Gewalt im Fußball – ein Verlust der sportlichen Leidenschaft?

Pyrotechnik im Fußballstadion.
Immer wieder kommt es zu Gewalt unter Fußballfans, aber auch gegen Schiedrichter oder Polizeibeamte.

Körperliche Auseinandersetzungen beim Fußball sind keine Seltenheit. Ein Erfahrungsbericht.

Anton Hartmann, funky-Jugendreporter

„Was hätte er denn besser machen sollen?“, ruft eine Frau cholerisch ein paar Reihen vor uns. Sie ist in einen Konflikt mit einem älteren Herren geraten, der sich schon seit der letzten Auswechslung des Hamburger Fußballvereins HSV lautstark über den Stürmer Öztunali aufregt. Sie schubst ihn, ihr Bier fällt ihr aus der Hand, ihre Begleitung verteilt einen Schlag, es wird über die Tribüne geschrien. Wenige Augenblicke später wird die Frau mitsamt ihrer Begleitung von den Sicherheitskräften dem Stadion verwiesen. Leon*, der in Wirklichkeit anders heißt, hat die Szene mitgefilmt. Er möchte sie später seinen Freunden zeigen, wozu auch ich zähle. Wir sind gemeinsam im Volksparkstadion, dem Herzen des Hamburger Sportvereins. Schon seit langer Zeit ist Leon Fan des Hamburger SV, kommt aber selbst aus einer Kleinstadt nördlich von Kiel.

Leons Fantreue für den Verein liegt in der Familie. Sein älterer Bruder ist Mitglied im sogenannten „Supporters Club“, der es einem ermöglicht, im Voraus Tickets für die Heim- und Auswärtsspiele zu kaufen. Regulär an Tickets zu kommen, grenzt bei vielen Spielen nämlich an den Bereich des Unmöglichen. Leon und sein Bruder kaufen sich auch Sticker und bekleben damit nicht nur ihre eigenen vier Wände, sondern auch öffentliche Orte. „Es ist ein bisschen wie ein Kampf zwischen den Vereinen. Wer meine Sticker überklebt, dessen Sticker überklebe ich auch. So läuft das.“ Dass dieser Sticker-Kampf streng genommen Sachbeschädigung ist, interessiert ihn nicht. Alle Fans würden es genauso machen, winkt er ab und neben einer kleinen Auseinandersetzung beim Sticker kleben sei er noch nie bestraft worden. Sticker zu kleben sei die einzige Form von unterschwelligem Konflikt im Zusammenhang mit dem HSV, den er selbst provoziert.

Dass Konflikte, die in Gewalt münden, im Fußball keine Seltenheit sind, wird deutlich, als uns nur wenige Tage nach dem Spiel die Meldung aus dem türkischen Profifußball erreicht, dass der Schiedsrichter Halil Umut Meler brutal angegriffen wurde. Die meisten Gewaltakte passieren jedoch nicht auf dem Platz. Einmal ist Leon von sogenannten Ultras beraubt worden. Er musste nicht nur seinen HSV-Schal hergeben, der seine Fanzugehörigkeit symbolisiert, sondern auch den Inhalt seines Portemonnaies. Die Ultras waren in der Überzahl und Leon mit ein paar Freunden auf dem Rückweg von einem Spiel und deutlich als HSV-Fans erkenntlich. Für ihn war dieser Vorfall Auslöser, sich ein Taschenmesser zuzulegen. „Die Situation hätte auch schlimmer enden können“, reflektiert er im Nachhinein. Mittlerweile hat er das Messer nicht mehr, er musste es bei einer Einlasskontrolle ins Stadion gezwungenermaßen entsorgen.

Anders als bei sogenannten Hooligans steht bei den Ultras eines jeden Fußballvereins der Sport selbst im Vordergrund. Dennoch gibt es Überschneidungen mit den gewaltbereiten Hooligans. Laut einer Studie des ifo Instituts aus dem Jahr 2022 kostet die Gewalt von Fußballfans in Deutschland 44 Millionen Euro jährlich. Dabei geht es um Angriffe unter den Fans, aber auch gegen Polizeibeamte. Gegnerische Fans und Polizeibeamte würden als bedrohliche Fremdgruppen wahrgenommen, gegen die der eigene Ruf aufrechterhalten werden müsse, stellt der Leiter des ifo-Zentrums für Arbeitsmarkt- und Bevölkerungsökonomik Helmut Rainer fest.

Auch wenn das Geld eigentlich knapp ist und Leon viel für Fanartikel ausgibt sowie die Mitgliedschaft im Supporters Club bezahlt, reist er zusätzlich so oft wie möglich quer durch Deutschland zu den Spielen seines Lieblingsvereins. Vor einigen Monaten geriet Leon auf dem Weg zum Stadion in eine Parade von Ultras. „Hätten die uns gefragt, für welchen Verein wir sind, hätten wir ihren genannt, sonst weiß ich nicht, was mit uns passiert wäre.“ Die gewaltbereiten Ultras und Hooligans kann Leon nicht verstehen: „Fußball sollte man sportlich nehmen, sonst geht die Leidenschaft verloren.“ Doch die Liebe zum Fußball wegen Gewalteskalationen aufzugeben, kommt für ihn nicht infrage. „Ich lasse mich nicht von Spinnern einschüchtern.“ Fußball sei mehr als Stadionschlägereien, Alkohol und illegale Pyrotechnik, betont Leon. Wenn er stillschweigend nicht mehr zu Spielen gehen würde, hätten die Klischees seiner Meinung nach gewonnen.

*Name von Redaktion geändert

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