Meinung

Das Cannes besser

Strahlende Gesichter beim Cannes Filmfestival.
Strahlende Gesichter beim Cannes Filmfestival.
Anton Hartmnann, funky-Jugendreporter

Das Filmfestival von Cannes, das in diesem Jahr vom 14. bis zum 25. Mai stattfand, begeistert jedes Jahr nicht nur Filmliebhaber, sondern lässt Interessierte weltweit auf die Südküste Frankreichs blicken. Sowohl politische Statements als auch experimentelle Filme bekamen ihre wohlverdiente Bühne. Obwohl für einen Film besonders viel applaudiert wurde, ging er in die Preisverleihung leider eher unter.

Cannes. Die schöne Stadt an der Côte d’Azur wurde in den zwölf Tagen nicht wegen der idyllischen Strände zum Magneten für Filmkritiker. Stattdessen verbrachten sie den ganzen Tag im Kino, und zwar im Palais du Festival. Im bezeichnenden Grand Théâtre Lumière wurde bei der Premiere von „The Seed of the Sacred Fig“ von Regisseur Mohammad Rasoulof während den gelungenen Szenen geklatscht und „Bravo!“ gerufen. Viel mehr noch: Nach der Filmvorführung gab selbst der skeptischste Filmkritiker Standing Ovations – rekordverdächtige zwölf Minuten lang. Dabei behandelt der Film ein sehr ernstes Thema. Es geht um eine Familie im Iran, die vor der Haustür die Demonstrationen für Frauenrechte erlebt, die als Folge des Todes der 22-jährigen Mahsa Amini im Jahr 2022 tausende Menschen zum Protest auf die Straßen bringt. Die Familie ist gespalten – die Jungen der Familie kritisieren das Staatsfernsehen und hinterfragen das System, stehen zu den Aktivistinnen. Der Vater hingegen arbeitet als Richter und wird von den Aktivistinnen bedroht.

Der Regisseur Mohammad Rasoulof, der kurz vor dem Festival für seinen Film im Iran zu Haft und Folter verurteilt wurde, hielt während der Filmfestspiele immer wieder die Bilder zweier Hauptdarsteller hoch, die im Iran unter ungewissen Umständen zurückbleiben mussten.

Viele Filmkritiker waren sich sicher, dass dieser Film die goldene Palme in der Kategorie „Bester Film“ gewinnen würde. Dabei wurde die Premiere von Sean Bakers „Anora“ maßlos unterschätzt. Die romantische Dramedy schafft es, die Unterschiede zwischen Gesellschaften aufzuzeigen und das urkomisch und mit viel Humor zu verpacken. Ein russischer Oligarchen-Sohn trifft im New Yorker Stripclub eine Sexarbeiterin, die er zum Missfallen der Eltern heiratet.

Auch wenn sich einige Besucher des Filmfestivals den Gewinn vermutlich für das politische Drama gewünscht hätten, hat letztendlich die witzige Komödie und nur teilweise gelungene Liebesromanze den Hauptpreis erhalten. Regisseur Sean Baker, der bereits mit „The Florida Project“ Erfolge feierte, bestätigte auf der Pressekonferenz, dass sich der Film als Forderung verstehe, Sexarbeit weltweit zu entkriminalisieren.

Die Jury, die unter anderem aus dem französischen Schauspieler Omar Sy („Ziemlich beste Freunde“) bestand, verlieh die Palme d‘Or „Anora“, der sozialrealistischen Version von „Pretty Woman“. „The Seed of the Sacred Fig“ wurde mit dem Spezialpreis gewürdigt und bekam damit weniger Aufmerksamkeit, also er verdient hat. „Anora“ soll noch dieses Jahr in die deutschen Kinos kommen.

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Wir haben genug davon, dass die Geschichten immer nur von den Alten erzählt werden. Deswegen haben wir den Stift selbst in die Hand genommen, sind durch die Lande gezogen, haben Geschichten und Menschen gesucht, gefunden und alles aufgeschrieben, was uns untergekommen ist. Wir haben unsere Smartphones und Kameras gezückt und Fotos und Videos gemacht. Auf funky zeigen wir euch die Ergebnisse unserer Recherchen.