Meinung

Zündstoff | Schadet uns TikTok mehr, als dass es uns inspiriert?

Handy mit TikTok App
Die App lockt mit einer nie endenden Fülle an neuen Videos.

In einem Punkt sind sich wohl alle einig: Es wird immer Menschen geben, mit denen man sich uneinig ist. In dieser Rubrik diskutieren junge Menschen über Themen, die für ordentlich Zündstoff sorgen. In unserem heutigen Beitrag stellen wir uns die Frage, ob die Videoplattform TikTok jungen Menschen wirklich mehr schadet, als dass sie inspiriert.

Es ist 1.30 Uhr nachts, du scrollst durch deine TikTok-App, die dir eine nicht enden wollende Auswahl an neuen Kurzvideos präsentiert. Puh, ich muss schlafen, denkst du dir, während du dir das zwanzigste Zehn-Sekunden-Video mit dem gleichen darübergelegten Lied anschaust. Gar nicht so einfach, da den Absprung zu schaffen.

Ob nun Tanzchallenges, lustige Parodien oder emotionale Erfahrungsberichte: TikTok ist die wohl meistgenutzte App bei jungen Menschen und auch die App, die am meisten Suchtpotenzial birgt. Aber TikTok hat doch sicherlich auch gute Seiten an sich – oder etwa nicht? Greta und Lena sind da geteilter Meinung.

Pro: TikTok als Inspirationsquelle

Meines Erachtens ist TikTok die genialste Videoplattform, die wir uns heutzutage im App Store herunterladen können. Es gibt nichts, was mich momentan mehr inspiriert, als mir Videos von Menschen anzuschauen, die ich eigentlich gar nicht kenne, die mir aber in 30 Sekunden ihre neuen Lieblingsoutfits präsentieren, mich mitnehmen, wie sie die Welt bereisen oder einfach davon erzählen, wie sie mit ihrer Winterdepression umgehen. Keine App schafft es besser, eine solche Nähe zu fremden Menschen aufzubauen.

Fangen wir aber zunächst einmal mit etwas ganz Offensichtlichem an: Durch TikTok kann plötzlich eine vollkommen neue, unbekannte Zielgruppe erreicht werden, die man im analogen Leben niemals erreichen würde. Besonders für Firmen, Marken oder Künstler:innen ist TikTok ein hilfreiches Tool, das es vorher so noch nicht gegeben hat.

Eine Sache, die ich ebenfalls sehr zu schätzen weiß, ist das täglich neue Eintauchen in Themenbereiche, von denen ich vorher keine Ahnung hatte. Mein Allgemeinwissen wird gefördert, ich tauche in andere Kulturen und Lebensrealitäten ein, was wiederum meine Empathie anregt.

Natürlich spielt das Thema Musik auf TikTok eine entscheidende Rolle, da so gut wie jedes Video mit einem „Sound“ hinterlegt ist. Als Musiker:in hast du so die Chance, deine eigenen Lieder zu promoten und den Leuten zu zeigen, was du so draufhast. Je individueller und experimenteller, desto besser.

Eigentlich habe ich mich selbst immer recht unsicher gefühlt, sei es auf der Straße, in neuen unbekannten Situationen oder im Ausleben meiner eigenen Kreativität. Was könnten andere Menschen von mir denken?, war immer der erste Satz, der mir in den Sinn kam, wenn ich mal etwas Neues ausprobieren wollte. Durch TikTok habe ich gelernt, dass jeder einzelne Mensch Macken hat, nicht perfekt ist und genau solche Unsicherheiten hat, wie ich sie habe. Plötzlich probieren ganz „normale“ Menschen ungewöhnliche, kreative und großartige Dinge aus, teilen diese auf TikTok und inspirieren mich dazu, mich ebenfalls auszuleben.

Und plötzlich ist es mir egal, was andere Menschen von mir denken. Plötzlich merke ich, dass wir doch alle gleich sind und dieselben Sorgen, Ängste und Träume haben. Mein Selbstbewusstsein wurde und wird durch TikTok gestärkt, was mir auch im Alltag sehr weiter hilft. Deshalb kann ich ganz klar sagen: TikTok inspiriert mich und schadet mir nicht.

Greta Papenbrook, funky-Jugendreporterin

Contra: Ungesundes Vergleichsdenken und Datenmissbrauch

Nicht umsonst steht TikTok immer wieder in der Kritik. Im vergangenen Jahr war es das Problem des Shadowbannings, dem Eingriff in das Recht der freien Meinungsäußerung und -bildung, und kürzlich erst haben Diskussionen um Verbote der Anwendung in US-Bundesstaaten und in Ländern wie Neuseeland und Großbritannien für Schlagzeilen gesorgt. Immer wieder geht es bei der App des chinesischen Konzerns Bytedance um kritische Themen wie Cybersicherheit und Datenschutz.

Wie bei den meisten großen sozialen Netzwerken wird der Datenschutz bei TikTok kritisiert. Für ein Benutzerkonto werden Telefonnummer, E-Mail-Adresse oder die Verknüpfung zu einem anderen bestehenden Account (zum Beispiel Facebook oder Instagram) benötigt. TikTok greift außerdem automatisch auf die Kontaktliste des eigenen Smartphones zu.

Hinzu kommt ein bedenkliches Verhältnis zum Jugendschutz. Erlaubt ist die App zwar mit Einverständnis der Eltern ab 13 Jahren, andernfalls liegt die Altersgrenze zur Nutzung bei 18 Jahren. Die Realität sieht jedoch anders aus: TikTok hat ganz offensichtlich eine jüngere Zielgruppe. Das wird auch dadurch deutlich, dass die Altersbeschränkung an keiner Stelle überprüft wird. Zudem wird beim Hochladen der Videos nicht gefiltert. Daher sind zum Beispiel auch Videos mit sexuellen Inhalten für Kinder zugänglich.

Gerade junge Menschen, die noch in der Entwicklung und Findungsphase sind, sind empfänglich und vulnerabel für Vorbilder und Maßstäbe, die im echten Leben jedoch kaum erreichbar sind. Nicht immer sind digital bearbeitete Bilder und Videos auf TikTok als solche zu erkennen. Verzerrte Schönheitsideale sorgen für ungesundes Vergleichsdenken und können ein sinkendes Selbstwertgefühl, Essstörungen oder Depressionen zur Folge haben.

Wer glaubt, Gruppenzwang und Drucksituationen würden nur in der realen Welt existieren, der täuscht sich. Selbst diese können sich in die TikTok-Welt verlagern. Bei sogenannten „Challenges“ wird man auf Tiktok nicht selten dazu aufgefordert, riskante Dinge zu tun und öffentlich zu zeigen. Ein Beispiel: In der „Kulikitaka-Challenge“ sollten Kühe erschreckt und deren Reaktionen in Videos festgehalten werden.

Zu guter Letzt ist das Urheberrecht nicht eindeutig geklärt. Die auf TikTok hochgeladenen Videos können mit einem Klick auf anderen sozialen Medien geteilt werden. Gerade das Posten von Clips mit urheberrechtlich geschützter Musik auf anderen Plattformen geschieht sehr zum Nachteil der Künstlerinnen und Künstler – und ist damit einmal mehr eine Grauzone, die zugunsten großer Konzerne und zum Nachteil einzelner Personen Profite schlägt.

Lena Enders, funky-Redakteurin

Unser Fazit

TikTok ist mittlerweile eine der meistgenutzten Videoplattformen weltweit und aus der Social-Media-Welt nicht mehr wegzudenken. Trotz des großen Inspirationspotenzials sollte nicht außer Acht gelassen werden, welche Tücken und Risiken solche Apps gerade für junge Menschen bereithalten können. Eine gute Medienkompetenz und ein reflektierter Umgang mit Videoinhalten sind das A und O bei der Nutzung solcher Plattformen.

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