Meinung

„Second Screening“: Werden Filme und Serien dümmer?

Eine Frau hält ein Smartphone in den Händen. Im Hintergrund steht ein Fernseher.
Sich voll und ganz auf eine Serie zu konzentrieren, schafft heutzutage kaum noch jemand. Stattdessen kommt es zum „Second Screening“.
Jenna Wolfram, funky-Jugendreporterin

Im Januar tauschte sich der Netflix-Schauspieler und Drehbuchautor Matt Damon gemeinsam mit Co-Star Ben Affleck auf einer Pressetour über Veränderungen in der Film- und Serienproduktion der letzten Zeit aus. Thema war dabei auch, welchen Einfluss die ständige Handynutzung während des Streamings zu Hause auf das Drehbuch haben kann.

Vor kurzem wurde lang ersehnte fünfte Staffel der beliebten Netflix-Serie „Stranger Things“ veröffentlicht. Doch die Resonanz fiel gemischt aus. Unter Videoausschnitten der Staffel tauchten immer wieder Kommentare wie „Die Handlung ist großartig, aber der Dialog nervt“ auf. Die Kritik: Die gesamte Handlung wird zu oft in Gesprächen der Charaktere aufgegriffen und wiederholt, weshalb man kaum selbst ins Denken kommt.

Einzelne Seiten sprechen daher von einer „Unterforderung des Publikums“. Dies kann dazu führen, dass diese „leicht verdaulichen“ Inhalte zwar von einer größeren Masse verstanden und verfolgt werden, allerdings geht dabei etwas Entscheidendes verloren: Die Fähigkeit zur Reflexion und zum aktiven, logischen Denken. Handlungsstränge müssen kaum selbst verknüpft werden, essenzielle Details müssen sich nicht gemerkt werden. Gerade in einer Welt, in der künstliche Intelligenz uns mehr und mehr das Denken abnimmt, kann es sehr wichtig sein, auf kreative Art unser Denkvermögen zu unterstützen.

Doch warum wird den Zuschauerinnen und Zuschauer überhaupt ein solches Maß an Vergesslichkeit unterstellt, dass es alle drei Minuten ein kurzes Recap braucht? Grund dafür ist ein einfaches Phönomen: Während wir eine Serie oder einen Film schauen, ist es mittlerweile üblich, regelmäßig oder sogar die meiste Zeit über aufs Handy zu schauen, auch „Second Screening“ genannt. Die sinkende Aufmerksamkeitsspanne der heutigen Gesellschaft beeinflusst nun neben dem Schul- und Arbeitsleben auch unsere Freizeit  und die Art, wie wir Filme und Fernsehen konsumieren.

Durch das Second Screening gehen oft wichtige Handlungsaspekte verloren. Obwohl sich die Plattformen selbst noch nicht zu daraus folgenden Veränderungen ihrer Arbeit geäußert haben, greifen einzelne Stimmen der Filmindustrie ein wachsendes Problem auf: Wie Schauspieler Matt Damon in einem Podcast-Interview erwähnt, reagieren nun auch Streaming-Plattformen auf diese Entwicklung. Während zuvor auf eine steigende Handlung mit einem spannenden Ende abgezielt wurde, versucht man inzwischen, schon zu Beginn einen großen, aufmerksamkeitserregenden Part einzubauen und die Handlung regelmäßig in Dialogen zu wiederholen.

Kritiker sehen in diesem neuen Konzept eine zu starke Vereinfachung von Geschichten und Charakteren in der Filmindustrie, nur um möglichst viele Zuschauende zu erreichen. Vereinzelt wird sogar von einer „Verdummung“ der Filmindustrie gesprochen. Dabei ist das Schöne an Filmen doch gerade die Komplexität einer Handlung oder die Vielschichtigkeit eines Charakters. Um authentische, realistische Inhalte zu präsentieren, ist genau dies nötig, geht jedoch mit zunehmender Berücksichtigung der allgemein sinkenden Aufmerksamkeitsspanne verloren.

Allerdings darf nicht vergessen werden, dass es schon immer gesellschaftliche Veränderungen durch neue Technologien gab, die anfangs noch unbeliebt waren, später jedoch ganz alltäglich wurden. Beispielsweise wandelte sich irgendwann der Unterhaltungsschwerpunkt vom Theater zum Kino. Problematisch bei dem aktuellen Thema des Second-Screenings ist aber, dass wohl kaum ein Weg an diesen Veränderungen vorbeiführt. Es besteht etwa weiterhin die Möglichkeit, ein Theater zu besuchen, wenn allerdings nur noch neue Filme veröffentlicht werden, die auf kurze Aufmerksamkeitsspannen angepasst sind, haben diejenigen mit Interesse an komplexen Handlungen keine Alternative, außer alte Filme wiederholt anzuschauen.

Doch ob man hier grundsätzlich die Streaminganbieter und Filmproduzenten in die Verantwortung ziehen kann, ist fraglich. Vielmehr sollten wir darauf achten, vielleicht mal von uns aus das Handy bewusst beiseitezulegen. Wenn wir komplexe Filme wollen, müssen wir ihnen auch unsere volle Aufmerksamkeit schenken. Andernfalls passen sich die Handlungen nicht an unsere Ansprüche an, sondern an unsere Ablenkungen.

Du willst mehr? Du bekommst mehr!

Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.