Meinung

Die gespaltenen Staaten von Amerika: „Eddington“ Rezension

Eine Szene aus dem Film "Eddington": Joaquin Phoenix und Pedro Pascal stehen sich diskutierend gegenüber.
„1,5 Meter Abstand!“: Joaquin Phoenix (l.) und Pedro Pascal (r.) in „Eddington“.
Jan-Malte Wortmann, funky-Jugendreporter

Das ist er also, der erste „große“ Corona-Film. Dass der Beginn der Covid-Pandemie, der literally die gesamte Menschheit aus ihrem sicher geglaubten Alltag riss, mittlerweile mehr als fünf Jahre her ist, erscheint mitunter unglaublich. Interessanterweise scheint aber bisher niemand diese Zeit künstlerisch verarbeiten zu wollen, obwohl sie ja viele Möglichkeiten zur kritischen Auseinandersetzung bietet – und ihre gesellschaftlichen Auswirkungen noch heute zu spüren sind. Vermutlich wollen die meisten Menschen die ganze Schose schlicht ein für alle Mal in der Vergangenheit begraben. Regisseur Ari Aster allerdings, der vor allem für seine modernen Horror-Klassiker „Hereditary“ und „Midsommar“ bekannt ist, widmet sich in seinem neuen Film nun genau jenem wirren Jahr 2020.

„Eddington“ dreht sich im Kern um die Rivalität zweier Männer in der gleichnamigen, fiktiven Kleinstadt im US-Bundesstaat New Mexico: des von Joaquin Phoenix gespielten, freiheitsliebenden Sherriffs Joe Cross und des Technologie-begeisterten Bürgermeisters Ted Garcia, gespielt von Pedro Pascal. Ein solches Neo-Western-Setting mit einer Aufarbeitung der gesellschaftlichen Spaltung durch die Pandemie und die im selben Jahr aufflammenden „Black Lives Matter“-Proteste zu verbinden, erscheint reichlich ambitioniert. Andererseits ist dieses ur-amerikanische Genre womöglich besonders passend gewählt, um die Polarisierung der USA zu beleuchten. Und gelingt Ari Aster dieser Kniff? Nun, zumindest teilweise.

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Denn gerade zu Anfang transportiert „Eddington“ sehr effektiv so ein 2020-Gefühl, das irgendwo zwischen unangenehmer Erinnerung, Fassungslosigkeit und verhaltener Belustigung schwankt. Wenn Menschen panisch „HE’S COUGHING!“ schreien oder applaudieren, weil ein Kunde ohne Maske aus dem Supermarkt geworfen wird, ist das irgendwie ziemlich lustig – während man sich gleichzeitig peinlich berührt und ertappt fühlt. Solche Szenen inszenieren ziemlich akkurat die allgemeine Überforderung dieser Monate, den plötzlich allgegenwärtigen Streit um ethische Deutungshoheit und auch die Absurdität, die vielen solcher Situationen in der Retrospektive anhaftet.

Im weiteren Verlauf des Films wird Covid dann allerdings mehr und mehr zum Hintergrund: Es geht um Black Lives Matter und um White Privilege, um Verschwörungserzählungen wie Q-Anon und darum, wie der Kampf um Narrative Familien und Gesellschaften auseinanderreißen kann. Diese Melange wirkt ein wenig konstruiert und überfrachtet, spätestens wenn zusätzlich Themen wie die Selbstbestimmung von Native Americans oder der Ressourcenverbrauch von KI angeschnitten werden – andererseits ist die jüngere Vergangenheit, in der alles mit allem zusammenhängt, eben häufig genau so: unübersichtlich und überfordernd.

Dennoch tritt der Film in diesem Mittelteil, nach der wirklich gelungenen und bissigen Exposition, eine ganze Weile auf der Stelle. Im Grunde wartet man nur darauf, dass die Handlung endlich richtig eskaliert – es ist schließlich immer noch Ari Aster. Dass es dazu kommen muss, verrät schon der Trailer. Und so wird „Eddington“ im letzten Drittel zum Rachethriller, der Joaquin Phoenix immer weiter in eine Spirale der Gewalt zieht.

„Eddington“ befasst sich mit einer ganzen Reihe polarisierender Themen. (c) A24/Leonine Distribution

Tja, und dann trifft der Film schließlich eine politische Entscheidung, die an dieser Stelle nicht gespoilert werden soll (Stichwort Privatjet), die aber sicherlich vielen Menschen (inklusive mir selbst) sauer aufstoßen wird. Gut möglich, dass es sich um eine bewusste Provokation handelt oder dass sich Ari Aster besonders wertneutral, um nicht zu sagen indifferent positionieren wollte – frei nach Dostojewski: „Alle sind an allem Schuld.“ Es ließe sich aber auch argumentieren, dass er hiermit die in den vorangegangenen 90 Minuten formulierte Kritik, in der das gesamte politische Spektrum sein Fett wegbekam, unterminiert.

„Eddington“ hat sich eine ganze Menge vorgenommen, kann letztendlich aber nicht alles davon einlösen. Während der bitterböse Blick auf die Pandemie aus dem ersten Drittel ebenso unangenehm wie unterhaltsam ist, verrennt er sich anschließend in einer zu breit aufgestellten Erzählung über die polarisierte Gesellschaft, ohne in die angesprochenen Themen wirklich reinzugehen. Gleichzeitig versucht er beinahe krampfhaft, sich den Anstrich politischer „Neutralität“ zu geben – doch ein Film wie „Eddington“ kann nicht nicht politisch sein. Am besten funktioniert das Werk als Neuinterpretation eines klassischen Western, in dem sich breitkrempige Anti-Helden zuerst mit Desinformationen auf Social Media und schließlich mit der guten alten Schusswaffe gegeneinander zu behaupten versuchen. Doch irgendwie ist das auch reichlich zynisch.

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