Sexualisierte Gewalt – Wenn der Ex-Freund zum Täter wird

Sexualisierte Gewalt
Nicht selten kommt es vor, dass die Täter sexualisierter Gewalt aus dem Freundes- oder Bekanntenkreis stammen.

Triggerwarnung: In diesem Artikel geht es um sexualisierte Gewalt, Vergewaltigung und sexuelle Nötigung. Der Text enthält Beispiele für solche Gewalterfahrungen. Bei manchen Menschen können diese Themen negative Reaktionen auslösen. Bitte sei achtsam, wenn das bei dir der Fall ist.

Charlotte Keil, funky-Jugendreporterin

Es ist ein Thema, vor dem viele Menschen die Augen verschließen, gerade dann, wenn es in den eigenen Reihen passiert – sexuelle Nötigung, sexuelle Übergriffe und Vergewaltigung. So erging es auch Caro, die von ihrem Ex-Freund gegen ihren Willen zum Sex gezwungen wurde. In einem Gespräch erzählt sie ihre Geschichte.

Eine Reise wird zum Alptraum

Es war das perfekte Setting für einen Kurztrip nach Paris – die Stadt war noch in Weihnachtsstimmung, das neue Jahr stand bevor und die schöne große Wohnung, die den Eltern von Caros Ex-Freund gehörte, hatten die beiden ganz für sich. Zwischen den beiden herrschte ein ewiges On-Off und zum Zeitpunkt der Reise waren sie eigentlich schon lange getrennt, befanden sich aber wieder in einer Phase des Friedens. Die damalige Beziehung war sehr kräftezehrend und geprägt von Streit, emotionaler Abhängigkeit und einem starken Machtverhältnis seinerseits. Ohne das Label „Beziehung“ lief es viel besser und Caro fühlte sich gerade wieder so wohl mit ihm, dass sie ihm für den kurzen Urlaub zusagte.

Er schwärmte zuvor von all den schönen Dingen, die sie in Paris unternehmen könnten. Caro freute sich schon darauf, durch die Stadt zu schlendern, die Katakomben zu besichtigen und vom Eiffelturm auf die Stadt zu blicken. In der Wohnung angekommen war die Stimmung jedoch sehr ernüchternd: Statt die Stadt zu erkunden, wollte er direkt mit ihr schlafen. Ihr war allerdings überhaupt nicht danach, was bei ihm für Zorn und Gereiztheit bei ihm sorgte. Er redete kaum mit ihr ihr, fing laute Diskussionen über Kleinigkeiten an und alles, was er äußerte, hatte einen aggressiven Tonfall.

Ihre Vorschläge hinsichtlich Aktivitäten wie Sightseeing, Restaurant-Besuche oder einem Spaziergang an der Seine lehnte Caros Ex-Freund genervt ab. Ihr wurde langsam klar, dass seine Intention hinter der Reise eine andere war als ihre. „Er stellte sich einen Urlaub voller ungestörtem Sex in der Wohnung vor“, erzählt Caro. Durch seine schlechte Laune und die genervte Art war ihr erst recht nicht danach, ihm körperlich näher zu kommen.

Aus Angst und um zu vermeiden, dass er ihr weiter Druck machen würde, schlug sie vor, zusammen ein Bad zu nehmen. In der Badewanne holte sie ihm einen runter. „Ich dachte, so würde er vielleicht davon ablassen, mit mir schlafen zu wollen“, schildert sie. „Es klingt so dumm, aber ich wollte einfach nicht riskieren, dass er komplett ausrastet und eines dieser unfairen Gefechte anfängt, so wie früher“, erinnert sie sich. Sie fürchtete sich vor einer Eskalation – auch, weil sie während der Reise finanziell von ihm abhängig war. „Mein Handy war zu dem Zeitpunkt kaputt und funktionierte nur im W-LAN, ich hatte keine Kreditkarte und nicht viel Bargeld dabei. Wir hatten die Abmachung, dass er mir alles auslegt.“

Fuchs du hast die Gans gestohlen

Als sie zwei Tage später einen Film zusammen schauten, in dem ein Kinderlied gespielt wurde, merkte Caro an, wie sehr sie sich vor dieser Art Musik gruselt. Später am Abend, als die beiden zu Bett gingen, startete er wieder Versuche, sie zum Sex zu überreden. Etwas gereizt sagte sie, dass sie einfach keine Lust habe und er das akzeptieren müsse. Daraufhin verbannte er sie Wut entbrannt aus dem Schlafzimmer und forderte sie auf, die Nacht auf der Couch zu verbringen. „Ich war fast froh darüber, weil ich endlich meine Ruhe vor ihm hatte“, beschreibt Caro ihre Reaktion.

Sie schnappte sich ihre Decke und legte sich zum Schlafen auf’s Sofa. Fast eingeschlafen, dröhnte aus den in der ganzen Wohnung verteilten Musikboxen ein Kinderlied. Sie schreckte auf und schrie, er solle sofort die Musik ausmachen. Daraufhin spielte er ein weiteres Lied ab, „Fuchs du hast die Gans gestohlen“, und drehte die Lautstärke noch weiter auf. Es folgte eine WhatsApp-Nachricht, in der er ihr schrieb: „Letzte Chance!“. Weinend und voller Panik sah Caro nur noch eine Möglichkeit, um die Situation nicht weiter eskalieren zu lassen.

„In diesem Moment wusste ich, er würde keine Ruhe geben.“

Sie holte tief Luft, wischte sich die Tränen aus dem Gesicht und ging zurück ins Schlafzimmer. Dort angekommen, zog sie sich aus, setzte sich auf ihn und fing an. Weder küssten sie sich, noch tauschten sie irgendwelche Zärtlichkeiten aus. „Als er oben war, habe ich vor lauter Tränen und Schluchzen kaum Luft bekommen. Keine Ahnung, ob er das ignoriert oder wirklich nicht bemerkt hat. Er hat jedenfalls weiter gemacht, bis er gekommen ist“, erinnert sich die damals 22-Jährige.

Die letzten Tage in Paris kamen ihr vor wie eine Ewigkeit. Sie malte sich unzählige Szenarien aus, was passierte, würde sie sich an jemanden wenden. Durch ihre finanzielle Abhängigkeit und aus Angst, bei einer Anzeige von ihm als hysterische, verlassene Ex-Freundin dargestellt zu werden, entschied sie sich dafür, so zu tun als wäre das alles nicht passiert. „Ich funktionierte einfach nur noch, stimmte all seinen Vorschlägen zu, egal wie sehr sich mein Körper davor sträubte, und war devot“, beschreibt Caro ihre Resignation. „Ich ekelte mich vor ihm, jede kleinste Berührung fühlte sich an wie ein Stromschlag. Mein einziger Lichtblick war der Rückflug und die Aussicht darauf, ihn nie wieder sehen zu müssen.“

Der Weg der Heilung

Es dauerte lange, bis Caro sich eingestehen konnte, was ihr Ex-Freund ihr angetan hatte. Eine Zeit lang gab sie sich selbst die Schuld und schämte sich dafür, sich überhaupt in diese Abhängigkeit begeben zu haben. Zur Polizei zu gehen war für sie zu keinem Zeitpunkt eine Option. „Ihn anzuzeigen hätte mir den Schmerz, den das Ganze hinterlassen hat, nicht erspart“, sagt Caro. Sie befürchtete, dass die Beweislage zu gering für ein Urteil gewesen wäre.

Drei Jahre später stieß sie im Internet auf den Blog „Stories of her“, auf dem Opfer sexueller Übergriffe ihre Geschichten anonym teilen können. „Es war total erschreckend, wie vielen Frauen ähnliche Dinge wie mir passiert sind“, erzählt Caro. Auch sie hat über diesen Blog ihre Geschichte anonym veröffentlicht. „Zu wissen, mit meinen Gefühlen nicht allein zu sein, hat mir unglaublich geholfen“, sagt sie.

Eine direkte Konfrontation mit ihrem Ex-Freund hat nie stattgefunden. „Für mich war es ein wichtiger Schritt, ihm im Stillen zu verzeihen“, beschreibt Caro ihren Umgang mit der Situation. „Nur so konnte ich damit abschließen und heilen“, sagt sie.

Die Dunkelziffer bei sexualisierter Gewalt ist hoch

Caros Geschichte ist kein Einzelfall. Im Schnitt werden in Deutschland jährlich ca. 9.000 Fälle von sexueller Nötigung, sexuellem Übergriff und Vergewaltigung erfasst. Etwa jede fünfte Tat wird aufgeklärt. Nahezu jeder zweite Täter stammt aus dem persönlichen Umfeld. Die Dunkelziffer nicht angezeigter sexualisierter Gewalt ist nicht bekannt, wird jedoch als nicht unbedeutend hoch eingeschätzt.

Lucas Boock ist Referent bei N.I.N.A. e.V., eine Anlaufstelle zu sexualisierter Gewalt an Mädchen und Jungen, und erklärt, dass es für Betroffene nicht leicht sei, Täter*innen aus dem persönlichen Umfeld, aber auch generell anzuzeigen, weil es vielen schwerfiele, das Erlebte vor fremden Menschen, in diesem Fall Polizist*innen, zu verbalisieren. Die Hürde, vor Gericht seinem Täter gegenüberzustehen und auszusagen, sei für viele so groß, dass es selten überhaupt zu einer Anzeige käme. Lucas Boock rät Betroffenen in jedem Fall, sich Unterstützung bei spezialisierten Fachberatungsstellen zu holen. Diese helfen Betroffenen dabei, eine Anzeige oder den Prozess vor- und nachzubereiten und begleitet sie auch währenddessen.

Neben der Befürchtung, dass kein Urteil aufgrund von zu geringer Beweislage gefällt werden könne, hätten Betroffene auch manchmal Angst, mit einer Anzeige gegen Täter im Familien- oder Freundeskreis Beziehungen zu zerstören oder Angehörigen damit eine schwere Last aufzubürden, so der Referent.

„Ich erlebe es sehr häufig in der Beratung, dass sich Betroffene die Schuld daran geben, dass eine Situation passiert ist. Natürlich trifft sie überhaupt keine Schuld, die Schuld liegt immer bei der Person, die die Gewalt ausübt“, beschreibt Lucas Boock als ein typisches Gefühl der Betroffenen. Für viele diene diese Empfindungen als unterbewusste Strategie zur Entlastung, weil es die Situation und das damit einhergehende Gefühl der Ohnmacht kontrollierbarer und weniger passiv scheinen ließe. Die Täter-Opfer-Umkehr finde auch häufig in der Gesellschaft statt, was Betroffene einschüchtere und ihnen den Weg zur Polizei zusätzlich erschwere.

Wie auch Caro empfinden viele Betroffene häufig das Gefühl von Scham, weiß Lucas Boock. Selbsthilfegruppen, bei denen andere Betroffene ihre Erfahrungen teilen und von ähnlichen Gefühlen berichten, können Betroffene dabei unterstützen, sich mit ihrem Gefühl nicht allein zu fühlen. „Es ist ganz wichtig, sich Hilfe zu holen. Ein erster Schritt kann es sein, dass man besten Freund*innen davon erzählt. Erfahrungsgemäß kann es sehr hilfreich sein, sich professionell Hilfe zu suchen. Dort kann man gemeinsam überlegen, welche Unterstützung es gibt und für die betroffene Person hilfreich sein kann. Manche kommen natürlich auch ohne professionelle Hilfe aus. Wichtig ist aber, dass Betroffene wissen, dass sie das nicht allein durchstehen müssen.“

 „N.I.N.A. e. V. hat die fachliche Trägerschaft vom Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch und steht für „Nationale Infoline, Netzwerk und Anlaufstelle zu sexualisierter Gewalt an Mädchen und Jungen“.  Hier können alle, die etwas mit unserem Thema zu tun haben anrufen oder uns online schreiben, wie beispielsweise Betroffene von sexualisierter Gewalt in der Kindheit, Menschen, die einen Verdacht haben, oder Personen, die um Rat im Umgang mit eine*r*m Betroffene*n fragen“, schildert Boock. Des Weiteren empfiehlt er spezialisierte Fachberatungsstellen, bei denen Expert*innen aus der Psychologie, Pädagogik, Medizin oder auch Rechtswissenschaft Betroffene wie auch Angehörige beraten können, sie beispielsweise bei einem juristischen Prozess begleiten und ihnen einfach mit all ihren Mitteln zur Seite stehen und die entsprechende Hilfe anbieten.

Wenn du selbst von sexualisierter Gewalt  betroffen bist, kannst du dich beim Hilfetelefon vom Bundesamt für Familie und zivilgesellschaftliche Aufgaben unter der 116 016 melden. Bist du betroffen von sexualisierter Gewalt in der Kindheit oder Jugend, findest du telefonisch sowie online Hilfe bei N.I.N.A. e.V. unter der Nummer vom Hilfe-Telefon Sexueller Missbrauch 0800 22 55 530. Dort kannst du auch nach spezialisierten Fachberatungsstellen in deiner Nähe fragen.


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