Meinung

Meta-Brillen: Wollen wir wirklich in einer Dystopie leben?

Mann mit Meta-Brille
Meta-Brillen bergen Gefahren.
Rita Rjabow, funky-Jugendreporterin

Sie sehen aus wie eine ganz normale Brille. Ein bisschen moderner, ein bisschen teurer. Aber ansonsten: Brille auf, Welt an. Die Meta Smart Glasses können Fotos und Videos aufnehmen, telefonieren, Musik abspielen und mithilfe künstlicher Intelligenz mit ihrer Umgebung interagieren. Eine kleine Kamera sitzt dabei direkt im Gesicht des Menschen, der einem gegenübersteht. Ob sie gerade aufnimmt, soll eine kleine LED anzeigen. Und genau da wird es spannend.

Denn plötzlich leben wir in einer Welt, die sich anfühlt, als hätte jemand einen dystopischen Roman aufgeschlagen und beschlossen, daraus ein Alltagsprodukt zu machen. Mit einer unausgesprochenen Botschaft an alle, die uns begegnen: Du könntest gerade gefilmt werden. Und vielleicht merkst du es nicht einmal.

Die Debatte über Meta-Brillen ist deshalb mehr als eine Debatte über ein neues technisches Gerät. Es ist eine Debatte darüber, wie wir künftig miteinander leben wollen.

Natürlich haben Smart Glasses auch Vorteile. Sie können Menschen mit Behinderungen unterstützen, beim Navigieren helfen und den Alltag erleichtern. Technologie kann unser Leben einfacher, sicherer und zugänglicher machen.

Aber technischer Fortschritt darf nicht bedeuten, dass wir jede neue Möglichkeit kritiklos akzeptieren.

Denn diese Brillen verschieben eine Grenze: Die Person vor mir weiß möglicherweise nicht mehr, ob ich ihr gerade in die Augen schaue oder ob ich sie aufnehme.

Und das verändert unser Verhalten.

Eine freie Gesellschaft lebt davon, dass Menschen sich im öffentlichen Raum bewegen können, ohne ständig damit rechnen zu müssen, heimlich dokumentiert und analysiert zu werden. Doch genau diese Selbstverständlichkeit gerät ins Wanken, wenn Kameras immer kleiner, unauffälliger und alltäglicher werden.

Wir entwickeln Technologien, mit denen Menschen immer einfacher und diskreter aufgenommen werden können, während der rechtliche Schutz vor solchen Aufnahmen mit dieser Entwicklung nicht Schritt hält. Das ist ein Problem.

Besonders betroffen sind Frauen und Kinder. In einer patriarchal geprägten Gesellschaft werden sie ohnehin überproportional häufig sexualisiert, belästigt und ohne ihr Einverständnis fotografiert oder gefilmt. Smart Glasses können bestehende Machtverhältnisse weiter verschärfen, wenn heimliche Aufnahmen unauffälliger werden.

Wir dürfen deshalb nicht erst handeln, wenn solche Aufnahmen bereits im Netz gelandet sind. Das Recht auf Privatsphäre und die Kontrolle über das eigene Bild müssen geschützt werden, bevor die Technologie zum Massenphänomen wird – nicht erst danach.

Und dann ist da noch eine zweite Frage: Wer kontrolliert eigentlich, was mit den Aufnahmen passiert? Die Kamera in der Brille ist kein isoliertes Gerät, sondern Teil eines digitalen Systems, das Bilder aufnehmen, speichern, übertragen und mithilfe künstlicher Intelligenz analysieren kann. Es geht darum, wer unsere Umgebung erfasst, welche Daten daraus entstehen und wer am Ende darüber verfügt.

Wir sprechen also über eine Technologie, die unsere Umwelt permanent erfassen könnte. Vielleicht ist genau das der Punkt, an dem wir innehalten sollten.

Eine Welt, in der wir morgens das Haus verlassen und nicht mehr wissen, wer uns gerade filmt. Eine Welt, in der wir uns im Freibad umsehen und uns fragen, ob die Sonnenbrille gegenüber wirklich nur eine Sonnenbrille ist. Eine Welt, in der wir uns daran gewöhnen, dass Privatsphäre kein selbstverständliches Recht mehr ist, sondern ein Luxus, den wir im Alltag nicht mehr erwarten können.

Wollen wir wirklich in einer solchen Welt leben?

Technischer Fortschritt bedeutet nicht, dass wir alles akzeptieren müssen, was technisch möglich ist. Nur weil wir eine Kamera in eine Brille bauen können, heißt das nicht, dass wir sie jedem Menschen ins Gesicht setzen sollten. Die entscheidende Frage ist, ob wir in einer Gesellschaft leben wollen, in der eine solche Technologie selbstverständlich wird. Eine freie Gesellschaft braucht technologische Innovation und sie braucht ebenso klare Grenzen. Sie braucht Datenschutz. Sie braucht Privatsphäre. Und vor allem braucht sie das Recht jedes Menschen, selbst darüber zu bestimmen, wann er gesehen, aufgenommen und analysiert wird. Denn eine Dystopie beginnt vielleicht nicht mit dem großen Überwachungsstaat. Vielleicht beginnt sie viel unspektakulärer: mit einer Brille.

Du willst mehr? Du bekommst mehr!

Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.