Interview

The Sirens Collective: Für jeden Übergriff eine Sirene

Die Aktivistinnen hinter The Sirens Collective
Kim Hoss (Zweite v.r.) und Lise van Wersch (Mitte) haben The Sirens Collective gegründet.
Celina Thümen, funky-Jugendreporterin
(c) The Sirens Collective

The Sirens Collective ist ein feministisches Online-Archiv, in dem Betroffene ihre Erfahrungen mit sexualisierter Gewalt teilen können – von verbalen Grenzüberschreitungen bis hin zu schweren Gewalttaten. Mehr als 11.000 Einträge machen sichtbar, dass diese Taten keine Einzelfälle sind. Die Beiträge werden anonym veröffentlicht und können weder kommentiert noch geliked oder diskutiert werden, auch Täternamen sind nicht erlaubt. So will das Kollektiv Betroffenen einen geschützten Raum geben, in dem ihre Erfahrungen ernst genommen werden. Daneben engagieren sich die Mitglieder mit einem Podcast, künstlerischen Projekten und auf Instagram gegen patriarchale Gewalt. Gegründet wurde The Sirens Collective von der Stuttgarter Musikerin, Künstlerin und Podcasterin Kim Hoss (39) und der in Kiel lebenden Künstlerin und Aktivistin Lise van Wersch (34), die im Interview von den Hintergründen ihrer Arbeit erzählen.

Liebe Kim, liebe Lise, wie ist die Idee zum Sirens Collective entstanden?
Kim Hoss: In meinem Podcast „Herz & Sack“ spreche ich viel über persönliche Erfahrungen und teile auch die Erfahrungen anderer Menschen. Dabei habe ich gemerkt, dass viele Ähnliches erlebt haben. Ich habe mich gefragt: „Wie laut wäre der Signalton, wenn für jeden Übergriff eine Sirene ertönen würde?“ Uns war schnell klar, dass er sehr laut wäre. Darüber habe ich in einer Podcast-Folge gesprochen, woraufhin sich Lise im Februar 2022 bei mir gemeldet hat. Zuerst hatten wir eine Ausstellung im Kopf, in der für jeden Eintrag im Archiv ein Signalton ertönt. Dafür mussten wir aber erst einmal Erfahrungen sammeln. Wir dachten, dass es noch keinen Ort gibt, an dem man einfach loslassen kann, was passiert ist.
Lise van Wersch: 2023 haben wir nach über einem Jahr Arbeit das Archiv veröffentlicht. Wir haben schnell gemerkt, dass es sehr viel Vertrauen braucht, um die Geschichten überhaupt künstlerisch umsetzen und in die reale Welt holen zu können. Menschen sprechen aus, was passiert ist, und wir sammeln es – aber diese Stufe steht gar nicht am Anfang. Bevor man ausspricht, was passiert ist, muss ganz viel in einem selbst geschehen. Es braucht viel Mut und eine Überwindung der Scham. Deshalb haben wir gemerkt, dass es nicht damit getan ist, eine Ausstellung zu machen. Es braucht viel Zeit und kleine Schritte, bis wir Menschen erreichen, die sich trauen, ins Archiv zu schreiben.

In eurem Archiv gibt es inzwischen fast 11.000 Einträge. Was zeigt diese enorme Resonanz über unsere Gesellschaft?
Lise: Ich glaube, dass selbst 11.000 Einträge noch nicht viel sind. Sie bilden nur einen winzigen Bruchteil der Menschen ab, die bereits viel innere Arbeit leisten mussten, um überhaupt über ihre Erfahrungen sprechen zu können. Die Zahl zeigt, wie wir als Gesellschaft miteinander umgehen.
Kim: Mir ist dadurch bewusst geworden, wie schlecht mit Frauen umgegangen wird. Die Einträge zeigen, dass solche Taten nicht einmal in 500 Jahren geschehen, sondern jeden Tag. Frauen wird ständig sexualisierte Gewalt angetan. Viele Betroffene waren zum Zeitpunkt der Übergriffe noch sehr klein, teilweise erst zwei oder drei Jahre alt. Ich habe mich gefragt: Wie behandeln wir einander eigentlich? Warum spricht niemand darüber? Warum tut niemand etwas? Das macht mich bis heute wütend und löst großes Unverständnis in mir aus.
Lise: Wir müssen begreifen, dass sexualisierte Gewalt kein seltenes Ausnahmephänomen ist. Wenn wir darüber sprechen, denken wir oft an etwas außergewöhnlich Dramatisches. Tatsächlich geschieht sie ständig. Wir müssen diese Schwere aushalten und anerkennen, wie alltäglich sexualisierte Gewalt ist. Wir beschäftigen uns nicht mit seltenen Ausnahmefällen, sondern mit einem strukturellen Problem.

Man erkennt: Was ich aufgeschrieben habe, steht dort in ähnlicher Form bereits 5.000 Mal. Das kann ein wunderschönes Gefühl von Gemeinschaft vermitteln und einen bestärken.

Lise van Wersch

Viele Betroffene sprechen zum ersten Mal über ihre Gewalterfahrungen, wenn sie einen Eintrag bei euch verfassen. Warum kann es so wichtig sein, die eigene Geschichte überhaupt einmal aufzuschreiben?
Kim: Ich finde es sehr wichtig, Dinge auszusprechen, um sie verstehen zu können. Als ich meine ersten Einträge verfasst habe, hat das sehr viel in mir ausgelöst. Ich hatte das Gefühl, es nun jemandem erzählt zu haben, ohne dass etwas damit geschieht: Es wird nicht bewertet, bleibt anonym und ist einfach da. Ich kann es sehen und alle anderen auch. Vielleicht fühlen sich andere dadurch nicht mehr so allein, wie ich mich all die Jahre gefühlt habe. Beim Lesen anderer Einträge habe ich außerdem Erfahrungen wiedererkannt, die ich selbst gemacht hatte. Bis dahin hatte ich nie darüber nachgedacht, dass daran etwas schlimm war, sondern sie als normal angesehen.
Lise: Was Kim beschreibt, ist dieser besondere persönliche Effekt. Ich würde sagen, dass wir darüber hinaus eine Brücke sein können. Wir sind keine Beratungsstelle, sondern bieten einen selbstbestimmten Ort, an dem Menschen in ihrem eigenen Tempo und mit ihren eigenen Worten aussprechen können, was ihnen passiert ist – ohne dass daraus unmittelbar etwas folgen muss. Es gibt bereits großartige Hilfsorganisationen. Um ihre Angebote in Anspruch nehmen zu können, muss ich aber benennen können, was geschehen ist. Wenn ich selbst noch nie Worte dafür gefunden habe, werde ich wahrscheinlich auch nicht dorthin gehen. Ich habe lange gebraucht, bis ich meinen ersten Eintrag verfasst habe. Das macht etwas mit einem und ist auch körperlich sehr anstrengend. Man zittert und hat zunächst das Gefühl, dass nun alle wissen, was man geschrieben hat. Doch dann passiert im Außen gar nichts. Und genau das ist das Fantastische. Man erkennt: Was ich aufgeschrieben habe, steht dort in ähnlicher Form bereits 5.000 Mal. Das kann ein wunderschönes Gefühl von Gemeinschaft vermitteln und einen bestärken – auch wenn der erste Schritt zunächst sehr anstrengend ist.

Man muss versuchen, sich klarzumachen: Ich kann unmöglich die Einzige sein. Unter Millionen von Menschen ist es ausgeschlossen, dass niemand sonst etwas Ähnliches erlebt hat.

Lise van Wersch

Ihr verzichtet bewusst auf Kommentare, Bewertungen oder Diskussionen über die Einträge. Auch Täternamen dürfen nicht genannt werden. Was bewirkt dieses Konzept?
Lise: Dadurch stehen die Betroffenen im Mittelpunkt. Die gesellschaftliche und politische Auseinandersetzung mit Tätern ist wichtig, aber sie ist nicht unser Fokus. Bevor Betroffene sich damit befassen, ob und wie sie einem Täter entgegentreten wollen, sollten sie zunächst schauen können: Wie geht es mir? Was genau ist mir passiert? Möchte ich ihm entgegentreten – und schaffe ich das? Dabei ist es nicht entscheidend, was andere über die eigene Erfahrung denken. Es ist passiert, und im Archiv kann man es mit den eigenen Worten aussprechen.
Kim: Viele Betroffene schreiben uns, dass sie sich nach ihrem Eintrag erleichtert fühlen und weniger schämen. Dabei spielt es keine Rolle, wie schwer die Tat war oder wie lange es her ist. Man kann die eigene Scham gewissermaßen in das Archiv hineinschreiben. Dort wird die Erfahrung nicht bewertet – wir sammeln sie einfach.
Lise: Eigentlich müsste es heißen: Nicht mir ist etwas passiert, sondern mir wurde etwas angetan. Durch den Eintrag im Archiv kann sich diese Perspektive verändern. Er kann dabei helfen zu erkennen, dass die Verantwortung bei der Person liegt, die die Gewalt ausgeübt hat – und nicht bei der betroffenen Person.

Die Erfahrungen im Archiv reichen von verbaler sexualisierter Belästigung bis hin zu Vergewaltigungen. Die Täter sind der Ex-Freund, der Cousin, der Vater einer Freundin oder auch unbekannte Männer. Kann bei euch jede Art von Grenzüberschreitung geteilt werden?
Lise: Ja. Alles, was die eigenen Grenzen überschritten hat, gehört ins Archiv. Wir sind kein Gericht. Wir sammeln Grenzüberschreitungen unabhängig davon, wie groß oder klein sie Betroffenen erscheinen mögen. Durch das Lesen der Einträge kann man auch die eigenen Grenzen neu kennenlernen. Deshalb gibt es keine inhaltliche Vorgabe dazu, ob eine Erfahrung schwerwiegend genug für das Archiv ist.
Kim: Das Archiv ist außerdem nicht nur für Frauen gedacht. Wer ein Mensch ist und eine Tastatur zum Schreiben hat, kann dort die eigene Erfahrung eintragen.

Wenn jemand etwas tut, das sich nicht gut anfühlt, ist es immer schlimm genug, um etwas zu sagen.

Kim Hoss

Viele junge Frauen erleben sexualisierte Gewalt, sind sich aber oft unsicher, ob ihr Erlebnis „schlimm genug“ war. Was möchtet ihr den Betroffenen sagen?
Kim: Wenn jemand etwas tut, das sich nicht gut anfühlt, ist es immer schlimm genug, um etwas zu sagen. Ich habe gelernt, lieber kein Drama zu machen und still zu bleiben. Gleichzeitig kann es in der konkreten Situation gefährlich sein, sich zu wehren oder etwas zu sagen, weil man nicht weiß, wie die andere Person reagieren wird. Viele Frauen haben außerdem noch immer verinnerlicht, Männern gefallen und tun zu müssen, was von ihnen verlangt wird, um geliebt zu werden. Deshalb kann es sehr bestärkend sein, von anderen Frauen zu lesen, die Ähnliches erlebt und den Mut gefunden haben, darüber zu sprechen.
Lise: Ich möchte ihnen vor allem sagen, dass sie wirklich nicht allein sind. Man muss versuchen, sich klarzumachen: Ich kann unmöglich die Einzige sein. Unter Millionen von Menschen ist es ausgeschlossen, dass niemand sonst etwas Ähnliches erlebt hat.

Als ihr 10.000 Einträge gesammelt hattet, wolltet ihr sie an den Bundeskanzler schicken, damit patriarchale Gewalt endlich politische Konsequenzen hat. Warum zögert ihr noch?
Kim: Wir möchten sie ihm nach wie vor schicken. Die Idee kam mir spontan, und ich habe sie ohne vorherige Absprache in unserer Instagram-Story angekündigt. Inzwischen haben wir die Einträge ausgedruckt, und der Karton steht bereit. Wir möchten ihn jedoch nicht einfach abschicken, sondern überlegen noch, wie wir die Übergabe auf eine kluge Weise gestalten können.
Lise: Wenn wir das Paket einfach an Friedrich Merz schicken, besteht die Gefahr, dass die Kraft der Einträge wirkungslos verpufft. Es hätte vermutlich keine Konsequenzen. Wir brauchen einen Rahmen, in dem all die Menschen, die den Mut gefunden haben, ihre Erfahrungen auszusprechen, auch gehört werden – und ihre Geschichten nicht einfach in einer Schublade verschwinden.

Ich wünsche mir, dass die Politik das, was Frauen tagtäglich angetan wird, als das einstuft, was es ist: Terror gegen Frauen.

Kim Hoss

Was fordert ihr konkret von der Politik?
Lise: Wir verstehen uns in erster Linie als künstlerische und nicht als politische Organisation. Kunst kann gesellschaftliche Verhältnisse jedoch sehr gut sichtbar machen. Von der Politik wünsche ich mir vor allem echte Konsequenzen. Aus meiner Sicht bleiben Täter derzeit viel zu häufig ohne spürbare Folgen – und das ist dramatisch.
Kim: Ich wünsche mir, dass die Politik das, was Frauen tagtäglich angetan wird, als das einstuft, was es ist: Terror gegen Frauen. Fast jeden Tag wird in Deutschland eine Frau oder ein Mädchen durch einen Mann getötet. Wie viele müssen noch sterben? Wenn das kein Terror gegen Frauen ist, was ist es dann?

In eurem Podcast sprecht ihr nicht nur mit feministischen Aktivistinnen, sondern lasst auch betroffene Frauen zu Wort kommen und von ihrem Umgang mit der Gewalterfahrung erzählen. Wie können Frauen, die ihre Geschichte teilen möchten, mit euch in Kontakt treten?
Lise: Zum Beispiel per E-Mail an podcast@thesirenscollective.com. Außerdem könnt ihr uns über Instagram oder das Kontaktformular auf unserer Website erreichen. Wichtig ist vor allem, den ersten Schritt zu machen und uns anzusprechen.

Kürzlich habt ihr auch einen Verein gegründet: Weshalb? Und wie kann man euch am besten unterstützen?
Kim:  Wir möchten größere Projekte realisieren, doch dafür fehlen uns bislang die finanziellen Mittel. Gleichzeitig haben sich uns in den vergangenen Jahren immer mehr empathische Frauen angeschlossen, die unsere Arbeit unterstützen möchten. Als Vereinsmitglieder tragen sie nun die Arbeit des Kollektivs mit und helfen uns dabei, den Podcast, unsere Öffentlichkeitsarbeit sowie Materialien wie Flyer und Plakate zu finanzieren und umzusetzen.
Lise: Wer unser Projekt unterstützen möchte, aber noch nicht an dem Punkt ist, selbst laut werden zu können, kann als „Leise Sirene“ Fördermitglied werden. Der reguläre Mindestbeitrag beträgt 55 Euro im Jahr, ermäßigt sind es 33 Euro. Aktuell suchen wir dringend eine neue Kassenwartin. Darüber hinaus kann man für unsere Arbeit spenden oder unsere Inhalte mit anderen Menschen teilen.

Du willst mehr? Du bekommst mehr!

Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.