Welche Therapieform passt zu mir?

Eine junge Frau sitzt in einem Therapieraum auf einem Sofa. Im Vordergrund sieht man die Therapeutin.
Im Dschungel der unterschiedlichen Therapieformen, ist es manchmal gar nicht so leicht den Überblick zu behalten.
Amelie Kubach, funky-Jugendreporterin

Dir geht es schon länger nicht gut und du möchtest eine Therapie machen, aber dann googelst du und verstehst nicht, was die unterschiedlichen Verfahren überhaupt bedeuten? Bei all den unterschiedlichen Ansätzen kann es schwierig sein, den Durchblick zu behaten und herauszufinden, an wen man sich wenden muss. Deswegen erklären wir im Folgenden die Richtlinienverfahren, die von der Krankenkasse bezahlt werden. 

Kognitive Verhaltenstherapie 

Die Verhaltenstherapie ist eine Form der Psychotherapie, die auf der Überzeugung basiert, dass problematische Verhaltens- und Denkmuster im Laufe des Lebens erlernt wurden und somit auch wieder verlernt oder durch gesündere Muster ersetzt werden können. 

Um die Arbeitsweise einer Therapieform zu verstehen, eignet sich ein Beispiel. Nehmen wir an, eine Person leidet in einer spezifischen Situation unter einer starken Angst, die mitunter sogar körperliche Beschwerden verursacht und die betroffene Person in ihrem Alltag einschränkt. Eine solche Angst wird als Phobie bezeichnet. In der Verhaltenstherapie geht es dann darum, die Angst schrittweise zu „entkräften“. Viele Therapeutinnen und Therapeuten arbeiten zu diesem Zweck mit der Expositionstherapie: Man stellt sich der Angst Stück für Stück, Stichwort Angsthierarchie. Hierbei ordnet man seine Ängste nach ihrer Stärke ein. Die schlimmste Vorstellung bezüglich der Angst steht oben in der Hierarchie. Hat man beispielsweise Angst vor Spinnen, könnte unten in der Angsthierarchie stehen: „In den Keller gehen, wo potenziell Spinnen sein könnten.“ Oben auf der Angsthierarchie könnte das Berühren einer Spinne stehen. In der Verhaltenstherapie arbeitet man sich in dieser Hierarchie von unten nach oben und konfrontiert sich mit entsprechenden Situationen. Jeder Schritt in der Exposition wird in der Therapie vorbereitet und besprochen. Es finden dann Expositionen mit und ohne Therapeutin beziehungsweise Therapeut statt.  

Ziel ist es, „kognitiv umzustrukturieren“, also eine Veränderung in der Gedankenwelt zu bewirken. Im Falle der Spinnenphobie möchte man erreichen, dass der Gedanke „Spinnen sind gefährlich“ durch gegenteilige Erfahrungen verändert wird.  

Die Expositionstherapie ist jedoch nur eine der vielen Techniken, die in der Verhaltenstherapie angewendet werden. Unter anderem zählen auch der Aufbau von positiven Aktivitäten, Rollenspiele und Modelllernen sowie Gedankenprotokolle zu beliebten Methoden. 

Neben Phobien hat sich die Verhaltenstherapie auch bei anderen psychischen Krankheiten wie Depressionen, Panikstörungen, Essstörungen, ADHS oder posttraumatischen Belastungsstörungen bewährt. 

  
Motto: Was kann ich heute anders machen, damit es mir morgen besser geht? 
Für wen? Macher:innen und Struktur-Fans. 

Psychoanalyse 

Die Psychoanalyse ist eine von Sigmund Freud um 1900 begründete psychotherapeutische Methode, die davon ausgeht, dass unser Erleben und Verhalten maßgeblich von unbewussten psychischen Prozessen und Kindheitserfahrungen gesteuert wird. 

Bleiben wir doch bei dem Beispiel der Angst und gehen davon aus, dass eine Person Schulangst hat. Eine psychoanalytische Therapeutin würde sich hier möglicherweise eher auf die Symbolik der Beschwerden konzentrieren: Wofür steht die Schule? Wozu ist die Angst gut oder wichtig? Könnte es einen tiefergehenden Sinn geben? Denn die Psychoanalyse geht davon aus, dass psychische oder auch körperliche Symptome – wie etwa Übelkeit morgens vor der Schule – auf einen tieferliegenden seelischen Konflikt hinweisen können. Die Schule könnte beispielsweise dafür stehen, zu lernen, sich zu entwickeln und schließlich den Weg für ein Studium oder eine Ausbildung zu ebnen. Mit anderen Worten: erwachsen werden und von zuhause ausziehen. Das kann mit vielen Ängsten verbunden sein. Wenn die Angst zu groß oder überwältigend ist, verdrängen viele Menschen sie oft ins Unbewusste. Doch die Psyche nutzt den Körper, um auf die Schieflage hinzuweisen.  

Um die zugrundeliegenden seelischen Konflikte hinter den Beschwerden zu erkennen, liegen Patientinnen und Patienten in der Psychoanalyse oft auf einer Couch. Die Idee dahinter: So kann man sich besser auf sich selbst konzentrieren, ohne sich von den Gesichtsausdrücken der Therapeutin oder des Therapeuten beeinflussen zu lassen. Hier zeigt sich der theoretische Hintergrund der Psychoanalyse, denn sie beruft sich vor allem die Rolle des Unbewussten in der Entstehung psychischer Störungen. Zudem ermöglicht die Neutralität der Therapeutin bzw. des Therapeuten es bei dieser Therapieform, dass sich (dysfunktionale) Beziehungsmuster in der therapeutischen Beziehung wiederholen. Der Psychoanalyse zufolge werden dysfunktionale Muster auf die Therapeutin oder den Therapeuten übertragen, was es ermöglicht, daran zu arbeiten. Die Psychoanalyse ist ein langwieriges Verfahren mit zwei bis drei Sitzungen in der Woche, ausgelegt auf einen Zeitraum von drei bis fünf Jahren.  

Motto: Wir graben alles aus, um die Basis neu zu ordnen. 
Für wen? Marathon-Läufer der Selbsterkenntnis. 

Tiefenpsychologisch fundierte Therapie 

Die tiefenpsychologisch fundierte Psychotherapie ist gewissermaßen die moderne, pragmatische kleine Schwester der klassischen Psychoanalyse. Sie ist in Deutschland das am häufigsten angewendete Verfahren. Wie bei der Psychoanalyse geht man davon aus, dass unbewusste Konflikte, meist aus der Kindheit oder früheren Beziehungen, hinter aktuellen Problemen stecken. Der Fokus liegt jedoch viel stärker auf dem Hier und Jetzt als in der Analyse. 

Beide Verfahren zählen zu den sogenannten psychodynamische Verfahren: Es geht um die Dynamik und die Beziehung zwischen Therapeutin oder Therapeut und Patientin beziehungsweise Patient. Die tiefenpsychologisch fundierte Therapie ist jedoch weniger zeitintensiv als die Analyse. Oftmals findet sie in einer wöchentlichen Sitzung über ein bis drei Jahre hinweg statt. Um zum Beispiel der Schulangst zurückzukehren: Hier würde die tiefenpsychologisch fundierte Therapie ähnlich verfahren wie die Analyse – jedoch findet diese Therapieform im Sitzen statt und fokussiert sich verstärkt auf die aktuelle Situation. 

Motto: Woher kommt das und welcher alte Konflikt steckt dahinter? 
Für wen? Reflektierfreund:innen und Ursachen-Forschende. 

Systemische Psychotherapie 

Die systemische Therapie, auch Familientherapie genannt, folgt dem Motto: Nicht der Einzelne ist krank, sondern das System. Sie sieht also den kranken Patienten oder die Patientin nur als Symptom eines dysfunktionalen Systems, meist der Familie, der Partnerschaft oder des Arbeitsumfelds. Psychische Symptome werden hier als Ausdruck von gestörten Beziehungen oder festgefahrenen Mustern innerhalb dieses Systems verstanden. 

Hierfür werden unter anderem Aufstellungsmethoden genutzt: Patientinnen und Patienten werden gebeten, Figuren, die für Familienmitglieder und auch sich selbst stehen, so auf einem Brett zu positionieren, dass es die Beziehung zueinander widerspiegelt. Wenn eine Patientin beispielsweise eine gute und enge Beziehung zur Mutter, aber eine schwierige und konfliktreiche Beziehung zum Vater hat, könnte sie die Figur der Mutter nah und die Figur des Vaters weiter weg von der eigenen Figur platzieren. Die Aufstellung kann dabei helfen, Dynamiken zu verbildlichen, die schwer in Worte zu fassen sind. In der Folge wird versucht, das gesamte „Familiensystem“ in die Behandlung einzubeziehen. Es kann auch sein, dass sich bestimmte Familienmitglieder weigern, an der Behandlung teilzunehmen. Das ist jedoch kein Ausschlusskriterium für eine systemische Psychotherapie.  

In der systemischen Therapie würde man also beispielsweise beleuchten, ob unser Beispiel der Schulangst von einem Familienmitglied verstärkt wird. Ob vielleicht die Mutter dem Kind das Gefühl vermittelt, gebraucht zu werden und nicht ohne es zurechtzukommen. Vielleicht wird das von Schulangst betroffene Kind vielleicht sogar – meist unbewusst –  belohnt, weil es so verantwortungsvoll ist und sich um die Mutter kümmert. Ein weiterer systemischer Ansatz wäre, zu untersuchen, ob die Angst durch ein Vorbild in der Familie erlernt ist, ein Kind also vielleicht immer wieder sieht, dass ein Elternteil eine starke Angstreaktion gegenüber einer Sache oder Situation zeigt und diese im Folgenden übernimmt.  

Oft reichen in dieser Therapieform schon wenige Sitzungen in größeren Abständen, um erste Veränderungen anzustoßen. 

Motto: Wenn ich mich bewege, bewegen sich die anderen mit. 
Für wen? Teamplayer. 

Grundlegende Einordnung 
Bei Unsicherheit ist es sinnvoll, ein Erstgespräch zu vereinbaren und sich bezüglich der Wahl des Therapieverfahrens beraten zu lassen. Allgemein lässt sich sagen, dass bei einem spezifischen Problem wie einer Phobie die kognitive Verhaltenstherapie sehr wirksam ist. Wer noch mehr „nachforschen“ und die eigene Problematik besser verstehen möchte, könnte sich in der psychodynamischen Therapie wohlfühlen. Insgesamt ist der Hauptwirkfaktor einer Psychotherapie allerdings die therapeutische Beziehung. Viele Therapeutinnen und Therapeuten wenden Interventionen aus verschiedenen Verfahren an. Am wichtigsten ist also, dass man sich jemanden sucht, bei dem man sich wohlfühlt.  

Du willst mehr? Du bekommst mehr!

Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.