig – ein bemerkenswerter Balanceakt. Und so ist „Die Ausweichschule“ nicht nur die persönliche Verarbeitung eines dunklen Kapitels jüngerer deutscher Geschichte, sondern ein gekonntes Spiel mit Perspektiven, Zeitebenen und Emotionen.
Kaleb Erdmann: Die Ausweichschule, park x ullstein, 304 Seiten, 22 Euro
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